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den menschen so fern / brief7 an Albert Camus

hallo Albert, wir waren im kino, reihe 6, deinetwegen! deine kurzgeschichte1 „Der Gast“ von 1957 wurde fast sechzig jahre danach verfilmt, betitelt mit „Den Menschen so fern“; es war beeindruckend – aber das warst nicht du, denn der regisseur David Oelffen hat ein-/, daneben gegriffen.

und wieder machte ich den fehler, an eine texttreue verfilmung zu denken und wurde wieder eines besseren belehrt. die beiden schauspieler „Daru“ und der namenlose „Araber“ haben congenial gespielt, bravo, die außenaufnahmen des landes waren gewaltig, molto bravo, die handlung passagenweise getreu inszeniert, bravissimo. dann aber wird unsere leseerinnerung geschockt und es werden szenen angeboten, die du wohlweislich nicht geschrieben hast. der spiegel2 spricht von einem western. und das ende ist diametral anders.

bei dir ist der durch ein tötungsdelikt verhaftete araber ein dem schicksal und dem prinzip der blutrache ergebener. als ihn Daru schließlich an die wegscheide begleitet, weil ihn „das sinnlose Verbrechen dieses Mannes empörte …, aber ihn auszuliefern ging gegen die Ehre: der bloße Gedanke daran war eine Demütigung, die ihn rasend machte“ (144), an die wegscheide, die ins gefängnis oder in die freiheit führt, steht der araber da, „hatte sich Daru zugewandt, und so etwas wie panische Angst erfüllte sein Gesicht.“(145) etwas später „entdeckte Daru mit beklommenem Herzen den Araber, der langsam dahin schritt auf dem Weg ins Gefängnis.“ (145) – langsam der sicheren verurteilung zum tode entgegen; auch eine art von selbsttötung.

im film aber entscheidet sich der araber für den weg zu den nomaden, also für die freiheit und damit das leben. obwohl er vorher doch Daru das prinzip der blutrache erklärt hatte, dem er und seine familie ausgesetzt seien und das er nur unterbrechen könne, wenn er sich freiwillig der gerichtsbarkeit stelle, die ihn dann sicherlich töten werde. dann wäre die blutrache unterbrochen und alle könnten unbehelligt weiterleben. du, lieber Albert, du hast das dazu konsequente verhalten beschrieben.

der film aber ist inkonsequent. der araber im film entmündigt sich, weil er sich opportunistisch für das eigenleben entscheidet und somit das seiner zurückbleibenden familie der blutrache ausliefert. das bist nicht du, lieber Albert, wie ich dich verstehe.

oder habe ich da etwas missverstanden? kann oder soll der namenlose gegen das prinzip der blutrache, gegen den blutrausch der in krieg und killertum verluderten menschheit angehen, in dem er sich erhält und weiter existiert. soll er ein weiterer Daru werden, der als ehemaliger offizier der armee nun geläutert in seiner schule den nomadenkindern das lesen beibringt, das lesen zur erweiterung des welthorizontes?

in der kurzgeschichte kehrt Daru in die schule zurück und findet dort eine botschaft an der tafel vor: „Du hast unseren Bruder ausgeliefert. Das wirst du büßen.“ (146) viele lehrer/innen braucht das land, äonen lang, bis diese sätze keiner mehr schreiben kann, weil die worte dazu fehlen.

ergo: lies’ erst den text, geh’ dann zum film, und lieb’ am end’ den text!

© 17.07.2015 brmu
Quellen: 1 Albert Camus, Kleine Prosa, rororo tb441, 1965, seite 132- 146
2 Julian Hanich, In den gewissenlosen Zeiten des Krieges, Spiegelonline vom 9.7.2015

 

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