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brief1 an Camus

lieber Albert Camus,
verzeih’ bitte die dreistigkeit dieser familiären ansprache. wir kennen uns noch nicht und ein honoriges SIE stünde mir an. aber die distanz will ich ändern und dich kennen lernen. sei bitte nicht verschreckt. mit dem DU will ich dir meinen ehrlichen respekt erweisen und den wunsch um nähe. vielleicht wird auch sympathie daraus. das hängt davon ab, wie du mich deine schriften verstehen lässt. daher diese briefe.

schon der erste satz, den ich von dir las in einem buch, das sieben jahre vor deinem absurden tod erschien, damals war ich erst drei jahre alt und konnte noch nicht lesen, die entdeckung muss also später gewesen sein, in wahrheit gestern in einer aufregenden runde von interessanten menschen im LOGOI, die sich auch mit dir beschäftigen, schon dieser erste satz hat mich irritiert, denn er war gar keiner, es war deine rhetorische frage: Was ist ein Mensch in der Re­volte?1 man merkt, du stehst auf definitionen, denn die beugen missverständ­nissen vor. daher lieferst du auch gleich die antwort: Ein Mensch, der nein sagt.2

donnerwetter, bist du pädagoge? ich dachte von schulzeiten her, eher seiest du literat, auch philosoph, gar politiker. das nein-sagen von kindesbeinen an ist eine der wichtigsten lerner­folge in der humanen sozialisierung. ich erinnere mich an die anti-autoritäre erziehung aus dem letzten jahrhundert, die das begünstigen wollte, und an die so genannte 68ger-studenten­revolte. wer „nein“ sagen will, der muss früh damit anfangen! wer „nein“ sagen kann, der hat mut, denn er wird widerstand erfahren, verbal, handelnd, radikal, über seine abwehrkräfte gehend. das wird auch weh tun. wer „nein“ sagen kann, der ist also auch leidensfähig. meinst du das so? oder hebst du auf plumpes heldentum ab?

und noch eins: die heutigen neurobiologen sagen uns, dass unser hirn quasi eine suchtma­schine ist. uns steuert. es vermeidet das leiden, sprich, es will nicht auf entzug sein. es möchte das gegenteil, es möchte seine eigenen morphine, die endorphine, ausschütten, weil wir uns dann gut fühlen, positive rückkoppelung nennen die das, ganz gleich in welcher lage wir uns wirklich befinden. viele kennen das von der schule. als looser leidet man, als klassenclown nicht. so gesehen seien wir die besten selbstbetrüger in der ganzen evolution. das mit dem nein-sagen ist also nur für die harten, die die mechanismen kennen und sie überwinden kön­nen, oder? die sind aber sicher selten. das sagt uns die tägliche realität. sind deshalb die ganzen revolutionen zum angeblichen wohle der menschheit so jämmerlich in blut und tränen krepiert?

du erläuterst weiter und verwirrst mich nun: Aber wenn er ablehnt, verzichtet er doch nicht: es ist auch ein Mensch, der ja sagt, und zwar von seiner ersten Regung an.3 was denn nun, ja oder nein – ich mag diese wankelmütigkeit nicht. das kannst du aber doch gar nicht meinen. wenn ein mensch zu einer situation oder einem vorgang „nein“ sagt, dann sei er kein total-verweigerer, sondern er sagt nein vor dem hintergrund des von ihm be-ja-baren. und das spontan, aus einem ersten impuls heraus. das meinst du doch.

dazu haben die neurobiologen eine strittige debatte losgetreten und die philosophen aufge­mischt, denn sie meinen, dass es genau so in unserem hirn verlaufe: das gehirn entscheide millisekundenschnell, impulsartig, „in einer ersten Regung“, was zu tun oder zu lassen ist, bevor wir davon eine ahnung haben. erst später erfahren wir davon und rationalisieren es mit gründen. sie hätten dazu experimente gemacht, die das unzweideutig belegten. und auch zustände wie panik wären ein beweis dafür. das aber sei keine willensfreiheit mehr. wir seien erfüllungsgehilfen unserer eigenen gehirne. du kannst dir vorstellen, welcher aufruhr unter den philosophen und juristen herrscht.

bleiben wir bei dir. was ist, wenn das hirn beliebiger menschen dich gar nicht kennt, deine thesen nicht kennt oder auch sonst nicht widerstand leisten will, oder schlimmer noch, wegen organischer gründe, sprich defekten, gar nicht „nein“ sagen könnte? das wäre dann kein mensch in der revolte mehr. er könnte dir nicht folgen. aber leiden kann er dennoch. und was ist mit denen, die zwar „nein“ sagen könnten, aber nicht wollen, weil sie denkfaul, denk­schwach oder aus verdeckten interessen taktisch opportunistisch sind. stellst du die nicht-revoltierenden außerhalb der kategorie „mensch“? das mag ich mir nicht vorstellen, das wäre extrem blamabel und würde deinen ethischen anspruch killen. ich weiß hier nicht so richtig weiter.

sind revoltierende demnach eher eine elitäre gruppe „heiler und heilender“ menschen, die zum wohle anderer agieren. achtung, da lauert die nächste grube! dann, lieber Albert, bist du nahe an Jesus und seinen forderungen der radikalen nächstenliebe gegen bestehende, inhumane regeln. ich meine den echten Jesus, nicht den weichgequasselten der kirchen. der forderte auch, nein zu sagen zu den vorgefundenen zuständen des dir zufällig nächsten menschen. und er forderte, sie tätig zu kontern und zu helfen, sie also abzustellen. er hatte einen furor gegen geschäftemacherei und ausbeutung des guten glaubens. du bist doch nicht etwa verkappt religiös? du hattest doch durch deinen frühen tod gar keine zeit, im alter weich zu werden. das kann ich mir nicht vorstellen. dann hätte sich Sartre auch nicht mit dir gezankt, er hätte dich als hardliner einfach ignoriert.

cher Albert, du merkst schon, meine gedanken driften wie ein boot durch die offene weite der interpretationen deiner texte. schon bei diesen wenigen sätzen drohen die riffs der missver­ständnisse und fehldeutungen, wenn man ganz alleine über dich und deine werke brütet. da helfen die meinungen der anderen menschen, die sich für dich interessieren und gegen unsinn revoltieren. das ist gut so. ich hatte zum beispiel eine irrige vorstellung von dem begriff anarchie, die geklärt werden konnte. so einen club der lebendigen denker gibt es.

er hat sich deinen namen gegeben: Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen. wir wissen, das boot braucht menschen, die gegen die strömung re-voltie­ren (aufmucken, trotzen, sträuben, wehren) und das ruder federnd halten können. aber die richtung muss immer wieder neu konsensual ausgehandelt werden. ob einer oder viele, die riffs der überzeu­gungen, dogmen, theorien, weltanschauungen, religionen, kurz alle ismen, die das denken einschnüren, die sind die gefahr. wer das für absurd hält, der kann ja beliebig abspringen und weiter­schwimmen oder tauchen oder untergehen.

© 04.03.2015 brmu
zitate 1 - 3 aus: Albert Camus, Der Mensch in der Revolte – Essays, Rowohlt Verlag Hamburg, 1953, essay Der Mensch in der Revolte, seite 18

 

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