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Kutsch im netz9

Axel Kutsch (AK), lyriker und anthologist aus Bergheim/Erft, hat sich neben seinen zwölf gedichtbänden auch mit seinen anthologien einen namen gemacht. die aktuelle reihe trägt den titel „Versnetze – Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart“ und erscheint im Verlag Ralf Liebe. band neun ist in bearbeitung. aus diesem anlass hat litbiss (lb) ein gespräch mit Axel Kutsch geführt.

lb: hallo, herr Kutsch, zum neunten male wird von ihnen ein netz nach versen ausgeworfen. die metapher lädt geradewegs zu der frage ein: fühlen sie sich als dichterfischer?

AK: durchaus! talente zu entdecken und von etablierten dichterinnen und dichtern neue gedichte an land zu ziehen, das ist meine intention.

lb: der innere aufbau der Versnetze nach postleitzahlen und jahrgängen hat eher nichts mit lyrischen aspekten zu tun. was versteckt sich hinter dieser struktur?

AK: wenn man jahr für jahr möglichst die ganze breite und vielfalt unserer gegenwärtigen lyrik quer durch die generationen und regionen „fischen“ will, sollte man keinen filter setzen wie etwa thematische kapiteleinteilungen, die dann oft etwas gequält bestückt werden. es geht mir um die vernetzung aller altersstufen und schreibweisen. dabei ist es interessant, eventuell herauszufinden, ob es stilistische oder inhaltliche unterschiede zwischen autoren aus dem ostem, norden, westen oder süden gibt. so spielen beispielsweise die folgen der wiedervereinigung in gedichten, die im osten entstanden sind, noch immer eine rolle, während sie in anderen regionen nicht mehr thematisiert werden.

lb: ein fischernetz wird in vermuteten reichen fischgründen ausgeworfen, natürlich in der hoffnung auf einen guten fang. haben sie schon kapitale fänge gemacht?

AK: ich unterscheide bei meiner auswahl nicht nach großen und kleinen fischen. gute gedichte von weniger bekannten verfassern sind genau so willkommen wie solche von renommierten poeten wie Ulrike Draesner, Ulla Hahn, Manfred Peter Hein, Günter Kunert, Friederike Mayröcker, Kathrin Schmidt oder Martin Walser, die bisher von mir „vernetzt“ worden sind.

lb: mit anderen worten: was ist das attraktive an ihrem konzept für die gedichtlieferantinnen und –lieferanten, nennen wir sie mal so?

AK: unabhängig von konzepten ist es vor allem für junge talente wichtig, dass sie ein seriöses und beachtetes forum für ihre gedichte finden. manche von ihnen, die inzwischen mit nennenswerten literaturpreisen ausgezeichnet worden sind, haben mir gesagt, dass frühe veröffentlichungen in meinen anthologien ihnen mut gemacht hätten, den begonnenen schriftstellerischen weg intensiv fortzusetzen. und in fast jeder ausgabe kommen weitere talente hinzu. aber auch für viele ältere autorinnen und autoren ist es wichtig, neue texte in diesen sammelbänden zu veröffentlichen. hier erreichen sie in der regel mehr leser als mit eigenen gedichtbänden. schon lessing schrieb vor 250 jahren: wir wollen fleißiger gelesen sein. das gilt nach wie vor gerade bei lyrik, der literaturgattung der meistenteils  kleinen auflagen.

 

lb: im literaturbetrieb hat vieles seinen auftritt. in letzter zeit setzen sich die absolventen aus literaturakademien stark in szene. wie sehen sie das in bezug auf ihr konzept der versnetze-anthologien?

AK: in denen auch akadamie-absolventen veröffentlicht worden sind und werden, so in der neuen ausgabe Bertram Reinecke und Ulrike Almut Sandig, die am renommierten Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert haben. während ich bei so manchem einsender keinen akzeptablen text finde, sind unter den gedichten, die von diesen akademisch geprägten poeten eingereicht werden, immer beiträge, die mich angesichts ihrer dichterischen qualität und frische überzeugen. das gilt natürlich auch für viele lyrikerinnen und lyriker ohne solchen hintergrund. man kann allgemein feststellen, dass unsere gegenwärtige dichtung ein bemerkenswert gutes niveau aufweist, sowohl in der jungen generation als auch bei älteren jahrgängen. einschränkungen lassen sich am ehesten in der sogenannten engagierten literatur machen. gerade verfassern politisch orientierter lyrik kommt es oft darauf  an, plakativ ihre meinung zu äußern, ohne sich eingehender um sprachliches oder inhaltliches raffinement zu kümmern. wenn mir auch bei der auswahl der texte bewußt ist, daß nicht jedes gedicht, das ich aufnehme, ein kleines meisterwerk ist, lege ich doch wert auf sprachliche originalität. platt formulierte meinungsäußerungen, hausbackene schreibweisen oder abgedroschene metaphern haben keine chance.

lb: originalität will gedruckt werden. die versnetze erscheinen im Verlag Ralf Liebe, dem sie unverbrüchlich die treue halten. was ist der grund dafür?

AK: Ralf Liebe ist ein begeisterter drucker und verleger. bei ihm habe ich alle freiheiten dieser welt. er redet mir nicht rein und lässt mich uneingeschränkt  editorisch schalten und walten. das hat man in der maschinerie großer verlage selten, eigentlich  nie. unser verhältnis basiert auf gegenseitiger loyalität.

lb: was in verlagen so intern los ist, das hat Hanns-Josef Ortheil in seinem roman „Die geheimen Stunden der Nacht“ von berufener seite gut nachvollziehbar beschrieben.

AK: nur ein beispiel in diesem zusammenhang: das von Christoph Buchwald hauptverantwortlich seit 1979 herausgegebene sehr bekannte „Jahrbuch der Lyrik“, in dem ich auch einige male als autor vertreten war, machte in den vielen jahren geradezu eine verlagsodyssee. anfänglich bei Claassen erschienen, wurde es dann der reihe nach bei Luchterhand, C.H. Beck. S. Fischer und zuletzt bei der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) veröffentlicht. nun muss kollege Buchwald mal wieder einen neuen verlag suchen. soviel mir bekannt ist, hat er bis jetzt noch keinen gefunden. das ist ein jammer. für lyrik ist in vielen größeren verlagen kaum noch platz. da bin ich bei Ralf Liebe besser aufgehoben.

Ib: wann wird der neue fang, sprich band „Versnetze_neun“ erscheinen, damit man sich darin versenken oder daran reiben kann?

AK: man kann, darf und soll sich sogar an dem einen oder anderen text reiben. ich verspreche wieder, ein zitat von Thomas Kling aufgreifend, einen abwechslungsreichen „wellenritt in riffreicher zone“, bei dem es neben ruhepunkten auch turbulenzen gibt. glatt und langweilig waren meine anthologien noch nie. und mehr als verwunderlich wäre es, wenn bei der vielfalt der gedichte und schreibweisen allen alles zusagte. allerdings waren die zahlreichen rezensionen in den medien bisher fast ausnahmslos positiv.  erscheinen wird die neunte ausgabe, die einen umfang von rund 320 seiten haben wird,  voraussichtlich ende juni 2016. in den kommenden wochen wird sie in der bewährten weise bei Ralf Liebe gedruckt und verlegt – für die treue leserschaft.

dazu gehört auch litbiss. vielen dank für das gespräch, herr Kutsch. im sinne aller beteiligten sei ihnen erfolg aus fairer rezension und interessierter leserschaft gewünscht.  

© 25.05.2016 brmu

 

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