litbiss.de

paranoia

Matt Damon, Harvard absolvent in literatur, ist ein bekannter, us-amerikanischer schauspieler, demnächst wieder auf der leinwand zu sehen in dem gesellschaftskritischen science-fiction-film „Elysium“. er wurde von Katja Nicodemus in DIE ZEIT nr. 30 (18.7.2013) interviewt. er führt unter anderem aus:

„Die Fragen, die diese Filme stellen, treiben mich um. …Genauso verstört mich die Paranoia der Geheimdienste, der Übergang einer Gesellschaft in einen Überwachungsstaat. Mich verstört, dass mein Land … Drohnenangriffe in Auftrag gibt. … Allein die Vermutung, dass sich jemand in Zukunft auf eine gewisse Weise verhalten könnte, genügt, um ihn ohne Prozess zu exekutieren. Das ist nicht zu rechtfertigen und verstößt gegen die Verfassung. Sie sehen, es gibt genügend Gründe, mit Regisseuren zu arbeiten, die sich Fragen zu unserer Demokratie stellen.“

an anderer stelle im selben interview gibt Matt Damon quasi ein statement ab: „Ich denke, dass die Entwicklung des menschlichen Intellekts in Verbindung mit neuen Technologien uns in Kontakt mit einer tieferen Menschlichkeit bringen könnte.“

nun, Matt Damon, lass stecken
der dämon ist die konstruktion
des hirns der menschen, denn
hiebundtriebundlieb sind web
fehler der kreativen götter oder
evolutionsflops, such es dir aus
den technologien saugen wir
das tödliche ob drohne oder
datennetz, dem letzten machts das
licht aus und die erde gebiert
neues spiel neues glück doch
nicht für uns in paranoia und
kein arzt der heilen könnt’

© 18.07.2013 brmu

 

0 Kommentare

hölle

Stephan Wackwitz lässt in seinem essay-band „Selbsterniedrigung durch Spazierengehen“, im S. Fischer Verlag 2002 erschienen, auf seite 59 diesen aphorismus ab, sicher nichts ahnend von ennessäi + konsorten:

„Das Fest, das nicht mehr aufhört, ist die Hölle.“

peta-bytes, die jubeln sie sich rein
das wird schon für was nütze sein
die algorithmen kriegen macht
ganz unbemerkt und sacht by sacht

der torrero, festlich, wird verdächtig
gleicht dem unwort aber mächtig
der beruf, der stirbt nun leider weg -
höllisch kollateral, oh schreck

das wollten wir so aber nicht
quaken polköpp nicht ganz dicht
paranoia zieht nie stecker
und das geht schon auf den wecker

das sei alles für die sicherheit,
so und ähnlich uns die lüge speit
doch ganz praktisch denke dran:
datenverlust? rufe die amis an!

© 16.07.2013 brmu

0 Kommentare

nö, dichter sind

Vielleicht ist ein Dichter ein ungeduldiger Mensch, der so schnell wie möglich ins Buch will.

zitiert aus der poetologischen Tagebuchkomposition von Paul Wühr, Der Faule Strick, Hanser1987, seite 10

nö, dichter sind ...

was dem dichter widerstrebt
zu dulden, heißt zulassen
gedulden meint, erfassen
was einem selbst zu wider geht

die ungeduld die ist kein gut
wer wollte denn so dichten
der kann nur immer richten
alle welten mit glut und wut

sie mit worten konterkarieren
tiefgründig und ohne fluch
scharfkantig im nächsten buch
andere werden’s prämieren

© 05.06.2013 brmu

1 Kommentar

morsbachs thesen

Petra Morsbach fasst in ihrem essayband „Warum Fräulein Laura freundlich war", erschienen im Piper Verlag 2006, auf seite 31 ihre ausführungen „Über die Wahrheit der Sprache“ (seite 11) in sechs thesen zusammen. Morsbach schreibt,

1.     sprache sei ein erkenntnisinstrument,

2.     erzählen sei ein erkenntnissystem,

3.     individuelles erzählen sei ein erkenntnisvorgang,

4.     deshalb zeichne die sprache leistungen und fehlleistungen der erzähler auf,

5.     darum könnten leser auch aus fehlleistungen erkenntnisse über autoren gewinnen

6.     und schreibende auch aus eigenen fehlleistungen erkenntnisse über sich gewinnen.

aus ungeprüften hypothesen (annahmen aus der anschauung) ergeben sich nach genauerer betrachtung thesen (empirie), wie in dem buch von p.m., woraus sich nach breiter diskussion eine theorie (ojektivierte, allgemeine regel: immer dann, wenn …, ist dies und das) ableiten lässt, die so lange gültigkeit hat, bis sie widerlegt werden kann.

es wäre schön, wenn sich dieses wissenschaftsprinzip in den literaturbetrieb einschleichen könnte, der objektivität willen. besonders these 6 wäre ein grund, die flut der veröffentlichungen zu bremsen. aber so funktionieren geisteswissenschaft und literatur nicht! Sie sind ein stetes um- und umwälzen von gedanken (permutation), die mehr oder weniger im konsens mit anderen denkern stehen. der widerspruch ist hier im gegenteil der anreiz, weiter zu denken und zu schreiben, eine endlose flut von hypothesen, mehr oder weniger schön (ästhetisch) zu lesen.

© 05.05.2013 brmu

0 Kommentare

litbiss: der geist der strophen wirbelt...

einen literaturblog zu schreiben ist eine sache, einen lyrikband zum druck zu bringen eine andere. ich habe dabei eine menge gelernt, wie man es nicht machen sollte und wie es dann doch erfolgreich funktioniert. dabei möchte ich allen, die mir dabei selbstlos mit rat und lektorat geholfen haben, aus vollem herzen danken.

litbiss geist-gedichtband

mein debüt hat den titel „litbiss: der geist der strophen wirbelt dich herum“. drei aspekte haben mich beseelt. der eine steckt im begriff des debüts, gemeint ist keine eintagsfliege vorzulegen, es sollen noch weitere werke folgen. die notizbücher sind voll. der andere zitiert den blog litbiss, der mir eine liebe und wichtige, tägliche übung ist. und drittens wollen meine gedichte wirbeln: resonanz erzeugen und innere wirkung auslösen.

liebe leserin, lieber leser, schreiben sie mir als kommentar, ganz unkompliziert, ob mir das mit meinem lyrikband gelungen ist. konstruktive sätzte in den kommentaren (rezensionen) sind schätze im geiste der autoren. eine erste rezension von Dr. R. Hahn (FSB) liegt inzwischen vor (19.4.2013)! Und eine zweite von Theo Zindler findet sich in der rubrik >gast<.

© 16.04.2013 brmu
ergänzt 30.4.2013, ergänzt am 06.9.2014:

auszug aus der rezension von "My Way" vom 3.7.2014 bei AMAZON:

"Gedichte haben keine Konjunktur, ... Deshalb überrascht es immer wieder, dass Autoren ... sich die Mühe machen, Ideen und Erfahrungen in gebundener Sprache, ..., zu formulieren. In dem vielstimmigen Chor neuer deutscher Lyriker ist hier mit Bernhard Ulbrich ein Autor zu entdecken, der knapp und präzise, mit Witz und Verve, schlagfertig und sensibel, stets pointiert und originell in seinen Ansätzen oder Wort-Findungen und ungewohnten Kombinationen, seine Gedanken zu Papier bringt. Spaß macht es, mitzuerleben, wie er seine mitunter bizarren intellektuellen Volten schlägt, scheinbar Altbekanntes neu sehen, durchschauen und erkennen lässt. ..."

0 Kommentare

fensterbuch

Seines zeichens prominenter literaturkritiker in der ARD, verriet jüngst Denis Scheck in seiner neuen wohnung den geheimen nutzen einer gut sortierten, privaten bibliothek:

Ich finde, man sollte nur noch
lesen und immer wieder doch
Sex mit Menschen haben,
sich an dichtung laben,
die tolle Bücher in ihrem Regal
so tolle fenster mit einem fanal:
stehen haben!*
lebensladen!

© 05.04.2013 brmu
*Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger 79 vom 5.4.2013, darin Bücher Magazin, Seite 08, Artikel von Kerstin Meier in der Reihe „Blick in die Bibliothek“; im schrägdruck das originale zitat.

0 Kommentare

wahrheit denken

George Steiner schreibt in seinem Buch „Warum Denken traurig macht – zehn mögliche Gründe“, erschienen bei Suhrkamp 2006, einen geradezu erhellenden Essay über das Denken. Man müsste das ganze Buch zitieren – besser kaufen und durchackern!

Seite 33: Wo immer das Denken auf >Wahrheit< abzielt und sie beschwört, relativiert es dieses Kriterium schon im Augenblick des Hinweisens.

Seite 35: Je ungestümer der Druck des Denkens, desto widerstrebender die Sprache, in die es eingeschlossen ist. Die Sprache, …, steht dem monochromen Ideal der Wahrheit feindselig gegenüber. Sie ist mit Mehrdeutigkeit, vielstimmiger Gleichzeitigkeit gesättigt. Sei erfreut sich an phantastischen Konstruktionen, für die es keinerlei Belege gibt.

Seite 57: Wir rennen, oft blindlings, mit aller Macht gegen unfassbare und doch unnachgiebige Sprachwände an. Der Dichter, der Denker, die Meister der Metapher hinerlassen Kratzer in dieser Wand.

wohlan sagten da die dichter dieser welt
dann lasset uns also kratzen an den wänden
der eingeschlossenheit und aus gedanken
splittern einen lyrischen rammbock machen

© 11.01.2013 brmu

0 Kommentare

kürze schreiben

Der Augenblick der Arbeit ist der Augenblick des Glücks. Und der Augenblick des Glücks ist der Augenblick der Verwandlung: Ich werde derjenige, der in Kürze schreiben wird. Entscheidend ist oft die Gleichzeitigkeit von anregenden und lächerlichen Einzelheiten. Nur in der Literatur fällt Wissen von größter Bedeutsamkeit mit Wissen von größter Nichtigkeit in eins zusammen. Der künstlerische Akt folgt der Ästhetik eines Tricktheaters, das seinen Spielplan nicht veröffentlicht. Obgleich immer wieder das gleiche Stück gespielt wird: Wie ein Text seiner Verlockbarkeit in den Ausdruck folgt.

Vermutlich ist der Schreibende das Gefäß einer Reizung, für die er sich immer besser präparieren lernt. Aus diesem Grund ist es irreführend, sich Literatur nur aus Sprache bestehend vorzustellen. Ohne die dauernde Wechselbelebung zwischen äußeren Bildern, ihrem verzögerten inneren Echo und deren Drang nach Gestaltung würde niemand schreiben wollen.

so geschrieben von Wilhelm Genazino, in Tarzan am Main, bei Hanser 2013 auf seite 56:

hörst du bilder
siehst du düfte
riechst du texte
fühlst du verse
wärmt dich das
dann neige dich
und schreibe es

© 17.02.2013 brmu

0 Kommentare

inschriftgestellt

aus: Ezra Pound, ABC des Lesens, Bibliothek Suhrkamp 1957

seite 40:          Gute Schriftsteller sind solche, >die die Sprache wirksam erhalten<. Das heißt, die ihre Genauigkeit, ihre Klarheit erhalten. Dabei ist es unwesentlich, ob der gute Schriftsteller zum Nutzen oder der schlechte Schriftsteller zum Schaden wirken wollte.

seite 57:          Es gibt eine Eigenschaft, die alle großen, bleibenden Dichter gemeinsam haben: man braucht keine Schulen und Hochschulen, um sie am Legen zu erhalten. Schließt sie aus dem Lehrplan aus, begrabt sie im Staub der Bibliotheken – manch liebes Mal wird eine Leser aufs Geratewohl, unsubventioniert und unbestochen, sie her vorholen, sie wieder, mir nichts dir nichts, ans Licht bringen.

das ist pfundig gesagt
aus der retrospektive
aber wer es auch wagt
prospektiv sein liebe
zu den dichter/innen
ganz frei zu formulieren
wird skepsis gewinnen
und die lose verlieren

© 10.02.2013 brmu
eingestellt am 14.2.2013

0 Kommentare

so klein ist klein

Kenneth W. Ford, Wie klein ist klein?Eine kurze Geschichte der Quanten, Ullstein 2008, seite 15:

Der gesunde Menschenverstand hätte ja über den Bereich unserer Sinne hinaus gültig sein können, aber dem ist nicht so. Unsere alltägliche Sicht auf die Welt, so stellt sich heraus, ist beschränkt, sie basiert auf dem, was wir direkt wahrnehmen. … Wir dürfen entzückt, wir dürfen erstaunt, wir dürfen verwirrt sein, aber nicht überrascht.

so klein ist klein

(für P. H. in BM)

das überrascht den unbedarften geist
ist doch gesundheit vorzuziehen meist
und das besonders am menschenverstand
für die alltagsdinge mit fuß und hand

nennen sich die füße jedoch quanten
dann kommt der menschenverstand abhanden
dann ist da gar nichts solide und fest
da scheint natur zu spinnen at its best

willst du das nun verständlich verstehen
solltest du lange zur uni gehen
mit mathe und physik bis zum kerne
versteht man vakuum und auch sterne

das ist kein quark obwohl sie so heißen
auch kein tanga dem die strings abreißen
das ist der sagenhafte teilchenzoo
und es staunt unser Goethe lauthals: ohh

© 09.01.2013 brmu
eingestellt am 13.2.2013

0 Kommentare

augen zu

quelle: Markus Orths, Die Tarnkappe, Schöffling & Co. 2011, seite 173:

„Es geschieht ständig etwas, das nicht geschehen soll, kann, darf. Angefangen mit dem Tod. Und wir suchen Erklärungen. Unser Denken ist von Geburt an kausalkettenverseucht. Wir sollten uns endlich abfinden. Mit dem, was geschieht. Eine Abfindung fürs Leben. Erklärungen sind die lächerlichsten Zwerge des Geistes. Nichts kann erklärt werden, höchstens beschrieben. Die Welt kann nicht erklärt werden, der Tod kann nicht erklärt werden, nicht das Leben. …

Wichtig ist nur die Tatsache, dass etwas so ist, wie es ist. Das krankhafte Bemühen, uns immer neue Dinge auszudenken, um unser lächerliches Dasein zu belichten, ist nichts weiter als ein Deckel auf dem Topf der Angst, die überkocht, wenn Antwort fehlt.“

augen zu und durch

welch ein fraglicher mix
dazu sage ich nix –

oder doch: da scheint mir,
die wilde mischung hier,
nebst fatalismus breit
wissenschaftsfeindlichkeit,
lineardenken plus
dem goetheanismus
mit im spielchen zu sein
nicht jedem geht das ein.

ja, denken ist oft mist
weil sein komplexer ist.

© 31.01.2013 brmu

0 Kommentare

jeder gedanke

Judith Schalansky, Der Hals der Giraffe, Suhrkamp 2011, zusammen gestellte zitate:

s. 70 Der Mensch war ein flüchtiges Vorkommnis auf Proteinbasis. Ein zugegeben recht erstaunliches Tier, das diesen Planeten für kurze Zeit befallen hatte und schließlich, …, wieder verschwinden würde.

s, 107 Der klägliche Versuch, das eigene verfehlte Leben durch eine weniger missratene Nachkommenschaft aufzuwerten. Flucht nach vorn. Das Kind war ihre Anlage. Die Erbanlage als einzige Investition in die Zukunft. Es war die Hoffnung, dass die eignen Gene sich in einer neuen Kombination doch noch als vorteilhaft erweisen könnten und der Erfolg dieser Mischung die Vererber rückwirkend auszeichne.

s. 194 Es gab zwei Strategien, mit dem Leben fertigzuwerden. Es einfach hinnehmen. Oder versuchen, es zu verstehen. Einen Überblick schaffen. Licht ins Dunkel bringen. Einen Weg durch das Dickicht schlagen.

s. 199 Das Leben war kein Kampf, es war eine Bürde. Man musste sie tragen. So gut es eben ging. Eine Aufgabe vom ersten Atemzug an. Als Mensch war man immer im Dienst. Man starb nie an einer Krankheit, sonder n an der Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die uns nicht auf diese Gegenwart vorbereitet hatte.

s. 217 Was heute die Ausnahme war, konnte morgen die Regel werden. Die Spirale, einmal in Gang gesetzt, war nicht mehr aufzuhalten. Sicher war nur, dass nichts bleiben würde, wie es war. Ein permanenter Wandel. Unaufhaltsam. Unabänderlich. Es war ein dynamischer Planet. Vollkommenheit mochte angestrebt sein, aber vorgesehen war sie nicht. Einen Fortschritt gab es nicht. Fortschritt, das war ein Denkfehler.

s. 135 Nicht jeder Gedanke verdient es, artikuliert zu werden.

wie das?jeder gedanke verdient
artikuliert beschnüffelt zu werden
ob er denn zum himmel stinke -
wohlgeruch ist selten im stinkestall

© 22.01.2013 brmu

0 Kommentare

lyrikauflagen

Theo Breuer, seines zeichens schriftsteller und herausgeber, hat die eine oder andere mutmaßung über das zeigenössische gedicht, unter anderem meint er, viele lyrikbücher selbst preisgekrönter autor/inn/en fänden oft kaum mehr als 50 bis 200 [erst?-]leser/innen und ab 300 würde bereits gejubelt [im verlag?]. bei einer durchschnittlichen leserschaft von runden 135 leserinnen und lesern pro buch müsse man konstatieren, dass die mehrzahl der veröffentlichungen praktisch unter ausschluss der öffentlichkeit stattfänden. was bliebe, seien buchtitel und ISBN.

zitiert nach: Christoph Buchwald u. Kathrin Schmidt, Jahrbuch der Lyrik 2011, DVA 2011; darin: Theo Breuer, Die eine oder andere Mutmaßung über das zeitgenössische Gedicht, seite 217-222

© 19.01.2013 brmu

ergänzung aus dem österreichischen Standard:

es kann auch ganz anders kommen wie in japan zum beispiel mit der über hunderjährigen dichterin Toyo Shibata (Tokio). sie begann in einem alter um die neunzig jahre zu schreiben, eröffentlichte 2009 in einem selbstverlag eine anthologie, die erst in einem anderen verlag zum bestseller wurde: 1,6 mio. exemplare verkauft!! das macht mut in der leidenden deutschen lyriker-szene.

© 21.01.2013 brmu

0 Kommentare

gemeinwesen

zitiert aus quelle: Ingo Schulze, Unsere schönen neuen Kleider, hanser berlin 2012 

seite 76: Es geht im Alltagsleben wie beim Romanschreiben immer auch darum, die eigenen Voraussetzungen mitzuliefern. Ich selbst habe bestimmte Bedürfnisse, Interessen und Ansprüche, von denen ich meine, dass sie mein Leben lebenswert machen, und die mit Bedürfnissen, Interessen und Ansprüchen anderer übereinstimmen, ganz oder teilweise, oder kollidieren oder einander gar nicht berühren.

seite 77: Als Bürger dieses Landes bin ich auf Demokratie angewiesen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Demokratie bedeutet ein Gemeinwesen, das in der Lage ist, seiner Verantwortung gerecht zu werden. Fehlen ihm die finanziellen Mittel oder das geeignete Personal dazu, so stellt es sich selbst in Frage. Deshalb müssen Vertreter gewählt werden, die die Interessen des Gemeinwesens wahrnehmen und es vor Ausplünderung schützen. Es braucht Vertreter, die willens und in der Lage sind, eine marktkonforme Demokratie zu verhindern und demokratikonforme Märkte zu schaffen. Es braucht Vertreter, für die Freiheit und soziale Gerechtigkeit untrennbar voneinander sind - nicht nur auf nationaler Ebene. Und es braucht eine Mehrheit, die das will und einfordert."

seite 65: Demokratikonforme Märkte wären Märkte, auf denen eben nicht alles erlaubt sein darf, was Geld bringt, vom dubiosen Finanzprodukt bis zur Spekulation mit Lebensmitteln. Demokratiekonform bedeutet, der Wirtschaft soziale, moralische und ökologische Standards abzuverlangen und diese ihnen auch zu ermöglichen. Dafür brauchte es aber eine Politik, die dem wirtschaftlichen Wachstum nicht alle Entscheidungen unterordnet."

seite 75: Hannah Arendt stellte fest: " Bei näherem Zusehen jedoch zeigt sich erstaunlicherweise, daß man der Staatsräson jedes Prinzip und jede Tugend eher opfern kann als gerade Wahrheit und Wahrhaftigkeit.  Es geht ja um den Bestand der Welt, und keine von Menschen erstellte Welt, ..., wird diese Aufgabe je erfüllen können, wenn Menschen nicht gewillt sind, ..., das zu sagen, was ist."

dito! 30.12.2012 brmu

0 Kommentare

wie soll ich leben?

Sarah Bakwell, Wie soll ich leben? C. H. Beck 2012, zitate auf den einführenden seiten 11/12

„Die Welt des 21. Jahrhunderts ist voll von Menschen, die sich intensiv mit sich selbst beschäftigen. … Sie kreisen um sich selbst. Sie schreiben Tagebuch, sie chatten und stellen ihre Fotos ins Netz. Hemmungslos extrovertiert, ...

0 Kommentare

mondteller

hol den mond auf deinen teller*
lass die sonn’ in
seinem lichte glänzen
aber die erde die
die erde lass grün
ihr den himmel blau
uns die blumen bunt
für würdigere die da
noch kommen werden
wisse es gibt keine reise nach
keine ankunft in
*
dem was eines vaters ist
oder sein soll und haben
jandl sei dank*

© 21.12.2012 brmu
*) bezug: Esther Thormann, Hol den Mond auf deinen Teller – Gedichte, orte Verlag Zürich 2010. seite 16, diverse zeilen zitiert

0 Kommentare

gauß-o-graus

quelle: Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Rowohlt Verlag 2005, seite 220.

Carl Friedrich Gauß räsoniert in einem gespräch mit Alexander von Humboldt auf dessen bemerkung, der verstand forme die naturgesetze. zitat:

„Der alte kantische Unsinn. Gauß schüttelte den Kopf. Der Verstand forme gar nichts und verstehe wenig. Der Raum biege und die Zeit dehne sich. Wer eine Gerade zeichne, immer weiter und weiter, erreiche irgendwann wieder ihren Ausgangspunkt. Er zeigte auf die niedrig im Fenster stehende Sonne. Nicht einmal die Strahlen dieses ausbrennenden Sterns kämen auf geraden Linien herab. Die Welt könne notdürftig berechnet werden, aber das heiße noch lange nicht, dass man irgend etwas verstehe.“

der Gauß macht den Humboldt rund:
ausgedient habe das phlogiston,
die welt gebe sich nur spärlich kund,
ein paar algorithmen täten es schon.

© 17.12.2012 brmu

2 Kommentare

gedichtbände

Frankfurter Bibliothek, Jahrbuch für das neue Gedicht, Bd. 28, Gedicht und Gesellschaft 2013, Brentano-Gesellschaft Frankfurt 2013. darin auf seite 722:

gedichtbände

sind etwas zum weiterblättern
bis die eine seite widerfedert
dein hirn hat längst entschieden
da machst du noch den finder feucht
ribosomen-augen wandern zeilen lang
bedeutungen perlen ab und sammeln
zu gedanken sich knapp über
dem papier schwebt der
geist der strophen
der wirbelt
dich

© 15.12.2012 brmu

0 Kommentare

ursache und wirkung

ein zitat wider die verdummung aus: Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Rowohlt Verlag 2005, seiten 59 – 61:

„Gemeinsam überzeugten Bartels und Büttner seinen Vater davon, daß er nicht in der Spinnerei arbeiten, sondern aufs Gymnasium sollte. Unwillig stimmte der Vater zu und gab ihm den Rat mit, sich immer, was auch geschehe, aufrecht zu halten. … Er bekam zwei neue Hemden und einen Freitisch beim Pastor.“

beim ersten mittagessen an diesem freitisch verwickelt der pastor den achtjährigen knaben Johann Carl Friedrich Gauß in ein gespräch und meint schließlich:

Wie klug man auch sei, man habe demütig zu bleiben. – Warum? – Der Pastor bat um Verzeihung. Er habe wohl falsch verstanden. – Nichts, sagte Gauß, gar nichts. – Doch, sagte der Pastor, er wolle das hören.
Er meine es rein theologisch, sagte Gauß. Gott habe einen geschaffen, wie man sei, dann aber solle man sich ständig bei ihm dafür entschuldigen. Logisch sei das nicht. … Er sei überzeugt, daß er etwas missverstehe, aber ihm erscheine das wie eine mutwillige Verkehrung von Ursache und Wirkung.“

wie soll ein mathematisches genie auch anders denken. der kleine hat gar nichts missverstanden. sprach’s und flog raus. logik ist nicht jedermanns sache, schon gar nicht die der theologie. / eingestellt am 08.12.2012 brmu

reli belli

religionen sind inbrünstige
logiklose denkdunkle
systeme die mit einer ethik
ohne hiesige menschenrichter
auskommen wollen – lohn
oder strafe folgen später aber
viele mussten dran glauben

© 08.12.2012 brmu

0 Kommentare

info zum projekt

hier einige erläuterungen zu dem literaturblog litbiss:

das schreiben von literarischen texten hat etwas solipsistisches an sich. der ausweg ist die resonanz mit anderen geistern. ist das wortwerkchen nach eigenem anspruch fertig gestellt, dann kann es drei wege beschreiten.

weg 1: der text wandert gleich in den schuhkarton und die nachfahren werfen alles ins feuer.
weg 2: der text wird im freundeskreis vorgelesen, barmherzig gelobt, wandert dann auf weg 1.
weg 3: der text wird der gnadenlosen öffentlichkeit vorgelegt und wandert …

mit litbiss will ich auf dem dritten weg, als projekt getarnt, schreiben und aushalten. der name litbiss deutet auf eine beabsichtigte art der nonkonformität der themen und ihrer formulierung in literarischer form hin. es geht also nicht um schöngeistiges, sondern um anstößiges zum eigenen denken.

bevorzugt wird die gebundene sprache in gedichten mit und ohne reim, vom aphoristischen gedankensplitter bis zum durchkomponierten sonett. die orthographie folgt bewusst der kleinschreibung als künstlerisches mittel. eine ausnahme bilden die eigennamen von personen.

der bloginhalt gliedert sich in anwählbaren kategorien.

ein blog lebt von den kommentaren aus der großen öffentlichkeit. dieser auch. alle interessierten sind eingeladen, meinungen einzuschreiben. © brmu

4 Kommentare

schreiben macht einsam

Sibylle Lewitscharoff ist eine schriftstellerin mit fantasie, wie jüngst bewiesen in ihrer ungewöhnlichen Blumenberg-biografie. sie hält zurzeit eine poetik-vorlesung an der universität köln. im vorlauf dazu gab sie dem KStA (4.12.2012) ein interview zu fragen über die schriftstellerei.

0 Kommentare

bedeutung eben

Henri Bortoft: Goethes naturwissenschaftliche Methode, Verlag Freies Geistesleben 1995. im rahmen der erörterung des allgegenwärtigen, analytischen bewusstseins und dem eher holistischen bewusstsein Goethes kommt Bortoft auf seite 45 zu dieser einschätzung:

0 Kommentare

Die Grube

wer sich einblick verschaffen will, was es heißt, auf dem altar des strombedarfes geopfert zu werden, der lese das buch von Ingrid Bachér, Die Grube, Dittrich Verlag 2011, das sich mit dem tagebau aus sicht der betroffenen beschäftigt. es soll ein aufschluss-reiches zitat hier folgen:

0 Kommentare

wo man die grenzen zieht

quelle der zitate ist das buch des englischen autors John Berger, "Hier, wo wir uns begegnen" im Carl Hanser Verlag 2006, speziell aus der dort enthaltenen erzählung "Lissabon":

0 Kommentare

mensch in berührung

Robert Musil hat als österreichischer Schriftsteller (Der Mann ohne Eigenschaften, 1931) natürlich auch tagebuch geführt. eine auswahl daraus hat der Suhrkamp Verlag (SV) in seiner reihe Bibliothek Suhrkamp (bs) als band 90 heraus gebracht. ich zitere aus der ausgabe von 1974 von seite 19:

0 Kommentare

die erhöhrung

Thomas Lehr schrieb den roman "Die Erhöhrung" und der Aufbau-Verlag brachte ihn 1995 heraus. aus dem ersten kapitel "Vom Berühren des Mondes" (s. 9-15) hier drei markante zitate:

0 Kommentare

gemeinsame nenner

aus dem buch von Eberhard Rathgeb mit dem titel "Schwieriges Glück - Versuch über die Vaterliebe" aus dem Hanser verlag 2007 findet sich dieses zitat auf den seiten 65-66:

0 Kommentare

im walde

vom flohmarkt kam mir als geschenk ein altes buch auf den tisch: Gedichte von Ferdinand Freiligrath (1810 - 1876), J. W. Cotta'scher Verlag Stuttgart und Tübingen 1843, sechste auflage. darin fiel mir das 13strophige gedicht "Im Walde" auf.

0 Kommentare

das goldene dachl

das Goldene Dachl (um 1500) ist das wahrzeichen Innsbrucks. ein spruchband mit unbekannten schriftzeichen ist bis heute nicht enträtselt. in der tiroler tageszeitung (tt) vom 10. Juni 2009 steht über das Goldene Dachl geschrieben: "Jetzt dürfen sich Kreative den Kopf zerbrechen."

0 Kommentare

was gelernt werden muss

"Was gelernt werden muß, ... , ist das Warten. Das Warten ermöglicht das Geschehen lassen einer Entwicklung, es ist ein Warten auf sich selbst. Doch das ist keine passivische Erfahrung. Es ist Vorgeschichte eines Werkes, ... . Warten und Schreiben schließen sich nicht aus, ..."

0 Kommentare

der sinn des lebens

Ernst Augustin schreibt in seinem roman "Robinsons blaues Haus" im C.H. Beck Verlag 2012 auf seite 25:

0 Kommentare

purzelnde heimat

von Thomas Kling (1957 - 2005) ist posthum in diesem jahr das Suhrkamp taschenbuch "Das brennende Archiv" (st 4351) erschienen. darin findet sich das gedicht "Wurzeln & Heimat" in der manier eines "erpresserbriefes" mit ausgeschnittenen wörtern oder wortkombinationen.

0 Kommentare

LOVE

in dem sf-epos "LOVE" von William Eubank (© 2012 Splendid Film GmbH) erhält im Amerikanischen Bürgerkrieg der captain Lee Briggs einen erkundungsauftrag. man habe ein objekt gesichtet. diesem auftrag entstammt ein tagebuch,

0 Kommentare

fantasia

Ein jedes Buch mit Phantasie
verzeiht man dir in Deutschland nie

0 Kommentare

was die literatur anlangt

"Was die Literatur anlangt, so eignet sich das Internet hautpsächlich als Ort der schrankenlosen Pöbelei und der agressiven Einforderung von Niveaulosigkeit. Weshalb, fragt man sich verdutzt, geben sie denn gar nicht auf zu lesen? Es wäre so viel gesünder für sie." (Seite 50)

0 Kommentare

menschen dazu ermutigen

"Soll man Menschen dazu ermutigen, Gedichte zu schreiben? (Viele tun es ohnehin, ermutigt oder nicht.)

0 Kommentare

das nachdenken

"Das Nachdenken über mich fördert eines zutage: der Rest der Welt reimt sich."

quelle: Werner Herzog, Vom Gehen im Eis, Hanser 2012, seite 9

0 Kommentare

aber welches liebesglück

"Aber welches Liebesglück ist schon originell, und welches Sehnen hat nicht etwas von einem Gedicht, das die Zeiten überdauert?"


quelle: Bodo Kirchhoff, Die Liebe in groben Zügen, Frankfurter Verlagsanstalt 2012, seite 9

0 Kommentare

und plötzlich verstand ich

aus dem buch von John Berger, A und X - Eine Liebesgeschichte in Briefen, Hanser Verlag 2010, seite 45:

"Und plötzlich verstand ich, dass in den von Menschen gebauten Apparaten immer ganze Schaltkreise von Erfindungsreichtum verborgen liegen, die sich bestimmten Köpfen mitteilen. So wie man Gedichte weitergibt."


das nenn' ich resonanz
mit der man gar und ganz
den sinn erfassen kann:
resonanzen irgendwann

© 01.10.2012 brm ulbrich

0 Kommentare