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du liebst dein land|nicht

ach, Albert, warum hast du dich mit dem wagen fahren lassen, damals, statt mit dem zug zu reisen? was hättest du uns noch alles zu bedenken geben können! uns, die wir irrende narren sind. kleine briefe bergen oft große gedanken. so auch deine vier mahnenden briefe1 an einen imaginären freund aus Deutschland. ich las sie, weil wir uns wieder in der Albert Camus Gesellschaft Aachen getroffen hatten, um darüber zu sprechen, und möchte dir als deutscher fan schreiben, was hängen geblieben ist:

du schriebst von dir selber: wenn der verfasser dieser briefe„wir“ sagt, heißt das … „wir freien Europäer“. … Jeder Leser, der die Briefe an einen deutschen Freund in diesem Sinne liest, als ein Zeugnis des Kampfes gegen die Gewalt, wird mir zubilligen, daß ich auch heute noch zu jedem Wort stehen darf. das darfst du, bei allem, was der menschheit heilig ist, denn sie haben sich aus ihrem zeitbezug gelöst und wirken auch zwei generationen nach ihrem erscheinen immer noch sezierend.

dem tumben vorwurf von der straße, Sie lieben Ihr Land nicht, kommentieren sie, lieber Albert, entschieden. Wenn ich heute an diese Worte denke, würgt mich etwas in der Kehle. ja, so geht es mir auch heute, deine briefe lesend, denn diese so genannte liebe des so genannten vaterlandes ist gnadenlos ausgrenzender art auf verachtende weise der so ausgegrenzten, einem aufgeklärten Europa abgrundtief unwürdiges fühlen und denken. Ins Feuer rennen hat nicht viel zu bedeuten, wenn man sich seit jeher darauf vorbereitet hat und das Rennen selbstverständlicher ist als Denken. ich erlaube mir die präzision: skeptisch selber denken, denn demagogie hat auch ihre denkarbeit.

Denn es steckt immer etwas in uns, das sich dem Instinkt überläßt, der Verachtung des Geistes, der Anbetung der Tüchtigkeit. Wir werden schließlich unserer großen Tugenden müde. Wir schämen uns des Geistes und träumen zuweilen von einem glückseligen Barbarentum, das uns eine mühelose Wahrheit schenkte. wie wahr! einfache rezepte und schlichtes design für die komplexität des weltgefüges, danach lechzen alle im globalen dorf. aber die gibt es nicht zu kaufen - und es wird sie nie geben. das wusstest du, mon cher Albert, das dürfen wir nicht vergessen. was es gibt, wird der stete kampf sein gegen die lüge der einfachheit.

und auch da bist du realist, wenn du sagst: Ich habe nie an die Macht der Wahrheit an sich geglaubt. Aber es ist schon viel, wenn man weiß, daß bei gleichen Kräfteverhältnissen die Wahrheit stärker ist als die Lüge. soweit folge ich dir. aber wenn du meinst, dieses mühsame Gleichgewicht haben wir erreicht, so bin ich anderer ansicht. diesbezüglich, auch nach zwei generationen abstand, müssen wir uns dazu bekennen, außer einem europäischen markt für denkschwache konsumenten, nur ethisch beschriebene papiere erreicht zu haben.

Das Bekenntnis, das ich Ihnen ablegen will, wird es Ihnen zweifellos am besten beweisen. Während dieser ganzen Zeit, da wir hartnäckig und schweigend nur unserem Land dienten, haben wir eine Idee und eine Hoffnung nie aus den Augen verloren, sie stets in uns lebendig erhalten: Europa. und du ergänzt, jener Boden, auf dem sich seit zwanzig Jahrhunderten das erstaunliche Abenteuer des menschlichen Geistes abspielt. Es ist eine einzige Arena, in der der Kampf des abendländischen Menschen gegen die Welt, gegen die Götter, gegen sich selber, heute den Höhepunkt seines wilden Wogens erreicht. das wogen der schlauchboote voller menschen, Albert, die besser leben wollen, ist im sprichwörtlichen sinne seewärts zu finden, vor den häfen Europas, wo wir dich sinnentstellend zitieren: unser Europa ist nicht das eure.

wir müssen uns besinnen auf den kontinuierlichen prozess, den du prophezeit hast: Europa muss immer geschaffen werden. das ist eine frucht, die nicht aus göttlichen spären in den schoß der menscheit fällt. der grund ist einfach, den du auch mutig bekennst: Ich glaube weiterhin, daß unserer Welt kein tieferer Sinne innewohnt. Aber ich weiß, daß etwas in ihr Sinn hat, und das ist der Mensch, denn er ist das einzige Wesen, das Sinn fordert. Diese Welt besitzt zumindest die Wahrheit des Menschen.

und dann, lieber Albert, wirst du zeitlos deutlich, nicht als journalist, nicht als politischer mensch, nicht als literat, nein, als philosoph – und dafür bin ich dir tief verbunden. Aber während ich euer entsetzliches Benehmen richte, werde ich daran denken, daß ihr und wir von der gleichen Einsamkeit ausgegangen sind, daß ihr und wir und ganz Europa die gleiche Tragödie des Geistes erleben.

typisch philosophisch kommst du dann auf das universale dilemma jeder ethik zu sprechen und legst ein bedingungsloses bekenntnis ab, vor dem ich meinen hut ziehe: Und euch zum Trotz werde ich euch den Namen Mensch nicht absprechen. Wenn wir unserem Glauben treu sein wollen, sind wir gezwungen, das in euch zu achten, was ihr bei den anderen nicht achtet.

ja, trotzig den zumutungen von außen und von innen widerstehen, was für eine aufgabe menschheitlicher entwicklung. und du bist kein phantast, sondern ein tiefer realist, wenn du revoltig anfügst: Wir können nicht anfügen, daß wir keine Angst hätten, wir würden nur versuchen, uns zu beherrschen. Aber wir können gewährleisten, nichts zu hassen. ein großes wort, verehrter Albert, vor dem ich mich verbeuge, denn hass ist die alles zersetzende säure im ethischen handeln, im hass nimmt alles die farbe hässlicher taten an.

hass macht blass, dann leer, dann tot – keine basis für Europa.

© 19.10.2017 brmu
1 Albert Camus, Kleine Prosa, darin: Briefe ab einen deutschen Freund, seiten 77-98, zitate aus den vier briefen im schrägdruck.

 

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