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Albert Camus Gesellschaft in Aachen

man glaubt es kaum: bislang hat es in Deutschland keine gesellschaft gegeben, die sich um das werk Albert Camus’ verdient gemacht hätte! diesem blamablen umstand wurde in Aachen im jahre 2014 ein ende bereitet: die Albert-Camus-Gesellschaft (ACG), gegründet von Sebastian Ybbs, Schriftsteller und Bildhauer, und anderen. zumindest das hat der 100. geburtstag Camus’ bewirkt, wenn schon deutsche verlage es nicht rafften, zu diesem anlass eine jubiläums-gesamtausgabe seines werkes auf den markt zu bringen.

wie rührig die ACG ist, konnte am 25. 10. 2014 miterlebt werden. unter dem motto: „Camus in der City“ wurden 28 lesungen an verschiedenen orten in Aachen angeboten, ein lauf durch die stationen wie gedanken in seinem werk. da die einzelnen lesungen an den stationen jeweils dreimal im laufe des abends angeboten wurden, konnte man die einzelnen themen nach belieben selber kombinieren und Aachen nach dem hype „Charlemagne“ erleben.

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© foto 25.10.2014 brmu, Günter Sydow liest im varieThé

auch kamen stimmen über AC zu worte. dies in dem einladenden, betörend duftenden tee-tempel „varieThé“ in Aachen, Hof 14-16, der betrieben wird von einem jungen paar, das sich dem erlesenen tee als lebenselexier voll und ganz verschrieben hat. tee meint eine art des denkens aus dem kern innerer ruhe, wie es Buddha so eindrücklich gelehrt hat. mit der freundlichen bereitstellung des anregenden verkaufsraumes für immerhin drei lesungen in vier stunden wollten sie ihren lieblingsautor AC würdigen.

dort also las Günter Sydow, passionierter Camus-rezipient, seines zeichens mitglied der ACG aus erster stunde und buchhändler im ruhestand. in drei eindrücklichen episoden aus dem großen brief von Abel Paul Pitous an seinen längst verstorbenen schulkameraden AC („Mon cher Albert“) brachte er uns Camus nahe.

besonders im gedächtnis wird mir die szene bleiben, die AC schon in jungen jahren als souveränen geist offenbart: in einem fußballspiel – AC war begeisterter fußball-sportler - hatte die mannschaft, in der AC zum torwart aufgestellt worden war, eine gravierende fehlentscheidung des schiedsrichters zu ertragen. alle spieler sabotierten darob den fortgang des spiels und sahen einem gegnerischen spieler untätig zu, wie der den ball richtung tor bugsierte. der torwart AC lud ihn, am elfmeterpunkt stehend, mit bühnenreifer geste ein, sich seines tores zu bedienen.

tosender applaus ob dieser geste zeigte das verstehen der menschen auf den zuschauerrängen. im varieThé (station F) im parcour der lesungen war der kerngedanke ACs ganz unprätentiös zum ausdruck gekommen: die revolte des einzelnen gegen die zumutungen des systems, welcher art auch immer, kann resonanz finden und offenlegen, was nicht sein sollte. das ist nicht nur literarisches getue oder schöngeistige verherrlichung.

im zivilen ungehorsam lebt der gedanke Camus’ weiter – und den haben wir heute mehr denn je nötig. die subtile vermassung des seit der aufklärung so schwer erkämpften status des selbstverantwortlichen individuums ist in vollem gange. big data lässt grüßen! wie eine monstranz des vernetzungszeitalters tragen die vom netz gefesselten in der öffentlichkeit ihre mulitfunktionsselbstüberwachungsapparate, schönfärberisch handy genannt, vor sich her. wahre autisten der selbstentmündigung im rausch des spiels mit überflüssigem.

möge die neue ACG erfolgreich sein und Albert Camus aus den bücherstuben wieder in die köpfe bringen. mon cher Albert, wir brauchen dich so sehr!

© 29.10.2014 brmu

 

Kommentare 1

Gäste - Günter am Mittwoch, 29. Oktober 2014 15:22

Vielen Dank, dubbel dubbel merci, für deine blog-unterstützung des jungen Vereins-Pflänzchens Albert Camus Gesellschaft, von dir gar nicht schlecht ACG gekürzelt. werde ich mal an meine Freunde weitergeben.
Günter

Vielen Dank, dubbel dubbel merci, für deine blog-unterstützung des jungen Vereins-Pflänzchens Albert Camus Gesellschaft, von dir gar nicht schlecht ACG gekürzelt. werde ich mal an meine Freunde weitergeben. Günter
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Mittwoch, 16. August 2017

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