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Billers zorn

Kritiker, aber auch Verleger,
Lektoren und Buchhändler
bestimmen, was gedruckt wird und wie,
sie sagen, was auf die alles
entscheidenden Verkaufstische kommt,
sie zahlen die Vorschüsse,
sie verleihen die Preise,
sie laden als Verleger zum Abendessen ein.

Und da muss man dann, schon
sehr stark sein, um sich dieser
stillen, raffinierten Machtmaschine
mit ihrer repressiven Toleranz zu
widersetzen –

und um das zu schreiben,
was man wirklich schreiben kann und will.
Aber was sonst sollte man auch
als Schriftsteller tun?“
*

*leicht gestückeltes zitat aus dem langen und zornigen artikel von Maxim Biller, betitelt „Letzte Ausfahrt Uckermark“, in DIE ZEIT no.9, feuilleton seite 45-46

lieber Maxim Biller! der artikel scheint zornig geschrieben und lässt offensichtlich druck ab. druck über den etablierten literaturbetrieb, der alles liegen lässt, was sich seiner meinung nach nicht schnell und leicht vermarkten lässt; literatur als produkt aus schreibprozessen, die vielerorts in schreibwerkstätten und sogar an unis (sie erwähnen Leipzig) erlernt werden kann: herbeigeführte (pseudo-)kreativität.

der schriftsteller soll seine schriften stellen, aufstellen, in das schaufenster der buchhandlungen hineinstellen, daher der begriff. dies in regelmäßigen rhythmen, möglichst rasch und im strom des allgemeinen geschmacks. die verlage sind die broker der ware buch in allen erscheinungsformen, zurzeit noch auf papier, wie etwa die geldnoten des profits auch. aber bücher verflüchtigen sind allmählich ins „e“ wie das geld schon lange ins „online“.

ist es also verwunderlich, wenn in Deutschland in der stillen, raffinierten Machtmaschine literaturbetrieb die einheimischen (Autochthonen) den ton angeben? das ist in allen anderen ländern entsprechend das gleiche. vielleicht ist die so gegeißelte taktik der nicht autochthonen schriftsteller/innen in deutschland, im mainstream der themen und plots zu schwimmen, dazu geeignet, akzeptanz bei der leserschaft zu gewinnen, denn ohne die ist kein gewinn, keine rezeption, kein ruhm. die leser/innen sind folgerichtig in dem system die konsumenten, nicht die rezeptionisten oder rezensenten oder gar germanisten. das sind alle spezialisten für die literaturbewerbung mit eigener brille auf der nase. die leser/innen aber brauchen nahrung. sie „verschlingen“ bücher, wollen neue, bekömmliche nahrung und kaufen wieder und wieder. das macht umsatz! wer kauft ungenießbares, unverständliches, unlesbares, provokantes? da doch lieber als nicht-autochthone brav das schreiben, was chancen hat.

Wer … genau das macht, was man von einem braven Neubürger erwartet, wird von der Rezensions-Nomenklatura auf Händen getragen.“ das mag sein, aber rezension ist nicht rezeption. die rezenison als selbstgefällige beschreibung dessen, was andere inspiriert zu papier gebracht haben, muss jede/r schriftsteller/in aushalten. ihre solidität und dauer ist oft genug begrenzt. wie kommen bücher, die verrissen wurden, plötzlich wieder auf den verkaufstisch? das wäre eine betrachtung wert. und dann daraus lernen, wie die vom literaturbetrieb unbeachteten bei der leserschaft achtung finden. durch themen, die den nerv treffen, durch eine schreibe, die das eigene sprachvermögen nicht überfordert aber auch weiter entwickelt, die eine vertraute ideenwelt antönt, sie behutsam weiterentwickelt, durch eine öffnung des denkhorizontes, der vielleicht verengt ist. kurz: durch intensive resonanz zur leserschaft in ihrer vielschichtigkeit.

aber das wahre übel liegt woanders. wer sich durch erfolg am literaturmarkt korrumpieren lässt und seine eigentlichen themen nicht mehr nach vorne bringt, nur noch bekanntes zu bekanntem hinzufügt, der hat ihnen gemäß, herr Biller, als schriftsteller/in eben versagt. auf die frage, was man sonst gegen die repressive Toleranz tun sollte, hier meine antwort: sich alles von der seele schreiben und dabei an H. C. Artmanns proklamation des poetischen actes denken.

© 22.02.2014 brmu

 

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