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was Meursault meinte

lieber Albert, gestern ist mir eine verrückte sache passiert.

ich hocke mitternachtsschlaflos in meinem bett und lese einen dialog von F. v. Schirach und A. Kluge[1] über Voltaire und sein eingreifen in die affaire Jean Calas, die sich in den sechziger jahren des achtzehnten jahrhunderts abgespielt hat. vielleicht hast du zu deinen lebzeiten mal davon gehört. das erste fehlurteil (vollstrecktes todesurteil gegen Calas), das in Frankreich nachträglich aufgehoben wurde.

in diesem gespräch simmelliert Alexander Kluge vor sich hin: Wir wohnen auf einem Planeten zusammen. Doch der Kosmos ist kalt und uns gegenüber vermutlich gleichgültig. Das ist der Grund für Herzenswärme. (72)

ein hammer ist das! der spruch hat mich elektrisiert, weil ich glaube, nun endlich deinen mir bislang unverständlichen gedanken des Meursault[2] über „ die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“ (114) verstehen zu können.

bislang revoltierte ich gegen dich und dachte mir: wie kann gleichgültigkeit denn zärtlich sein, so offensichtlich im widerspruch zu üblichem empfinden? sie kommt uns menschen immer so kalt rüber bis zum schüttelfrost. und dein protagonist Meursault ist dann auch ein gefühlloser, kalter fisch, völlig indifferent zu der ihn umgebenden mitwelt. das wird ihm in deinem buch auch letztlich im gericht zum verhängnis. da ich das mir unverständliche nicht dir in die schuhe schieben wollte, habe ich das adjektiv „zärtliche“ für einen übersetzungsfehler gehalten. zärtlichkeit ist doch ein ausdruck von herzenswärme, mit der man beglückt wird, und nicht indifferenz.

aber du bist ja ein literat gewesen, verzeih’, wenn ich das in der vergangenheitsform ausdrücke, hattest dir etwas dabei gedacht. deine texte leben weiter. sie existieren und entfalten ihre wirkung – auch wenn sie im regal stehen, sie arbeiten weiter im kopf, wenn man sie einmal gelesen hatte. doch ich fand und fand keinen zugang zu diesem widerspruch. legte alles kopfschüttelnd zur seite - und jetzt diese sätze in einem völlig anderem buch! ein amboss ist das!

ich stand also auf des nachts und suchte im regal deinen französischen originaltext[3], um das verständnisproblem endlich einmal aus dem kopf zu kriegen. dort heißt es: … devant cette nuit chargée de signes et d‘étoiles, je m’ouvrais pour la première fois à la tendre indifference du monde. (84)

ist vom gleichen oder gar demselben die rede? meintest du es so, dass trotz der gleichgültigkeit der welt - du hast sicherlich das universum gemeint - zu allem und jedem, sich der mensch zum anderen menschen zärtlich verhalten kann, wenn er es will – quasi eine revolte gegen die basale, universelle gleichgültigkeit?

und warum hast du den Meursault denn so idiotisch schießen lassen, zum mörder werden lassen, als hätte er weder hirn noch herz in der mediterranen sonnenhelle? sollte seine tat die absurdität, die brutalität der gleichgültigkeit der welt darstellen? Meursault fühlte sich ja im einklang mit dieser indifferenten welt. wenn es so ist, dann verstehe ich auch die gleichgültigkeit, mit der er den tod seiner mutter und schließlich seine todesstrafe hinnimm. Meursault fühlt sich glücklich, weil er sich im einklang mit dem universum wähnt: De l‘éprouver si pareil à moi, si fraternel enfin, j’ai senti que j’avais été heureux, et que je l’étais encore. (84) wie schön für ihn, wie hässlich für uns.

aber was bedeutet das denn für das zusammenleben der anderen menschen auf dieser blauen kugel im universum? können wir uns leisten, uns „glücklich“ im einklang mit der gleichgültigkeit der welt zu fühlen? jegliche ethische norm würde schwinden, denn es ist bekannt, dass sich ein der um- und mitwelt abträgliches verhalten, das nicht gerügt, gestoppt und geahndet wird, rasant verstärkt. unterlassene hilfeleistung zum beispiel. und ein das zusammenleben in dieser welt förderndes verhalten, das nicht gelobt, bestärkt und belohnt wird, schwindet dahin. am ende dröhnt die hölle. dem universum ist das völlig egal. das klimaproblem ist ihm völlig schnuppe, krieg und frieden sind ihm völlig gleichgültig, Gayas ende auch.

aber uns menschen darf das nicht egal sein, schon aus einem selbsterhaltungstrieb heraus. wir brauchen die revolte gegen diese indifferenz. wir brauchen beides, die zärtlichkeit des herzens (Jesus von Nazareth hatte sie gefordert) und den gesunden menschenverstand der aufklärung (Voltaire hatte sie gestartet), der uns ethische regeln auferlegt. ist das die essenz deines buches? heißt der Meursault deswegen „Der Fremde“, weil er mit seiner unzärtlichen, ja geradezu weltallkalten gleichgültikgeit, für die er ja auch büßen muss, auf unserer blaue-kugel-erdenwelt ein fremder sein und bleiben soll?

ich nehme es so erleichtert auf und lege dein buch versöhnt neben mich.
am heutigen morgen wurde ich geweckt mit dem erstaunten ausruf: du liest Camus des nachts?

© 13.12.2017 brmu


[1] Ferdinand von Schirach u. Alexander Kluge, Die Herzlichkeit der Vernunft, Luchterhand 2017
[2] Albert Camus, Der Fremde, Fischer Bibliothek1957
[3] Albert Camus, L’Etranger, Diesterweg 1972

 

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