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brief3 an Camus

lieber, verehrter, hochherziger Albert,

jetzt kann ich verstehen, wenn dich damals die
leute bewunderten wie einen säkularen heiligen
an der front jener beschissenen welt – sieh’ mir
bitte diesen rüden ausdruck nach, aber die welt
war krude im ton und maßlos im handeln. ich
kann dir verraten: es ist nicht besser geworden
mit ihr. das ist fürwahr ein faktum eo ipso.

ich habe mich nun gefragt, was also denn das
bewundernswerte an dir sei, was diesen glanz
der stillen verehrung ohne klimbim von
glocken und schellen und scheuernden füßen
auf stein und teppichen ausmacht, der dich
umgibt.

die quelle ist sicherlich das konvolut deiner
texte in bestem französisch, was ich immer
zu faul war richtig zu lernen. auch das mögest
du mir gütig verzeihen. ich greife ergo zu den
übertragungen deiner manuskripte, artikel und
aufzeichnungen aus anderer hand und dort
fallen mir deine antworten auf einen fragebogen
kurz vor deinem tode in den blick, gleichsam
wie dein geistiges oder spirituelles testament.

auf die zeitlich gezielten fragen gibst du in
grandioser gelassenheit zeitlose antwort, die
das herz erwärmt bei kühlem verstand. auf die
summierende frage, was man nun tun könne,
um diese welt freier zu machen, antwortest du,
1960, man könnte meinen, wie ein heiliger:

Geben, wenn man kann. Und nicht hassen,
wenn das möglich ist.
1

das ist dein letzter, gedruckter satz in dieser welt.
alle tiefschürfende philosophie schrumpft aus
jeglicher theorie in die tägliche praxis der menschen.
geben, wenn möglich, das ist ein praktikables gebot
ohne wenn und aber. und das mögliche liegt in
jedem menschen begründet gemäß seiner ethik und
der ethik seiner gemeinschaft oder gesellschaft. das
meint kein „du musst“ wie die götterbefehle alter
zeiten, auch das „du sollst“ wird ausgehebelt durch
„du kannst, wenn du kannst“. das geben aus inneren,
freien stücken und aus der momentanen möglichkeit.
und wenn kein geben erfolgen kann, dann lauert nicht
die verdammnis, sondern die nächste chance einer
erneuten gebemöglichkeit, ohne den servilen habitus
des wiedergutmachens, ohne schlechtes gewissen.
was für ein hohes gut deine antwort doch spiegelt:
der souveräne mensch gibt in abwägung all seiner
möglichkeiten. gier, interessen, raffsucht, taktik …
das gibt es, aber hat keinen einfluss, wenn man kann.

und was für eine hohe forderung, den diskurs über
die adäquate ethik und ihren daraus abgeleiteten
maximen immer wieder zu führen und umzusetzen.

was du, lieber Albert, zur materiellen ebene unseres
menschlichen zusammenlebens sagst, das wird von
dir auch für die gleich wichtige emotionale beziehung
empfohlen. auch hier formulierst du nach unseren
möglichkeiten als menschen, die du so gut kennst.
du sprichst nicht überhöht von liebe als einer utopie,
weil die in den sternen der religionen steht, sondern
vom alltäglichen hassen, weil das so irdisch ist und
du uns die abwesenheit von hass schon für eine
besserung durchgehen lässt.

beide empfehlungen – oder sind es nicht doch eher
forderungen im namen der humanität für das ziel einer
besseren welt? – von dir, verehrter Albert, können
immer und überall realisiert werden, in den zwiebel-
schichten der gesellschaften, in allen winkelstuben
der vernunft, auf allen wiesen der gefühle – es gibt
keine ausrede, wir sind alle, ohn' ansehn der person,
selbst verantwortlich für unser tun und lassen,
jetzt und immerdar.

© 11.03.2015 brmu
zitat 1: Lou Marin, Albert Camus – Libertäre Schriften (1948 – 1960), LAIKA 2013, seite 363-364

 

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