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das leben riskieren - wofür?

hallo Albert, du bist immer noch in.

um dich und den werk versammeln sich die unterschiedlichsten menschen und wollen ausloten, was du uns noch heute sagen kannst. da sind vorträge auch eine gute basis, geordnet zu diskutieren.

eine von uns, die Marlene Olbrich, hat jetzt am 2. Mai einen vortrag gehalten mit dem thema, wie viel sicherheit der mensch bräuchte. es war nicht einfach, denn sie hat den level hoch angesetzt, was dir sicherlich kein kopfweh bereiten wird, aber ich musste lange grübeln.

dein konkurrent Jean-Paul Sartre soll gemeint haben, der mensch werde „in die welt geworfen“, eine hübsch geschwollene redewendung dafür, dass der mensch nicht gefragt wird, ob er überhaupt in die welt wolle. er ist es einfach, und basta. damit er aber nicht sofort auf die nase fällt, „ent-werfe“ er sich, er fantasiert sich also sein leben zusammen.

jetzt wissen wir, woher literatur kommt!

bei diesem akt der allmählichen selbsterfindung, die an sich ja absurd ist, wird normalerweise verantwortung übernommen. und da sind wir dann bei dir, lieber Albert, und deinem konsequenten arzt Dr. Bernard Rieux, ein Sisyphos wider die pest. aber lass uns noch etwas über den begriff verantwortung simmelieren.

die vorsilbe „ver“ ist der springende punkt. ver-antwortung meint, zu der sache mit all seinen fragen stehen zu müssen, auch wenn es keine antworten mehr gibt. „ver“ meint eine intensivierung, die besonders wichtige suche nach antwort(en). wenn man keine findet, droht ungemach, dann wird man zur verantwortung gezogen, nicht von göttern, sondern von mitmenschen.

der in die welt geworfene mensch also ist für sich und andere in generi verantwortlich, ob er will oder nicht. wenn er das erkennt, könnte er sich durch selbsttötung dieser welt, dieser verantwortung entziehen. aber, cher Albert, das ist nicht dein ding!

du willst, dass das alles erkannt wird und dann eine entscheidung fällt. stimmt’s? trotz aller absurdität klare verantwortung im weiterleben übernehmen und diesem weiterleben sinn geben.

das kann auch schief gehen, es beinhaltet ein risiko des scheiterns. man muss also das leben an sich riskieren. das macht unangenehme gefühle, etwa wie sorge, furcht, angst, panik. in dieser reihenfolge verlässt uns auch der sonst hilfreiche verstand immer mehr. wir brauchen mut, gegen diese ängste anzuleben.

den mut schöpfen wir auch aus deinen werken, das muss mal gesagt werden!

der schweizer autor Adolf Muschg hat mal geschrieben, der mensch fange da an, wo die sicherheit aufhöre. wer sich im absurden, bar jeder sicherheiten, sinnhaft bewährt, der ist zum wahren menschen geworden. der tod ist dann nur noch eine zeitliche zäsur. mit dieser erkenntnis wird man immun gegen jegliche art von seelenfängern.

© 12.05.2017 brmu

 

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