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brief4 an Camus

lieber Albert,
wir beide entstammen dem analogen zeitalter und schreiben uns also noch nach altväter sitte briefe, eine weise, die angesichts der digitalen infiltration zum aussterben verurteilt ist, obwohl wir keine reitenden boten mehr brauchen, wie sie weiland Goethe noch genutzt.

dass ich jetzt schon wieder metaphorisch zur feder greife, hat seinen grund: ich habe die halbe nacht nicht schlafen können – deinetwegen. bewahre, das ist kein vorwurf, nein, es ist nur ein hinweis: die lektüre deiner bücher wühlt mich auf und macht mich ratlos.

ein freund aus schülertagen, mit dem wir, es ist schon über eine generation her, schon damals über dich diskutiert haben, nächtelang hin und her schwankend zwischen Sartre und dir, tat einen griff in seine bibliothek und drückte mir den „Sisyphos“ in die hand. hier, lies mal, sagte er – und das tat ich. und nun kann ich nicht schlafen.

ich will dir gerne erklären, warum. du wählst den Sisyphos, den steinewälzer am hang, als metapher für deine botschaft des absurden und schreibst gegen ende: Darin besteht die ganze verschwiegene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. (100) das sehe ich anders! ich will dir meine sicht der dinge erklären und hoffe auf eine eingebung von dir.

Sisyphos ist nicht alleine in der absurden, von göttern entthronten welt. er arbeitet an einem ungesicherten hang am berge. er rollt als demo dieser seiner selbstfindung einen schweren felsbrocken den hang hinauf bis zu einem kipppunkt, an dem seine körperkräfte schwinden und der stein den hang wieder hinunter donnert. er arbeitet also in immer wiederkehrender art und weise an einer erfolglosen tat, während unten am fuß des berges die gaffer (was is’n da los?), die raffer (was kriegt der dafür?), die defätisten (hab’ ich doch gesagt, klappt nicht!), die schadenfrohen (das hat er davon.), die idioten (häh?), die besserwisser (der muss mit’n keil arbeiten.), die besorgten (wenn da man nix passiert.), kurz: die ganze menschheit in ihrer dümmlichkeit steht und auf eine sensation scharf ist, eine viertelstunde nur.

und was passiert: am kipppunkt donnert der felsbrocken zu tal, reißt weiteres gestein mit sich, wird zur wahnsinnig breiten hanglawine, unaufhaltsam bricht eine wand tödlicher materie­massen auf die menschen nieder. es muss so sein, das sagt die gesetzlichkeit der natur. das überleben nur wenige. dieses szenario, lieber Albert, verschweigst du. ist das die verschwiegenheit der freude des Sisyphos, seine rache? das macht mir schlaflose nächte. als auditor für arbeitssicherheit müsste man Sisyphos das handwerk legen, denn er handelt vorsätzlich in der ewigen wiederholung der gefährdung seiner mitmenschen – aus purem stolz der eigenen sache. unverantwortlich!

kannst du dir jetzt vorstellen, lieber Albert, nach dieser ausdeutung der von dir gebotenen metapher, dass ich dein buch nervös auf den nachttisch gelegt habe und des grübelns kein ende war. und wenn du jetzt meinst, du wolltest doch nur mahnen, nicht locker zu lassen und auch gegen widrigkeiten zu kämpfen, dann frage ich dich, warum denn dann so stur und ohne jeden lernansatz, ohne jede variation der handlung, ohne jede chance auf überzeugung. selbst wenn Sisyphos kein ziel hatte, in dem sinne, den felsbrocken auf die bergesspitze zu hieven, sondern sein ganzes trachten und tun auf das rollen gerichtet ist als fanal seiner eigenständigkeit im absurden, so entbehrt dies tun nicht der einfalt und muss darum verwundbar sein.

mir ist das prinzip bekannt, einen fehler dürfe man machen, aber denselben nicht wiederholen, das wäre ein zeichen von dummheit, weil nichts gelernt wurde. demnach ist Sisyphos ein ausbund an dummheit. und hier kippt die metapher in ihr gegenteil, oder nicht? die tumbe menge am fuße des berges lacht sich jeck, bis sie wieder von der lawine erschlagen wird. dann auf zur nächsten show. damit ist doch kein weiterkommen in der welt. so geht das doch jahr für jahr bis zum heutigen tag.

die natur als ganzes macht es dir anders vor, lieber Albert, sie lernt stetig, wir nennen das evolution, vom so genannten urknall an bis heute, in allen bereichen des seins. alles verändert sich, es gibt keinen ruhepunkt, keine wiederholungen desselben, nirgends und nie – bis auf Sisyphos!? und den nun soll ich mir als einen glücklichen Menschen vorstellen. (101) ich muss da etwas überlesen oder wahrscheinlich nicht verstanden haben. so einen groben webfehler in deiner textur hätte man dir nicht durchgelassen. ich bleib’ dran.

© 12.03.2015 brmu
zitat: Albert Camus, Der Mythos von Sisyphos – Ein Versuch über das Absurde, rororo90, 1961

 

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