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absurdes glück

die runde war klein und fein, wir hatten eine gute diskussion über frühe und späte texte des autors unseres interesses: Albert Camus. auf der heimfahrt via autobahn passierte es dann:

er:        ihr habt eben ganz schön intensiv miteinander debattiert.

ich:      wer spricht?

er:        wer wohl, ich, Albert!

ich:      waaas? monsieur Camus? wie um alles in der welt …

der blick nach hinten gelang nicht, weil mich schon seit tagen eine nackenstarre ärgerte. per rückspiegel war niemand auf der rückbank auszumachen. das radio war ausgeschaltet.

er:        ganz einfach, ich bin in deinem schädel, also keine aufregung und s’il vous plait, regardez le trafic! es ist doch bekannt, was mir damals passiert ist.

ich:      oh herr im hemde, bin ich jetzt psychomäßig gespalten?

er:        man kann sich aber auch für jede kleinigkeit in die hose machen. na­türlich sind wir alle gespalten im absurden. natürlich fragen wir uns immer wieder: ex oder hopsassa.

wahrscheinlich war ich nur überdreht. die diskussionsrunde hatte einen ja auch ganz schön gefordert. viele beiträge waren wie lose fäden zu einem gewebe zu verknüpfen.

ich:      diese vielen argumentationen aus allen möglichen perspektiven über deine texte kurbeln den denkapparat ganz schön an.

er: c’est ça, la vie. mit der runde glück gehabt.

ich:      was ist das eigentlich für ein zustand: glücklich sein, wie siehst du das - ich darf dich doch duzen, wo wir uns so intensiv mit dir be­schäftigen?

er: qui, einer hat mir einmal gesagt: du wirst nie glücklich sein können, wenn du weiterhin zu erfahren suchst, worin das glück besteht. und glücklich bin ich, weil ich nicht verstehe, das glück dadurch zu erreichen, dass ich nach seinen bestandteilen forsche.

ich:      so ähnlich hat das vor dir ein gewisser Goethe auch gemeint und dafür den ausdruck „anschauung“ geprägt.

er: dem bin ich hier schon begegnet, ziemlich von sich überzeugt, der mann. überall hat er um sich herum diese uralt-griechischen plasti­ken stehen. völlig aus der mode. aber was ich noch hinzufügen will, ist dies: glück und absurdität sind kinder ein und derselben erde. sie sind un­trennbar. ein irrtum wäre es, wollte man behaupten, dass das glück zwangsläu­fig der entdeckung des absurden entspringe. ebenso gut kommt es vor, dass das gefühl des absurden dem glück entspringt.

die plötzlich aufscheinenden, grell-roten bremslichter des vor mir fahrenden autos forderten jetzt meine ganze aufmerksamkeit. ich kapierte daher die letzten ausführungen von Albert nicht.

ich: wie meinst du das?

er: encore une foi : wir gewöhnen uns an das leben, ehe wir uns an das denken gewöhnen. wir haben so getan als glaubten wir, dem leben einen sinn abzu­sprechen führe notgedrungen zur erklärung, das leben sei es nicht wert, gelebt zu werden. in wahrheit gibt es zwischen diesen beiden urteilen keine zwanghafte verbindung. diese entzweiung zwischem dem menschen und seinem leben, zwischen dem handelnden und seinem rahmen, genau das ist das gefühl der absurdität.

ich:      und was bedeutet diese entfremdung, die ja auch schon Karl Marx vor dir ins rennen geworfen hatte, in letzter konsequenz?

er:        je connais monsieur Charly Marx, einen grausligen bart hat der. aber höre, das ist mir noch sehr wichtig: der absurde mensch sagt ja, und seine anstrengung hört nicht mehr auf. wenn es ein persönliches geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verachtenswert findet.

ich:      du meinst, der zwangsläufig in der absurdität lebende mensch ver­söhnt sich mit seiner situation und geht sie positiv an. das meinst du doch mit dem „ja“.

er:        qui, exactement. in mir selbst versöhne ich alles miteinander. ich bin der versöhner.

ich:      aha, du kannst dir alles zurechtbiegen?

er:        nicht alles. selbstverständlich kann ich keine äußeren widersprüche beseitigen. sie sind die essenz des lebens.

er wollte wohl noch weiter sprechen, jedoch trat unvermittelt eine redepause ein. in das summen meines autos, nach dem über­­hol­­­vorgang, hörte ich seine stimme wieder.

er:        tatsächlich, ich leide darunter, wie ich unter jedem widerspruch leide.

ich:      wer tut das nicht?

er:        d’accord, aber ich denke über diese widersprüche nach, ich denke über das leben nach, und ich verzweifle, denn über das leben nachdenken heißt, immer noch am leben sein.

ich:      gewiss, denken ist eine funktion des hirns als bestandteil eines lebenden körpers. wer denket, der lebt, wer lebt, der muss aber nicht denken, zumindest merken das andere nicht immer.

er:        ha! ich verrenne mich in dieser sackgasse und begegne dort anderen umherirren­den, die wie ich all jene beneiden, die nicht denken und sich dort in großen zügen an der sonne laben.

ich:      tja, lieber Albert, es gibt viel zu viele ohne verstand, die in der sonne lümmeln und sich laben.

er:        bien sure, ich meine dies: gegen den verstand kann man nichts machen, es ist unmög­lich, sich dagegen aufzulehnen.

ich:      du meinst die allgegenwärtige denkerei im hirne? das muss nicht un­bedingt von verstand zeugen, finde ich.

er:        peut-être, meinen verstand kann ich nur vergessen, wenn ich selbst bin. also warum analysieren, warum sich auflehnen?

ich:      eben.

er:        et maintenant: ob die erde sich um die sonne dreht oder die sonne um die erde – das ist zutiefst gleichgültig. um es genau zu sagen: es ist eine nichtige frage. hingegen sehe ich viele leute sterben, weil sei das leben nicht für lebenswert hal­ten. andere wieder lassen sich paradoxerweise für ideen und illusionen umbrin­gen, die ihnen einen grund zum leben bedeuten.

ich:      das finde ich absurd.

er:        mein absurdheitsbegriff ist weiter gefasst. aber darüber wollen wir jetzt nicht disputieren. je répète: also warum analysieren, warum sich auflehnen? ist leben nicht revolte genug?

ich:      leben wider das erkannte absurde des lebens, das scheint mir ein indivi­dueller widerstand voller courage zu sein. revolte als zivile courage, das hat was. am leben bleiben wollen, obwohl das alles sich ins nichts auf­lösen wird. eine frage der philosophie.

er:        exactement: sich entscheiden, ob das leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die grundfrage der philosophie antworten – mon cher ami.

beinahe hätte ich die abfahrt zu dem nest, in dem ich wohne, ver­passt. das hätte einen längeren umweg bedeutet. der leichte schreck hat Albert wohl irritiert und ihn gänzlich verstummen lassen. beim aus­steigen kam mir auf der rückbank ein kleiner zettel in den blick. ich betrat das haus, ging in mein arbeitszimmer, knipste das licht an, um den zettel lesen zu können. als ich ihn neugierig entfaltete, stand dort eine kleine notiz zu lesen:

so sehe ich in deiner bibliothek die bücher, die du besonders liebst: sie lehren dich, die bücher zu verachten. das ist unfassbar.

was sollte das denn? aber dann, allmählich, sah ich mich mit anderen augen um. alles, was dort stand, erschien mir nun wie eine gigantische denkonanie desjenigen teils der menschheit, der vorgibt denken zu wollen und zu können. ein um- und umwälzen dessen, was wir welt nennen, aber sie nicht ist.

das gefühl von glück kroch mir den nacken hoch. mit leichter hand strich ich mir die gesträubten haare glatt.

© 09.10.2016 brmu
zitate im schrägdruck wiedergegeben. sie entstammen einer arbeits­vorlage von Holger Vanicek für das treffen am 4.10.2016:

- Albert Camus, Zwischen Ja und Nein – Frühe Schriften, Gustav Kiepenheuer Verlag 1986, Intuitionen, I Delirien, seite 108 – 113;

- Albert Camus, Mythos von Sisyphos – Ein Versuch über das Absurde, rororo tb90, Rowohlt 1961, IV Der Mythos von Sisyphos, seite 98 – 101

die verwendeten zitate wurden A.C. in den mund gelegt, alles in ein und demselben kopf, der sich das ausge­dacht hat.

 

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Freitag, 28. April 2017

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