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ich revoltiere, ergo sum

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Aus dem Lesezeichen der Albert Camus Gesellschaft Aachen

Cher Albert,

gestern hatten wir wieder eine anregende diskussion über dein werk und die damit  verbundenen prinzipien. es ist nicht leicht, die bedeutung der von dir verwendeten begriffe klar im kopf zu haben. gerne verwechselt man deine „revolte“ (se revolter) mit einer rebellion oder gar revolution. wer deine schriften kennt, der wird die letzten beiden als sozial-politische begriffe nicht dir zuschreiben.

ich hoffe, ich verstehe es recht, wenn ich behaupte, dass du unter revolte eine nach innen, in das individuum gerichtet veränderung meinst. dahin, wo unser gewissen steckt. es handelt sich dabei um eine motivationale veränderung. es werden einstellungen und damit haltungen bestimmten äußeren umständen gegenüber geändert. die revolte ist demnach intrinsisch.

da die haltung des individuums sich durch die revolte ändert, kann dies als signal oder vorbild bei anderen gewertet werden und ähnliche veränderungen nach sich ziehen. daraus wird das „wir“ gleichgesinnter.

die beiden anderen begriffe hingegen sind nach außen gerichtet, in die politische welt hinein. sie haben umstürzlerische bedeutung. die rebellion meint einen aufstand einer menge mit diversen mitteln gegen einengende oder unzumutbare zwänge, die auf die einzelnen mitglieder (individuen) der menge ausgeübt werden.

Jean Ziegler hat das als einen „Aufstand des Gewissens“ bezeichnet. seine rede, resp. schrift spielte auch eine rolle in unserer diskussion. Ziegler ist der festen überzeugung, dass durch die kraft, ja sehnsucht der individuen zum besseren in gemeinsamer anstrengung eine rettung der welt möglich ist, die zurzeit von mächtigen prinzipien beherrscht wird: markt, wachstum, börse.

diese rebellion (aufstand) kann plötzlich ein zündfunke für einen flächenbrand sein, der in die ungezügelte revolution der massen mündet, in der sich eine ganze gesellschaftsschicht, ein ganzes volk gegen macht ausübende despoten beispielsweise erhebt.

lieber Albert, du hast dich immer gegen diese massenerhebungen gewendet, weil alle, egal auf welcher seite, blut an den händen haben werden. das ist nicht deine ethische basis eines handelns in absurdistan. jeder einzelne muss sich entscheiden, wie du es in „Die Pest“ beschrieben hast. entscheidet er sich für das leben, so möge er ohne dank oder lohn und ohne ansehn der person hilfe leisten nach seinen möglichkeiten.

ich nenne das die „körnige ethik“. die grundlage des guten tuns wird nicht homogen per dekret, per gesetz, per gottesspruch von allen erzwungen, sondern freiwillig und angstfrei aus souveränem reflektieren des einzelnen (menschen=körnchen) heraus geleistet. haben viele diese innere haltung, so ergibt sich ein entsprechend koordiniert handelndes kollektiv.

da im absurden alles sinnlos ist, wird durch das lebensbejahende individuum immer wieder sinn gestiftet durch engagiertes tun. bei religionen winkt immer ein lohn im jenseits, also im himmel oder in der hölle. du bist ehrlicher, es wird keinen lohn geben, denn das nichts, aus dem alles und alle sich entfaltet haben, ist pure absurdität. wer oder was soll da lohnen und wie?

Lieber Albert, das von dir geforderte säkulare verantwortungsprinzip sich selbst und den anderen gegenüber ist das schwerste, was du uns abverlangen kannst. arsch huh, sagen die kölner, wenn sie das verlassen der eigenen komfortzone meinen. lass uns hoffen, dass es immer genügend viele menschen geben wird, die diese aufgabe des Sisyphos stemmen können.

P.S. wer sich über die Camus-szene informieren will, der möge den blog 365 Tage Camus aufrufen, dort auch den kommentar.

© 06.04.2017 brmu

 

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