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autohof - ein märchen

Autohof Coll-A-160319-zg

© 2016 Collage von R. Zi.
exklusiv für die IHB unter Verwendung des IHB-Logos

hof der karren.
es war einmal ein kleines dorf im rheinischen.
eines tages klopfte es an die dorfhaustür und
lobbyleute traten ein. die verbeugten sich tief.
der dorfmeister fragte, was ihr begehr sei und
sie flöteten ihm von dukaten für das dorf.
das gefiel dem alten meister. und sie sagten,
es sei so, dass an dem dorfe vorbei ein
breiter karrenweg von stadt zu stadt führe,
der immer stärker befahren werde, und
dass die mannschaften hungers litten und
müde seien. sie wollten dies elend mildern
hel­fen und einen karrenhof bauen.
und sie ver­beug­ten sich abermals tief.
sie meinten, er, der meister des dorfes,
müsse nur dafür sorgen, dass den bauern
ein gutteil landes genommen werde.
das solle zu neuem bauland umgewidmet
wer­den. das würde die sache vereinfachen.

der meister dachte nach. dann sprach er,
wie es denn sein könne, dass sie etwas baueten,
was den worten gemäß nur den dörflern nütze.
ob sie von der heilsarmee gekommen seien.
oh nein, sagten sie, das wäre mitnichten
der ort ih­rer herkunft. sie kämen aber von
einem verbund edler menschen, die das wohl
derer an den kar­renwegen im auge hätten.
er sei herr der bauern, sie herren der dukaten.
man könne sich doch einigen und gutes tun.

meister und gesellen im dorfhaus waren
feuer und flamme, konnten sie sich doch
endlich auch beteiligen am guten tun.
bald kam ein brief des dankes von denen
des verbundes zusammen mit „guten achten“,
worin alles stand geschrieben, was für sie
zu wissen von gewichte war, um ein­fach
und schnell bei dem stadtmeister in Köln
vorstellig zu werden.

sie schrieben tag und nacht, pflügten die sätze
in den papieren um und um, wie es die art
der bauern auf den äckern ist, bis alles
eindrück­lich seine fülle hatte. zum schluss
prangte das siegel des alten meisters darauf
und das pralle paket nahm seinen weg in die
große stadt mit den vielen steinernen häusern.

als das paket in die große mühle der stadt
ge­leget ward, begann diese zu kreisen und
sie kreiste und kreiste lange vor sich hin.
wir zählen aber an zwo vollen erntezei­ten.
dann war es so weit, und das rad keißte
und gebar ein neues papier, in dem alles stand,
was die gesellen des meisters schon vom
verbund edler menschen übernommen hatten.

derweil regte sich im dorfe unmut, denn
ein großteil der dörfler wollte vom alten
bauern­land nicht lassen und schimpfte laut
und rief dem meister nach, er solle den
unsinn lassen. es stänke zum himmel,
wenn fremde kämen, um angeblich so
gutes zu tun. das wisse man von früher.
denn in dem guten lauere das übel der
unerkannten lasten ohne jeglichen gewinn.

sie sprachen ihm aus erfahrung, es gehe ergo
gar nicht um die mannschaften der karren,
denn die hätten obdach reichlich anderswo,
der wege­meister im Gelsigen Kirchen wisse
davon ganz genauses zu berichten. aber der
meister des dorfes war sehr verstockt, seine
gesellen tief in die sache verliebt. sie hörten
nicht zu, sondern drohten mit dem landvogt,
der aber war im lande gar nimmer beliebt.

doch die da waren anderer meinung stürzten
nicht in die irre. so kam es, wie es kommen musste.
sie nahmen große schilde mit ihrer conterschelte
darauf. die aber weithin sichtbar war.

sie pilgerten zu der großen stadt und vor den rat
der weisen der region, die mit den winkearmen.
die aber waren ganz un­wissend und fassten einen
beschluss, weiter an der sache zu werkeln, auf dass
man weise werde, um später einen neuen beschluss
zu fassen, ob denn gutes zu tun sei wider das
bauernland in dem dorfe. und alles wanderte nun
wieder in das rad der beschriebenen papiere.

und die mit den schilden seufzeten laut.
aber der mut hat sie nimmer verlassen,
denn dem heiligen gesetze nach kam jetzt
die stunde der eingaben an das rad. und sie
setzten sich und berieten, was nun zu tun sei.
einige von ihnen hatten alle papiere der "guten
achten" genau gelesen und sie beschrieben,
was in den zeilen und dazwischen stand.

und eine wut kam über sie alle. da war ein grimm
in ihnen und sie arbeiteten tag und nacht und
stapelten briefe zu hauf mit den worten der vernunft
darinnen, auf dass die diener des ra­des einsicht hätten
und abkehr vom baren unsinn entstünde.

der meister aber, der alles in gang gesetzet,
der saß längst auf seinem alten teil, und
er kam nicht wieder. und die dörfler waren gespalten,
denn einigen wenigen unter ihnen und deren
freunden dünkte, von dem hofe vorteile zu erhaschen.
und noch andere freuten sich schon auf die
ge­selligkeit der mannschaften, die sich würden
vergnügen wollen mit hellem Kölsch, dunklem wein,
fröhlichem weib und lautem gesang. denn die karren
sind nicht leicht zu führen.

die dörfler aber hatten derweil einen meister
gewählt, der von sich meinte, er sei helle.
der aber versprach ihnen, misstrauisch zu sein
wider die aus dem verbunde und keinen karrenhof
bauen zu lassen, wenn dem dorfe dafür nichts
gutes widerfahre. und sie warten alle gespannt
bis auf den heutigen tag.

damit er aber daran denke, was er vollmundig
geredet hatte in zeiten der wahl im dorfe
nahe dem karrenweg, drückten die dörfler,
wann immer sie wollen auf den knopf des verlangens,
genannt petition, und jedesmal schlug der
Dünne Pitter im dorfhaus an, auf das der
meister seine worte nicht vergesse, damit
es nicht werde ein
hof der narren.

© 25.02.2016 brmu
geschrieben zu Elsdorf am steilen Tagebaurand

 

Kommentare 1

Gäste - Rumler, Andreas am Sonntag, 28. Februar 2016 13:45

erstaunt vernahmen die menschen im nahe gelegenen Berrendorf
das getöse fast vor ihrer haustür, rieben sich augen und ohren
und begunnen zu fragen. was soll der karrenhof? und: warum hier?
sind wir nicht geschädigt genug durch die land und häuser fressende
großindustrie vor ort? kirchen und burgen – zeugnisse alter kultur
geschreddert und verkippt! durch alle ritzen dringt der dreck!
spaß bringt und freuden das badehaus – doch auch das gibt’s
bereits wenige kilometer nur von heppendorf entfernt.
soll nun der karrenhof uns den garaus bereiten. sie hörten es und
staunten, raunten, noch sei aller tage nicht abend. zur nächsten wahl
sei es noch lang, länger jedoch ihre erinnerung an lokalpolitiker, die
nicht die interessen ihrer bürger zu wahren bereit sind.

erstaunt vernahmen die menschen im nahe gelegenen Berrendorf das getöse fast vor ihrer haustür, rieben sich augen und ohren und begunnen zu fragen. was soll der karrenhof? und: warum hier? sind wir nicht geschädigt genug durch die land und häuser fressende großindustrie vor ort? kirchen und burgen – zeugnisse alter kultur geschreddert und verkippt! durch alle ritzen dringt der dreck! spaß bringt und freuden das badehaus – doch auch das gibt’s bereits wenige kilometer nur von heppendorf entfernt. soll nun der karrenhof uns den garaus bereiten. sie hörten es und staunten, raunten, noch sei aller tage nicht abend. zur nächsten wahl sei es noch lang, länger jedoch ihre erinnerung an lokalpolitiker, die nicht die interessen ihrer bürger zu wahren bereit sind.
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Mittwoch, 28. Juni 2017

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