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brief5 an Camus

jetzt hat es mich erwischt, lieber Albert,

das ist zwar albern, aber die ganze grübelei hat ein hexenschuss unterbrochen, knall auf fall. das rackern eines stubenhockers im garten vor der türe war zuviel auf einmal. dabei wollte ich nur gegen das chaos der sich verschlingenden äste und eufeulianen ankämpfen, quasi ein garten-sisyphos. und du wirst es mir glauben, ich bin sogar mit den dummen schmerzen zufrieden, du würdest wohl glücklich sagen, weil der garten nach all den jahren wildwuchs nun endlich wieder so ist, wie ich ihn mir immer vorstelle.

als ich da so untätig im stufenbette lag, des hexenschusses wegen, die beine hoch und ein heizkissen unter dem hintern, da ging das mit dem simmelieren wieder los und ich habe im kopf all das gesammelt, was mir absurd erscheint. das will ich dir nicht verschweigen und schreibe dir nun dies:

das nichts. die astrophysiker beobachten mit viel aufwand, dass sich das universum ausdehnt. nun kann unser hirn sofort die gedanken rückwärts richten und fragen, was ist, wenn ich die entwicklungslinien zurückverfolge. und siehe: sie kommen an einen punkt, den sie urknall nennen. der punkt also der seinswerdung unserer realität. und nun kann man, ohne physik studiert zu haben, einfach wieder fragen, was war vorher? die antwort ist: nichts. das ist ganz unbefriedigend! denn wie soll aus dem nichts, das leer ist und sich keiner kategorie der beschreibung öffnet, irgendetwas werden, schon gar ein unknall? das ist absurde zauberei.

die kondensation. im anfang war nur ungeheuer heiße energie, die sich abkühlt, ergo kondensiert, zu licht wird und zu plasma, letztlich zu atomen und molekülen. aber warum kühlte der blitz ab? etwa weil nach überschreitung der schwelle aus dem nichts keine weitere energie zugeführt wird? diese energie könnte ja nur aus dem nichts stammen, wie der blitz selber. dann aber wäre das nichts nicht nichts. ist das nicht absurd zu denken?

die organisation. aus heißer energie wird also kalte materie, dem prinzip der entropie folgend, die sich um und um wandelt: kreislauf der winde, kreislauf des wassers, kreislauf der gesteine und dabei kräfte entwickelt, die sich wechselseitig nach den inhärenten prinzipien auswirken. woher aber kommen die prinzipien, nach denen sich die materie, im besonderen die verschiedenen materialien, richten? nur weil ein paar elektronen auf schalen kreisen, die gar keine sind? war das im blitz des urknalls angelegt? Goethe wollte immer wissen, was die welt im innersten zusammenhält. völlig falsch! sie zerfällt unaufhaltsam. das ist doch absurd, oder?

das leben. dann aber kommt ein punkt wider die entropie, an dem auf einmal bestimmte atome zu molekülen zusammentreten, diese zu bestimmten aggregaten und zu organisierten clustern, sprich: eine schleimige schicht über allem. plötzlich ist leben im spiel, das sich aus den eigenschaften der einzelnen elemente, aus denen es zusammengesetzt ist, nicht ableiten oder vorhersagen lässt. diesen zauber nennt man emergenz und man staunt über so viel entgegen gesetzte absurdität.

die seele. lebewesen bestehen aus einem dauerhaften oder wandelbaren korpus, der alle zum leben notwendigen zellen, gewebe, organe in der geeigneten weise zusammenhält, damit es sich in seiner umwelt behaupten kann. je höher ein lebewesen entwickelt ist, umso komplexer ist seine organisation. ab einer nicht vorhersehbaren stufe emergiert das konglomerat der zellen, gewebe und organe zu einem körper, dessen funktionsprinzip ich in toto als seele bezeichne. die seele ist also das übergeordnete prinzip seiner teile. es ist absurd, dass eigenschaften aus etwas enstehen, die nicht aus den einzelteilen ableitbar sind.

das bewusstsein. das leben selber entfaltet sich mittels lebewesen gänzlich unterschiedlicher art und weise, also nach belieben und den zwängen der äußeren realität. es folgt dabei dem prinzip der variation und tradition: was funktioniert hat, wird beibehalten, was nicht klappt, gestrichen. das geht immer noch so, wobei der mensch als primat wohl am differenziertesten erscheint, weil seine gehirnarchitektur wuchert und ganz plötzlich bewusstsein als neues prinzip in der realität auftaucht. das ist absurd, eine nicht dingliche zauberei.

die komplexität. nach dieser zündung im kopf gab es kein halten mehr: der mensch denkt und lenkt. er erdenkt sich aus der realität die seinen welten, viele, und handelt für diese, und sei es gegen andere menschen nach unkalkulierbarem, dreifachen prinzip: bei gefahr wird (a) gekämpft, (b) geflüchtet, (c) geduckt. aus diesem einfachen mechanismus ist unser komplexes hier und jetzt gebaut. komplexität als ein merkmal der grundsätzlich nicht planbaren zukunft. das ist eine verblüffende zauberei: gewissheit nur im augenblick, wie absurd.

der geist. das hört sich jetzt so anthropomorph an, weil wir menschen es so denken (müssen), aber da ist kein telelogisches ziel, schon gar nicht die krönung der schöpfung im spiel. es ist allerdings ein spiel der möglichkeiten. woher kommt diese spielerei? war das nichts doch nicht leer, sondern voller potenzialität und über den blitz kam etwas in unsere realität? damit wir menschen nicht wirre handeln, emergiert im gehirn eine gesamtschau des erlebten, erinnerten und geplanten: die komplexe tätigkeit des hirns, das denken, gebiert den geist, der uns mit beobachtungen, erkenntnissen, mustern, hypothesen, theorien versorgt. alles ein kunstprodukt der denkmachine, die nur einen teil der realität registriert, ergo: mit mängeln behaftet. aber der geist ist alles, was wir haben, um in der realität nicht irre zu werden. wieder eine zauberei der absurden sorte und ich staune immer noch.

nun, lieber Albert, habe ich dich strapaziert und dir meine wilden gedanken zugemutet. aber ich weiß, dass du ein denker warst und dich auch unfertiges angeregt hätte. mir war nur so danach, das absurde, von dem du sprichst, in meinen grübeleien zu verorten. und ich bin deiner meinung, man kann ein gutes leben leben, auch angesichts dieser absurden, uns um­geben­den realität, wenn man sich bewusst für das leben entschieden hat. ich denke mir mal, die seele ent­scheidet, der geist rationalisiert und wirkt auf die seele erziehend, wenn er denn werthaltige maßstäbe für ein gutes leben hat. die suchen wir stets aufs neue.

© 14.03.2015 brmu

 

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