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depesche an/von A.C.

brmu an A.C.,
haben wieder meeting gehabt – stopp – „Die Pest“ zentrales thema – stopp – angeregte diskussion, teils kontrovers – stopp – paterfigur Paneloux im fokus mit zwei predigten – stopp – emotionale reaktionen auf den sermon in der runde – stopp – sind uneins über deine intentionen – stopp – fragen uns: a) dein roman nur literarische fingerübung als spiegelung deiner welt – stopp - b) intendierte warnung für uns heutige – stopp – was meinst du?
gez. brmu/mitglied / 7. Feb. 2017

A.C. an brmu,
monsieur, je suis mort! – stopp – lesen Sie bei Roland Barthes nach – stopp – der autor ist tot – stopp – ich auch – stopp - bleibe es auch – stopp – ihr müsst selbst denken – stopp – viele einsichten wider trübe aussichten!
macht’s gut, Albert / 8. Feb. 2017

 

frustgedicht im spontihirn

da sitz ich nun, ich armer tropf
und bin nicht schlau mit grauem schopf.
heiße mich autor, heiße doktor gar
und schreibe schon in dem zehnten jahr,
hinauf, hinab und quer und dumm
meinen lesern die regale krumm -  er hält sich raus, der Albert. ich soll selbst denken!  – aber was, bitte schön? sein nach dem zweiten weltkrieg erschienener roman ist bestimmt auch ein produkt seiner zeit. aber fast siebzig jahre danach, was soll da noch für uns verwertbar sein?

da steckt sicherlich mehr dahinter. dieser pater namens Paneloux hält zwei predigten, die eine im selbstgerechten stil der alten kirche, in der die pest eine strafe gottes sei für den abfall vom glauben. alle sinken auf die knie, keiner denkt.

dann aber wird dieser bigotte typ in die hilfsmaßnahmen für die kranken integriert und er erlebt direkt die brutalität der wirkung der pest ohn‘ anseh’n der person. das leiden eines kindes lässt ihn nicht los, führt zum aufkeimenden zweifel. in einer zweiten predigt mit schon weniger zuhörern bekennt er, dass er nichts ergründen kann, aber umso fester glauben will. er stirbt später mit dem kreuz in der hand.

das strickmuster der machtausübung kennen wir doch: man kreiere in kritischer situation (hier: epedemie) einen äußeren feind (hier: pest) und rufe die lage als prüfung (hier: gerechte und böse) aus. jeder will zu den gerechten gehören und unterwirft sich den forderungen der prediger (hier: pater) transzendentaler macht (hier: gott). das denken wird eingestellt (hier: kniefall), und damit die analyse der situation und die daraus ableitbaren auswege. das ist fatalismus pur, eine tatenlose ergebenheit in die gegebenheiten.

der arzt Rieux hingegen hat keine gewissheiten, keinen glauben, er zeigt haltung. er bewertet die ist-situation als eine absurde, er meint: die ist wie sie ist und lässt sich in seinem impuls zu helfen nicht beirren. hier hilft wohl der eid des Hippokrates, den die ärzte als berufsethos ablegen, als eine übergeordnete, ethische orientierung. Rieux fusst also auf säkularer, praktisch-pragmatischer ebene, er ist geerdet, er benötigt keine göttlichen weisheiten, die in der gegebenen situation ohnehin nichts bewirken können.

und wir heute, wie fallen wir auf diese strickmuster herein? haben wir gewissheiten aus postfaktischem glauben à la tweetendem trampeltrumptrompeter oder stehen wir in unserem persönlichen ethos der hilfsbereitschaft, fußend auf der ethik der condicio humana angesichts des absurden? es liegt an jedem einzelnen. es winken weder lohn noch verdammnis – nur der blick in den spiegel des eigenen tuns! möge es viele geben, die diesen blick nicht senken müssen. Albert Camus ist so gegenwärtig wie eh und je! il est mort, et voilà il vit pour toujours.

© 08.02.2017 brmu

 

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