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Camus' tiefgang

lieber Albert, das neue jahr ist gerade mal angebrochen und wir haben uns wieder intensiv mit deinen texten beschäftigt. es war eine sehr plurale diskussion und ich muss mich, meinem schwächlichen gedächtnis geschuldet, auf weniges konzentrieren.

ein satz von dir ist uns besonders durch den kopf gegangen: Es ist nicht leicht, der zu werden, der man ist und die eigene Tiefe auszuloten.1 das ist schwer verdaubare kost, weil man nicht einer werden kann, wenn man schon einer ist. man kann ein anderer werden als der, der man ist, das ist verständlich. vorausgesetzt, die übersetzung ist korrekt, mutest du uns hier einen scheinbar absurden satz zu.

aber es ist eben gut im team am tisch gemeinsam darüber nachzudenken. das macht die freude und den zugewinn solcher gesprächsrunden aus. das wirst du sicherlich auch zu deiner zeit so erfahren haben, obwohl du in den diskutierten texten aus „Hochzeit des Lichts“ oft und sehr dezidiert von dir allein ausgehst, deine empfindungen, deine sicht der welt, deine hoffnungen.

in der gestrigen runde fanden wir einen anderen ansatzpunkt der interpretation, weg vom grammatikalischen konstrukt. wir machten ein gedankenexperiment und nahmen an, dein satz sei eine botschaft in form eines wortbildes. metaphern sind ja ein beliebtes merkmal von literatur, halten sie lebendig über die zeiten, weil die metaphern immer wieder neu mit bedeutung aufgeladen werden können und somit enträtselungsmaterial darstellen. bestimmt ein bewusster trick von dir. wenn nicht, so melde dich mal auf diesem wege und widersprich!

also, wir helfen uns mit dem nebensatz weiter, der davon spricht, die eigene Tiefe auszuloten. da fällt einem der alte brunnen ein, an dessen grund etwas ist, das gelotet oder geangelt werden kann. oben am rand steht „ich“, der man ist, unfertig und erkenntnissüchtig und man angelt und angelt. man will etwas aus der tiefe nach oben befördern, hat aber keine ahnung, was.

nun kommt dein kryptischer hinweis: es kann nur das sein, was man bei vollendung der selbsterkenntnis schließlich wäre. du drückst das dynamisch futuristisch aus: der zu werden, der final zu werdende. meinst du das etwa teleologisch? das kann ich mir nicht vorstellen, denn das würde ja bedeuten, dass im brunnen mein >ich< fix und fertig in einzelteilen modelliert vorliegt, nur von mir noch zusammengesetzt werden muss. die ganze arbeit an mir selber nur dazu da wäre, eine wie auch immer vorgefertigte schablone auszufüllen. ich protestiere, ja ich revoltiere dagegen!

Es ist nicht leicht, dir in diesem satz zu folgen. also brauchen wir einen anderen ansatz. wir gehen jetzt retrospektiv an die sache heran. du setzt das faktum, man ist, und deutest an, dass zu diesem zustand eine mühevolle entwicklung nötig ist. diese entwicklung bedeutet, der zu werden, der man ist. da stimme ich völlig mit dir überein. es ist verdammt nicht leicht, eine persönlichkeitsentwicklung, manche sagen sozialisierung, zu erdulden. das elternhaus, die schule, die universität oder das unternehmen und viele mehr, alle wollen einfluss nehmen, bilden, zu fähigkeiten und fertigkeiten hinzerren.

und das trifft dann womöglich auf einen, der nur lesen will, deine werke zum beispiel, und daraus auf dem resonanzwege etwas für sich destillieren will. denn die total spannende frage ist doch, was ist noch in dem brunnen, in der eigenen tiefe? leider wird einem das nur spärlich bewusst. zum beispiel, wenn man hier und da mal einen satz liest wie deinen und dann darauf wie elektrisiert anspringt. resonanz kann nur entstehen, wenn ein resonanzkörper vorhanden ist, etwas, das durch etwas anderes in schwingung gerät. huste mal neben einem gut gestimmten klavier, du wirst dich wundern, wie das mithustet in allen oktaven. in diesem falle: ohne klavier keine resonanz. in deinem falle: ohne die tiefe keine entwicklung der persönlichkeit.

was also könnte die Tiefe sein? was ist der brunnen und was ist in ihm zu finden? auf jeden fall dein ganzes werk, dieses meer von sätzen im lichte deiner zeit, die potenzielle resonanzauslöser sein können. man muss sie nur lesen, selber – oder wenigstens zuhören, wenn gelesen wird. und man muss bereit sein, sich von deinen sätzen berühren zu lassen. da ist es gut, sich in einer Albert Camus Gesellschaft in Aachen zu tummeln.

jetzt erlaube ich mir noch eine ganz persönliche anmerkung, bitte verzeih.

ich glaube, dass dir dieser satz mitten aus der seele entschlüpft ist wie ein gebrochenes geheimnis, eher ungewollt, vom lektorat übersehen. der zu werden, der du als journalist, literat, philosoph für deine mitwelt gewesen bist und für uns heutige weiterhin bist, das war für dich wohl nicht leicht. deine obsessive raucherei war ein beredtes zeichen davon. die eigene Tiefe auszuloten, das kann manchmal sogar ganz schön erschrecken. du hast es geschafft und uns mit deiner sicht der welt ein zeichen gesetzt, diese absurde situation mit innerer revolte gegen die verzweiflung zu meistern. dank sei dir.

© 10.01.2017 brmu
1 zitierter satz aus: Albert Camus, Hochzeit des Lichts, Verlag der Arche 1957, 10

 

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