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brief6 an Camus

lieber Albert, ich fasse es nicht! es ist mir unbegreiflich! da geht die Lit.Cologne, dieses literaturevent der extraklasse von autor/inn/en-eitelkeiten und autor/inn/en-lesungen zu ende - sogar im Kölner Dom! - und ich schnalle nicht, dass du dort zu ohren kommst, vielmehr aus deinem werk vorgelesen wird. erst die verspätete lektüre des Kölner Stadt-Anzeigers1 vom gestrigen tage hat mir die augen geöffnet, aber da war es schon längst zu spät. ich bin beschämt.

ich weiß, ich hätte hingehen müssen. aber es ist nicht so einfach, sich aus dem schreibsessel in der provinz zu erheben, mit der kruden bahn in diese krude Stadt Köln zu fahren und dann noch im kalten dom zu hocken. wahrlich, das ist wenig attraktiv. aber der auszug aus deinem buch „Der erste Mensch“2 hätte mich hochkatapultiert, hätte ich es gewusst.

so lese ich nun die zusammen gestoppelte passage, wie Jacques den Munoz verkloppt, weil er ihn angeblich beleidigt hatte. er soll ihn „liebling“ in der klasse gerufen haben, heute würde man wohl „streber“ oder „arschkriecher“ rufen. du hast die szene ausführlich geschildert (seiten 171-175). leider steht in der zeitung nur ein arg komprimierter text, der nicht einmal die auslassungen, wie es journalisten gebührt, markiert. das ist bedauerlich, weil die sensibilität, mit der du die ungewöhnliche erkenntnis des Jacques am ende der schlägerei aufbaust, dadurch gemindert wird.

sie hätten dann auch einfach nur ein zitat schreiben können: „Und so begriff er, daß der Krieg nicht gut ist, da einen Menschen zu besiegen ebenso bitter ist, wie von ihm besiegt zu werden.“ oder noch eingedampfter als aphorismus: siege gegen menschen sind bitter.

das ist aber wohl für einen halbwüchsigen schon eine verdammt reife erkenntnis philosophischer qualität. da, lieber Albert, glaube ich, dass du deine lebenserfahrung hast nachträglich einfließen lassen, quasi auktorial. denn diese erkenntnis kommt nur über den verstand, on the long run sozusagen. zunächst ist ein sieg – wie im sport auf der ganzen welt gelehrt – eine süße sache. sie erhöht das ego auf dem siegerpodest. außerdem gibt’s nach all den adrenalin produzierenden aktivitäten, sei es in der schlägerei oder im sport, im hirn einen kick. das fühlt sich toll an und belohnt uns mit guter laune und einem breiten lachen.

und dann kommst du und versaust uns dieses siegergefühl mit einem schweren wort: krieg! wieso ist immer alles gleich krieg? die beiden haben sich doch nur gekloppt, kräfte gemessen, claims abgesteckt. das ist reines revierverhalten. wer eins auf die nase bekommt, der hat sich zurück zu ziehen und gut is’ – oder?

aber du denkst ja weiter und bist deswegen ein guter schriftsteller, der am leser rüttelt. was ist, wenn der sieg den verlierer so verwundet hat, sein inneres, das ego oder ich oder selbst (wer die wahl hat, hat die qual), oft als gesichtsverlust bezeichnet, was ist, wenn der verlierer auf heimtückische rache schwört. dann haben wir die blutrache als krieg, sieg wird verlust wird sieg wird tod und verderben. man muss nur die perspektive höher hängen, dann erkennt man schnell die absurdität eines sieges.

aber wir leben ja in der froschperspektive und finden siege als teil von konkurrenz klasse. wir konkurrieren hin und her und überall. dabei könnte uns die natur lehren, dass kooperation, sieglosigkeit, viel harmonischer und nachhaltiger zu gemeinsamen lösungen führt. man muss nur über die eigene nasenlänge hinaus denken. kooperation aber erfordert vertrauensvolle kommunikation. die beiden hätten ja auch das verhalten von Monsieur Bernard, dem lehrer, zum gegenstand des nachdenkens machen können und mit ihm darüber sprechen, dass eine derartige bevorzung eines schülers in der klasse völlig unprofessionell und schädlich für das lernklima ist. aber das erfordert denkressourcen, geduld, zuversicht – draufhauen geht schneller und klärt gleich.

diese kleine passage in deinen erinnerungen ist programmatisch für deine humanität und den daraus erwachsenen pazifismus als ethische grundhaltung, der gar nicht einmal nur politisch gesehen werden muss, sondern ich verstehe dich so, dass du generell das zusammenleben der menschen meinst, egal mit wem, wo, wie und wann. Albert, ich gebe zu, ich hielt bislang dein buch „Der erste Mensch“ für eine art erinnerungsbuch oder biografie und habe es erst einmal weggestellt. nun bin ich verblüfft, wie sehr ich daneben liege. pardon, lieber Albert, ich werde mich bessern.

© 24.03.2015 brmu
Quellen: 1 Martin Oehlen, Licht und Gold, Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger vom 23.3.2015;
2 Albert Camus, Der erste Mensch, rororo500, Sonderauflage 1998

 

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