litbiss.de

Anne von Canal hat einen Grund

wenn einem gutes widerfährt,
das ist dann einen schnappes wert.
wenn das schicksal aber launisch ist,
wird öfter mal das glück vermisst.

 

Anne von Canal langt mit ihrem debüt romanhaft in diese kiste. ihr protagonist Laurits, junger hoffnungsvoller pianist (er verstand die Sprache der Musik, 39), der durch intrigen seines vaters scheitert und stattdessen arzt wird, weil das gesellschaftlich dem vater besser passt. von stund an rührt er weder klavier noch flügel an.

Laurits stellt sich müßige fragen, deren antworten nicht weiterbringen. Wann habe ich die falsche Abzweigung genommen? Wann? Wann hat sich entschieden, dass alles so kommen musste? Ich habe doch immer nur versucht, aus allem irgendwie das Beste zu machen. Ist es denn wirklich meine Schuld? (21) die welt dreht sich gnadenlos weiter und eine wiederholung der entscheidungschancen ist ein reines gedankenspiel.

an diesen fragen merken wir schon, dass Laurits ein selbstzweifelnder typ ist, der sich den vorstellungen des patriarchischen vaters unterordnet. Sein Vater kam gleich nach dem lieben Gott. … Gott. Oder Vater. Wer konnte das schon unterscheiden. (46)

da der roman im nachgang der 68-er jahre spielt, ist es verwunderlich, dass überhaupt keine rebellion des sohnes stattfindet, obwohl der jugendfreund Pelle den vater Magnus mit der schielgeschichte demaskiert: Ach, und was ist mit dieser dummen Schielgeschichte? Die ist doch auch gelogen! (51) Doch diese Erkenntnis hatte ihn in den Jahren danach noch lange nicht zu einem Rebellen gemacht. (53) aber eine ahnung blieb ihm noch: Tatsächlich hing Laurits an Pelle wie an der Nabelschnur zu einer anderen Welt. (55)

wen wundert es, dass diese unaufgearbeitete geschichte der gescheiterten aufnahmeprüfung am musikkonservatorium zu einem dramatischen höhepunkt kulminiert, der nur durch das finish des romans überstiegen wird.

Laurits hatte Silja geheiratet und eine zehnjährige tochter namens Liis, kurz: er war angekommen und glücklich. (128) Er hatte seine Bestimmung gefunden. Dank Liis. (149) man feiert das zehnjährige ehejubiläum, da verplappert sich der patenonkel Jon, von dem sich das kind Laurits fragte, warum Onkel Jon nicht sein Vater sein konnte (48), weil, wenn Onkel Jon da war, wurde es wärmer im Haus seiner eltern. (47) dieser Jon offenbart Laurits, dass sein vater Magnus die juroren bei der aufnahmeprüfung bestochen hatte, ihn durchfallen zu lassen, damit er sagen konnte: Da haben wir wohl einen zukünftigen Medizinstudenten. (85)

alles verdrängte bricht sich bahn und Laurits sank auf die Knie. Eine kaputte Marionette – alle Fäden abgeschnitten. (173) er schlittert in eine existenziellen krise: Aber inzwischen ist mein ganzes Leben voller Löcher, es ist löchrig wie ein Schweizer Käse. (176) am ende konstatiert er: Und ich bin kein Arzt mehr. Ich bin Pianist. (176)

es beginnt der exodus von Stockholm nach Tallin, weit weg vom elternhaus, das er nicht mehr besuchen wird. als Laurits mutter Amy sechzig jahre alt wird, will Liis sie auf jeden fall besuchen und setzt eine reise mit der fähre namens Estonia durch. das ist am 28.9.1994. sie kommt ums leben. die ehe zerbricht, Laurits tingelt auf schiffen als pianist, um seinem schicksal zu entfliehen. aber selbst in dieser situation ist er nicht fähig, dauerhafte beziehungen aufrecht zu erhalten. in Venedig lebt er mit einer Rosa zusammen, die bald schwanger wird. und schon geht er wieder stiften. den einzigen lichtblick in dem entwicklungsroman finden wir ganz am ende. ihm dämmert: Du kannst es nicht wiedergutmachen. Nein. das würde bedeuten, sich in der falle einzurichten.

und dann erfolgt der auktoriale eingriff, der hoffnung auf einen lernprozess des protagonisten erlaubt, wenn es denn dessen gedanke wäre: Aber er kann Rosa einen Brief schreiben! Morgen. (269) das wäre eine pragmatische antwort auf seine bigotten fragen: Wie oft kann eine Mensch von vorne beginnen? Wie viele Chancen hat man? Und wie oft kann ich mich häuten, bis nichts mehr von mir übrig ist? (95) man kann nur handeln oder unterlassen, das in einer komplexen welt, die nur retrospektiv die illusion einer kontinuität erzeugt.

hätte Lauritz Camus gelesen, so wäre in ihm vielleicht etwas mehr revolte entstanden, die ihn befähigt hätte, aus dem joch des elternhauses zu entweichen. hätte, hätte, hätte - die junge autorin Anne von Canal liefert einen roman, der die leser/-innen ob seiner volten mitreißt und ob der verhaltensweisen der protagonisten des öfteren kofpschüttelnd zurücklässt. wie kann man nur …

© 12.12.2016 brmu
1 Anne von Canal, Der Grund, rororo tb26882, 2016, seitenzahl in klammern

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Gäste
Montag, 01. Mai 2017

Sicherheitscode (Captcha)