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brecht der hecht

AR Exil MG 2480

© 08.01.2018 foto brmu: Andreas Rumler, Exil als geistige Lebensform, buchcover1

Anne Burgmer, freie journalistin in der kulturredaktion des Kölner Stadt-Anzeigers2, startet die wöchentliche rubrik „Mein Kanon“, das jahr 2018 soll zum „Jahr der Lyrik“ erhoben werden. zum auftakt dient das gedicht „Erinnerung an die Marie A.“ von Bertolt Brecht. wer diese Marie A. denn sei, ist ihr „ehrlich gesagt völlig gleichgültig“. das „lyrische Ich“ versuche, das „Dilemma der Liebe auf den Punkt zu bringen“. will heißen, der text zählt und nicht der autor oder seine liebschaften. das hat schon im letzten jahrhundert Roland Barthes als revoltierender rezensent gemeint. der autor sei tot, das war seine parole.

aber dennoch interessieren uns immer wieder autobiographische details, lebensumstände, die die autorinnen und autoren so und nicht anders zum schreiben brachten. im falle von Brecht stillt Andreas Rumler unsere neugier. sein essayistischer band „Exil als geistige Lebensform – Brecht + Feuchtwanger – Ein Arbeitsbündnis“ gibt reich recherchiert in einer großen zahl an zitaten beredte auskunft über die lebensumstände in der zeit des exils dieser beiden, sich verbündet habenden autoren.

das exil als erzwungener blick von außen auf das dem nazismus verfallenden deutschland, auf das sterben einer großen, literarischen tradition, derentwegen dann Feuchtwanger auch in vergessenheit gerät. das erzwing anpassung bis fast zur selbstaufgabe. als exempel dafür sei „Hollywood“ als aktuelles beispiel zitiert:

Jeden Morgen, mein Brot verdienen / Fahre ich zum Markt, wo Lügen gekauft werden./ Hoffnungsvoll / Reihe ich mich ein unter die Verkäufer. - Die Stadt Hollywood hat mich belehrt / Paradies und Hölle / Können eine Stadt sein: für die Mittellosen / Ist das Paradies die Hölle (112)

auf 153 informationspraller seiten wird das arbeitsverhältnis, das Rumler „Arbeitsbündnis“ nennt, um die besondere enge zu verdeutlichen, dieser beiden so unterschiedlichen autoren Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht von anbeginn bis in die nachkriegszeit skizziert, wobei Brecht gut profitiert. das leben im exil (hier Paris) schärft seinen geist in angelegenheiten des schreibens, die noch heute im angepassen sinne geltung haben.

Brecht verfasst den aufsatz „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ (83). als da sind: mut zur wahrheit, klugheit zum erkennen, kunst der agitation, urteil zur auswahl der agierenden und list zum verbreiten der wahrheit.

das gilt nicht nur für literaten. diese fünf aspekte lassen sich auch auf journalisten anwenden: mut zum investigativen journalismus, klugheit zum erkennen der umstände, kunst des recherchierens, urteilskraft über die erkenntnisse und list der diktion in den artikeln. wer wirkung will, muss oft seine angst erwürgen.

Rumlers „Exil“-buch ist kein roman zweier locker beschriebener lebenswege, es ist eine tief recherchierte fundgrube mit bezügen zu auch heutigen zeiten. wer die intention von Brecht verstehen will, der verstehe seine sozialisation, von der Lion Feuchtwanger ein bedeutender teil war. Andreas Rumlers buch kann auskunft geben. Roland Barthes drückt eine auge zu.

© 08.01.2018 brmu
1 Andreas Rumler, Exil als geistige Lebensform - Brecht + Feuchtwanger - Ein Arbeitsbündnis, Edition A B Fischer 2016
2 Kölner Stadt-Anzeiger vom 8.1.2018: Anne Burgmer, Die ganze Welt in ein paar Worten, seite 22

 

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Samstag, 20. Januar 2018

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