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Maîtrejean inspiriert Camus

lieber Albert,

in dieser woche haben wir im Logoi Aachen einen erhellenden vortrag von Lou Marin über deine begegnung mit madame Rirette Maîtrejean gehört. LM hat ein profundes wissen, das er auch in seinem buch ausführlich niedergelegt hat und es uns beredt erläuterte.

er berichtete uns, dass ihr anfang der vierziger jahre im letzten jahrhundet des letzten jahrtausends euch in einer zeitungsredaktion kennen gelernt habt und du, offenbar angeregt durch die dramatische lebensgeschichte von Rirette, viele schlussfolgerungen in dein werk „Der Mensch in der Revolte“ hast einfließen lassen.

ich versuche mal zu verstehen, was sache ist, und verzeih mir, wenn ich daneben liege.

die teilnahme an der gesellschaft erfordert ständige wachsamkeit und gegenseitigen respekt. jede/r gesellschaftsteilnehmer/in hat sich so zu verhalten, dass kein/e andere/r geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, eingeschränkt oder behindert wird. du erkennst von deiner hohen warte aus sicherlich die ähnlichkeit zur deutschen stvo §1.

da sind offenbar grenzen angedeutet, gegen die man auch anrennen, revoltieren könnte. du schreibst dazu: Was ist der Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der nein sagt. … Was ist der Inhalt dieses „nein“? Es bedeutet zum Beispiel „das dauert mir schon viel zu lange“, „bis hierher und nicht weiter“, „er nimmt sich zu viel heraus“, „es gibt eine Grenze, die er nicht überschreiten darf“. Im Ganzen genommen behauptet dieses Nein das Vorhandensein einer Grenze. … Es kann keine Revolte geben ohne das Gefühl, selbst irgendwie und irgendwo recht zu haben.[1]

und da geht das theater schon los. wenn die, die meinen, für sie seien grenzen überschritten, unethisch handeln und willkürliche attentate ausüben, dann entwickelt sich das, was du auch schon terror genannt hast.

was die grenze nun sei, das kann in aufgeklärten gesellschaften per konsens definiert, deren überschreitung mit mitteln desselben konsenses sanktioniert werden. da gefühle oft trügen, haben sich solche gesellschaften instanzen erschaffen, die einerseits die objektiven markmale jener grenzen definieren (gesetzgebung) und andererseits deren überschreitung sanktionieren (polizei). damit das alles sauber abläuft, gibt es noch die unabhängige instanz der juristerei. es ist also ein gebot des auskömmlichen zusammenlebens, sich in den prozess der konsensbildung einzubringen, ja hineinzustemmen, damit sich die eigenen gefühle beruhigen.

nun, lieber Albert, hast du dich in deinem revolte-buch ausgiebig mit den so genannten anarchisten aus dem anfang des letzten jahrhunderts des letzten jahrtausends beschäftigt, vermittelt durch die vielen gespräche mit Rirette.

die selbstherrlichkeit jener anarchisten der verschiedensten couleur ist schockierend, weil die verhaltensmuster so zeitnah sind, definieren sie doch nach eigenem gusto, was ihre grenzen sind. da die anderen diese grenzen vermeintlich überschreiten, darf man sie dann einfach gezielt oder diffus in der menge töten. kalkulierter mord aus arroganz, aus ignoranz, aus intolleranz! mord aus wahn aller arten! alles eine dystopie-orgie.

die prompte gegenwehr besteht einerseits aus dem anwachsen von sorge, furcht, angst der bedrohten mitglieder einer gesellschaft und andererseits die forcierung der bekämpfung des terrors, wobei dann die grenzen der freiheit für die gesellschaft, dies nolens volens geduldet, eingeschränkt werden. der terror des wahns einzelner bewirkt also letzlich das, was für sie vorgeblich schon sei: unfreiheit, unterdrückung. wenn solch bedrohte gesellschaften nicht rechtzeitig aufwachen, dann finden sie sich tatsächlich in einem zustand der gefangenschaft engster grenzen wieder. quelle desastre.

was tun? revoltieren! Rirette hat entgegen dem zeitgeist die gewalt als mittel der veränderung, der grenzverschiebung verdammt und in der eigenen sozialen nische dieser anarchisten damaliger zeit den mut gehabt, entschieden und offen dagegen zu halten.

sie hat das getan, was du, lieber Albert, später in essayistische worte gefasst hast: sie hat revoltiert, „nein“ gesagt. das leben spielt billard. da kullern zwei kugeln auf dem grünen filz aneinander, es klickt und schon haben sich die impulse der kugeln verändert. das ist auch wohl mit dir geschehen, denn ich glaube, dein wichtiges buch über die revolte verdanken wir solchen klicks.

und es ist besonders heute so wichtig, weil es zeitlos eine systemimmanente art der bedrohung gesellschaftlichen zusammenlebens durch den menschen beschreibt und auch die möglichkeit, den anfängen zu wehren. du schreibst:

Die sich dem Irrationalen zuliebe in die Geschichte stürzen und ausrufen, daß sie keinen Sinn hat, begegnen dort der Knechtschaft und dem Terror und gelangen von dort aus in die Welt der Konzentrationslager. Die sich in die Geschichte stürzen und ihre absolute Vernünftigkeit predigen, begegnen dort der Knechtschaft und dem Terror und gelangen von dort aus in die Welt der Konzentrationslager.[2]

es ist offensichtlich, dass extreme positionen in das gleiche drama führen. deswegen halte ich deine worte für ein plädoyer ausgewogenen handelns. das gefühl mag ein auslöser sein, die vernunft ist die einzige chance, die auswirkungen zu befrieden. und ausgewogenheit kann man nur erlangen, in dem alle mitglieder einer gesellschaft, kritische wie gläubige, die möglichkeit haben, an der konsensbildung in der gesellschaft mitzuwirken. ich füge hinzu: auch die ethische pflicht haben!

denn da man nicht allen alles recht machen kann, muss die kultur der mehrheitsmeinung und der tolerenz der minderheitsmeinung aufrecht erhalten werden, sofern die minderheiten nicht mord und totschlag verüben.

aber was rede ich, lieber Albert, du wirst es in deinem himmel der denker schon längst die weisheit als integralen bestandteil des seins kennen: revoltiere im kopf, mäßige deine rede und dein geändertes tun entspreche dem menschenmaß. was aber ist das menschenmaß?  das wissen, dass ich nichts gewisses wissen kann!

© 25.05.2017 brmu

 


[1] Albert Camus, Der Mensch  in der Revolte, Rowohlt 1953, s. 18

[2] Albert Camus, Der Mensch in der Revolte, Rowohlt 1953, s. 250

 

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