litbiss.de

Ishiguro lässt 'was übrig

spieglein, spieglein an der wand
wer ist der größte im ganzen land?

in dem roman von Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrig blieb, ist die rede von einem mann ohne vornamen, Mr. Stevens, seines zeichens „Butler“ eines Lords in Darlington Hall im England der ersten hälfte des letzten jahrhunderts. heute würde man wohl von einem personalmanager reden. Stevens will perfekt sein und offenbar seinen dienenden beruf zur elitären berufung wandeln. er strebt unter konsequenter hintanstellung aller privaten bedürfnisse nach der höchstmöglichen vollendung in seiner funktion - und verpasst dabei sein eigentliches leben.

das zieht ganz verhaltene, dramatische spuren im text. die ihm unterstellte haushälterin, Mrs. Kenton, nähert sich ihm auf menschliche weise, in dem sie in sein karges büro einen blumenstrauß arrangieren will, was befremden bei Stevens auslöst. an anderer stelle steigert sich diese annäherung durch ihr eindringen in sein zimmer, wo sie ihn einen liebesroman lesend vorfindet. Mrs. Kenton ist interessiert und windet ihm das buch aus den händen. diese durchbrechung der sozialen distanz hinein in die intime nähe, lässt Stevens erstarren. fortan ist das verhältnis der beiden in eigenartiger weise beschädigt.

es wird immer klarer, dass der autor und nobelpreisträger Kazuo Ishiguro seiner leserschaft ein buch vorlegt, dass es „in sich hat“. denn lösen wir uns aus der betrachtung der protagonisten und kommen zu verhaltensmustern, dann erkennen wir die irreleitungen einer formalisierten und lakonischen sprache ohne die typischen empathiemuster, die zu missverständnissen und isolation führen muss.

eine weitere ebene abstrahiert, darf dieser roman, der auffällig viele kriterien einer novelle aufweist, als ein spiegel einer gesellschaft gelten, deren teile sich in formelhafter sprache zu anderen auf distanz hält, sich in elitengehabe erschöpft. die dieser elite dienenden menschen gleich welcher funktion möchten gerne anschließen durch pflichterfüllung um jeden preis. menschliche nähe, empathie und ethik, fallen den vermeintlichen anforderungen an einen „großen“ butler zum opfer.

aber es deuten sich auch tendenzen der reflektion und aufkeimenden kritik an diesem prinzip an. Stevens möchte nach gut dreißig jahren seine ehemalige haushälterin wegen personalmangels gerne wieder anheuern. er glaubte in einem brief von ihr an ihn signale der willigen rückkehr zu lesen. die umstände sind günstig, denn er kann den alten wagen seines neuen chefs auf Darlington Hall, Mr. Faraday, für eine reise benutzen.

diese reise wird eine klassische reise zum wendepunkt des alten denkens. in zunehmendem maße wird Stevens mit der welt außerhalb der „middle class“, in der er sich isoliert augehalten hatte, konfrontiert, mit direktem, unverblümten denken und sagen. diese neuen eindrücke lösen in ihm vergleichende betrachtungen von erlebnissen aus, die sich nun in wandelndem lichte darstellen.

am abend des dritten reisetages wird ihm einiges klar: Aber hinterher ist man immer klüger, und wenn man, mit solchem Nachwissen begabt, seine Vergangenheit nach derartigen „Wendepunkten“ abzusuchen beginnt, kann es einem wohl geschehen, dass man überall welche erblickt. (208) Stevens weltbild gerät in bewegung. er findet einige solcher wendepunkte in dem seinerseits so unterkühltem verhältnis zu Mrs. Kenton. das reflektieren der eigenen lebenssituation begann mit der fahrt zu ihr.

wir erleben also eine klassische hinführung auf einen novellistischen, dramatischen höhepunkt – der leider nur sehr verhalten eintritt. doch Stevens kann nicht mehr aus seiner haut heraus. im gespräch gesteht ihm Mrs. Kenton: Zum Beispiel denke ich dann an ein Leben, das ich mit Ihnen zusammen vielleicht geführt hätte. (280) dieser mehr als verhaltene moment der erklärung einer über das berufliche maß hinaus gehenden zuneigung, löst in Stevens etwas unerwartetes aus: Wahrhaftig – warum sollte ich es nicht zugeben –, in diesem Augenblick brach mir das Herz. (280) der durchbruch ins herz, ins zentrum seines privaten seins.

denn schon bald jedoch wandte ich mich ihr wieder zu und sagte mit einem Lächeln: „Sie haben vollkommen recht, Mrs. Benn. …“ (280) Stevens selbsterkenntnis währte nur einen funkenschlag lang. dann reagiert die vorherrschende butlernatur und geht auf distanz, in dem nun der korrekte name fällt wie ein fallbeil. diese lang anhaltende episode der möglichkeiten ist für immer beendet.

nach der katharsis folgt nach einem gespäch mit einem ehemaligen einfachen Diener (283) die erkenntnis: Vielleicht hat dann auch sein Rat etwas für sich, dass ich aufhören soll, so viel zurückzuschauen, dass ich eine positivere Einstellung gewinnen und versuchen sollte, aus dem, was vom Tage übrig bleibt, noch das Beste zu machen. (286) Stevens traut sich nicht zu denken: aus dem, was vom >leben< übrig bleibt, noch das beste zu machen. einmal butler, so scheint’s, immer butler, aber in wandlung begriffen. und genau darum verurteilen wir ihn nicht leichtfertig.

lösen wir uns von der handlung und verlegen den plot in unsere lebewelt, so lassen sich mühelos eine reihe von verhaltens- und kommunikationsmustern finden, die sich übertragen lassen. so hält uns Ishiguro einen mehrfachen spiegel vor, vom individuum über den job zur gesellschaft und ihren verkrampfungen. die nobelpreiskommission würdigte den autor als einen, „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“. mit Kazuo Ishiguros roman (oder novelle?) können wir den sprung über diesen abgrund wagen.

spieglein, spieglein an der wand1,
wer ist der größte im ganzen land?
herre Stevens, ihr seid der größte hier,
aber frau Kenton scheint weitaus menschlicher als ihr!

© 12.12.2017 brmu
1 nach Gebrüder Grimm, Die schönsten Kinder- und Hausmärchen, Schneewittchen

0 Kommentare

Böll i(r)ländert

IMG 1576 4

© 11.11.2017 foto brmu: Böll-Info in Köln (Literaturhaus Köln, WDR, Köln)

wer am elften elften in Köln abends unterwegs ist, kann fluchtpläne verstehen. bloß weg aus dieser besoffenenheit, die sich mit karneval kränzt und unrat hinterlässt, flüssig und fest. nichts literarisches weit und breit.

damals, mitte der fünfziger jahre, ist der literat Heinrich Böll von Köln mehrmals nach Irland für einen schreibaufenthalt „geflüchtet“, um dem stress zu entgehen. die früchte dieser schreibklausur wurden peu-à-peu in zeitungen veröffentlicht, bis 1957 alles zusammen ein buch mit dem titel „Irisches Tagebuch“ ergab. vier jahre später dann eröffnete es als erstes die neue dtv-reihe – und siehe, es ward ein großer erfolg.

woran mag das liegen, haben wir uns im Brühler Lesekreis bei Brockmann, siebzig jahre danach, gefragt. es muss doch alles total veraltet und überholt sein, was darin über Irland geschrieben steht. doch schnell kommt man zu der erkenntnis, dass es sich eben nicht um ein reisetagebuch handelt, das getreulich station für station abhakt und beschreibt. in 18 kapiteln ist es eher eine zusammenschau vieler, Böll typisch erscheinender eindrücke aus dem kontakt mit Iren und deren verhalten, kombiniert mit reflektionen über das unsrige.

und das wiederum in teilweise recht poetischer schreibweise, die dennoch den skeptischen, kritischen blick nicht vermissen lässt. das Irische Tagebuch also mag eine art therapeutische übung gewesen sein, sich von den erlebnissen des krieges und der damit etablierten trümmerliteratur zu erholen, den blick zu wenden und in die eigene republik zu schauen, die Böll dann auch harsch und fokussiert ins visier genommen hat. dazu benötigt man abstand, der in Irland gegeben war.

Als ich an Bord des Dampfers ging, sah ich, hörte und roch ich, daß ich eine Grenze überschritten hatte; (9) der in der literaturrezension so oft beschworene „Erste Satz“ entfaltet hier seine volle wirkung. wir leser/-innen wissen nun eingeladen zu werden, ebenfalls unsere grenzen zu überschreiten, die grenzen der wahrnehmung anderer leute in anderen landen. Die Grenzen aller mehr oder weniger exakten Wissenschaft liegen scharf übereinander im Zucken des epileptischen Bettlergesichts: eine zu schmale Basis, als daß ich mich ihr anvertrauen möchte. (25) keine gewissheiten, alles zuckt und ruckt, die typische haltung eines skeptikers, der auch in der vermeintlichen idylle von Achill Iland, einer insel an der insel Irland an der insel Großbritannien, um sich herum den Skeptizismus sah, der in harten und traurigen Augen blühte…Dornen um die Rose herum, Pfeile im Herzen der frommsten Stadt der Welt. (52)

also gingen auch wir skeptisch an die lektüre und wunderten uns, was in so einem „alten“ buch noch heutzutage zutreffend sei. wir lasen von der Zeit, die geduldig über alles hinträufelt: vierundzwanzig große Tropfen Zeit pro Tag: die Säure, die so unmerklich alles zerfrißt wie Resignation … so abstrakt ist also die Wirklichkeit. (37) wieder eine warnung, dass idylle nur eine art der wahrnehmung ist, wir heutigen wissen, eine sich wandelnde wahrnehmung, denn das Irland von 1954 und das von heute unterscheidet sich massiv. den zahn der gewissheit muss man sich ziehen lassen.

und ich bin nun mal dran gewöhnt, jeden Abend irgend jemand einen bestimmten Zahn zu ziehen: ich weiß schon genau, wo er sitzt; ich kenne mich allmählich aus in der politischen Dentologie, und ich mache es gründlich und ohne Betäubungsmittel. (45) was für eine herrliche metapher für das spätere wirken Bölls in seinen gesellschaftspolitischen romanen! hier deutet sich schon seine wille zur skeptischen mahnung an.

Böll, der starke raucher, hat auch die stärke zur selbstkritik: Wunderlich genug, daß noch keine Psychologe … den Nebenzweig der Kippologie  entdeckt hat,… und … da liegen sie also, die nur halb gerauchten, brutal geknickten Zigarettenstummel dessen, der nie Zeit hat und vergebens mit seinen Zigaretten gegen die Zeit um Zeit kämpft – (88) ehrlicher kann man sich Bölls literatenarbeit in Deutschland, von ihm beschrieben, kaum vorstellen. die lösung in dem irischen cottage winkt direkt: Wie gütig ist das Kaminfeuer, das alle Spuren verzehrt; (88) aber eben nur die spuren, der kampf um die zeit wird bleiben.

dann dürfen kompensationen nicht fehlen. Bei uns – so scheint mir – versagen, wenn etwas passiert, Humor und Phantasie; in Irland werden sie gerade dann in Bewegung gesetzt. (114) it could be worse, but I shouldn’t worry – das ist die irische parole, die uns mittelbar empfohlen wird. allerdings hat der damals in Köln lebende Böll das Kölsche Grundgesetz missachtet: §4 et hät noch immer jot jejange, §5 wat fott es, es fott. aber nach §6 können wir das heilen, denn jede jeck es anders! das gilt auch für ihn.

mit der zeit kann man das lernen, und die soll es in Irland zuhauf geben, denn ein irischer spruch besagt: Als Gott die Zeit machte, hat er genug davon gemacht und Böll fügt hinzu: es  …sind die Zeitverschwender die Sparkassen, in denen Gott seine Zeit verbirgt und in Reserve hält, für den Fall, daß plötzlich welche gebraucht wird, … (61) wieder ein kleiner seitenhieb auf die von ihm skeptisch betrachtete frömmelei.

aber auch die lebensphilosophischen blitzlichter kommen nicht zu kurz. Wer Poesie, anstatt sie zu machen, lebt, der zahlt zehntausend Prozent Zinsen. (56) meint wohl, bei der umsetzung von theorie in die praxis wird draufgezahlt. und von dort ist die frage nicht weit: Wie hoch ist der Fahrpreis für diese fünfzig, sechzig, siebzig Jahre vom Dock, das Geburt heißt, bis zu der Stelle im Ozean, wo der Schiffbruch erfolgt? (57) nun sind wir in voller resonanz, denn diese frage hat sich wohl jeder schon mindestens einmal gestellt: was soll das ganze, was ist es wert, was kostet es mich.

wenn wir also ein urteil über das Irische Tagebuch fällen wollten, so ergeben sich pros und kontras; es hängt  von der erwartung an die lektüre ab. halten wir es mit den beschriebenen ritualen: … denn die Bescher mussten ihren Tribut an Neuigkeiten entrichten; denn trotz Radio und Zeitung hat doch die Neuigkeit aus dem Munde dessen, dem man die Hand drückte, mit dem man Tee getrunken hat, sie hat das eigentliche Gewicht. (103) wir haben diskutiert und uns die gewichtung erarbeitet: Bölls lösung aus den trümmern, hin zum nachweis anrührender, poetischer schreibweise.

© 14.11.2017 brmu
Heinrich Böll, Irisches Tagebuch, dtv 2017, 63. Auflage, zitate im schrägdruck mit seitenangabe

0 Kommentare

superhero: sonnenblume im regen

Eine Sonnenblume im Regen (11), so poetisch wird der protagonist des romans Superhero von Anthony McCarten gleich zu beginn aus dem „off“ beschrieben. und wir standen beim lesen des buches auch oft im regen mit unseren vorstellungen von einem roman und unseren gefühlen, die die geschichte auslöste.

ist das überhaupt ein roman? eher doch ein mix aus jugendgeschichte, drehbuch, erzählung als eine zwischenstufe zur graphic novel. Donald Delpe ist die hauptperson, um die sich alles dreht. er schafft sich seine eigene grafische welt mit einem superhelden Miracleman und der ihn anhimmelnden Rachel. im pinpong zwischen romantext, regieanweisungen, comictext und unseren eigenen gedanken dazu müssen wir den ereignissen folgen. das fordert die leser/-innen.

das schriftbild mit seinen unterschiedlichen drucktypen lässt die augen anecken. die regiehinweise versetzen uns in einen lesefilm. die sprache ist weniger literarisch, eher „verjugendlicht“ und provoziert ab und an ein kopfschütteln. man sucht förmlich die passage, in der man sich in das buch hineinbohren kann. keine bequeme lektüre also.

aber die geschichte ist auch nicht bequem. Donald leidet an krebs und fürchtet, den kampf zu verlieren, ohne einmal im leben sex, inbegriff der reife und des erwachsenseins, gehabt zu haben. Don weiß, daß es keine Gewissheit gibt. Nichts ist selbstverständlich. Nichts was es nicht vielleicht am nächsten Tag nicht mehr gibt. (67) und dann verliebt er sich in der kirche in ein mädchen, überhöht sie in seiner fantasie und erstarrt in stummheit.

die rollen in dem buchfilm sind provokant besetzt: die mutter Renata flüchtet ins studium von fachliteratur über krebs, der vater Jim kommt an den sohn nicht heran, der psychotherapeut Dr. Adrian King verliert die distanz und therapiert sich eher selber. die looser-muster häufen sich, man wundert sich.

der durchbruch geschieht, wenn sich die protagonisten aus ihren denk- und verhaltensmustern lösen und die situation an sich heranlassen. und das ist das aha-erlebnis der leserschaft, auch aus vorgefasster meinung heraus zu finden. so befremdlich eine erkrankung mit krebs auftritt, so befremdlich kommt der roman daher. bis, ja, bis sich die vorstellungen vom gelingenden leben ändern.

der vater bewundert seinen kranken sohn beim basketballwurf und denkt: Das sind die Augenblicke des Lebens, wo man weiß, wozu man Söhne hat. Einfach großartig. Es gibt Momente, da sind sie das beste, was einem passieren kann. (131) der therapeut meint, wenn er dem Jungen hilft, hilft er sich selbst. Auch das ist gut. Gute Taten sind nie uneigennützig. (182) und die prostituierte Tanya, bei der Donald eine liebsnacht erfahren sollte, um sein manko auszugleichen, klärt ihn auf:  Nun, wenn du mit der richtigen zusammen bist …, das ist  … eine Art Wettbewerb. Ihr wollt beide, daß der andere gewinnt. (232)

da macht es klick in Donalds kopf, die perspektive ändert sich, und er sieht seine verliebtheit zu Shelly, dem mädchen aus der kirche, aus ganz anderer sicht, so dass er Miracleman sagen lassen kann: Heute Nacht habe ich ein ganzes Leben gesehen. Jetzt kann ich gehen. (294) wir werden nie erfahren, ob nun ein intimes treffen mit Shelly stattgefunden hat oder nicht.

was wir aber wissen ist, dass die mutter die größe entwickelt hat, ihren geliebten sohn gehen zu lassen. Es ist gut, Liebling. … Du kannst jetzt loslassen. Wir haben dich lieb. (255) und vieles kommt wieder ins lot. Jim dreht sich um und betrachtet seine Frau. Er hält den Atem an. Renatas Gesicht berührt das Gesicht ihres Sohnes, Wange an Wange, wie ein altes Tanzpaar. Sie führt, tanzt mit ihrem Sohn seinen Walzer aus dieser Welt hinaus. (255)

wer beim lesen des buches durchgehalten hat, der erntet tiefe momente von anrührender menschlichkeit in kritischer situation und erkennt den verzweifelten kampf der protagonisten gegen sich selbst, dieser beängstigenden situation auszuweichen.

wem der sinn nach philosophischen gedanken steht, der kommt beim therapeuten Adrian auf seine kosten, … ganz im Sinne … der Erkenntnis, daß das Wahrgenommene durch den Akt der Wahrnehmung verändert wird. (121) alles vom menschen wahrgenommene wird verfälscht durch vorurteile, meinungen, wissensbrocken, auch ängste und verunsicherungen, ist fiktion. die große kraftanstrengung der protagonisten ist es, diese vorstellung vom unbedingten leben ihres sohnes aufzugeben und die situation des todes eines mitmenschen liebevoll-gelassen hinzunehmen, ohne sich dabei verwerflich vorzukommen.

der roman könnte auch eine novelle sein, wenn man dieses prinzip der katharsis, der inneren revolte gegenüber dem tod hinaus als merkmal annehmen wollte.

© 17.10.2017 brmu
Anthony McCarten, Superhero, Diogenes 2007

0 Kommentare

Gilead - nicht weit ab

Der Report der Magd1, unter diesem titel stellt man sich einen idyllischen, bäuerlichen plot vor, der etwas aus der zeit gefallen zu sein scheint. weit gefehlt! Margaret Atwood hat 1985 den roman „The Handmaid’s Tail“ veröffentlicht, der dann zwei jahre später auf Deutsch vorlag. wir haben es mit einer dystopie (gegenteil von utopie) zu tun, die wegen ihrer aktuellen muster des fanatismusses unter die haut geht.

dreißig jahre später, gestern im lesekreis diskutiert, stellen wir fest, dass dieses buch irritierend viel anklänge an heutige zustände in der welt aufweist. wollte die autorin prophetisch den finger heben und die welt warnen? nein! sie hat anfang der achtziger jahre lediglich öffentlich zugängliche presseberichte aus der welt gesammelt und diese effektvoll zu diesem erschreckenden plot literarischer fiktion verdichtet: eine christlich-fundamentalistisches gruppe okkupiert einen teil der USA und errichtet ein repressives regime mit kastenähnlichen gesellschaftsstrukturen. Jene Jahre waren, historisch gesehen, einfach eine Anomalie, sagt der Kommandant. Ein Zufall. Wir haben nichts anderes getan, als die Dinge wieder der Norm der Natur anzupassen. (228) was die norm der natur sei, das ist die fiktion der machthaber zu deren nutzen und frommen. denn fromm wollen sie alle scheinen.

was ist in diesem religiösen regime natürlich? frauen werden nach ihrer nützlichkeit in kasten eingeteilt, die ‘mägde‘ stehen den machthabern (nach 1. Moses 30, 1-3) zur zeugung zur verfügung. eine dieser mägde berichtet von den vorkommnissen. Ich würde gerne glauben, daß ich nur eine Geschichte erzähle. … Was ich erzähle, ist keine Geschichte. Aber wenn es eine Geschichte ist, und sei sie auch nur in meinem Kopf, muß ich sie jemandem erzählen. (58)

sie wird uns lesern/innen erzählt und wir sind betroffen. jede/r hat einen anderen punkt der unangenehmen resonanz zu passagen im roman erlebt bis hin zur heftigen ablehnung und weigerung des weiterlesens. zu brutal muten einige szenen an und zu brutal ist die heimliche erkenntnis, dass sich teile so und ähnlich verstreut in der welt tatsächlich abspielen.

Es war nach der Katastrophe, als der Präsident erschossen und der ganze Kongreß mit Maschinengewehren niedergemäht wurde und die Armee den Notstand erklärte. Die Schuld wurde damals den islamistischen Fanatikern zugeschoben. ...  Und dann wurde die Verfassung aufgehoben…. Und es gab noch nicht einmal Aufstände. … Die Zeitungen wurden zensiert, und einige mußten ihr Erscheinen einstellen, … Die ersten Straßensperren waren plötzlich da, und die Identipässe wurden eingeführt. Alle hielten das für sinnvoll, da es offenkundig war, daß man gar nicht vorsichtig genug sein konnte. (228) man liest und staunt.

irgendwie kennen wir das von irgendwo, so viel literarische fiktion ist da gar nicht versammelt. umso aufmerksamer verfolgen wir das verhalten der magd in diesen verhältnissen. was denkt sie, was tut sie, wie tief verliert sie sich im system, des überlebens wegen.

die mägde werden in speziellen lagern von Tanten umerzogen, nach den regeln von Gilead. Stellt euch vor, ihr wärt beim Militär, sagte Tante Lydia. (15) diese tanten genießen privilegien, für die sie das system des nachschubs von mägden aufrecht erhalten. frauen dienen einem system, das extrem frauenfeindlich auftritt. einer der schocker in diesem roman.

uns fallen aus der neueren geschichte spontan reale beispiele dazu ein. ein drastisches exempel körperlicher folter wird an Moira, freundin der magd aus besseren tagen, die fliehen wollte, praktiziert. nach ihrem verhör kann sie lange kaum gehen, ein anderes an Janine, die in jungen jahren von einer jungengruppe vergewaltigt wurde. Einen Moment lang verachteten wir sie, obwohl wir wußten, was ihr angetan wurde. Heulsuse. Heulsuse. Heulsuse. Wir meinten es wirklich, und das ist das Schlimme daran. Ich hatte früher eine gute Meinung von mir. In dieser Situation nicht mehr. (99) ein winziger aufblitzer von selbsterkenntnis und die damit verbundene wertung der ich-erzählerin. am ende der entmenschlichenden prozedur beteuert Janine: Ich habe sie verführt. Ich habe den Schmerz verdient. (99) das sind die aus schauprozessen bekannten selbstbezichtigungen.

nachdem die bislang namenlose ich-erzählerin in so einem umerziehungslager praktisch einer gehirnwäsche unterzogen worden war, erhält sie den kastenstatus „magd“ und wird einem kommandanten namens Fred zugeordnet. sie erhält den namen Desfred. der name macht sie zum ding, das Fred von staatswegen zugeordnet ist. ihr job ist es, dem kommandanten einmal im monat zur zeugung von nachkommen zu willen zu sein, quasi als gebärmaschine.

die kommandanten sind die mächtigen im staate. Fred ist einer von denen. Er hat etwas, was wir nicht haben, er hat das Wort. Wie wir es früher verschwendet haben! (120) trotz aller die persönlichkeit kappender ereignisse erhält sich Desfred die kraft einer inneren reflektion als revolte zum überleben und als analyse der verpassten chancen einer abwehr in vormals besseren zeiten. das sind dann hinweise für uns heutige.

sie hat ein ziel: Wenn ich hier herauskomme, falls ich je in der Lage sein werde, dies in irgendeiner Form festzuhalten, und sei es in der Form einer Stimme, dann wird es eine Rekonstruktion sein, noch um einen Grad ferner. (178) im roman werden alte tonbänder gefunden, nachdem Gilead längst untergegangen ist, auf denen eine stimme raportiert. im jahre 2195 sind sie gegenstand von wissenschaflichen untersuchungen.

alles in allem haben wir hier eine große metapher uns allen bekannter ereignisse in der welt: elend oder katastrophe als auslöser von umsturz, machtergreifung durch fanatiker, errichtung von zwangssystemen, entrechtung eines teiles der bevölkerung, ausbeutung der stigmatisierten bis hin zum tod, rechtfertigung durch bezug auf fundamentalistische „höhere“ quellen. und die dumme trägheit der bevölkerung, die die zeichen der zeit nicht erkennt.

dieses phänomen der aufblähung einer fiktion weniger leute, der magnetwirkung für viele andere, die dann wiederum in ihrer masse die realität zu beeinflussen suchen, hat Gert Scobel in seinem buch „Der fliegende Teppich“ aufgegriffen. dieses buch liefert uns den intellektuellen hintergrund zum verständnis des massiv irritierenden romans von Atwood. er schreibt: Aufklärung gelingt nur, wenn Fiktion und Realität immer wieder neu aufeinander abgestimmt und in ein kritisches Verhältnis zueinander gebracht werden. … Was bleibt, ist eine pragmatische Lösung der  fiktionale Realismus. (348) die dystopie von Atwood möge dazu beitragen, diese kritische abstimmung in passabler form immer wieder zu bewerkstelligen. das ist kultur aus eigenständigem denken!

© 12.09.2017 brmu
zitate in schrägdruck aus:
1 Margaret Atwood, Der Report der Magd, Fischer TB5987, 1987, auflage 1992, (seite)
2 Gert Scobel, Der fliegende Teppich – Eine Diagnose der Moderne, Fischer 2017, (seite)

0 Kommentare

gründe zu lesen

(dem lesekreis Brockmann in Brühl gewidmet.)

das lesen, das kann ich doch
die kosten, die trag‘ ich noch
bücher, die löschen neugier
leseruh‘, die schaff‘ ich mir
zeitaufwand: überschaubar
tagesgeschäft: ist doch klar
bleibt vom lesen unberührt
oder fast, wie‘s sich gebührt

das wird dich weiterbringen
das lesen lässt dich springen
zu neuen horizonten
kaum druck auf deine konten
meinung, die werd‘ ich schulen
nicht mit dem mainstream buhlen
lesen, ein wicht‘ger ansatz
schafft für wissen neuen platz

wahre pionierarbeit
im gestrüpp der dämlichkeit
im kampf contra dümmlichkeit
lesen macht allzeit bereit

unter digitalem joch
da beschützt das lesen noch
kannst analog im strome
treiben auf‘m bücherthrone
neuem horizonte zu
glatt in die erkenntnisruh‘

passionierte aber
zerlegen das gelaber
in trivialromanen
und sei es von den ahnen
und platter literatur
lesekreis wirkt wie 'ne kur

befreit vom ganz banalen
entschlackt  vom trivialen
lesen gute bücher wir
horizontverengung hier
wird kräftig überwunden
verständnis unumwunden
schaffen wir im lesekreis
uns macht keiner etwas weis
erweitern die rezeption
lesekompetenz mit krohn‘

lesen stählt in gegenwart
für zukünfte auch macht's hart
eins wird das ergebnis sein
die mustererkennung fein
literatur mit welten
die auch bei uns oft gelten
für deine lebenspraxis
in unserer galaxis

hab‘ den mut auf ein neues
muss ja nicht sein ein teures
buch für die visionen
du kannst auf ihnen thronen

© 01.08.2017 brmu

1 Kommentar

lesekreis in petto

was in den nächsten lesekreisen in der
buchhandlung Brockmann in Brühl
geplant ist, das kann hier gelesen werden.

wir freuen uns auf ihre teilnahme!

brmu

0 Kommentare

Saucier's walden-wg

unsere lektüre im Juli 2017, „Ein Leben mehr“, handelt von einer art alten-wg im tiefen wald abseits der zivilisation. im französischen titel (2011) von Jocelyne Saucier regnet es vögel. Es regnete Vögel, sagte sie. … Die Vögel fielen vom Himmel und stürzten uns tot vor die Füße. (86) so ein augenzeugenbericht des großen brandes in Kanada von 1916. für viele menschen kommt jede hilfe zu spät, sie ersticken oder verbrennen im flammenmeer. das war im Matheson Fire, einem außer kontrolle geratenen rodungsbrand damaliger zeit.

der roman, angelegt als recherche zu den überlebenden, ist voller dreiecksgeschichten. das feuerdrama ist der aufhänger für den plot um die geschichte alter herren, die tief in den kanadischen wäldern in selbst gebauten blockhütten ihr aussteigerleben zelebrieren: Ed, Charlie und Tom, das erste dreieck.

die alten männer sind vor zeiten in ihrer identität auf unterschiedliche art und weise von der bildfläche des normalen lebens in der gesellschaft verschwunden, nach dem motto: Im Wald stirbt man, still und leise wie ein Blatt, das vom Baum fällt. (176)

ge- und beschützt werden die drei von Bruno, der für falsche papiere sorgte und notwendige besorgungen aus der stadt tätigt, und von Steve, der die finanzen mittels einer hanfplantage im griff hat und neugierige leute von der waldlichtung ablenkt. das ist das zweite beziehungsdreieck.

aber das ablenkungsmanöver misslingt im falle der fotografin, der vordergründigen heldin ohne namen. ihre meinung: Ich mag solche Orte, die jeden Anspruch und jede Koketterie aufgegeben haben, Orte, die sich an eine fixe Idee klammern und darauf warten, dass die Zeit ihnen recht gibt.(14)

die fotografin hat sich als ein art lebensaufgabe vorgenommen, überlebende aus dem Matheson Fire zu finden, zu fotografieren und zu interviewen. es soll ein buch werden. ein gewisser Edward Boychuck fehlt ihr noch, insofern ist er „… eine offene Wunde“ (14). auf der suche nach ihm landet sie in dem von Steve als pächter geführten hotel.

trotz fehlinformation gelangt sie auf umwegen auf die lichtung mit den drei hütten und hat ersten kontakt mit Charlie. es entspinnt sich allmählich ein gespräch, zu dem Tom hinzu kommt, in dem die lebensphilosophie der drei umrissen wird. Die alten Männer würden aus allen Wolken fallen, wenn man sie fragen würde, ob sie glücklich sind. Sie müssen nicht glücklich sein, Hauptsache, sie sind frei. (27) diese freiheit wird von Charlie später so charakterisiert: Wenn man die Freiheit hat, zu gehen, wann man will, entscheidet man sich leichter für das Leben. (108) er nimmt damit bezug auf die tatsache, dass alle drei „… einen Todespackt geschlossen“ (37) hatten, d. h. eine dose mit Strychnin bevorraten für den fall der willentlichen selbsttötung. aber Edward Boychuck „… war tatsächlich eines natürlichen Todes gestorben“ (37) und von den beiden Charlie und Tom beerdigt worden.  

hier könnte die geschichte einfach in schicksalshafter weise zum ende kommen. aber die autorin schöpft das märchen der aussteiger aus: Edward Boychuck ist dieser Ed oder Ted, ein damals durch das Metheson Fire schwer traumatisiertes kind, das seine ganze familie verloren hatte. es stellt sich im laufe der geschichte heraus, dass dieser Boychuck seine ihn schwer belastenden optischen erlebnisse zu eindrücken in mehreren hundert gemälden aufarbeitet, die zunächst niemand so recht interpretieren kann.

hier wird die nächste protagonistin eingeführt. Gertrude ist die tante von Bruno, dessen beschützergeist hilft, sie nach sechs jahrzehnten aufenthalt in der psychiatrie daraus zu befreien, in dem er sie in die kleine gruppe der waldlichtung integrieren hilft. sie verschwindet wie die alten männer von der bildfläche der zivilisation. sie hat die psychiatrischen methoden am eigenen leibe erlebt und somit ein handwerkszeug erlernt. sie kann also die traumabilder von Boychuck interpretieren helfen. das nächste dreieck ist etabliert: Boychuck malt, die fotografin findet die bilder, Marie-Desneige (ihr aliasname) interpretiert und hilft, den wert der bilder zu begreifen. der fund wird der fotografin, die nun mit dem aliasnamen Agne-Aimée ebenfalls in der gruppe integriert, zu einer ausstellung in Toronto verhelfen.

die nächste dreiecksgeschichte entsteht, als Marie-Designe die position des verstorbenen Ed in der kleinen gruppe einnimmt und Charlie und sie sich emotional annähern. bald merkt Tom, dass er sich einem im hohen alter noch zärtlich verhaltenden liebespaares gegenüber sieht. er beschließt, das feld zu räumen und begeht eine selbstötung mittels Strychnin. das gewandelte, zentrale dreieck löst sich in ein duo auf, das märchengleich mittels flucht vor der polizei den weg in die zivilisation zurück findet. Marie-Desneige bekennt, sie habe „immer gewusst, dass ich irgendwann ein eigenes Leben haben würde.“ (174)

haben wir demnach ein märchen für alternde erwachsene gelesen, eine schöne geschichte, die das selige träumen vergangener zeiten auslösen könnte? die autorin bekennt via fotografin: Ich liebe Geschichten, ich liebe es, wenn man mir ein Leben von Anfang an erzählt, mit allen Umwegen und Schicksalsschlägen …“ (21) das ist das zentrale anliegen überhaupt von literatur: leben beschreiben und offen lassen, wie viel resonanz wir leser/innen dazu entwickeln können. je mehr, umso empathischer lesen wir im spiegel der geschichte.

am schluss des romans spricht ein alter mann spontan die fotografin an: Er wünschte sich fort, weit fort, er wolle mit all dem nichts mehr zu tun haben, er wolle sich einfach irgendwo verkriechen, wolle nichts mehr erklären müssen. Er sei erschöpft. (190) sicherlich hat man das in fortschreitendem alter schon einmal gespürt, diese sehnsucht nach dem einfachen, unkomplizierten, von zwängen freien restleben in ruhe und stille, wo auch immer. das wäre ein auftakt für die fortsetzung der geschichte auf der waldlichtung mit geänderter besetzung im wahren leben.

eine aufmerksame lektüre des romans von Saucier belehrt uns, dass dies nicht ohne vorherigen aderlass zu haben und letztlich eine konsequente trennung von der zivilisation nicht möglich ist. der roman ist also keine robinsonade, sondern eher eine große metapher über unsere hektische und hysterische art, in den städten, in der gesellschaft, in der zivilisation zu leben und zu leiden.

ein satz von poetischer qualität: Wir verloren uns in der Langsamkeit1, einem Gefühl, das ich sehr mag … (44) wie wahr! mir gefällt’s, aber dieses lebensgefühl kann auch die grenze zum kitsch touchieren. es fällt für jede/n anders aus.

© 29.07.2017 brmu
1hierzu: Manfred Osten, Alles veloziferisch oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit, Insel Verlag 2003

0 Kommentare

Kuppel-Emma geht ins netz

lesekreis bei Brockmann in Brühl am 19. Juni 2017:

mit dem roman von Jane Austen aus vor-viktorianischen zeiten in England mit dem knappen titel „Emma“ in der übersetzung von Angelika Beck nähern wir uns auf der basis heutiger zeit. der verlag meint, dass der roman auch nach 200 Jahren nach Erscheinen noch höchst modern sei. wir sind auf der suche nach diesen modernen impulsen für die leser/innen. hinweise ergeben sich aus der betrachtung des plots, nicht aus stil und ton.

 

Austen Emma Plot2 170519 bu

abb.1 brmu: Jane Austen: Emma - zentrale figuren im plot

Emma Woodhouse, hauptprotagonistin und verwöhnte tochter des zu reichtum gelangten, hypochondrischen vaters, Mr. Woodhouse, gefällt sich in der manipulation von menschlichen beziehungen, kurz: verkuppeln genannt.

als jüngster spross der angesehensten familie in Highbury leidet sie sehr an dem verlust ihrer gouvernante, Miss Taylor, die eine gute partie mit Mr. Westen aus der nachbarschaft macht. Emma stillt den entzug der geselligkeit durch Miss Taylor, in dem sie nun einer neuen leidenschaft fröhnt: sei bildet sich ein, die ehe von Miss Taylor und Mr. Weston gestiftet zu haben und will auf grund dieses „erfolges“ weiterhin ihr passend erscheinende paare verkuppeln – natürlich mit den mittel der damaligen zeit.

wahre einladungs- und plauderorgien nehmen ihren lauf, immer in der hoffnung, Emma könne die und jene mit dem und jenen zu deren nutzen und frommen sich annähern lassen. scheinbare erfolge kippen plötzlich ins gegenteil und es ist ein viele hundert seiten umfassendes hin und her von meinungen, beobachtungen und einschätzungen. das kostet lerserkraft, weil so offensichtlich durchsichtig auf eine überraschung sich hin entwickelnd. der roman Emma ist ja schließlich keine heiratsanleitung.

einer spielt die spielchen nicht mit: Mr. George Knithtley, der ritterliche, wenn man seinen namen übersetzt. er gefällt sich in unbeteiligter beobachtung und hin und wieder auch in harscher kritik an Emmas treiben ihr gegenüber. es entsteht eine streitkultur, die nicht ahnen lässt, dass sich dahinter mehr verstecken könnte. George ist in seinen analysen die figur mit dem überblick und bringt damit auch gesellschaftskritik in den raum.

Emmas spielchen versanden jedoch. sie schafft es nicht, ihre neue "freundin" Harriet als nachfolgerin von Miss Taylor, (Harriet Smith als allerweltsname für eine unklare herkunft) mit dem ortspfarrer zu verkuppeln, denn Mr. Eton hat seinerseits gefühle für Emma, die das jedoch indigniert stoppt. prompt verheiratet sich Philip Eton mit einer anderen, die Augusta genannt wird und Emma feinding par excelence.

Harriet hingegen kriegt ihren anfangs angehimmelten Mr. Martin, den Emma hochnäsig abgelehnte, weil er als armer pächter eines bauernhofes nicht ihrer gesellschaftlichen klasse angehört. eine befremdliche haltung, die Emma sympathiepunkte bei der leserschaft kostet.

ein fast kitschiges happy end versöhnt mit allem hadern und grübeln über die abwegigen bedürfnisse dieser sorglosen und verhätschelten lady, denn sie erwacht in ihrer liebe zu dem sie so lange kritisierenden und damit erziehen wollenden George Knigthley.

worin nun liegt die verheißene modernität des romans von 1815/1816? zur orientierung: in Deutschland waren zu der zeit gerade die ersten drei teile von J. W. Goethes „Dichtung und Wahrheit“ erschienen.

der allzeit gültige spruch: hast du was, dann bist du was, kommt hier zum tragen. der vater hat ein nicht näher beschriebenes vermögen im diamantengeschäft angesammelt und verhält sich wie ein hypochonder. in der sorgenlos und gelangweilt lebenden tochter reifen die reize der machtausübung über andere menschen. wenn das nicht zeitlos ist!

Emma mischt sich wider die usancen in das leben dritter ein, ohne das je ein wort über sex fallen würde. es geht immer um eine „gute partie“ und nützlichkeit im sinne der versorgung. lust bereiten die vorstellungen und nicht die körper.

die manipulationen fallen zum teil auf Emma zurück, zum teil gelingen sie einfach nicht, weil sich die manipulierten einen rest von souveränität erhalten, das am beispiel von Harriet und Mr. Martin. Jane Austen lässt diese junge beziehung außerhalb der 'middle class' gesellschaft bewusst gedeihen, als fingerzeig und botschaft wider die arroganz der vermögenden, des klassengebarens - ein anhauch moderner gesellschaft.

letztlich haben wir also ein zum teil gesellschaftskritisches sittengemälde vor uns, dass in einem übergeordneten dreiecksrahmen gezeichnet wird. in einer ecke spielt Emma als kupplerin (gesellschaftlich anrüchig), in der anderen George als beobachter und kritiker (gesellschaftlich korrekt) und in der dritten befinden sich die verschiedenen vertreter der besseren gesellschaft von Highbury, die sich in der aufmerksamkeit der Emma gefallen.

fazit für’s gemüt: wer andere in sachen liebe manipulieren will, der fällt ihr vielleicht selber zum opfer. anfangs wollte Emma keinesfalls heiraten, am ende ist sie es. ein happy end darf auch kitschig sein.

fazit für’s hirn:

misch‘ dich nicht ein - oh wehe-
heimlich stiftend eine ehe
landest selber dann darin
und plötzlich ist da neuer sinn

© 24.06.2017 brmu

0 Kommentare

Philip Roth und der makel

Der menschliche Makel, dritter band aus der amerikanischen trilogie von Philip Roth, zeigt uns die komplexität menschlichen seins wie denken, handeln, nicht-handeln auf, dies anhand der von ihm gut gekannten und beschriebenen us-amerikanischen gesellschaft.

die verhaltensmuster der protagonisten und ihrer mitwelt sind in leicht abstrahierter weise universell zu nennen. daher trifft der roman auch auf große resonanz bei den leser/innen, die sich für diese dinge eine sensibilität erhalten haben.

drei protagonisten geraten in einem beziehungsdreieck aneinander. sie transportieren die botschaften des autors unisono: teile der eigenen lebensgeschichte würden von der bornierten mitwelt als makel empfunden werden, würde man sie offenbaren. ergo rasten mechanismen der verdrängung und verleugnung ein. das kann viele jahre erfolgreich sein wie bei Coleman Silk, den uniprofessor, bis er über eine unbedachte äußerung über zwei seiner studenten in den vorwurf des rassismus fällt und letztlich seine ganze lebenslüge, der weißen sub-gesellschaft anzugehören, zusammenbricht.

in den turbulenten ereignissen dieser phase der gesellschaftlichen stigmatisierung finden Coleman und Faunia Farley, putzfrau in der uni, zueinander. Faunia schleppt ebenfalls eine lebenslüge als angebliche analphabetin als schutz gegen sexuelle übergriffserlebnisse mit sich herum. beide stützen sich in der bewältigung gesellschaftlicher ausgrenzung.

der dritte im unglücksbunde ist ihr ex-ehemann, Lester Farey, der als traumatisierter Vietnamveteran auszurasten pflegt und seine phsychischen krisen an Faunia auslässt. auch eine trennung hilft nicht, weil er sie stalkt und in einer konfrontativen verkehrssituation für den tod von Faunia und Coleman ursächlich ist. ob mord oder unfall mit todesfolge bleibt offen.  

der roman verlangt der leserschaft einiges ab. rein formal ist Roth ein Meister der endlosen, demonstrativ überladenen Sätze (98), wie er Coleman in den mund legt, weil er für die große leserschaft ein weites netz der resonanzmöglichkeiten anbietet. da muss man durch, wenn man gleich zu beginn kapiert hat, was sache ist.

dann wird der plot im ersten drittel des romans gut nachvollziehbar entwickelt. man versteht und fällt urteile und wundert sich, warum noch zwei drittel folgen. steigt man dort ein, so wandelt sich der blick, die perspektiven ändern sich und man stutzt. die gefasste meinung, das urteil reduziert sich auf einmal zum vorurteil und am ende steht man ohne da. keine gewissheiten, keine gut-böse-schemata, keine einfachen rezepte!

abstrahiert man nun von der verwickelten, konkreten handlung, so finden wir uns in einem raum der gesellschaftlichen stigmatisierung von teilen derselben gesellschaft durch andere teile derselben gesellschaft wieder.

das kennt man doch: in jeder gruppe wie etwa im verein gibt es schnell einen sündenbock, der stellvertretend die fehler pauschal zugeschrieben bekommt und dann in die wüste geschickt wird als rituelle reinigung. das spielt sich ab, im großen wie im kleinen. dieser große roman lässt sich letztlich auf dieses kleine prinzip zurückführen.

als opfer dieses prinzipes kann man nur bestehen, wenn man sich seinem angeblichen oder tatsächlichen makel stellt, modern: outet, ihn nicht verdrängt und schon gar nicht leugnet. denn alle menschen, zu allen zeiten und an allen orten, haben, hatten und werden immer irgendwelche andersartigkeiten haben.

der mensch ist in der welt ein evolutionärer generalist, er muss notgedrungen unfertig sein. diese unfertigkeit hat uns weit gebracht. nur der begriff „makel“ ist eine dumme attribution unfertiger.  

© 12.05.2017 brmu

0 Kommentare

Rodoreda gärtnert

P1060469 1a
© Foto 04.04.2017 Brockmann

Der Garten über dem Meer, so der buchtitel in der deutschen ausgabe des romans der katalanischen autorin Mercè Rodoreda. da kann nur beschaulichkeit heraus kommen, so dachten wir im lesekreis und staunten nicht schlecht. es war durchaus anders.

Rodoreda (selbst war sie begeisterte gärtnerin) hat in ihrem roman einen namenlosen protagonisten, den gärtner, erfunden, bei dem gewollt und ungewollt die erzählstränge der verwobenen geschichten aller anderen handlungsfiguren zusammen laufen. nur die leser/innen können aus den auktorialen passagen mehr wissen, könnten also für den gärtner eine gewisse sympathie hegen.

dieser gärtner erzählt aus der erinnerung, was ihm von der dienerschaft der haus- und gartenbesitzer zugetragen wurde, was er selbst erlauschte, was er aus allem kombinierte – dabei liebevoll seinen garten pflegend als die generalmetapher des behüteten daseins.

aber dieser garten liegt am meer, wieder eine große metapher des mächtigen erzeugens, die in ihr gegenteil verkehrt wird. alles leben soll ja aus dem meere stammen. aber der in seine jugendliebe Rosamaria sehr unglücklich verliebte Eugeni stirbt auf ungeklärte weise auf diesem meer. Am nächsten Tag fanden sie Eugeni. … Mit zerschlagenem Gesicht, weil die Wellen ihn die ganze Nacht lang gegen die Felsen gespült hatten. … sie sagten, er sei verunglückt. (172)

es werden hier zwei ehepaare vor einem wohlhabenden hintergrund gespiegelt, die im grunde nicht zusammen gehören. Eugeni heiratet Maribel, obwohl er in Rosamaria verliebt ist. sein schwiegervater hat dazu eine klare meinung: Eines Tages war ich so dumm, ihn zum Abendessen einzuladen, und Maribel hat sich vom Fleck weg in ihn verliebt. (153) Anfangs war ich ihm gegenüber noch nachsichtig. Aber später … unzählige Male hätte ich ihm die Visage poliert, wenn sie nicht gewesen wäre. (178) herzlichkeit liest sich anders.

Rosamaria heiratet opportunistisch Francesc, obwohl sie mit Eugeni eine intensive beziehung hat. die männer geraten aneinander … er solle Francesc loslassen. Schließlich zog ihn Eugeni aus dem Auto, die Rockaufschläge waren ganz zerrissen, und sie prügelten sich auf offener Straße. (98) als alles nichts hilft, reagiert Eugeni hysterisch. Er hat sie am Arm gepackt und sie wie ein Wahnsinniger angezischt, er erlaube ihr, Francesc zu heiraten, wenn das ihr Wille sei, aber nach fünf Jahren würde er wiederkommen und sie holen … (100) wozu, fragen sich die leser/-innen. erneuter heiratsantrag, abwerbung oder gar rache?

nicht nur an dieser stelle wird der subtile stil der autorin offenbar. sie bietet andeutungen, lässt in der schwebe wie der dunst über dem morgendlichen meer, gibt uns leser/-innen keine gewissheiten im sinne einer bevormundng, sondern verlangt von uns das mitdenken und mitfühlen beim lesen, das schöpfen aus eigener erfahrung und vergleichen: was würdest du an dieser stelle tun oder unterlassen.

nach fünf jahren also treffen nun diese beiden paare in der idylle von haus und garten direkt am meer aufeinander und das drama nimmt seinen lauf. als Senyor Bellow aus dem nähkästchen plaudert, kommt es noch einmal zum körperlichem kontakt. Bei diesem Satz wieherte Senyoret Francesc los und konnte sich gar nicht beruhigen, und Eugeni stand auf und verpasste ihm eine Ohrfeige. (154)

Eugeni und Rosamaria können nicht zueinander kommen. die autorin bietet ein berührendes bild an: Eugeni ruderte langsam, und nach und nach wurden das rote Boot und er eins, so wie Senyoreta Rosamaria und ihr Pferd. (152) es scheint, die beiden übertrügen ihre leidenschaft auf alles mögliche, nur nicht auf die eigentliche person. so stellt man sich unglückliche menschen vor.

der roman bietet noch eine reihe weiterer geschichten. Roger Willemsen benennt das in seiner nachbesprechung: … wirft [man] das Senkblei in den Subtext, beginnen die Details erst wirklich zu sprechen. (228) und er kommt zu dem schluss: Man kennt weder Ziel noch Pointe, weder die wahren Protagonisten noch ihre Opfer. (228) und er folgert: Insofern ist der Roman auch eine Kritik des Erinnerns. (230) denn: Dieser alte Gärtner hat das Drama in seiner Entfaltung nicht verhindern können, aber Teile der Deutungshoheit der Geschichte bleiben in seinen Händen, und er geht behutsam mit ihnen um. (233) wie zum beispiel die nachricht des todes ihres sohnes Eugeni an sein altes elternpaar, die in dem roman eine anrührende position mit viel direkter rede einnehmen.

es bleibt ein hauch von zweifel, was sich wirklich abgespielt hat. denn der gärtner räsoniert: Wissen Sie, was mir die ganze Zeit durch den Kopf gegangen ist? Eugenis zerschlagenes Gesicht. Das hat mich nicht schlafen lassen. (197) und später sagt er zu Senyor Bellom: Sie wissen alles, was passiert ist. (222) es gibt also augen und/oder ohrenzeugen über die hintergründe des todes von Eugeni. das hat uns eine weile beschäftigt und die kriminologische potenz des romans erörtern lassen, denn motive sind vorhanden.

was und wie auch immer! unsere meinung war, dass gute literatur die leser/-innen im kopfe arbeiten lässt – und das kann dieser roman leisten, wenn man sich eingelesen hat.

© 04.04.2017 brmu

0 Kommentare

hoffen mit Aitmatow

der kirgisische schriftsteller Tschingis Aitmatow hat in seinem gesamtwerk ein unscheinbar daher kommendes büchlein "Der Junge und das Meer" (ein vom Verlag formulierter titel) untergebracht, das uns im lesekreis bei Brockmann eine rege, tiefgehende diskussion beschert hat.  

unerbittlich läuft die uhr ab, auf dem Ochotkischen Meer. Wenn Väter und Söhne gemeinsam jagen, wüten die bösen Geister. Sie könnten den einen vernichten, um dem anderen Kraft und Willen zu rauben, … So sind sie, diese tückischen Geister, versäumen keine Gelegenheit, dem Menschen zu schaden. (13/14) wir ahnen schlimmes.

drei erfahrene robbenjäger waren im Niwchenkajak auf see unterwegs, um dem jungen Kirisik aus ihrer sippe das jagen beizubringen. die geschichte beginnt wie eine ethnologische erzählung mit brauchtum und dem mythos von Luwr, der weltente, Agukuk, der  richtungsweisenden eule und vor allem der lockenden meerfrau. es wird von Kirisik etwas ungeschickt die erste robbe erlegt. Man ist guter dinge und will weiter zum nächsten teil der robbeninsel.

aber da kippt die beschauliche geschichte ins lebensdrama. nebel und unwetter nehmen allen vieren jede orientierung, das mitgeführte trinkwasser schwindet dahin und es stellt sich die überlebensfrage. nun erweist sich der autor Tschingis Aitmatow als sensibler beobachter menschlicher tragik und größe.

das sagen im boot hat Organ, ältester und weiser des clans. während der kajakfahrt zur robbeninsel reflektiert er seine sehnsucht nach der fischfrau. Angesichts der unendlichen Weite ist der Mensch im Boot ein Nichts. Doch der Mensch denkt … Darum ist der Mensch, …, geistig so mächtig wie das Meer und so endlos wie der Himmel, denn seinem Denken sind keine Grenzen gesetzt. (33) und weiter: … welche Not, dass die Seele nicht altert! Daher diese Gedanken, …, denn nur … in Gedanken fühlt sich der Mensch unsterblich und frei. (47) Darin liegt ja auch seine Größe, dass er bis zu seiner Todesstunde über alles nachdenkt, was es gibt im Leben. (48) Organ entscheidet sich, als erster am vierten tag von bord zu gehen zugunsten der überlebenschancen der anderen.

es folgen am fünften tag nacheinander Mylgum, der als rebell noch vorher die götter beschimpft, dann Emraijin, der vater von Kirisk. er rebelliert nicht, sondern reflektiert wie Organ die situation. Wir sitzen alle in einem Boot, sollten alle auch das gleiche Schicksal teilen. (107) er meint die erwachsenen und auktorial wird nachgeschoben: Er begriff, dass nach Organ und Mylgum auch ihn beschieden war, das Boot  zu verlassen, dass dies die einzige Möglichkeit war, das Leben des Sohnes wenn nicht zu retten, so zumindest um so viel zu verlängern, als der Wasserrest auf dem Grunde des Fässchens zuließ. (128) die schlussfolgerung ist elementar: Er war geboren worden, und er starb, um alles zu tun, damit er im Sohn weiterlebte. (132) und …, dass er nichts Schöneres und Stärkeres empfunden hatte als sein Vaterliebe. (133)

so haben wir bislang drei motive vorliegen: Organ opfert sich aus übergeordneter sicht für den Clan, dem Kirisk als guter robbenjäger das überleben sichern soll. Mylgum geht in den tod aus rebellion gegen das schicksal und Emraijin opfert sich aus vaterliebe zum sohne.

und Kirisk seinereseits empfindet sohnesliebe. An den Vater geschmiegt, heimliche Tränen schluckend vor Mitleid mit ihm, erfuhr der Junge in dieser Nacht eine solch ursprüngliche Sohnesliebe, wie er sie bislang nie gekannt hatte. (130) was ihn zu einer tiefgreifenden, auch für den leser wichtigen erkenntnis bringt:   Der Vater, das war er selber – sein Ursprung, und er war die Fortsetzung des Vaters. (130) das ist das vierte Motiv und der kristallisationspunkt der parabel von Aitmatow über das leben und das prinzip des „generationsvertrages“.

am sechsten tag befindet sich der junge allein im boot, das am siebten tag dann endlich vor den klippen der heimatlichen gestade, dem Schickigen Hund, auftaucht. die andeutungen am schluss über das schicksal Kirisks sind im spekulativen konjunktiv notiert.

damit bleibt der ausgang des meeresdramas geschickt in der schwebe, um uns leser/innen aus der reflektion unsers eigenen lebens nicht vorzeitig zu entlassen. die beschreibung des kampfes zwischen meer und land als ein gewaltiges tosen an der küste umklammert wörtlich anfang und ende der erzählung.

Aitmatows buch „Der Junge und das Meer“  wird zurecht der erzähltheoretische begriff der „parabel“ zugeordnet im sinne einer lehrhaften erzählung.

© 11.03.2017 brmu
Tschingis Aitmatow, Der Junge und das Meer, Unionsverlag 2009

0 Kommentare

Doron's Kafka

Lizzie Doron hat einen roman in die welt geschrieben, dessen titel „Who the fuck is Kafka“ alles sagt. im rahmen eines friedenssymposiums in Rom lernen sich die „ich“-erzählerin (offenbar die autorin) als Jüdin und Nadim als Moslem, beide bürger des staates Israels, kennen und schätzen. sie wollen dem oft totgesagten friedensprozess zwischen den juden in Israel und den muslimen in Gaza durch persönliches engagement aufhelfen. sie will ein buch über Nadims lebensumstände schreiben. Ich erzählte ihm [Nadim], dass ich Geschichten über Menschen schriebe, die einen Krieg führten, über ihre Traumata . Über jene, die mit Albträumen kämpften und dennoch zu neuem Leben aufstünden. (29) und er will einen film drehen über dasselbe thema, denn: Ich mache ihnen klar, dass ein Film wesentlich effektiver sein kann als ein Sprengstoffgürtel. (39)

zu diesem zweck treffen sie sich sporadisch über eine längere zeit. der roman begleitet die entwicklung der beziehung beider vor dem immer wieder misstrauischen hintergrund der besonderen umstände in der israelischen gesellschaft, die die protagonisten als paranoid, traumatisiert bezeichnen. das eher durch nüchterne beschreibung und sarkastische dialoge. kein wunder, dass das buch in Israel nicht veröffentlicht wurde.

nun könnten wir uns selbstgefällig fragen, was soll’s? wir leben in Europa und nicht im Nahen Osten. wir haben eine säkulare demokratie in Deuschland und keine von Orthodoxen mitbestimmte wie in Israel. bei uns ist religion eine schlafpille, bei denen eine triebfeder. das ist deren problem. aber so einfach ist es nicht. liest man genauer, so schälen sich die muster der freund-feind konfrontationen, der kollaborateur-verdächtigungen, die offenen schuldzuweisungen, die vergeltungsfallen mit heraus. abstrahiert man diese muster, dann wird einem plötzlich klar, dass der roman uns allen einen gesellschaftlichen spiegel vorhält: so sieht es aus, wenn die dinge kafkaesk werden. daher der titel.

der roman kommt ganz ohne die beilagen von sex & crime aus. ihm unterliegt eine fast essayistische nüchternheit, ein diagnostischer unterton: Es dauert keine fünf Minuten, da hörst du das Echo der Worte Shoah, Krieg, Besatzung, Intifada. (33) Nadim meint: Du bist hier, um dein Gewissen zu polieren, ich hingegen kann morgen sterben. (137) dennoch beginnt man mit den beiden protagonisten, mal mit Nadim, mal mit der ich-erzählerin, zu sympatisieren und jeweils den anderen dann zu verdammen. ein dekuvrierendes ping-pong-spiel von gefühlen. was, wenn dies in der realität in der dummen menge oder verblendeten masse zu taten führen könnte?  es mündet in krieg und verdammnis. die religionen nicht als hort von respekt und toleranz, besänftigend und mäßigend einwirkend, sondern eher im gegenteil fundamentalistisch die spannungen noch verstärkend.

in summe hat Lizzi Doron mit ihrem roman einen brennenden busch gezündet, der den religiösen wahn auf beiden seiten der grenzen in unseren tagen grell beleuchtet. die ich-erzählerin meint gleich zu beginn: Der Staat Israel ist im Grunde eine psychiatrische Anstalt für posttraumatisierte Juden. (19) und: So ist es in Jerusalem nun mal, in dieser Stadt versammeln sich alle Irren. (23) möge das buch auch in Israel zu finden sein und eine heilsame diskussion entfachen, auf dass sich die meinung der ich-erzählerin als falsch erweise, auf dass der wunsch ihres sohns wirklichkeit werde: Ach, Mama, …, ich wünsche mir ein anderes Land. (56)

© 09.02.2017 brmu

0 Kommentare

Stamm in ungefährer landschaft

drei anläufe brauchte es, bis das talent von Peter Stamm mit dem debüt-roman „Agnes“ (Arche, 1998) gewürdigt wurde. wir befassten uns mit seinem zweiten roman „Ungefähre Landschaft“ (Arche, 2001) und fanden dort bestätigt, was Hellmuth Karasek1 über den autor meinte: er sei ein erzähler, der sehr viel könne, weil er auszulassen, zu konzentrieren verstehe.

dadurch erhält der roman einen schlichten erzählstil, der die leser/-innen mitfühlend in seinen sog zieht. ständig denkt man, warum macht die Kathrine nun dies so und nicht anders, warum denkt sie so, was will sie überhaupt …

Kathrine ist die protagonistin, die in ihrem namenlosen „dorf“ im norden Norwegens den beruf der zöllnerin ausübt, auf den im hafen anlegenden fischereischiffen nach illegal eingeführtem Wodka suchend. im dorf befindet sich eine fischfabrik.

im laufe der story werden eine reihe von männern eingeführt, zu denen Kathrine sehr unterschiedliche, eher oberflächliche beziehungen unterhält:

mit Alexander, dem kapitän der Verchneuralsk, unterhält sie sich gern nach den durchsuchungen des schiffes. er stellt die schlüsselfrage des romans, warum sie nicht endlich weggehe von hier. Aber sie lachte nur. (15) Alexander macht auch die entscheidende bemerkung: Du erwartest zu viel von den Menschen. Du bist selbst für dein Leben verantwortlich. (19) im laufe des romans verschwindet er spurlos in der polarnacht. wir leser/-inen bleiben ratlos zurück.

an dieser selbstverantwortung von Kathrine hapert es aber gewaltig, denn aus einer oberflächlichen begegnung mit Helge, der ein Trinker und ein Schläger (17) ist, wird eine ehe mit einem kind, das erst im späteren verlauf des romans beim namen genannt wird: Randy. man zweifelt bis dahin ernsthaft an der mutterliebe zu diesem kind. die ehe mit Helge hat keinen bestand und wird geschieden.

und schon verheddert sich Kathrine in die nächste fruchtlose beziehung: Thomas wird ihr zweiter ehemann. war Helge arbeiter in der fischfabrik, so bedeutet Thomas den sozialen aufstieg, denn er ist der produktionsleiter und sohn des fabrikanten Nils Nielsen. Vielleicht träumte sie … von einer Familie, von einem großen Haus, von einem sorglosen Leben. … Alles, was danach geschah, war ein Irrtum gewesen. (30) denn: Thomas und sein Leben war ein Strich durch die ungefähre Landschaft ihres Lebens. (31)

einen strich durchmachen ist ein metaphorische redewendung und bedeutet: etwas löschen. die anmaßende dominanz von Thomas war ein auslöser: Thomas hatte, nachdem er bei ihr eingezogen war, langsam von ihrem Leben Besitz ergriffen und von ihrer Wohnung. (38) ein auslöser der ablösung von diesem leben.

nun versteht man auch, warum der autor die story in den hohen norden verlegt hat, in eine ewig trübe winterlandschaft mit langen nächten, kurzen tagen und diffuser weitsicht in eis und schnee. er will die allmähliche entwicklung seiner protagonistin Kathrine aus einer inneren unentschlossenheit in dieser großen metapher illustieren.

denn erst die flucht in den süden (nach Paris) und den damit zusammenhängenden gesprächen und erlebnissen auf hin und rückfahrt, verändert das wesen von Kathrine. sie ist unsicher und brauchte lange dafür, denn vor einem neuen Leben hatte sie noch mehr Angst als vor ihrem alten. (133) aber dann platzt der knoten und sie wollte endlich wieder nach Hause in ihr Dorf. Sie wollte ihre Ruhe. Sie wollte aufhören zu denken. (135) die normalität soll eintreten.

in situationen des umbruchs braucht man gute freunde. Morton war ihr ältester Freund, ihr einziger wirklicher Freund. (46) schon mit sechzehn jahren saßen sie zusammen auf der kaimauer und sprachen vom weggehen. Morton, der lichtblick in der trübnis ihres daseins und auch eine hoffnung für die leser/-innen.

aber noch ist es nicht so weit. ihr ehemann Thomas hat eine schwere macke, er lügt sich seine vita vom himmel herunter und Kathrine kommt ihm auf die schliche und resümiert: Thomas. So hieß er. Ihr Mann. Mein Mann, dachte sie. Seine Familie war seine Familie. Alles andere war gelogen. (32) die trennung ist nicht mehr aufzuhalten.

Kathrine lernt Christian kennen. er fragte, warum sie weggegangen, warum sie hierherge­kommen sei. Und sie erzählte ihm von Thomas‘ Lügen und von ihrer Flucht. (95) für diesen Christian, monteur aus Dänemark, interessiert sich Kathrine so sehr, dass sie ihm nachreist und somit einen ausbruch aus der routine in ihrem dorf wagt. aber aller aufwand geht fehl, aus der liaison wird, außer einem one-night-stand, nichts.

doch die flucht, die Kathrine bis nach Paris führt, und auf der sie mit verschiedenen leuten in kontakt kommt, bewirkt eine entwicklung des wesens der protagonistin, daher ist auch die klassifizierung „entwicklungsroman“ gerechtferrtigt. die leser/-innen atmen auf. nach einer reihe von umwegen gelangt Kathrine dann endlich wieder in die arme von Morton.

in lakonisch-lapidarem schreibstil, der sich durch den ganzen roman zieht, erfahren wir auf der letzten seite, dass beide gemeinsam ihre zukunft planen, wegziehen und eine tochter Solveig geboren wird. wir leser/-innen atmen auf: noch einmal glück gehabt - familienglück.

alle personen im roman haben ein ungefähres lebensgefühl. Morton, radiojournalist, drückt das so aus: Manchmal, …, wenn ich meine Sendungen mache, denke ich, vielleicht hört niemand zu. Und meine Stimme fliegt an den Häusern vorbei und aus dem Dorf hinaus, soweit der Sender eben reicht. Es ist eine seltsames Gefühl. (171) das könnte man auch gut und gerne als ein auktoriales statement ansehen, denn wenn man „senden“ durch „schreiben“ ersetzt, dann ist die situation eines autors gut beschrieben.

dazu passt auch der schreibstil. beispiel 1 (20): Es wurde Herbst und Winter. Das Jahr ging zu Ende, ein neues begann. Es war Frühling. und beispiel 2 (189): Es wurde Herbst und Winter. Es wurde Sommer. Es wurde dunkel, und es wurde hell. welcher deutschlehrer ließe das durchgehen?

bei Peter Stamm ist dieser stil ein markenzeichen, der auch einen wichtigen vorteil bedeutet. Tim Parks2 bringt es aufs papier, in dem er meint, Stamms genialität bestehe darin, seine knappe prosa der psychologie von menschen anzugleichen, die fülle und dichte fürchteten; auf diese weise schaffe er einen stil, der sowohl >literarisch< als auch absolut übersetzbar ist. die leichte übersetzbarkeit aus durch lokale metaphern und redeweisen nicht regional gefärbten sprachräumen für die globale literaturgemeinde, wie von Ernest Hemingway vorgelebt.

Peter Stamm als spiegel unserer zeit.

© 11.01.2017 brmu
1 Das Literarisches Quartett, Directmedia 2006, s. 346-349, sendung v. Dez. 1999
2 Tim Parks, Worüber wir sprechen …, Kunstmann, 2016, s. 195-196

0 Kommentare

Anne von Canal hat einen Grund

wenn einem gutes widerfährt,
das ist dann einen schnappes wert.
wenn das schicksal aber launisch ist,
wird öfter mal das glück vermisst.

 

Anne von Canal langt mit ihrem debüt romanhaft in diese kiste. ihr protagonist Laurits, junger hoffnungsvoller pianist (er verstand die Sprache der Musik, 39), der durch intrigen seines vaters scheitert und stattdessen arzt wird, weil das gesellschaftlich dem vater besser passt. von stund an rührt er weder klavier noch flügel an.

Laurits stellt sich müßige fragen, deren antworten nicht weiterbringen. Wann habe ich die falsche Abzweigung genommen? Wann? Wann hat sich entschieden, dass alles so kommen musste? Ich habe doch immer nur versucht, aus allem irgendwie das Beste zu machen. Ist es denn wirklich meine Schuld? (21) die welt dreht sich gnadenlos weiter und eine wiederholung der entscheidungschancen ist ein reines gedankenspiel.

an diesen fragen merken wir schon, dass Laurits ein selbstzweifelnder typ ist, der sich den vorstellungen des patriarchischen vaters unterordnet. Sein Vater kam gleich nach dem lieben Gott. … Gott. Oder Vater. Wer konnte das schon unterscheiden. (46)

da der roman im nachgang der 68-er jahre spielt, ist es verwunderlich, dass überhaupt keine rebellion des sohnes stattfindet, obwohl der jugendfreund Pelle den vater Magnus mit der schielgeschichte demaskiert: Ach, und was ist mit dieser dummen Schielgeschichte? Die ist doch auch gelogen! (51) Doch diese Erkenntnis hatte ihn in den Jahren danach noch lange nicht zu einem Rebellen gemacht. (53) aber eine ahnung blieb ihm noch: Tatsächlich hing Laurits an Pelle wie an der Nabelschnur zu einer anderen Welt. (55)

wen wundert es, dass diese unaufgearbeitete geschichte der gescheiterten aufnahmeprüfung am musikkonservatorium zu einem dramatischen höhepunkt kulminiert, der nur durch das finish des romans überstiegen wird.

Laurits hatte Silja geheiratet und eine zehnjährige tochter namens Liis, kurz: er war angekommen und glücklich. (128) Er hatte seine Bestimmung gefunden. Dank Liis. (149) man feiert das zehnjährige ehejubiläum, da verplappert sich der patenonkel Jon, von dem sich das kind Laurits fragte, warum Onkel Jon nicht sein Vater sein konnte (48), weil, wenn Onkel Jon da war, wurde es wärmer im Haus seiner eltern. (47) dieser Jon offenbart Laurits, dass sein vater Magnus die juroren bei der aufnahmeprüfung bestochen hatte, ihn durchfallen zu lassen, damit er sagen konnte: Da haben wir wohl einen zukünftigen Medizinstudenten. (85)

alles verdrängte bricht sich bahn und Laurits sank auf die Knie. Eine kaputte Marionette – alle Fäden abgeschnitten. (173) er schlittert in eine existenziellen krise: Aber inzwischen ist mein ganzes Leben voller Löcher, es ist löchrig wie ein Schweizer Käse. (176) am ende konstatiert er: Und ich bin kein Arzt mehr. Ich bin Pianist. (176)

es beginnt der exodus von Stockholm nach Tallin, weit weg vom elternhaus, das er nicht mehr besuchen wird. als Laurits mutter Amy sechzig jahre alt wird, will Liis sie auf jeden fall besuchen und setzt eine reise mit der fähre namens Estonia durch. das ist am 28.9.1994. sie kommt ums leben. die ehe zerbricht, Laurits tingelt auf schiffen als pianist, um seinem schicksal zu entfliehen. aber selbst in dieser situation ist er nicht fähig, dauerhafte beziehungen aufrecht zu erhalten. in Venedig lebt er mit einer Rosa zusammen, die bald schwanger wird. und schon geht er wieder stiften. den einzigen lichtblick in dem entwicklungsroman finden wir ganz am ende. ihm dämmert: Du kannst es nicht wiedergutmachen. Nein. das würde bedeuten, sich in der falle einzurichten.

und dann erfolgt der auktoriale eingriff, der hoffnung auf einen lernprozess des protagonisten erlaubt, wenn es denn dessen gedanke wäre: Aber er kann Rosa einen Brief schreiben! Morgen. (269) das wäre eine pragmatische antwort auf seine bigotten fragen: Wie oft kann eine Mensch von vorne beginnen? Wie viele Chancen hat man? Und wie oft kann ich mich häuten, bis nichts mehr von mir übrig ist? (95) man kann nur handeln oder unterlassen, das in einer komplexen welt, die nur retrospektiv die illusion einer kontinuität erzeugt.

hätte Lauritz Camus gelesen, so wäre in ihm vielleicht etwas mehr revolte entstanden, die ihn befähigt hätte, aus dem joch des elternhauses zu entweichen. hätte, hätte, hätte - die junge autorin Anne von Canal liefert einen roman, der die leser/-innen ob seiner volten mitreißt und ob der verhaltensweisen der protagonisten des öfteren kofpschüttelnd zurücklässt. wie kann man nur …

© 12.12.2016 brmu
1 Anne von Canal, Der Grund, rororo tb26882, 2016, seitenzahl in klammern

0 Kommentare

Ortheil als Mozart-DJ

machen wir es kurz: wer die musik von Wolfgang Amadeus Mozart weniger wertschätzt, der wird sich mit „das glück der musik1“ des hoch mozartaffinen autors Hanns-Josef Ortheil nicht recht anfreunden. der autor leitet die leser/-innen nämlich mittels eines beispiellosen hörtagebuches, er nennt es auch Hör-Projekt (196), ein jahr lang durch sein dynamisches leben und dabei begleitend durch das werk Mozarts, und zwar zielgenau auf dessen 250. geburtstag (27.1.2006) hin. am ende meint er begeistert: … jetzt komme ich mir vor wie ein erfahrener … Mozart-DJ. (220) und uns rauscht der kopf.

wir leser/-innen können durch die vermittelte begeisterung des ex-pianisten Ortheil eine menge über Mozart, seinen werdegang und die dies spiegelnde musik erfahren - wenn wir wollen. dabei bedauern wir ein gravierendes handicap. der verlag hat es versäumt, dem buch eine cd beizulegen, die die mit verve angesprochenen passagen der musikwerke Mozarts lesebegleitend hörbar machen könnte. was nützt da ein auszug aus dem Köchel-Verzeichnis (626 werke von Mozart) am ende der DJ-strecke (221)?

lässt man sich trotzdem auf den professionellen hörer Ortheil ein, so erfahren wir: während des Hörens wird man zum Kind, man lauscht nur noch und man fragt sich: Wie macht die Musik das? Warum habe ich immer wieder den Eindruck, daß sie sich unnachahmlich leicht einen Zugang zu den tiefsten Erlebniszentren verschafft? (15) denn bei Mozart handelt es sich um eine Musik, die alles andere absorbiert und unbedingte Versenkung fordert. (14)

und dann verrät uns Ortheil sein hör-konzept (43-44):
1) Studium (arbeitsweise des komponisten, angesprochene orte, werkstattverfahren der komposition), 2) Funktionen (interpretation, kommentierung und theatralisierung von intendierten bildern und atmosphären) als ausdruck der rationalen erfassung.

aber auch die emotionalen aspekte spielen eine wichtige rolle: 3) Biographie (bezugnahme auf szenen oder stationen des eigenen lebens im sinne einer erinnernden resonanz zu dem gehörten) und 4) Zitate (anrührende stellen, überraschungen, freude, schreckmomente).

diese vier aspekte der aufnahme und verarbeitung eines musikstücks führen dazu, dass Ortheil bekennt, Stücke … kann ich nur allein hören, und das am besten in einem geschlossenen Raum ..., nur dann erschließen sie sich … dem genauen Hinhören … (18)

das hör-konzept lässt sich auch analog als lese-rezept denken, die brücke zur lesepraxis mag der vom autor geprägte begriff der Lesekapsel2 sein, der das oben gemeinte sinngleich beinhaltet. auch beim lesen ziehen sich leser/-innen zurück, schalten störungen aus und versinken in anheimelnder atmosphäre.  Das Lesen … nahm immer mehr Atmosphären auf, es wurde zu einem »Schweben im Raum«3.

„das glück der musik“, eine kombination aus tagebuch, erzählung, essay, rezension, will uns also „vom vergnügen, mozart zu hören“ erzählen und das in einer individuellen hörkapsel, denn: Lasse ich mich auf ein solches Hören ein, wird das Stück zu einer Erinnerungssequenz, in der Wahrnehmungs- und Empfindungsweisen meiner Kindheit gespeichert sind. (27) und Ortheil folgert: Was ich in Mozarts Musik wie in keiner anderen finde, ist, schlicht gesagt, das Glück der Musik (78), eine Erhellung der Psyche (79).

folgerichtig verdichtet sich diese empfindung: All diese Monate mit Mozarts Musik haben mir eine zweite Welt aufgetan 150). das ist eine sehr individuelle erfahrung, die wir leser/-innen vielleicht nicht nachvollziehen können. aber abstrahieren wir vom konkreten komponisten und überhöhen Ortheils hörtagebuch als ein angebotenes muster, dann kann sich jede/r leser/-in „ihre/seine“ lieblingsmusik auf ähnliche art erschließen. das macht den mitreißenden effekt dieses anspruchsvollen buches aus. Hanns-Josef Ortheil hat seine musik, wir die unsrige.

© 22.11.2016 brmu
1 Hans-Josef Ortheil, das glück der musik, Sammlung Luchterhand 2006
2 aus: Hanns-Josef Ortheil, Lesehunger, Sammlung Luchterhand 2009,
3 dort, seite 10

0 Kommentare

de Moor in grauweißblau

keine leichte lektüre, der roman von Margriet de Moor - „Erst grau dann weiß dann blau“ - aus dem jahre 1991, zwei jahre später bei Hanser erschienen. das war unsere gemeinsame einschätzung. viel aufmerksamkeit wird uns abverlangt. am besten ist es, den roman in einem zuge zu lesen. dann behält man die dinge des plots und die springende story am besten im gedächtnis, denn der erzählstrang mit seinen erinnerungsinseln spielt salto mortale.

der plot ist schnell zusammengefasst: Robert Noort baggert ein honigblondes Mädchen (119), die Magda Rezková, an. sie heiraten, der anfängliche kinderwunsch erfüllt sich mehrfach nicht, die ehe nimmt eine färbung gegenseitiger kühle und distanz an. Robert will letztlich über Magda macht ausüben: Ich habe dir das System meiner Liebe auferlegt. Jetzt gehört sie mir. (84) er ist dabei aber nicht erfolgreich, denn Magda entzieht sich ihm geschickt durch völliges übergehen seiner attitüden, was in Robert gehörigen frust erzeugt.

ganz anders das ehepaar Erik und Nelli. sie lassen sich raum und wollen nicht alles voneinander wissen. beide ziehen ihren autistischen sohn Gabriel groß. zwischen Gabriel und Magda entwickelt sich auf der basis astronomischer beobachtungen eine unverbindliche beziehung des gegenseitigen respekts. sie übersetzt ihm fachzeitschriften, er lässt sie an seinen beobachtungen am fernrohr teilhaben. Erik reflektiert dies mit den worten: Magda ist die Frau, die seinem Sohn die Welt und in gewisser Weise auch das Firmament zugänglich gemacht hat. (20)

dann, von heute auf morgen, verschwindet Magda aus dem dorf für gut zwei jahre. Ich wußte nicht, ob ich ihn verlassen hatte. … Ich wußte nur, daß ich morgens mit dem festen Vorsatz wach geworden war, meine Sachen zu packen. (144). sie reflektiert in beinahe buddhistischer weise: Du hast dich dazu entschlossen zu verreisen. … Du siehst, wie alles kleiner wird, aber die Aussicht wird weiter. (149) später auf dem ozean: Die Weite. Das Bewußtsein der Weite. (179)

niemand, außer uns leser/-innen, weiß warum und wohin. Nachdem ich nun seit bald zwei Jahren über den Erdball geschwirrt war, kannte ich zwar sehr wohl meine Route, aber keineswegs meinen Platz. (202) und bald dämmert ihr: Ich muß mit dem Suchen aufhören. die katharsis setzt ein: Deine Zukunft liegt vor dir, nicht hinter dir, merk dir das. (203)

wir sind also mitwisser, eine auktoriale spiegelung. die sichtweisen der anderen, Erik, Robert, Nelli, Gabriel, sind deren individuelle vermutungen und interpretationen der langen abwesenheit Magdas. und auch im hintergrund des dorfes wird ihr hinterher geredet: Zwei Jahre wie vom Erdboden verschwunden. Ohne auch nur ein Zeichen von sich zu geben. Und dann, bei der Rückkehr, es einfach dabei belassen und uns nicht die geringste Erklärung geben … (21) wir wissen es besser. Magda war auf der suche nach ihrer sie traumatisierenden vergangenheit, um innere klärung zu erlangen.  

es wird offensichtlich, dass Robert, der von sich wider Camus sagt: Ich bin kein glücklicher Mensch. (104), es nicht lange aushält, wie die dörfler nichts zu wissen über Magdas abwesenheit. schon vorher bekennt er: Und zum ersten Mal war ich eifersüchtig. Ihre Schweigsamkeit machte mich verrückt. Ich schlief nicht mehr. Wie sollten wir unser Leben aneinander binden, wenn sie alles für sich behielt. … Ich hatte schon bemerkt, daß ich es nur noch mit mir aushalten konnte, wenn sie da war. (30) hier braut sich etwas zusammen, … wenn ich es nur schaffen könnte, das Rätsel in seinem Inneren einfach ein Rätsel sein zu lassen …(138) alles kulminiert auf die vier klaren, präzise abgegrenzten Wörter … „Wo bist du gewesen?“ (140) hin, die unbeantwortet bleiben.

in dieser situation geschieht der kontrollverlust: Robert ersticht Magda, seine frau. ein dilettantischer selbstmordversuch misslingt. ob totschlag im affekt oder mord, das wird nicht ohne kriminalistisches gespür in den texten zu beantworten sein. die fünf protagonisten kommen unabhängig voneinander wie in einem ausführlichen verhör zu den verschiedenen handlungen zu worte. doch es erstaunt nicht: Je länger man nachforscht, desto ungenauer wird der Fall. (46). wirkt anfangs Robert als der tätliche bösewicht, verändert sich das bild des opfers Magda zusehends in richtung provokation durch ihre gezielte verweigerung des Kommunikationsbedürfnisses von Robert, die ihr als mitschuld an dem persönlichen desaster angerechnet werden kann.

das buch von Margriet de Moor berührt mehrere genres: psycho-krimi, beziehungsdrama, entwicklungsnovelle - und fand und findet daher ein breites publikum. zum schluss die weise erkenntnis: Vielleicht muß man einfach versuchen, jemanden nicht unbedingt immer ergründen zu wollen, dachte sie in dieser Zeit häufig. Menschen sind Rätsel, akzeptier das doch einfach. (257) das denkt Magda im umgang mit Gabriel, eine maxime von genereller bedeutung.

und es gibt noch eine wichtige, kommunikative botschaft im roman: Sprechen. Sprechen ist nicht enthüllen, was man weiß, sondern was man bedeuten möchte. (226) das lässt sich auch auf das schreiben ausdehnen.

© 11.10.2016 brmu
Margriet de Moor, Erst grau dann weiß dann blau, Hanser Sonderausgabe "Ein Buch für die Stadt", 2016

0 Kommentare

Böll's engel schweigt immer noch

Der Engel schwieg“, roman aus dem nachlass von Heinrich Böll, wurde erst 1992 publiziert, weil der verlag anno 1950 eine zu geringe leserschaft prognostiziert hatte. wir heutigen lesen den bis 1949 geschriebenen roman einerseits erinnernd aus eigenem kindheitserleben und andererseits, vor allem die jüngeren, aus historischer perspektive.

und dabei wiederum kann man das gewicht auf verschiedene ebenen legen. die individuelle traumatische situationen des hungerns. die beziehungsfrage der gegenseitigen stützung im elend, aus der sich dann eine aufkeimende liebesbeziehung ergibt. die emanzipation von traditionen, hier der kirchlichen eheschließung. die ernüchternde unbelehrbarkeit der geschäftemacher. und die gesellschaftlichen auswirkungen, die Böll zeitlebens als mahner in besonderer weise am herzen lagen.

der roman startet mit einem unbekannten, der aus dem krieg, als feldwebel drappiert, in seine heimatstadt zurückkehrt. zu allererst begegnet er einer verstaubt-verschmutzen engelfigur, wobei „die Freude, die ihm beim Anblick des lächelnden steinernen Gesichtes erfüllt hatte, erlöscht, je mehr die grellen Farben sichtbar wurden, der grausame Lack der Frömmigkeitsindustrie“.(6) das grundthema des romans ist hier bereits auf den ersten seiten fixiert, der grausame Lack der Frömmigkeitsindustrie steht für die (katholische) amtskirche, bei Böll ein virulentes thema.

allmählich wird uns klar, dass es sich um den deserteur Hans Schnitzler handelt, der seiner erschießung durch den eingriff des feldwebels Willi Gompertz entgeht. Hans trägt dessen waffenrock, den er der schwester des feldwebels, Elisabeth Gompertz, übergeben soll. im mantelfutter befindet sich ein testament. Hans ist auf der suche nach dieser person, findet sie und klagt über ihren mann: „Ich sollte leben, ich wollte sogar leben - - und er wollte mir das Leben schenken, aber ich begreife jetzt, dass man jemand das Leben schenken kann, indem man ihm den Tod stiehlt.“ (47/48)

Hans wollte vor sich selbst den heldentod des verweigerers und als deserteur sterben. der feldwebel hat diesen plan zerstört. erst drei wochen später hat Hans „etwas Unwiderrufliches getan, was nicht rückgängig zu machen war: er hatte das Leben angenommen.“ (136) er verliebt sich allmählich in Regina Unger, bei der er unterschlupf gefunden hatte, denn „er liebte sie, und er wußte, daß sie ihn liebte, aber von ihren Gedanken wußte er nichts, und er würde nie etwas davon wissen“ (145), ein signal der traumatisierung der überlebenden des krieges. wie überhaupt die dürre diktion des romans die seelische ausgelaugtheit der protagonisten spiegelt. heute haben wir ein fachwort dafür: traumatisches syndrom.

auch ist der frieden für Hans weiter gefasst. als er angesprochen wird, es sei frieden, der krieg sei aus, antwortet er sybillisch: „Ich weiß, …, aus war er schon lange, aber Frieden?“ (53) frieden ist für ihn eine viel weiter reichende kategorie, die nicht nur die abwesenheit von krieg bedeutet. sie symbolisiert für ihn (und Böll) eine geläuterte gesellschaft, die aus dem desaster der selbst verschuldeten unmenschlichkeit (I. Kant freut sich jetzt) der nazizeit wesentliches gelernt hat.

auch hier wieder der hinweis auf die gesellschaftliche ebene der sich neu etablierenden damaligen BRD. solche sätze lassen Böll auktorial durchschimmern. wie kritisch er den neubeginn sieht, mag an dem satz ermessen werden: „Und er feierte den Beginn des Friedens auf einem Mülleimer sitzend.“ (54) der mülleimer als metapher für die skepsis über die aktuellen entwicklungen.

die menschlichkeit in gestalt der kranken Elisabeth Gompertz, die das familienvermögen wohltätig verschenkt, verliert letztlich. sie stirbt an magenkrebs und auf ihrer beerdigung stehen ihr schwager Dr. Dr. Fischer und ihr vater auf einem marmorengel in der kaputten kirche, das testament, in dessen besitz sie sich gebracht hatten, zerreißend. „Der Engel schwieg; er ließ sich vom Gewicht der beiden Männer nach unten drücken; seine prachtvollen Locken wurden vom gurgelnden Dreck umschlossen (188/189). raffgier, egoismus, opprtunismus behalten die oberhand, ohne scheu vor dem, was der engel eigentlich ausdrückt.

dieser doppeldoktor Fischer ist ein „Geldfischer“ (103), der sich gerne mit schönen dingen umgibt, dies aus „Langeweile, Ekel und ein bißchen Wollust“ (119), aber „immer war die Langeweile der überwiegende Mischungspartner“ (119) solche leute schwimmen oben auf, sichern sich ab und geben sich den anschein von intellektualität. „Fischer verstand etwas von Büchern, war Philologe, Jurist, Herausgeber einer Zeitschrift, hatte eine tiefe und nicht ganz unproduktive Neigung zur Goethologie und galt damals als der inoffizielle Berater seiner Eminenz des Kardinals in kulturellen Fragen“. (93/94) bildungsbürgertum und amtskirche, die unschlagbare mischung, wobei jedoch J.W. Goethe und christenkirche nicht recht passen wollen.

die engel-metapher ist für den roman wie ein rahmen angelegt und wird dadurch besonders betont, will uns etwas mitteilen: wird der engel lediglich als objekt betrachtet, wie Fischer es tut, so verfehlt er seine zweck. wird er gar in den dreck getreten, so verliert er jegliche wirkung.

auf uns verfehlte der roman als teil der trümmerliteratur seine wirkung nicht und zeigt auf, was literatur eigentlich ist: ein resonanzkörper für unser eigenes erleben, woraus denken und handeln wird. Heinrich Böll hat es nach wie vor verdient, in der öffentlichen rezeption besser präsent zu sein, denn er hat uns immer noch aktuelles zu sagen, auch wenn die trümmer zurzeit in anderen ländern rauchen. das muster des versagens ist universell.

© 06.09.2016 brmu
zitate aus Heinrich Böll, Der Engel schwieg, dtv tb12450, 2014, 9. auflage, seitenzahlen in klammern

1 Kommentar

liste gelesener bücher

diese werke haben wir im „Brockmann Lesekreis in Brühl“ bis zum August 2016 gelesen, diskutiert und für wert befunden:

monat jahr autor titel
Okt 2013 Schertenleib Das Regenorchester
Nov 2013 Nadolny Weitlings Sommerfrische
Dez 2013 Erpenbeck Heimsuchung
Jan 2014 Werner Am Hang
Feb 2014 Kehlmann Mahlers Zeit
Mär 2014 Thériault Siebzehn Silben Ewigkeit
Apr 2014 Thome Grenzgang
Mai 2014 Franck Lagerfeuer
Jun 2014 Orths Das Zimmermädchen
Sep 2014 Sulzer Aus den Fugen
Okt 2014 Seethaler Der Trafikant
Nov 2014 Schmidt Schneckenmühle
Dez 2014 Modiano Die kleine Bijou
Jan 2015 Ortheil Das Kind, das nicht fragte
Feb 2015 Ogawa Das Geheimnis der Eulerschen Formel
Mär 2015 Kaiser Blasmusikpop
Apr 2015 Barnes Vom Ende einer Geschichte
Mai 2015 Williams Stoner
Jun 2015 Modick Sunset
Aug 2015 Poschenrieder Die Welt ist im Kopf
Sep 2015 Meyerhoff Wann wird es endlich wieder so, wie es war
Okt 2015 Rosenfeld Adams Ende
Nov 2015 von Düffel Goethe ruft an
Dez 2015 Wellershoff Der Himmel ist kein Ort
Jan 2016 Poschmann Die Sonnenposition
Feb 2016 Hein Von allem Anfang an
Mär 2016 de Luca Montedidio
Apr 2016 Eggers Ein Hologramm für den König
Mai 2016 Fritsch Winters Garten
Jun 2016 Köhlmeier Zwei Herren am Strand
Jul 2016 Zeh Nullzeit

der moderator bedankt sich bei allen teilnehmenden personen für ihr interesse und die erfrischende diskussionsbereitschaft über die verschiedenen aspekte von literatur.

© 01.08.2016 brmu

0 Kommentare

auftakttreffen

Brockmann

liebe teilnehmer/innen des Brühler Lesekreises bei Brockmann, vielen dank für ihr engagement in eigener sache. wir haben nach dem auftakt am 26.9.13 in der buchhandlung Brockmann in Brühl uns eine aufgabe für den 14.10.13 gestellt, die ich in den folgenden knittelversen noch einmal in erinnerung bringen will:

zwanzig frauen und zwei männer
outen sich als bücherkenner
wollen auch darüber reden
treffen sich bei Brockmann eben
zu ’nem klugen bücherschnack
spaß und freude, nichts geht ab

wollen also mal ergründen
ob wir in dem regen finden
was sich da orchester nennt
und wohin die handlung rennt:

was da denn an sachen stehn
wie appelle an uns gehn
wie beziehung zu uns ragt
was der autor von sich sagt
4 mal antwort = 1 rezeption
finde jeder seinen ton

© 27.09.2013 brmu
wer kommentieren möchte soll das gerne tun: jede stimme zählt!

4 Kommentare

Brühler Lesekreis bei Brockmann

Martin Mosebach beschreibt in einem interview (KSTA 13./14.7.2013) wie er zum autor wurde: indem ihn sein vater zum „enthusiastischen, verehrungsbereiten Leser“ gemacht habe, habe er ihn „zum Schreiber“ gemacht, was bedeute, dass für ihn das schreiben vor allem ein weg sei, „auf das Gelesene zu antworten“.

die richtige einleitung zu unserem >Brühler Lesekreis bei Brockmann<. genau das wollen wir auch: uns gegenseitig zu enthusiastischen lesern/innen zu fördern, um dann vielleicht auch das schreiben zu wagen.

werfen sie einen blick auf die homepage der buchhandlung Brockmann in Brühl, die diesen lesekreis ausrichtet:

BLbB handzettel-130715-bu

© 15.07.2013 brmu

0 Kommentare