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e-mail an Albert Camus

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Gesendet:        Dienstag, 04. Februar 2016

An:                  Albert Camus

Cc:                  alle

Betreff:           Camus und …

Anlagen:         mein gedächtnis

hallo Albert, nun geht es mit dir auch schon wie mit dem alten Goethe: Camus und x; x = rest der welt. Roland Barthes käme mit dem skalpell und würde hurtig schneiden. für ihn steht das geschriebene und nicht die/der schreiber/-in im fokus!

du hattest nachgefragt, ob mein interesse erlahmt sei. ich möchte dir versichern: keineswegs, nur schieben sich immer wieder andere angelegenheiten wie tektonische beben übereinander und gegeneinander und verdrängen die gedanken an dich und deine werke. das bedauere ich. aber nun reiß’ i’ mi’ z’amm’ und notiere dir ein paar gedanken zu einem speziellen thema, das mich schon lange umtreibt.

wenn man in mitteleuropa geboren ist, dann lässt es sich nicht vermeiden, „christliches“ abzubekommen, je nach der spielart, die gerade vor ort ihren einfluss ausüben kann. das habe etwas mit sozialisierung zu tun. da du aus Algerien stammst, mag das etwas anders gewesen sein, zumindest findet man in deinem werk nur indirekt hinweise auf religiöses, aber viel einer schwärmerei an die natur. wie auch immer: man wird als junger mensch geschult und hört ständig etwas von einem gott, als den schöpfer von allem und schluss, keine frage, wer ihn denn geschöpft habe und so weiter.

und genau da habe ich so meine probleme. ich meine das jetzt für alle götterarten, die aus dem nichts etwas „schöpfen“ (also ohne fass, ohne inhalt, ohne schöpfkelle) ins seiende sein. die alten mythologischen vorstellungen sind natürlich heute schon längst megaout, aber es hat sich im prinzip nichts geändert.

wir haben eine milliardenteure weltgemeinde der physiker, die mit einer relativ unverdächtigen methode, ich meine die mathematik, hin und her rechnen und auf wundersame resultate stoßen. die versteht natürlich kein normalsterblicher, das wäre ja auch der exklusivität abträglich. aber es gibt immer wieder mitglieder dieser gilde, die es dem rest der welt zu erklären versuchen.

fazit: sie beschreiben, ohne das wort zu benutzen, die totale absurdität, genau das, was du ohne physikstudium schon lange angemerkt hast. aus dem nichts kommt etwas mit schwung ins sein und entfaltet sich dauerhaft. wie aber kann aus dem nichtigen nichts überhaupt etwaig etwas kommen wie raumzeit und dinge und leben, wenn nicht vorher das potenzial dazu drin war? und ist dann potenzial etwa nichts? und ist das nichts dann leer?

um diese akrobatik der gedanken zu umschiffen, haben andere sich anderes ausgedacht und meinen, das sein sei schon immer da gewesen, pulsiere nur oder wachse auf ewig an. tja, aber wie kam dies ewige zustande? ob nun ein universum oder zahllose multiversen, ob nun diese welt oder blasen wie bei einer hefekultur, wir können nicht anders, als an eine verursachung zu denken, weil das aus uralter zeit unser denkmuster zum plumpen überleben ist. das macht kirre, sage ich dir, wenn man keine beruhigende antwort findet, echt. das kann das ganze leben versäuern.

und da kamen schon früh in der geschichte die cleveren religiösen und haben der menschheit in stufungen götter verkauft. erst waren die überall, in jedem baum und strauch, man war quasi umzingelt von denen. dann wurden die götter gepoolt, man sprach von nur wenigen, quasi als kollektivinstitution, hatten aber noch ein überschaubares leben. dann nur von einem, der alle anderen geschluckt hatte wie goldene kälber, aber auch der hatte noch ein familienleben. und dann kam nur noch das prinzip. zu glauben, das soll entlastend sein, aber nur, wenn man sich unterwirft. und das ist für die modernen menschen ein problem.

also schreibst du die hypothese, alles sei absurd und entwickelst das in deinem ganzen werk zur these und letztlich zur theorie, auf dass sich jede und jeder darin einrichten möge, um in einem großen „dennoch“ seinen job zu machen. du nennst diese lebenshaltung revolte. das göttliche nicht mehr ins jenseitige projizieren, sondern zurück holen ins diesseits und weiter noch ins eigene leben, zu sich selbst.

du und die christen, ihr könnt euch nicht vertragen, weil du deren gott, einfach oder dreifach, entthronst, nicht etwa durch nicht-glauben oder ketzerei, nein, das wäre zu billig. einfach durch überflüssig machen. die welt, wie wir sie nur erkennen können, ist und bleibt absurd, weil nicht in allen aspekten verstehbar und in dem verständlichen zu oft widersinnig. das juckt aber nicht, wir machen unsern job, götter gehen uns am rücken vorbei.

das ist echt aufmüpfig, und wer sich diesem gedanken nähert, der wird verdammt unruhig, denn es gibt nun kein ruhekissen mehr, keine gerechtigkeit im jenseits, kein belohnung oder bestrafung in himmel und hölle. das auf erden ungesühnte verbrechen bleibt ungesühnt! die unerkannte gute tat bleibt unbemerkt. das hebelt dich aus, wenn du nicht in dir ruhst, wie es die buddhisten immer predigen.

aber du, lieber Albert, du hast in dir geruht. du hattest die fahrkarte nach hause in der tasche und steigst seelenruhig in dein todesauto ein. dein ruhekissen war wohl die anschauung der natur, wie sie sich so wunderbar im sonnenlicht in wüsten und küsten darstellt, wenn man sie lässt. ich bin immer wieder überrascht davon, nenne das auch gerne schwärmerei. aber es hat einen tragenden kern.

dein motto: sei des absurden deiner welt, ja deiner selbst gewiss – und lächle trotzdem! unser motto: mach deinen job! dafür braucht man hilfreiche wertvorstellungen, aufgrund derer man handelt oder auch nicht handelt. und jetzt schließt sich der kreis. denn diese wertvorstellungen sind nicht nur rationale überlegungen der nützlichkeit, sondern sie sind auch emotional verankert als empathie. so oder ähnlich wirkt die sozialisation im elternhaus, in der gemeinschaft der lebenden. und da spielt eben bis heute die religion eine rolle. wir nennen diese wertvorstellungen mit handlungsanweisung: moral.

besser wäre es, von einer nicht religiös gefärbten ethik zu sprechen. ethik als über allem und allen stehender konsens der menschheit, wie man „ohn’ anseh’n der person“ im „für und wider“ miteinander umgehen will. das würde die immer schneller sich vermehrende menschenmasse bei ihrem zwangsweisen akt des zusammenrückens erträglich machen. es ist auch absurd, dass dies ein wunschtraum ist. offenbar „glaubt“ die menschheit lieber und schlägt sich so nebenbei tot, als dass sie denkt und sich arrangiert.

absurd ist, dass wir keine ahnung haben, was wirklich „seiend“ ist. auch fehlen uns die begriffe und sprachlichen formeln, ein etwaiges verständnis in worte zu fassen.

brmu in stiller traurigkeit

p.s.1 bin dir trotzdem sehr dankbar, dass du mir den jutesack mit der aufschrift „absurdität“ angeboten hast. in den stopfe ich alles, was meinen lebenswillen irritieren könnte, weil ich diverse dinge nicht verstehe oder an der dummheit der menschheit verzweifeln müsste. es ist absurd zu leben, es ist absurd nicht zu leben, es ist auch absurd, gut oder schlecht für andere zu leben. wie man es auch dreht und wendet, der freiwillige akt, beharrlich weiter zu machen ist das, was Sisyphos glücklich macht. es ist seine entscheidung, immer wieder die zu einem felsen kondensierte dummheit der menschen ins höhere zu hieven.

p.s.2 noch ein hinweis. die buddhisten hatten tiefes mitgefühl für die maloche des Sisyphos und verkünden in ihrer allgemeinen befreiungsanleitung, dass man sich durch meditation, also durch’s stillesitzen ohne plackerei, in die offene weite beamen kann und nicht an einen steilhang. leider fallen die so befreiten dann als handelnde faktoren in der absurdität der welt aus. wenn alle meditieren würden, würden auch alle verhungern.

p.s.3 und dies noch: ich glaube, äh, ich bin ganz sicher, dass dein beitrag zum verständnis der welt für die zukunft noch sehr hilfreich sein wird, weil wir mit den alten göttern nicht überleben werden. aus dem „dennoch“ kommt die revolte gegen das absurde, ob nun von menschenhand verursacht oder aus dem, was wir die universelle wirklichkeit nennen. die revolte hält dagegen mit den mitteln, die die wirklichkeit uns per evolution als ein prinzip des lernens erlaubt. wir müssen nur raus aus der selbst verschuldeten unmündigkeit. hast du dich eigentlich mal mit dem kantigen Kant beschäftigt? bis bald.

p.s.4 mit fällt noch ein, dass man „absurd“ auch als akronym auffassen könnte: „alles bleibt sicher und richtig doof“. okay, das war nix, sorry.

© 04.02.2016 brmu

 

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