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der kulterer

„Die Erfindung des Gedankens im Menschen erschien ihm als das kostbarste Geschenk, das es gibt.“

gefunden in: Thomas Bernhard, Der Kulterer, Insel-Bücherei nr. 1339, Insel Verlag 2011, seite 19

© 03.11.2014 brmu

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pong ohne ping

Er würde gehen, stundenlang gehen, um sein Verlangen nach der Welt herauszukeuchen, er, ein Meister der Selbstverschwendung, der sich ganz umsonst verschwendete. Sich in den schützenden Umrissen seiner selbst zu halten und dabei glücklich zu sein[,] war ihm nicht gegeben. Pong hatte alles glasklar vor Augen.

aus: Sibylle Lewitscharoff, Friedrich Meckseper, Pong redivivus, Insel-Bücherei 1383, Inselverlag 2013, letzte seite 102

da liegt einer flach
im krankenhaus
unterm schädeldach
wollen worte raus
freundschaft stiftend
spontan formuliert
doch dann vergiftend
Pong spekuliert:
freund mit familie
das wird nicht gehen
bleibt er wie die lilie
auf dem felde stehen
ihm fehlt der ping
zum guten spiel
dies wahre ding
als ball zerfiel

© 18.09.2014 brmu / 702

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verlust

Was wir erleben ist Licht
ei, prophetisch, das gesicht!
Was wir schreiben Verlust
wer hat denn das gewusst?
keiner, möchte’ ich meinen
auf! schön weiter reimen
sonst geht das licht noch aus
steht uns verlust ins haus

zitate aus: Kerstin Hensel, Gewitterfront – Lyrik, Mitteldeutscher Verlag 1991, seite 88, die letzten beiden zeilen aus dem gedicht: „Poetik“

© 13.08.2014 brmu

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leser

Unterschied zwischen Publikum und Leser. Das Publikum beurteilt den Habitus des Autors, der Leser sein Buch.“ (1)

Merke. Der Leser geht nicht zu Lesungen. Er liest. (Personifizierungen des Autors irritieren ihn eher.)“ (2)

der autor braucht die rezension
der schriftsteller die rezeption
zusammen multiplikation
eines lesers in mutation
zu dem käufer der emission
einer neuen buchproduktion

© 22.07.2014 brmu
(1) und (2) aus Wolfdietrich Schnurre, Der Schattenfotograf, Berlin Verlag 2010, S. 233

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schreibtisch

Und jede dieser endlosen Stunden
am Schreibtisch breche ich aus
unserem gemeinsamen Leben heraus.
1

weil in jeder dieser endlosen stunden
am schreibtisch ich ausbreche aus
unserem gemeinsamen leben,

mich zu sehnen

denn in jeder dieser endlosen stunden
am schreibtisch breche ich ein in
unser gemeinsames leben

dich zu suchen

somit in jeder dieser endlosen stunden
am schreibtisch ich unterbreche
unser gemeinsames leben

dich zu finden

© 18.07.2014 brmu
1 Wolfdietrich Schnurre, Der Schattenfotograf, Berlin Verlag 2010, seite 220

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sfd-zahlen.po.s.e

die seit über 20 jahren aktive >schule für dichtung< in wien hatte unter der poetischen leitung von Fritz Ostermayer 2013 eine internetklasse zu dem thema „unfassbare zahlenpoesie“ eröffnet:

längst erscheinen die nachrichten im wirtschaftsteil der zeitungen nicht nur dem betriebswirtschaftlichen laien “unfassbar”. … all das beschert einem homo economicus simplex … ein hirnsausen, dem allein mit rationellen [rationalen] erkenntniswerkzeugen nicht mehr beizukommen ist. deshalb muss wieder einmal die poesie her!“ (1)

und alle willigen im netz waren eingeladen, daran teilzunehmen. das hat bermul mit sechsy beiträgen auch getan. man kann sie hier lesen. nun ist die klasse seit dem 1. 7. 2013 geschlossen und nichts rührte sich mehr, kein erbauliches buchprojekt.

aber die wahre poesie ist zäh, sie hat langzeitwirkung und taucht plötzlich partisanengleich auf, wo man sie gar nicht vermutet: ausgewählte beiträge sind von künstlers hand in ein anderes medium, den künstlerischen film, transferiert worden. tausende worte in aber tausenden, laufenden bildern: "poetry in motion" – von der media design-klasse fh joanneum visualisierte gedichte des sfd-projekts "unfassbare zahlenpoesie". (2)

und ein beitrag von bermul ist dabei – halle.lu:ja. die filme werden im schönen Wien am 25.6.2014 in dem „Top Kino“, Rahlgasse 1, 1060 Wien ab 20uhr bei freiem eintritt gezeigt. auf geht’s!

© 23.06.2014 brmu alias bermul
(1) und (2) zitat von der homepage sfd.at

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krim.skram

„Zur Regelung der Grenzstreitigkeiten wurde schließlich eine spezielle Kommission ein­ge­setzt, und zwischen beiden Staaten wurde ewiger Friede und ewige Freundschaft verkündet. Zur Feier dieser Freundschaft überschritten die Soldaten des Imperators die Grenzen und be­setzten einige Städte und Ortschaften Uzegundijas. Geneigt, jeden Schritt der Regierung des besten Landes der Welt mit feindlichen Absichten zu erklären, formulierte die Regierung Uzegundijas daraufhin einen Protest und forderte den Rückzug der Truppen. Und vielleicht hätte der Imperator, wie so oft, nachgegeben, doch die Bevölkerung der von seinen Truppen besetzten Ortschaften äußert die Bitte, auf ewig Untergebene des Herrschers von Juberallija zu werden. Aufgrund seiner unermesslichen Mildtätigkeit bleib dem Imperator nichts anderes übrig, als dieser Bitte nachzukommen. Und seine neuen Untergebenen würden sich noch bis zum heutigen Tag an der gewünschten Freiheit und Zufriedenheit erfreuen, so wie Juberallija sich am Frieden erfreute, wenn die hinterliste Regierung Uzegundijas die Truppen des Impe­ra­tors nicht heimtückisch angegriffen hätte. Denn im Unterschied zur europäischen Ordnung war hier jede Kriegserklärung einer Staatsmacht unwürdig: Regierungen schlossen Frieden. Ein Krieg begann üblicherweise aus sich heraus und zumindest ohne Wissen friedliebender Herrscher.“ (1)

Krims.kram

schon die nerds im mittelalter
der menschheit wussten so
alchimistisch tief zu raunen:
wie im großen so im kleinen
wie weit oben so ganz unten
da steht man nun außen und
staunt nicht schlecht von
einem zum anderen blickend
schier unmöglich zu sagen
which was which
(2) & who was who
& who was which & which was who

in that present political zoo

© 31.05.2014 brmu
(1) aus Michail Kozyrew, Die fünfte Reise Lemuel Gullivers – Satirischer Roman, persona verlag 2005, seite87/88 – der nicht ohne grund jahrzente verboten war, denn satire ist für der ätzende säuretropfen auf das tarnen und täuschen der imperatoren aller couleur. sein autor musste sie im Gulag mit dem leben büßen.

(2) aus George Orwell, Animal Farm, Pengiun verlag 1989, schlusssatz: „The creatures outside looked from pig to man, and from man to pig, and from pig to man again; but already it was impossible to say which was which.“

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nur

Es ist doch nicht zuviel,
worum ich bitte.
Nur eine Nische, wo ich unbehelligt bin,
Brosamen, aus denen ich Gedichte machen kann,
eine kleine Notiz im Feuilleton.
Ich sage dir,
wenn es noch lang so weiter geht,*

dann
wird sich mein herz
verhärten mein verstand
wird verdumpfen mein gefühl
es wird eskalieren derweil meine seele
pfeilte von der sehne ab dem
unsteten geiste drein der
dein herze sucht
dann

© 03.03.2014 brmu / 601
*) zitat aus dem gedicht „Ein Bettelbrief“ von Walle Sayer: Zeitverwehung – Gedichte, Verlag Wilfried Eppe, 1994, seite 71

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Billers zorn

Kritiker, aber auch Verleger,
Lektoren und Buchhändler
bestimmen, was gedruckt wird und wie,
sie sagen, was auf die alles
entscheidenden Verkaufstische kommt,
sie zahlen die Vorschüsse,
sie verleihen die Preise,
sie laden als Verleger zum Abendessen ein.

Und da muss man dann, schon
sehr stark sein, um sich dieser
stillen, raffinierten Machtmaschine
mit ihrer repressiven Toleranz zu
widersetzen –

und um das zu schreiben,
was man wirklich schreiben kann und will.
Aber was sonst sollte man auch
als Schriftsteller tun?“
*

*leicht gestückeltes zitat aus dem langen und zornigen artikel von Maxim Biller, betitelt „Letzte Ausfahrt Uckermark“, in DIE ZEIT no.9, feuilleton seite 45-46

lieber Maxim Biller! der artikel scheint zornig geschrieben und lässt offensichtlich druck ab. druck über den etablierten literaturbetrieb, der alles liegen lässt, was sich seiner meinung nach nicht schnell und leicht vermarkten lässt; literatur als produkt aus schreibprozessen, die vielerorts in schreibwerkstätten und sogar an unis (sie erwähnen Leipzig) erlernt werden kann: herbeigeführte (pseudo-)kreativität.

der schriftsteller soll seine schriften stellen, aufstellen, in das schaufenster der buchhandlungen hineinstellen, daher der begriff. dies in regelmäßigen rhythmen, möglichst rasch und im strom des allgemeinen geschmacks. die verlage sind die broker der ware buch in allen erscheinungsformen, zurzeit noch auf papier, wie etwa die geldnoten des profits auch. aber bücher verflüchtigen sind allmählich ins „e“ wie das geld schon lange ins „online“.

ist es also verwunderlich, wenn in Deutschland in der stillen, raffinierten Machtmaschine literaturbetrieb die einheimischen (Autochthonen) den ton angeben? das ist in allen anderen ländern entsprechend das gleiche. vielleicht ist die so gegeißelte taktik der nicht autochthonen schriftsteller/innen in deutschland, im mainstream der themen und plots zu schwimmen, dazu geeignet, akzeptanz bei der leserschaft zu gewinnen, denn ohne die ist kein gewinn, keine rezeption, kein ruhm. die leser/innen sind folgerichtig in dem system die konsumenten, nicht die rezeptionisten oder rezensenten oder gar germanisten. das sind alle spezialisten für die literaturbewerbung mit eigener brille auf der nase. die leser/innen aber brauchen nahrung. sie „verschlingen“ bücher, wollen neue, bekömmliche nahrung und kaufen wieder und wieder. das macht umsatz! wer kauft ungenießbares, unverständliches, unlesbares, provokantes? da doch lieber als nicht-autochthone brav das schreiben, was chancen hat.

Wer … genau das macht, was man von einem braven Neubürger erwartet, wird von der Rezensions-Nomenklatura auf Händen getragen.“ das mag sein, aber rezension ist nicht rezeption. die rezenison als selbstgefällige beschreibung dessen, was andere inspiriert zu papier gebracht haben, muss jede/r schriftsteller/in aushalten. ihre solidität und dauer ist oft genug begrenzt. wie kommen bücher, die verrissen wurden, plötzlich wieder auf den verkaufstisch? das wäre eine betrachtung wert. und dann daraus lernen, wie die vom literaturbetrieb unbeachteten bei der leserschaft achtung finden. durch themen, die den nerv treffen, durch eine schreibe, die das eigene sprachvermögen nicht überfordert aber auch weiter entwickelt, die eine vertraute ideenwelt antönt, sie behutsam weiterentwickelt, durch eine öffnung des denkhorizontes, der vielleicht verengt ist. kurz: durch intensive resonanz zur leserschaft in ihrer vielschichtigkeit.

aber das wahre übel liegt woanders. wer sich durch erfolg am literaturmarkt korrumpieren lässt und seine eigentlichen themen nicht mehr nach vorne bringt, nur noch bekanntes zu bekanntem hinzufügt, der hat ihnen gemäß, herr Biller, als schriftsteller/in eben versagt. auf die frage, was man sonst gegen die repressive Toleranz tun sollte, hier meine antwort: sich alles von der seele schreiben und dabei an H. C. Artmanns proklamation des poetischen actes denken.

© 22.02.2014 brmu

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königsweg

Der Königsweg ins Reich
der Poesie führt seit jeher
über Anthologien*
-
sagt einer, der es wissen will
der seinen filter hat und
ihn für überaus wichtig hält
eine collection auszusieben
damit man einen trend erkenne
den am rande, nicht mittig
gedichte sind perlen die auf
den schnurkreis gehören so
eine kette bildend für das
schöne und schreckliche im
wort liegt der anfang vom
ende sprechen sie uns auch

© 13.02.2014 brmu
* meint Peter Hamm in DIE ZEIT No. 8 vom 13.2.2014 im feuilleton seite 55 über die anthologie von Roger Perret (Hrsg.), Moderne Poesie in der Schweiz, Limmat Verlag 2013

 

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Mankells fehlentscheidung

formals sprachst du, Henning, nicht wahr, noch dieses: „Wenn man älter wird, muss man sich vor allem entscheiden, was man nicht mehr machen möchte."* dann aber kam die diagnose im schleichenden krebsgang, die jeden in den kampf um die perspektive des lebens würfe, wie du in einer regionalzeitung schreibst, wie wahr. die wahrheit: zweifelhafte gewissheit auf gewinn: an publizität auf jeden fall. oh, Henning besinne dich! denn Herrndorf lässt tödlich grüßen.

der poetische act
sei dichtung um
ihrer selbst willen
frei von ambition
nach anerkennung
lob und kritik so
nicht Wallander, es
sagt H.C. Artmann
mitte des üblen
jahrhunderts -
vergeblich

© 30.01.2014 brmu
bezug: André Anwar schrieb den artikel „Henning Mankell ist an Krebs erkrankt“ im KStA vom 30.1.2014, darin das zitat*

 

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Humboldt schon

Die Tropenwälder fällt man, brennt man ab,
die „Waldvernichtungsrate“ liegt pro Jahr
bei etwa zwanzig Millionen Hektar.
Der Ablauf: Nutzholz wird herausgeholt,
der große Rest wird abgebrannt, gerodet,
die Asche düngt den Boden knapp zwei Jahre;
den Nährstoff, löslich, nahm die Pflanzendecke auf,
doch die ist nun zerstört, die Erosion beginnt;
Versteppung, bald auch Wüste; Klimawechsel.
Ballade von der großen Weltzerstörung -
die braucht, bei größter Kompression der Daten,
zu viele Zeilen: ein Gedicht erstickt daran.
Weit mehr als 1000 Seiten lang: Bericht
an einem längst schon abgewählten Präsidenten;
ich les das Buch kapitelweise, setze Zeichen,
das Hirn, es nimmt sich selbst in Pflicht;
als Kür jedoch –

das prosagedicht (anfang zitiert) mit dem titel „Humboldt, eine Episode“ von Dieter Kühn steht in seinem gedichtband „Schnee und Schwefel“ im Suhrkamp Verlag 1982, seite 52-54, es endet mit den zeilen: „Ballade von der großen Weltzerstörung fortgesetzt / mit neuen Wörtern, Namen, Daten, Fakten –

unvollendete ballade fort laufender welt zerstörung

Humboldt, du beschriebst: was war
wer beschreibt der frevel schar
die wir heutigen verbrechen
wer bezahlt die hohen zechen
die in der wirt.schaft sind bestellt
¡ die mor-gi-gen-n-n ! das echo gellt
in grauen häuserschluchten ständig
wo das pflaster erosion gebändigt
damit der staub nicht lästig sei
die menschheit brütet auf dem ei
der lehm geschaffenen Πανδώρα
schon längst versagen ora et labora
sprüch’: ein gedicht erstickt daran
sprachbetäubung* steht uns dann

© 21.01.2014 brmu
*zitierter titel eines weiteren gedichtes, s. o., seite 86-87

 

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geduld

„Da gibt es kein Messen mit der Zeit, da gilt kein Jahr, und zehn Jahre sind nichts, Künstler sein heißt: nicht rechnen und zählen; reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht ohne die Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch. Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos still und weit. Ich lerne täglich, lerne es unter Schmerzen, denen ich dankbar bin: Geduld ist alles!

das schreibt vor über hundert jahren Rainer Maria Rilke dem Franz Xaver Kappus in einem brief vom 23. April 1903, entnommen aus: Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, Bibliothek Suhrkamp, band 1022, 1989, seite 23

geduld sei alles
was, wenn talente
fehlen und esprit,
wenn der spirit nicht
stimmt und keine
kreativität dir lacht,
wenn alles nur ein
handwerk ist und
der clou darin verfehlt
geduld ist dann
ein nichts

© 20.01.2014 brmu

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richtiges leben

Theodor Weißenborn meint: Der richtig Lebende* …

1.     genießt das Leben … in seiner ganzen Fülle und Vielfalt …, so dass er … aus einem Minimum an Gaben ein Maximum an Genuss, Freude oder Glück beziehen kann.

2.     ist liebes- und gemeinschaftsfähig und steht in lebendigem Kontakt zu seinen Mitmenschen, so dass er … auch allein leben kann, ohne zu vereinsamen.

3.     traut seinen Sinnen, bedient sich … seines Verstandes, steht zu seinen Überzeugungen und Werthaltungen und verteidigt diese … gegen … Mehrheiten Andersdenkender.

4.     [betrachtet] frei gewählte berufliche Aufgaben … als Herausforderung, die ihn zu Engagement und Leistung beflügeln.

5.     wählt aus einem großen Repertoire von Verhaltensmöglichkeiten … jene …, die  die größere Wert- und Sinnfülle verspricht.

6.     betrachtet Konflikte als Zeichen lebendigen Daseins, … sucht sie … gewaltfrei, verbal, freimütig und möglichst konstruktiv zu lösen … .

7.     wandelt sich lebenslang, aufsteigend, fortschreitend, wachsend wie ein Baum … .

8.     verzeiht sich Schwächen, Irrtümer, Fehler und lässt … Schmerz, Trauer und Tränen zu. er erlaubt sich Phasen der Erschöpfung … und schließlich den Tod.

9.     spielt mit Kindern …. [

10.  hat Humor.

*auszug aus dem artikel von Theordor Weißenborn, betitelt „Was ist <richtiges Leben>?“, in frei denken. liebre pensée. libero pensiero, Freidenker-Vereinigung der Schweiz, 93. Jahrgang, Nr. 7/8 2008, Seite 6

meine gedanken dazu: die nummerierung weist auf eine rangfolge hin oder gar wertigkeit und es ist interessant zu schauen, ob die zehn maximen untereinander vernetzt sind, sich gegenseitig stützen und ein ganzes ergeben:

(1) lebensgenuss. im anfang war das wort. hier: der epikuräische genuss des lebens, aber ohne hab- oder raffgier, sondern bescheiden mit dem, was man hat. ein kluger start, denn der neid auf das mehr des anderen begründet den abgrund der vielen, die gesellschaftlichen konsensbrüche.

(2) lebensfreude. folgerichtig bedingt der grundsatz des lebensgenusses die zugewandtheit zu mitmenschen, und das in liebenwürdiger weise, die sogar auch – zeitweilig? –  ein alleinsein erträgt. gerade in der stille und ruhe der distanz, wir denken an meditation und zurückgezogenheit, liegt die möglichkeit der selbsterkenntnis und selbstregulierung.

(3) rationalität. ob zu- oder abgewandt, dem eigenen, gesunde menschenverstand als innerer instanz wird vertraut ohne einredungen oder verführungen dritter. so bleibt sich der richtig lebende treu in seinen haltungen, die er von wem oder was erworben hat? hier klafft erklärungsbedarf: was ist gut, was ist schlecht im sinne der ethischen normen. es kann nur der allgemeine konsens der gesellschaft sein, in dem der richtig lebende sein dasein hat.

(4) berufung. in dieser konsensgesellschaft wird der frei gewählte beruf zur berufung durch engagement und leistungswille mit dem ziel, erfolgreich zu sein für sich und andere, phasen der mühsal werden durchgestanden. was aber ist mit den vielen, nicht frei gewählten berufen, die lediglich des broterwerbs wegen erduldet werden? hier können die grundsätze (2) und (3) helfen, besserungen herbei zu führen.

(5) ethik. trotzdem wählt er immer die variante seiner handlungsmöglichkeiten, die allen mehr positive optionen eröffnen. wollen aber andersdenkende seine konsensgesellschaft verändern, so zieht sich der richtig lebende nicht in die epikuräische genusswelt zurück, sondern verteidigt seine wertvorstellungen aktiv und konsequent. er nimmt auch nachteile für sich dabei tapfer in kauf. es kann sein, dass er in individuellen, extremen situationen zum schutze dritter töten muss. er wird sich veranworten dafür.

(6) konfliktfähigkeit. überall, wo menschen zusammen leben, ist der konflikt eine natürliche daseinsform, die regeln braucht, um nicht in aggression umzukippen. diese regeln sind gesellschaftlich zu finden und im konsens stets weiter zu entwickeln. der richtig lebende stellt sich konflikten und sucht diese im sinne der optionserweiterung der konfliktparteien zu bewältigen.

(7) persönlichkeit. um all das leisten zu können, bedarf es einer steten weiterentwicklung bis zur reife der persönlichkeit, man nannte das früher eine/n weise/n. in der welt sein heißt, zu wachsen am körper und im geiste, sich wie ein baum in boden und himmel zu verzweigen, aufnehmen, umsetzen und abgeben, teil nehmen lassen, damit andere auch wachsen können.

(8) grenzen. das wachstum hat seine grenzen allüberall. es tritt eine natürliche reife ein, eine ernte und dann das absterben. schwächen und deren emotionale ausdrucksformen werden souverän zugelassen, krankheit und tod gehören selbstverständlich dazu. keine flucht möglich, es gibt nur scheinlösungen einer schlecht beratenden gesellschaft blinder fürsten.

(9) spiel und spaß. dies alles wissend, löst sich die innere gefangenschaft des erwachsenseins. das kann gefeiert werden, am besten im spiel ohne nutzen, ohne ziel, ohne zweck, ohne um irgendetwas, allein im spiel mit kindern geteilt, kinder als noch hoffnungsstrotzender teil der zukunft im huj. kinder als sinn des lebens, ihr wohlergehen und ihre möglichkeiten, zu persönlichkeiten zu werden. es gibt nichts wichtigeres! dabei sollen die tiere als teil der von menschen verdrängten umwelt einbezogen sein, besser noch auch alles andere, was die natur noch zu bieten hat.

(10) humor. weise sind heiter, lachen vornehmlich über sich selbst. nichts kann ihr wertesystem erschüttern. das ist  im lächeln und lachen für alle weithin sichtbar: souveränität menschlichen daseins. lachen löst den krampf, lachen löst den kampf widermenschlichen verharrens. also schützt in besonderer weise die weisen und die kinder! daran soll/en alle&alles gemessen werden. auch du!

© 14.01.2014 brmu

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Rilkes tipp

geduld ist alles!

die eigene stille,
ungestörte entwicklung,
die … aus innen kommen muss
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann.

alles ist austragen und
dann gebären.*

und es handelt sich darum,
alles zu leben.
leben sie jetzt die fragen.
vielleicht leben sie dann
allmählich, ohne es zu merken,
eines fernen tages
in die antwort hinein.**

zu einem gedicht kompilierte aussagen aus Rainer Maria Rilkes briefen an den jungen dichter F.X. Kappus: *brief vom 23.4.1903 und **brief vom 16.7.1903 (Insel Verlag 1950)

Rilkes tipp rief er mir
zu meiner qual derweil
im hamsterrad ich ihn
vor quietschen kaum
verstand hat der spruch.

im absprung läge jetzt
die lösung von der hatz
der antwortquälerei da
das rad nicht steht bis
in der grub’ du liegst.

meditation in der sauna
treibt irrtümer aus in
die genügsamkeit von
goetheanischer schau
mal dich um im land

© 08.01.2014 brmu

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familien.bande

(für Martin&Thomas im stress)

das wort familienbande
hat einen beigeschmack
von wahrheit*

und kommst du nicht zurande
und fuckt dich alles ab
ohn’ klarheit

dann ist es keine schande
dann bleibt er dran, der lack
ohn’ falschheit

wenn die familienbande
ganz ohne beigeschmack
aus echtheit

benötigt wird am rande
für großen möbelpack
für freiheit

der bruder aus dem lande
der kommt, der ist auf zack
ein highlight

es halten alle ohne schande
zusammen ohne knack
für einheit

© 27.12.2013 brmu
*zitat von Karl Kraus aus „Sprüche und Widersprüche“ (1909)

 

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nemo=niemand

niemand
ist frei von mühsal
niemand
von eigenem schmerz
niemand
bewirkt sein eigenes schicksal
niemand
vermag es zu lenken

den wahren ausgang
kennt niemand zuvor
vollkommen glücklich
wird niemand sein
bevor er stirbt

ist denn da niemand
der mich hört
niemand der mir hilft
niemand der mir
die toten zurückruft
die ich verloren
in diesem leben

1613 antonius praetorius (1560 – 6.12.1613), kämpfer gegen folter in den hexenprozessen, porträtiert in der biographie von Helmut Hegeler „Anton Praetorius“ im Eigenverlag; das gedicht wurde verlesen in der sendung WDR5 ZeitZeichen am 6.12.2013: „1613 – Todestag des Pfarrers Anton Praetorius

 

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lyrisiert

zitate aus Milan Kundera, Die Langsamkeit, Carl Hanser Verlag 1995, zusammengestellt zu einem leitgedanken:

was ein autor doch vermag
lyrisiert er so den tag
obsessiv und ohne klag

in revolte gegen wass
mit und ohne diesen hass
oder nur für seinen spass

verwandelt er die existenz
ob im winter ob im lenz
auf dass ruhm ihn schier umkränz

bis vergessen alles nichtet
niemand seine worte wichtet
er mit narrenkappe flüchtet

„Die Welt verändern! … eine Ungeheuerlichkeit! Nicht weil die Welt so, wie sie ist, wunderbar wäre, sondern weil … jeder öffentlich gewordene Gedanke sich früher oder später gegen seinen Autor wendet und ihm das Vergnügen raubt, das er daran hatte, ihn gedacht zu haben.“ (25-26)

„Der Ruhm hat seine ganze Freiheit verschlungen, und jetzt weiß er: nur ganz leichtfertige Geister können sich heute noch darauf einlassen, den Schmortopf der Berühmtheit freiwillig hinter sich herzuziehen.“ (42)

„… jede neue Möglichkeit, die sich der Existenz eröffnet, sogar die am wenigsten wahrscheinliche, verwandelt die ganze Existenz.“ (43)

„Das Leben dieses Dichters ist eine Lehre, die uns daran erinnern wird, dass alles, was wir machen, sei es Lyrik oder Wissenschaft, Revolte ist. … Denn der Mensch befindet sich immer in der Revolte. … Die Revolte gegen die Conditio humana, die wir nicht gewählt haben.“ (77-78)

„Es gibt in der Tat einen Umstand, wo selbst die schwächste Stimme gehört wird. Wenn sie Gedanken ausspricht, die uns irritieren.“ (82)

„… mit anderen Worten, er ist nur in der Lage, über seine herrlichen … Obsessionen zu sprechen, indem er sie lyrisiert; indem er sie in Metaphern verwandelt.“ (96)

„… der Grad der Geschwindigkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität des Vergessens.“ (41) - „…: unsere Epoche ist besessen von dem Verlagen nach Vergessen, und um sich dieses Verlangen zu erfüllen, hat sie sich dem Teufel der Geschwindigkeit verschrieben; …“ (131)

„Ohne um seine Erlaubnis zu bitten, hat man ihm eine Narrenkappe aufgesetzt, und er fühlt sich nicht stark genug, sie zu tragen. In seinem Innern vernimmt er die Stimme der Revolte, die ihn auffordert, seine Geschichte zu erzählen, sie so zu erzählen, wie sie war, sie mit lauter Stimme der ganzen Welt zu erzählen.“ (143)

© 04.12.2013 brmu

 

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TvE

„Es ist in dieser monarchisch
verfassten Kirche nun einmal
so, dass selbst ein unfähiger,
uneinsichtiger und
offensichtlich kranker Bischof
wie TvE durch nichts und
niemanden aus dem Amt
zu befördern ist, es sei denn
durch den Papst“
,
so der kirchenrechtler prof.
Thomas Schüller in einem
interview mit Joachim Frank,
im Kölner Stadt-Anzeiger
am 9.10.2013 veröffentlicht

auf güldenem gestühle petri
sitzen nicht krethi und plethi
da weilen welche mit hahn
der bis heute krähet:!alarm!
was Jesus wohl meinen tät
über so einen, der ihn verrät
für schlappe 31 millionen
selbstherrlicher missionen
aus so genannten eigenmitteln
die gläubigen an börsen zippeln
irgendwo steht geschrieben
man entferne ihn mit hieben
oder irre ich mich da

© 10.10.2013 brmu

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bacons finsternis

Wilfried Steiner, Bacons Finsternis, Deuticke Verlag 2010, seite 22; der ich-erzähler, Arthur Valentin, versucht, über den weggang seiner frau Isabel hinweg zu kommen:

„Ich saß und trank und aß und wartete. Gelegentlich fasste ich Mut und griff mir ein Buch. Hier waren sie doch, meine privaten Gegenwelten, jahrzehntelang durchstreunt, gesicherte Hochplateaus für den Flüchtling aus den Niederungen des Alltäglichen. Ich musste nur wieder dort hinauf, schon wäre ich gerettet! Doch beim Lesen verlor ich rasch den Halt, rutschte auf den Sätzen aus, kollerte über Absätze hinweg und kam erst auf dem Grund der Seite zum Liegen. Dort lag ich dann, auf dem Rücken; Ärmchen und Beinchen zappelten dem fernen Himmel entgegen. Kletterte über einzelne aus den Textblöcken ragende Wörter wieder nach oben, hielt mich kurz fest an einer wundervollen Wendung, zog mich hoch an einem Bild, war wieder ganz oben, bereit für den kontrollierten Abstieg, schön langsam, ein Schritt, ein Gedanke nach dem anderen, doch schon brach wieder ein Stein weg, und eine Lawine aus Geröll riss mich zurück ins Tal.“

an die leser/innen:
das liegt nicht am buch
an der falschen wahl
am unscharfen lesen
denn wirrnis ist fluch
oft und allzumal
aus verstörtem wesen
von außen und innen

© 23.08.2013 brmu

 

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unsere freiheit

Katharina Hacker schreibt in ihrem buch „Eine Dorfgeschichte“, im S. Fischer Verlag 2011 erschienen, auf seite 125 eine abschlussformel:

„Es war nie alles voller Geheimnisse, für uns jedenfalls nicht. Wir wussten nur vieles nicht voneinander, lebten auf Inseln inmitten von Unbekanntem, und keiner störte sich, wenn noch mehr Unbekanntes dazu kam. Das war unsere Freiheit.“

… unser aller freiheit ist
was der andre uns zu bemisst
daraus folgt im umkehrschluss:
mach’ dem andern kein verdruss

vice versa geht das gut
spart so manchen liter blut
aber man kommt nicht vom fleck
das geheimnis das muss weg

transparenz fragt cui bono
bereichert so der freiheit konto
wenn’s darob null antwort gibt
schnell ins gegenteil sie kippt

© 01.08.2013 brmu

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ge.eich.t

Günter Eich, Fünfzehn Hörspiele, Suhrkamp Verlag 1966 / hörspiel „Träume“, dort: „Fünfter Traum“, schluss von "Wacht auf" (1950) auf seite 88:

Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind! […]
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt!

intertextuell verändert:

Hein, mach’ dicht,
während die ordos
der welt geschäftlich sind!
tu’ das unnütze,
ring’ sie nieder,
wie mans vom jungen
spund nicht erwartet!
sei unbequem, sei sand,
nicht öl im geschiebe
ums geld!

© 27.07.2013 brmu

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paranoia

Matt Damon, Harvard absolvent in literatur, ist ein bekannter, us-amerikanischer schauspieler, demnächst wieder auf der leinwand zu sehen in dem gesellschaftskritischen science-fiction-film „Elysium“. er wurde von Katja Nicodemus in DIE ZEIT nr. 30 (18.7.2013) interviewt. er führt unter anderem aus:

„Die Fragen, die diese Filme stellen, treiben mich um. …Genauso verstört mich die Paranoia der Geheimdienste, der Übergang einer Gesellschaft in einen Überwachungsstaat. Mich verstört, dass mein Land … Drohnenangriffe in Auftrag gibt. … Allein die Vermutung, dass sich jemand in Zukunft auf eine gewisse Weise verhalten könnte, genügt, um ihn ohne Prozess zu exekutieren. Das ist nicht zu rechtfertigen und verstößt gegen die Verfassung. Sie sehen, es gibt genügend Gründe, mit Regisseuren zu arbeiten, die sich Fragen zu unserer Demokratie stellen.“

an anderer stelle im selben interview gibt Matt Damon quasi ein statement ab: „Ich denke, dass die Entwicklung des menschlichen Intellekts in Verbindung mit neuen Technologien uns in Kontakt mit einer tieferen Menschlichkeit bringen könnte.“

nun, Matt Damon, lass stecken
der dämon ist die konstruktion
des hirns der menschen, denn
hiebundtriebundlieb sind web
fehler der kreativen götter oder
evolutionsflops, such es dir aus
den technologien saugen wir
das tödliche ob drohne oder
datennetz, dem letzten machts das
licht aus und die erde gebiert
neues spiel neues glück doch
nicht für uns in paranoia und
kein arzt der heilen könnt’

© 18.07.2013 brmu

 

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hölle

Stephan Wackwitz lässt in seinem essay-band „Selbsterniedrigung durch Spazierengehen“, im S. Fischer Verlag 2002 erschienen, auf seite 59 diesen aphorismus ab, sicher nichts ahnend von ennessäi + konsorten:

„Das Fest, das nicht mehr aufhört, ist die Hölle.“

peta-bytes, die jubeln sie sich rein
das wird schon für was nütze sein
die algorithmen kriegen macht
ganz unbemerkt und sacht by sacht

der torrero, festlich, wird verdächtig
gleicht dem unwort aber mächtig
der beruf, der stirbt nun leider weg -
höllisch kollateral, oh schreck

das wollten wir so aber nicht
quaken polköpp nicht ganz dicht
paranoia zieht nie stecker
und das geht schon auf den wecker

das sei alles für die sicherheit,
so und ähnlich uns die lüge speit
doch ganz praktisch denke dran:
datenverlust? rufe die amis an!

© 16.07.2013 brmu

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nö, dichter sind

Vielleicht ist ein Dichter ein ungeduldiger Mensch, der so schnell wie möglich ins Buch will.

zitiert aus der poetologischen Tagebuchkomposition von Paul Wühr, Der Faule Strick, Hanser1987, seite 10

nö, dichter sind ...

was dem dichter widerstrebt
zu dulden, heißt zulassen
gedulden meint, erfassen
was einem selbst zu wider geht

die ungeduld die ist kein gut
wer wollte denn so dichten
der kann nur immer richten
alle welten mit glut und wut

sie mit worten konterkarieren
tiefgründig und ohne fluch
scharfkantig im nächsten buch
andere werden’s prämieren

© 05.06.2013 brmu

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morsbachs thesen

Petra Morsbach fasst in ihrem essayband „Warum Fräulein Laura freundlich war", erschienen im Piper Verlag 2006, auf seite 31 ihre ausführungen „Über die Wahrheit der Sprache“ (seite 11) in sechs thesen zusammen. Morsbach schreibt,

1.     sprache sei ein erkenntnisinstrument,

2.     erzählen sei ein erkenntnissystem,

3.     individuelles erzählen sei ein erkenntnisvorgang,

4.     deshalb zeichne die sprache leistungen und fehlleistungen der erzähler auf,

5.     darum könnten leser auch aus fehlleistungen erkenntnisse über autoren gewinnen

6.     und schreibende auch aus eigenen fehlleistungen erkenntnisse über sich gewinnen.

aus ungeprüften hypothesen (annahmen aus der anschauung) ergeben sich nach genauerer betrachtung thesen (empirie), wie in dem buch von p.m., woraus sich nach breiter diskussion eine theorie (ojektivierte, allgemeine regel: immer dann, wenn …, ist dies und das) ableiten lässt, die so lange gültigkeit hat, bis sie widerlegt werden kann.

es wäre schön, wenn sich dieses wissenschaftsprinzip in den literaturbetrieb einschleichen könnte, der objektivität willen. besonders these 6 wäre ein grund, die flut der veröffentlichungen zu bremsen. aber so funktionieren geisteswissenschaft und literatur nicht! Sie sind ein stetes um- und umwälzen von gedanken (permutation), die mehr oder weniger im konsens mit anderen denkern stehen. der widerspruch ist hier im gegenteil der anreiz, weiter zu denken und zu schreiben, eine endlose flut von hypothesen, mehr oder weniger schön (ästhetisch) zu lesen.

© 05.05.2013 brmu

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litbiss: der geist der strophen wirbelt...

einen literaturblog zu schreiben ist eine sache, einen lyrikband zum druck zu bringen eine andere. ich habe dabei eine menge gelernt, wie man es nicht machen sollte und wie es dann doch erfolgreich funktioniert. dabei möchte ich allen, die mir dabei selbstlos mit rat und lektorat geholfen haben, aus vollem herzen danken.

litbiss geist-gedichtband

mein debüt hat den titel „litbiss: der geist der strophen wirbelt dich herum“. drei aspekte haben mich beseelt. der eine steckt im begriff des debüts, gemeint ist keine eintagsfliege vorzulegen, es sollen noch weitere werke folgen. die notizbücher sind voll. der andere zitiert den blog litbiss, der mir eine liebe und wichtige, tägliche übung ist. und drittens wollen meine gedichte wirbeln: resonanz erzeugen und innere wirkung auslösen.

liebe leserin, lieber leser, schreiben sie mir als kommentar, ganz unkompliziert, ob mir das mit meinem lyrikband gelungen ist. konstruktive sätzte in den kommentaren (rezensionen) sind schätze im geiste der autoren. eine erste rezension von Dr. R. Hahn (FSB) liegt inzwischen vor (19.4.2013)! Und eine zweite von Theo Zindler findet sich in der rubrik >gast<.

© 16.04.2013 brmu
ergänzt 30.4.2013, ergänzt am 06.9.2014:

auszug aus der rezension von "My Way" vom 3.7.2014 bei AMAZON:

"Gedichte haben keine Konjunktur, ... Deshalb überrascht es immer wieder, dass Autoren ... sich die Mühe machen, Ideen und Erfahrungen in gebundener Sprache, ..., zu formulieren. In dem vielstimmigen Chor neuer deutscher Lyriker ist hier mit Bernhard Ulbrich ein Autor zu entdecken, der knapp und präzise, mit Witz und Verve, schlagfertig und sensibel, stets pointiert und originell in seinen Ansätzen oder Wort-Findungen und ungewohnten Kombinationen, seine Gedanken zu Papier bringt. Spaß macht es, mitzuerleben, wie er seine mitunter bizarren intellektuellen Volten schlägt, scheinbar Altbekanntes neu sehen, durchschauen und erkennen lässt. ..."

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fensterbuch

Seines zeichens prominenter literaturkritiker in der ARD, verriet jüngst Denis Scheck in seiner neuen wohnung den geheimen nutzen einer gut sortierten, privaten bibliothek:

Ich finde, man sollte nur noch
lesen und immer wieder doch
Sex mit Menschen haben,
sich an dichtung laben,
die tolle Bücher in ihrem Regal
so tolle fenster mit einem fanal:
stehen haben!*
lebensladen!

© 05.04.2013 brmu
*Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger 79 vom 5.4.2013, darin Bücher Magazin, Seite 08, Artikel von Kerstin Meier in der Reihe „Blick in die Bibliothek“; im schrägdruck das originale zitat.

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wahrheit denken

George Steiner schreibt in seinem Buch „Warum Denken traurig macht – zehn mögliche Gründe“, erschienen bei Suhrkamp 2006, einen geradezu erhellenden Essay über das Denken. Man müsste das ganze Buch zitieren – besser kaufen und durchackern!

Seite 33: Wo immer das Denken auf >Wahrheit< abzielt und sie beschwört, relativiert es dieses Kriterium schon im Augenblick des Hinweisens.

Seite 35: Je ungestümer der Druck des Denkens, desto widerstrebender die Sprache, in die es eingeschlossen ist. Die Sprache, …, steht dem monochromen Ideal der Wahrheit feindselig gegenüber. Sie ist mit Mehrdeutigkeit, vielstimmiger Gleichzeitigkeit gesättigt. Sei erfreut sich an phantastischen Konstruktionen, für die es keinerlei Belege gibt.

Seite 57: Wir rennen, oft blindlings, mit aller Macht gegen unfassbare und doch unnachgiebige Sprachwände an. Der Dichter, der Denker, die Meister der Metapher hinerlassen Kratzer in dieser Wand.

wohlan sagten da die dichter dieser welt
dann lasset uns also kratzen an den wänden
der eingeschlossenheit und aus gedanken
splittern einen lyrischen rammbock machen

© 11.01.2013 brmu

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kürze schreiben

Der Augenblick der Arbeit ist der Augenblick des Glücks. Und der Augenblick des Glücks ist der Augenblick der Verwandlung: Ich werde derjenige, der in Kürze schreiben wird. Entscheidend ist oft die Gleichzeitigkeit von anregenden und lächerlichen Einzelheiten. Nur in der Literatur fällt Wissen von größter Bedeutsamkeit mit Wissen von größter Nichtigkeit in eins zusammen. Der künstlerische Akt folgt der Ästhetik eines Tricktheaters, das seinen Spielplan nicht veröffentlicht. Obgleich immer wieder das gleiche Stück gespielt wird: Wie ein Text seiner Verlockbarkeit in den Ausdruck folgt.

Vermutlich ist der Schreibende das Gefäß einer Reizung, für die er sich immer besser präparieren lernt. Aus diesem Grund ist es irreführend, sich Literatur nur aus Sprache bestehend vorzustellen. Ohne die dauernde Wechselbelebung zwischen äußeren Bildern, ihrem verzögerten inneren Echo und deren Drang nach Gestaltung würde niemand schreiben wollen.

so geschrieben von Wilhelm Genazino, in Tarzan am Main, bei Hanser 2013 auf seite 56:

hörst du bilder
siehst du düfte
riechst du texte
fühlst du verse
wärmt dich das
dann neige dich
und schreibe es

© 17.02.2013 brmu

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inschriftgestellt

aus: Ezra Pound, ABC des Lesens, Bibliothek Suhrkamp 1957

seite 40:          Gute Schriftsteller sind solche, >die die Sprache wirksam erhalten<. Das heißt, die ihre Genauigkeit, ihre Klarheit erhalten. Dabei ist es unwesentlich, ob der gute Schriftsteller zum Nutzen oder der schlechte Schriftsteller zum Schaden wirken wollte.

seite 57:          Es gibt eine Eigenschaft, die alle großen, bleibenden Dichter gemeinsam haben: man braucht keine Schulen und Hochschulen, um sie am Legen zu erhalten. Schließt sie aus dem Lehrplan aus, begrabt sie im Staub der Bibliotheken – manch liebes Mal wird eine Leser aufs Geratewohl, unsubventioniert und unbestochen, sie her vorholen, sie wieder, mir nichts dir nichts, ans Licht bringen.

das ist pfundig gesagt
aus der retrospektive
aber wer es auch wagt
prospektiv sein liebe
zu den dichter/innen
ganz frei zu formulieren
wird skepsis gewinnen
und die lose verlieren

© 10.02.2013 brmu
eingestellt am 14.2.2013

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so klein ist klein

Kenneth W. Ford, Wie klein ist klein?Eine kurze Geschichte der Quanten, Ullstein 2008, seite 15:

Der gesunde Menschenverstand hätte ja über den Bereich unserer Sinne hinaus gültig sein können, aber dem ist nicht so. Unsere alltägliche Sicht auf die Welt, so stellt sich heraus, ist beschränkt, sie basiert auf dem, was wir direkt wahrnehmen. … Wir dürfen entzückt, wir dürfen erstaunt, wir dürfen verwirrt sein, aber nicht überrascht.

so klein ist klein

(für P. H. in BM)

das überrascht den unbedarften geist
ist doch gesundheit vorzuziehen meist
und das besonders am menschenverstand
für die alltagsdinge mit fuß und hand

nennen sich die füße jedoch quanten
dann kommt der menschenverstand abhanden
dann ist da gar nichts solide und fest
da scheint natur zu spinnen at its best

willst du das nun verständlich verstehen
solltest du lange zur uni gehen
mit mathe und physik bis zum kerne
versteht man vakuum und auch sterne

das ist kein quark obwohl sie so heißen
auch kein tanga dem die strings abreißen
das ist der sagenhafte teilchenzoo
und es staunt unser Goethe lauthals: ohh

© 09.01.2013 brmu
eingestellt am 13.2.2013

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augen zu

quelle: Markus Orths, Die Tarnkappe, Schöffling & Co. 2011, seite 173:

„Es geschieht ständig etwas, das nicht geschehen soll, kann, darf. Angefangen mit dem Tod. Und wir suchen Erklärungen. Unser Denken ist von Geburt an kausalkettenverseucht. Wir sollten uns endlich abfinden. Mit dem, was geschieht. Eine Abfindung fürs Leben. Erklärungen sind die lächerlichsten Zwerge des Geistes. Nichts kann erklärt werden, höchstens beschrieben. Die Welt kann nicht erklärt werden, der Tod kann nicht erklärt werden, nicht das Leben. …

Wichtig ist nur die Tatsache, dass etwas so ist, wie es ist. Das krankhafte Bemühen, uns immer neue Dinge auszudenken, um unser lächerliches Dasein zu belichten, ist nichts weiter als ein Deckel auf dem Topf der Angst, die überkocht, wenn Antwort fehlt.“

augen zu und durch

welch ein fraglicher mix
dazu sage ich nix –

oder doch: da scheint mir,
die wilde mischung hier,
nebst fatalismus breit
wissenschaftsfeindlichkeit,
lineardenken plus
dem goetheanismus
mit im spielchen zu sein
nicht jedem geht das ein.

ja, denken ist oft mist
weil sein komplexer ist.

© 31.01.2013 brmu

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jeder gedanke

Judith Schalansky, Der Hals der Giraffe, Suhrkamp 2011, zusammen gestellte zitate:

s. 70 Der Mensch war ein flüchtiges Vorkommnis auf Proteinbasis. Ein zugegeben recht erstaunliches Tier, das diesen Planeten für kurze Zeit befallen hatte und schließlich, …, wieder verschwinden würde.

s, 107 Der klägliche Versuch, das eigene verfehlte Leben durch eine weniger missratene Nachkommenschaft aufzuwerten. Flucht nach vorn. Das Kind war ihre Anlage. Die Erbanlage als einzige Investition in die Zukunft. Es war die Hoffnung, dass die eignen Gene sich in einer neuen Kombination doch noch als vorteilhaft erweisen könnten und der Erfolg dieser Mischung die Vererber rückwirkend auszeichne.

s. 194 Es gab zwei Strategien, mit dem Leben fertigzuwerden. Es einfach hinnehmen. Oder versuchen, es zu verstehen. Einen Überblick schaffen. Licht ins Dunkel bringen. Einen Weg durch das Dickicht schlagen.

s. 199 Das Leben war kein Kampf, es war eine Bürde. Man musste sie tragen. So gut es eben ging. Eine Aufgabe vom ersten Atemzug an. Als Mensch war man immer im Dienst. Man starb nie an einer Krankheit, sonder n an der Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die uns nicht auf diese Gegenwart vorbereitet hatte.

s. 217 Was heute die Ausnahme war, konnte morgen die Regel werden. Die Spirale, einmal in Gang gesetzt, war nicht mehr aufzuhalten. Sicher war nur, dass nichts bleiben würde, wie es war. Ein permanenter Wandel. Unaufhaltsam. Unabänderlich. Es war ein dynamischer Planet. Vollkommenheit mochte angestrebt sein, aber vorgesehen war sie nicht. Einen Fortschritt gab es nicht. Fortschritt, das war ein Denkfehler.

s. 135 Nicht jeder Gedanke verdient es, artikuliert zu werden.

wie das?jeder gedanke verdient
artikuliert beschnüffelt zu werden
ob er denn zum himmel stinke -
wohlgeruch ist selten im stinkestall

© 22.01.2013 brmu

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lyrikauflagen

Theo Breuer, seines zeichens schriftsteller und herausgeber, hat die eine oder andere mutmaßung über das zeigenössische gedicht, unter anderem meint er, viele lyrikbücher selbst preisgekrönter autor/inn/en fänden oft kaum mehr als 50 bis 200 [erst?-]leser/innen und ab 300 würde bereits gejubelt [im verlag?]. bei einer durchschnittlichen leserschaft von runden 135 leserinnen und lesern pro buch müsse man konstatieren, dass die mehrzahl der veröffentlichungen praktisch unter ausschluss der öffentlichkeit stattfänden. was bliebe, seien buchtitel und ISBN.

zitiert nach: Christoph Buchwald u. Kathrin Schmidt, Jahrbuch der Lyrik 2011, DVA 2011; darin: Theo Breuer, Die eine oder andere Mutmaßung über das zeitgenössische Gedicht, seite 217-222

© 19.01.2013 brmu

ergänzung aus dem österreichischen Standard:

es kann auch ganz anders kommen wie in japan zum beispiel mit der über hunderjährigen dichterin Toyo Shibata (Tokio). sie begann in einem alter um die neunzig jahre zu schreiben, eröffentlichte 2009 in einem selbstverlag eine anthologie, die erst in einem anderen verlag zum bestseller wurde: 1,6 mio. exemplare verkauft!! das macht mut in der leidenden deutschen lyriker-szene.

© 21.01.2013 brmu

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gemeinwesen

zitiert aus quelle: Ingo Schulze, Unsere schönen neuen Kleider, hanser berlin 2012 

seite 76: Es geht im Alltagsleben wie beim Romanschreiben immer auch darum, die eigenen Voraussetzungen mitzuliefern. Ich selbst habe bestimmte Bedürfnisse, Interessen und Ansprüche, von denen ich meine, dass sie mein Leben lebenswert machen, und die mit Bedürfnissen, Interessen und Ansprüchen anderer übereinstimmen, ganz oder teilweise, oder kollidieren oder einander gar nicht berühren.

seite 77: Als Bürger dieses Landes bin ich auf Demokratie angewiesen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Demokratie bedeutet ein Gemeinwesen, das in der Lage ist, seiner Verantwortung gerecht zu werden. Fehlen ihm die finanziellen Mittel oder das geeignete Personal dazu, so stellt es sich selbst in Frage. Deshalb müssen Vertreter gewählt werden, die die Interessen des Gemeinwesens wahrnehmen und es vor Ausplünderung schützen. Es braucht Vertreter, die willens und in der Lage sind, eine marktkonforme Demokratie zu verhindern und demokratikonforme Märkte zu schaffen. Es braucht Vertreter, für die Freiheit und soziale Gerechtigkeit untrennbar voneinander sind - nicht nur auf nationaler Ebene. Und es braucht eine Mehrheit, die das will und einfordert."

seite 65: Demokratikonforme Märkte wären Märkte, auf denen eben nicht alles erlaubt sein darf, was Geld bringt, vom dubiosen Finanzprodukt bis zur Spekulation mit Lebensmitteln. Demokratiekonform bedeutet, der Wirtschaft soziale, moralische und ökologische Standards abzuverlangen und diese ihnen auch zu ermöglichen. Dafür brauchte es aber eine Politik, die dem wirtschaftlichen Wachstum nicht alle Entscheidungen unterordnet."

seite 75: Hannah Arendt stellte fest: " Bei näherem Zusehen jedoch zeigt sich erstaunlicherweise, daß man der Staatsräson jedes Prinzip und jede Tugend eher opfern kann als gerade Wahrheit und Wahrhaftigkeit.  Es geht ja um den Bestand der Welt, und keine von Menschen erstellte Welt, ..., wird diese Aufgabe je erfüllen können, wenn Menschen nicht gewillt sind, ..., das zu sagen, was ist."

dito! 30.12.2012 brmu

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wie soll ich leben?

Sarah Bakwell, Wie soll ich leben? C. H. Beck 2012, zitate auf den einführenden seiten 11/12

„Die Welt des 21. Jahrhunderts ist voll von Menschen, die sich intensiv mit sich selbst beschäftigen. … Sie kreisen um sich selbst. Sie schreiben Tagebuch, sie chatten und stellen ihre Fotos ins Netz. Hemmungslos extrovertiert, ...

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mondteller

hol den mond auf deinen teller*
lass die sonn’ in
seinem lichte glänzen
aber die erde die
die erde lass grün
ihr den himmel blau
uns die blumen bunt
für würdigere die da
noch kommen werden
wisse es gibt keine reise nach
keine ankunft in
*
dem was eines vaters ist
oder sein soll und haben
jandl sei dank*

© 21.12.2012 brmu
*) bezug: Esther Thormann, Hol den Mond auf deinen Teller – Gedichte, orte Verlag Zürich 2010. seite 16, diverse zeilen zitiert

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gauß-o-graus

quelle: Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Rowohlt Verlag 2005, seite 220.

Carl Friedrich Gauß räsoniert in einem gespräch mit Alexander von Humboldt auf dessen bemerkung, der verstand forme die naturgesetze. zitat:

„Der alte kantische Unsinn. Gauß schüttelte den Kopf. Der Verstand forme gar nichts und verstehe wenig. Der Raum biege und die Zeit dehne sich. Wer eine Gerade zeichne, immer weiter und weiter, erreiche irgendwann wieder ihren Ausgangspunkt. Er zeigte auf die niedrig im Fenster stehende Sonne. Nicht einmal die Strahlen dieses ausbrennenden Sterns kämen auf geraden Linien herab. Die Welt könne notdürftig berechnet werden, aber das heiße noch lange nicht, dass man irgend etwas verstehe.“

der Gauß macht den Humboldt rund:
ausgedient habe das phlogiston,
die welt gebe sich nur spärlich kund,
ein paar algorithmen täten es schon.

© 17.12.2012 brmu

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gedichtbände

Frankfurter Bibliothek, Jahrbuch für das neue Gedicht, Bd. 28, Gedicht und Gesellschaft 2013, Brentano-Gesellschaft Frankfurt 2013. darin auf seite 722:

gedichtbände

sind etwas zum weiterblättern
bis die eine seite widerfedert
dein hirn hat längst entschieden
da machst du noch den finder feucht
ribosomen-augen wandern zeilen lang
bedeutungen perlen ab und sammeln
zu gedanken sich knapp über
dem papier schwebt der
geist der strophen
der wirbelt
dich

© 15.12.2012 brmu

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ursache und wirkung

ein zitat wider die verdummung aus: Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Rowohlt Verlag 2005, seiten 59 – 61:

„Gemeinsam überzeugten Bartels und Büttner seinen Vater davon, daß er nicht in der Spinnerei arbeiten, sondern aufs Gymnasium sollte. Unwillig stimmte der Vater zu und gab ihm den Rat mit, sich immer, was auch geschehe, aufrecht zu halten. … Er bekam zwei neue Hemden und einen Freitisch beim Pastor.“

beim ersten mittagessen an diesem freitisch verwickelt der pastor den achtjährigen knaben Johann Carl Friedrich Gauß in ein gespräch und meint schließlich:

Wie klug man auch sei, man habe demütig zu bleiben. – Warum? – Der Pastor bat um Verzeihung. Er habe wohl falsch verstanden. – Nichts, sagte Gauß, gar nichts. – Doch, sagte der Pastor, er wolle das hören.
Er meine es rein theologisch, sagte Gauß. Gott habe einen geschaffen, wie man sei, dann aber solle man sich ständig bei ihm dafür entschuldigen. Logisch sei das nicht. … Er sei überzeugt, daß er etwas missverstehe, aber ihm erscheine das wie eine mutwillige Verkehrung von Ursache und Wirkung.“

wie soll ein mathematisches genie auch anders denken. der kleine hat gar nichts missverstanden. sprach’s und flog raus. logik ist nicht jedermanns sache, schon gar nicht die der theologie. / eingestellt am 08.12.2012 brmu

reli belli

religionen sind inbrünstige
logiklose denkdunkle
systeme die mit einer ethik
ohne hiesige menschenrichter
auskommen wollen – lohn
oder strafe folgen später aber
viele mussten dran glauben

© 08.12.2012 brmu

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info zum projekt

hier einige erläuterungen zu dem literaturblog litbiss:

das schreiben von literarischen texten hat etwas solipsistisches an sich. der ausweg ist die resonanz mit anderen geistern. ist das wortwerkchen nach eigenem anspruch fertig gestellt, dann kann es drei wege beschreiten.

weg 1: der text wandert gleich in den schuhkarton und die nachfahren werfen alles ins feuer.
weg 2: der text wird im freundeskreis vorgelesen, barmherzig gelobt, wandert dann auf weg 1.
weg 3: der text wird der gnadenlosen öffentlichkeit vorgelegt und wandert …

mit litbiss will ich auf dem dritten weg, als projekt getarnt, schreiben und aushalten. der name litbiss deutet auf eine beabsichtigte art der nonkonformität der themen und ihrer formulierung in literarischer form hin. es geht also nicht um schöngeistiges, sondern um anstößiges zum eigenen denken.

bevorzugt wird die gebundene sprache in gedichten mit und ohne reim, vom aphoristischen gedankensplitter bis zum durchkomponierten sonett. die orthographie folgt bewusst der kleinschreibung als künstlerisches mittel. eine ausnahme bilden die eigennamen von personen.

der bloginhalt gliedert sich in anwählbaren kategorien.

ein blog lebt von den kommentaren aus der großen öffentlichkeit. dieser auch. alle interessierten sind eingeladen, meinungen einzuschreiben. © brmu

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schreiben macht einsam

Sibylle Lewitscharoff ist eine schriftstellerin mit fantasie, wie jüngst bewiesen in ihrer ungewöhnlichen Blumenberg-biografie. sie hält zurzeit eine poetik-vorlesung an der universität köln. im vorlauf dazu gab sie dem KStA (4.12.2012) ein interview zu fragen über die schriftstellerei.

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bedeutung eben

Henri Bortoft: Goethes naturwissenschaftliche Methode, Verlag Freies Geistesleben 1995. im rahmen der erörterung des allgegenwärtigen, analytischen bewusstseins und dem eher holistischen bewusstsein Goethes kommt Bortoft auf seite 45 zu dieser einschätzung:

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Die Grube

wer sich einblick verschaffen will, was es heißt, auf dem altar des strombedarfes geopfert zu werden, der lese das buch von Ingrid Bachér, Die Grube, Dittrich Verlag 2011, das sich mit dem tagebau aus sicht der betroffenen beschäftigt. es soll ein aufschluss-reiches zitat hier folgen:

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wo man die grenzen zieht

quelle der zitate ist das buch des englischen autors John Berger, "Hier, wo wir uns begegnen" im Carl Hanser Verlag 2006, speziell aus der dort enthaltenen erzählung "Lissabon":

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mensch in berührung

Robert Musil hat als österreichischer Schriftsteller (Der Mann ohne Eigenschaften, 1931) natürlich auch tagebuch geführt. eine auswahl daraus hat der Suhrkamp Verlag (SV) in seiner reihe Bibliothek Suhrkamp (bs) als band 90 heraus gebracht. ich zitere aus der ausgabe von 1974 von seite 19:

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die erhöhrung

Thomas Lehr schrieb den roman "Die Erhöhrung" und der Aufbau-Verlag brachte ihn 1995 heraus. aus dem ersten kapitel "Vom Berühren des Mondes" (s. 9-15) hier drei markante zitate:

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gemeinsame nenner

aus dem buch von Eberhard Rathgeb mit dem titel "Schwieriges Glück - Versuch über die Vaterliebe" aus dem Hanser verlag 2007 findet sich dieses zitat auf den seiten 65-66:

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im walde

vom flohmarkt kam mir als geschenk ein altes buch auf den tisch: Gedichte von Ferdinand Freiligrath (1810 - 1876), J. W. Cotta'scher Verlag Stuttgart und Tübingen 1843, sechste auflage. darin fiel mir das 13strophige gedicht "Im Walde" auf.

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