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brief2 an Camus

l’art pour l’art! meinst du das, lieber Albert,
wenn du im jahr ’49 dich in einem prosastück namens „Dialog um des Dialogs willen“1 selbst befragst wie einer, der mit sich selbst schach spielt? ein schöner literarischer trick. du beteuerst ja auch: In jedem Falle spreche ich hier als Schriftsteller (84). also vom künstler des wortes eine lockere schreibübung?

aber Peter Sloterdijk, ein anderer literaturnaher philosoph oder philosophischer literat aus heutiger zeit, hat einmal über dich geschrieben, dass du es gewesen bist, der schon in den späten vierziger Jahren auf die richtigen Fragen die richtigen Antworten gegeben hatte. Er war es, der nach den Gewaltexzessen der ersten Jahrhunderthälfte unkorrumpierbar an das irdische Maß erinnerte und die unverwan­del­bare Verbindlichkeit zivilisierender Besinnung hochhielt.2 das ist eine hohe meinung, die bloße wörterspielerei verneint.

welches aber sind die richtigen fragen, die du stellst? du startest mit der schwierigsten frage: warum. sie hat die philosophen schon immer an den rand des denkbaren getrieben. warum ist etwas und nicht nichts? ich verstehe dich so, dass du darauf die meinung hast, dass es absurd sei, so zu fragen, denn die endgültigen antworten dazu werden immer ausbleiben.

mir scheint, viel wichtiger sind dir fragen des guten zusammenlebens der menschen. du deu­test zwei an. (a): wie kann ein Kodex aussehen, der die Eingrenzung der Gewalt präzisiert? (83) wie gewalt aus konflikten zwischen menschen, gruppen, völkern entsteht und welchen weg sie über die neun stufen der konfliktes­kalation nimmt, darüber hat Friedrich Glasl nach dir dicke bücher3 geschrieben. die mechanismen sind bekannt. und eine erkenntnis dabei ist unschlagbar: wehret den anfängen! respekt ist die startbasis und vertrauen das bindemittel zwischen den plastersteinen auf dem weg zu friedlichem zusammenleben mit dem ziel, nicht vom wege abzukommen. die pflastersteine aber sind die werte. es kommt auf jene an, die alle auf dem weg teilen wollen. das ist eine never ending story der ethiker aller zeiten. oft mischen sich aber religionen ein und auch die politik, aber interessen verfälschen.

(b): wie kann so ein kodex in einem neuen Sozialvertrag (84) integriert sein? sicherlich beziehst du dich auf die ein jahr vor deinem selbstinterview verabschiedete „Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen“, die „Erklärung der Menschenrechte4 vom 10.12.1948. das ist ein ehernes dokument des guten willens, gegen dessen verletzung man revoltieren sollte. aber du bist ja realist, lieber Albert. nicht ohne grund sagst du: Die Zukunft sieht düster aus ... denn wir haben das Allerschlimmste kennengelernt. (81) alle wissen nun, wozu die spezies homo sapiens ohne sapientia fähig ist.

die wurzel allen übels machst du in menschen aus, die fanatisch sich zu hundert Prozent mit ihrer Ideologie identifizieren und letzte Ziele verfolgen (84), also ohne wenn und aber einer utopie hörig sind wie vasallen einem despoten. Ich glaube, dass dieser Typus Mensch dem heutigen Zustand der Welt eher schadet als nützt. (84) wie wahr du schreibst vor dem hinter­grund deiner unsäglichen zeit und wie völlig zeitlos dieser satz im buche steht. der zustand der welt ist immer noch ein desolater, denn die dogmatiker, eiferer, fanatiker, fundamentalisten, ideologen sind nicht ausgestorben, sie mehren sich wie die karnickel. die diagnose der menschheit ist niederschmetternd: krank bis auf die knochen.

wie nun sich präparieren gegen diese absurde lebenssituation? lieber Albert, du hast ein herz für den menschen und das unterscheidet dich wohltuend von deinem grämlichen konkurrenten Sartre. du glaubst, dass es einen anderen Typus Mensch braucht, der darauf achtet, eine gewisse Leichtigkeit zu wahren, eine Lebensweise, die Möglichkeit des Glücks, der Liebe, der Ausgeglichenheit …(84). die menschen sollen sich nicht unterkriegen lassen. sie sollen, wenn sie schon im absurden leben, immer wieder revoltieren, wenn der kodex gegen gewalt oder der sozialvertrag der gemeinschaften verletzt werden, sie sollen sich aber nicht verkrampfen. das führt nämlich zu dem typus mensch mit betonkopf, der durch jede mauer will und dabei alles einreißt.

nein, Albert, ich glaube, du bist beseelt von dem zentralen, humanen wert des zusammen­lebens: der liebe. und du meinst nicht eros, philia oder agape. du meinst, um es mit den worten von Anne-Kathrin Reif zu sagen, die Liebe, welche um die Unmöglichkeit von Dauer und absoluter Einheit weiß, und die gleichwohl nach jedem schmerzhaften Rückfall in die Getrenntheit ohne Bitterkeit und ohne Reue den Stein immer wieder aufnimmt, um ihn abermals auf den Gipfel zu wälzen.5 sie hält die balance im auf und ab und hin und her zwischen­menschlicher beziehungen. sie nur hilft zu leben und leben zu lassen.

du erinnerst dich, das war auch die meinung des revoltierers aus Nazaret. da kannst du mal sehen, wie subtil dieser mann die denke aller wohlwollenden menschen beeinflusst hat, trotz der kirchen­krusten um ihn herum. da nützt es auch nichts, dass du wiederholst: Ich denke nicht, dass man zu einem Schlag die linke Backe hinhalten muss. (83) das ist leider eine miss­verständliche bemerkung von dir, vielleicht deiner zeit geschuldet. aus der lebenser­fahrung (konfliktforschung) weiß man, dass die „linke backe hinhalten“ nicht selbstmörderisches verhalten, sondern befriedende maßnahmen meint und nicht das eskalierende motto alter prägung: auge um auge, zahn um zahn, hand um hand, kopf um kopf. und selbst das war ja schon eine mäßigung gegenüber dem noch älteren prinzip der ausufernden blutrache.

lieber Albert, dein früher tod hat es dir nicht vergönnt, uns deine gedanken über die liebe differenziert zu entfalten. andeutungen und widersprüchlichkeiten in deinen tagebüchern sind auf uns gekommen. das ist aber kein drama, denn etwas muss uns nachgeborenen noch bleiben: über dieses phänomen menschlichen seins nachzudenken, solange die menschheit existiert. vielleicht kommen wir in vollendung deines werkes darauf, dass das von dir diagnostizierte absurde nur mit richtiger liebe zum menschen (sozialvertrag) ausgehalten werden kann und das die notwendige revolte wider den hass nur mit dieser liebe gemäßigt (kodex) werden kann. die richtige liebe ist eine ständig anzustrebende.

© 09.03.2015 brmu
zitat 1: Lou Marin, Albert Camus – Libertäre Schriften (1948-1960), LAIKA 2013, s. 81 ff.
zitat 2: Peter Sloterdijk, Theorie der Nachkriegszeiten, SV 2008, s. 46/47
zitat 3: Friedrich Glasl, Konfliktmanagement, Haupt 20048, s. 233 ff.
zitat 4: http://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf
zitat 5: Willi Jung (Hg.), Albert Camus oder der glückliche Sisyphos, V&R unipress 2013, s. 138

 

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