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Caligula, das ekelpaket

sehr geehrter herr Camus,

in unserem letzten diskussionskreis, indem Klaus Blode uns das theaterstück "Caligula" in der nach dir benannten Albert Camus Gesellschaft in Aachen nahe brachte, habe ich dort mit unguten gefühlen gesessen. immer wieder fragte ich mich, wie man als autor so einen abschaum zu papier bringen könne!?

gut, du hast ende der dreißiger jahre des letzten jahrhunderts sicherlich einen anderen menschenverächter übelster sorte namens Hitler heran nahen sehen. vielleicht hat dich das zu diesen kruden zeilen in dem theaterstück „Caligula“ animiert. vielleicht musstest du so, quasi therapeutisch, dich an geist und seele reinigen, in dem du aus der römischen vergessenheit eine patologische figur herauf  beschworen hast. vielleicht wolltest du vor augen führen, wohin es führt, wenn die absurdität des sinnfreien lebens nicht auf dem boden von konsensualen werten erfahren wird. mann, noch während ich das schreibe, würgt es mich. verstehst du jetzt meine förmliche anrede? ich bin distanziert.

dieser Caligula war also ein römischer kaiser oder besser gesagt ein potentat ohne jegliche humanität im geist, ein wahnsinniger, der sich dank seiner ihm attributierten macht austoben wollte und konnte, bis, ja bis es allen endlich zu viel wurde und er umgelegt wurde. als leser denkt man: recht so - und ist darüber erschrocken. wolltest du genau das erreichen, diese bloßlegung der eigenen, im innersten verborgenen ansätze von caligulanismus, den kannibalismus der humanität? wir neigten dazu, das so zu sehen: das werk und seine würgende wirkung.

was du als autor mit uns noch nach gut achtzig jahren mit deinem text anstellst, das ist unfassbar! wie kann jemand, der vom mediterranen licht schwärmt, so ein theaterstück in die welt schreiben? und doch, das muster ist leider nur zu gut bekannt: erst ein ganz normaler, fast liebenswerter mensch (Caligula), ein plötzliches, einschneidendes erlebnis (tod der Drusilla) hat innerhalb von drei tagen (!) ein krasses trauma zur folge, danach das rapide abgleiten in die ethisch-geistige umnachtung eines völlig skrupellosen kaisers.

das hat für andere die schlimmsten folgen: entehrung, enteignung, entmenschlichung, tod und verderben. und der pathologische Caligula freut sich mit den toten über sein krankes hirn, das ihm die macht über die ohnmacht, über die sinnleere, über das absurde vorgaukelt. dabei wissen wir längst, dass auch das reine fiktion1 ist. hier dreht sich die katze immer schneller im kreis, sich dabei in den schwanz verbeißend.

jedoch erhält er, der abscheuliche möchtegern-übergott, Friedrich Nietzsche lässt mit Zarathustra grüßen, sich einen funken zynischer selbstkritik. das habe ich in der diskussion im kreis der interessierten gelernt. Caligula als symbol des machtmissbrauches schlechthin, der posiert vor einem großen spiegel, erkennt seine visage und zertrümmert den typen im spiegel mit seinem schemel, eine art vorweg genommener selbstmord, zu dem er aber zu feige ist. der wird dann endlich von anderen ausgeführt.

eine last fällt von uns leser/-innen. der kann nichts mehr anrichten, denkt man. aber er musste beseitigt werden, das ist das drama. denn die tatsache der brutalen gegenwehr beschwört die frage herauf, was mit den verkappten Caligulas, die ihr unwesen in unserer heutigen welt treiben, denn sei? die können noch mehr mit weniger aufwand anrichten. die moderne waffentechnik bedarf nur noch weniger knöpfe, um die ganze welt ins dunkel der vergessenheit zu schicken. auch das ist absolut absurd in unserem absurdistan.

monsieur Camus, das alles ist äußerst beunruhigend und hat nichts anheimelndes an sich. scheinbar ist ihnen aber im laufe der jahre die brisanz ihres spiegelnden textes aufgegangen. und dafür bin ich ihnen sehr dankbar, wirklich.

in der serie der absurditätswerke reißt uns ihr dr. Rieux aus „Die Pest“ endlich aus der tristess der falsch verstandenen und erlebten absurdität heraus. denn ihn veranlasst die sinnleere nicht zum irrsinn, sondern zu einer entscheidung! nämlich der, sich normal menschlich, hilfsbereit und sinn stiftend zu verhalten. das ist die wahre souveränität, die den speziesnamen „homo sapiens“ verdient. nicht die eines Caligula, der als armseliger wicht am tropf der kaisermacht hing und dort auch schnell verging. 

nun habe ich mich abreagiert, lieber Albert, es geht mir besser. du merkst, ich bin schon wieder netter zu dir. aber es war auch wirklich ein parforce-ritt durch meine gefühlswelt, gar sehr erschröcklich.

und dann, vielleicht zu spät, ist mir ein trick von dir aufgefallen. du schreibst aus dem munde des Caligula schalkhaft: Sei nicht überrascht. Ich mag die Literaten nicht und kann ihre Lügen nicht ertragen.“ (26) wenn das keine volte ist, die realität der welt als lüge zu bezeichnen, dann weiß ich es auch nicht. und wenn man nach der volte dann wieder auf dem boden der realität aufschlägt, dann hältst du uns, deine leserschaft, wie dem Caligula den spiegel per theatertext vor! alles nur absurdes theater oder theater im absurden?

prüfe sich ein jeder, wie viel Caligula in ihm stecke – und es behaupte keiner, da sei gar nichts! dank sei dir, verehrter Albert, für diese sensibilisierung.

© 08.11.2017 brmu
Albert Camus, Dramen, Rowohlt 1997, (seitenzahl in klammern)
1 Gert Scobel, Der fliegende Teppich - Eine Diagnose der Moderne, Fischer Verlag 2017

 

Kommentare 1

Gäste - Günter Sydow am Donnerstag, 09. November 2017 16:14

ja, lieber Bernhard, eine tolle Zusammenfassung und Nachbereitung der letzten Diskussion nach Klaus Blodes geschliffenem Vortrag.
Im übrigen glaube ich, das der gesamte Camus-Teil deines Blogs gut in ein noch zu konzipierendes Jahrbuch unserer Gesellschaft passen würde.

ja, lieber Bernhard, eine tolle Zusammenfassung und Nachbereitung der letzten Diskussion nach Klaus Blodes geschliffenem Vortrag. Im übrigen glaube ich, das der gesamte Camus-Teil deines Blogs gut in ein noch zu konzipierendes Jahrbuch unserer Gesellschaft passen würde.
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Sonntag, 17. Dezember 2017

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