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Böll i(r)ländert

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© 11.11.2017 foto brmu: Böll-Info in Köln (Literaturhaus Köln, WDR, Köln)

wer am elften elften in Köln abends unterwegs ist, kann fluchtpläne verstehen. bloß weg aus dieser besoffenenheit, die sich mit karneval kränzt und unrat hinterlässt, flüssig und fest. nichts literarisches weit und breit.

damals, mitte der fünfziger jahre, ist der literat Heinrich Böll von Köln mehrmals nach Irland für einen schreibaufenthalt „geflüchtet“, um dem stress zu entgehen. die früchte dieser schreibklausur wurden peu-à-peu in zeitungen veröffentlicht, bis 1957 alles zusammen ein buch mit dem titel „Irisches Tagebuch“ ergab. vier jahre später dann eröffnete es als erstes die neue dtv-reihe – und siehe, es ward ein großer erfolg.

woran mag das liegen, haben wir uns im Brühler Lesekreis bei Brockmann, siebzig jahre danach, gefragt. es muss doch alles total veraltet und überholt sein, was darin über Irland geschrieben steht. doch schnell kommt man zu der erkenntnis, dass es sich eben nicht um ein reisetagebuch handelt, das getreulich station für station abhakt und beschreibt. in 18 kapiteln ist es eher eine zusammenschau vieler, Böll typisch erscheinender eindrücke aus dem kontakt mit Iren und deren verhalten, kombiniert mit reflektionen über das unsrige.

und das wiederum in teilweise recht poetischer schreibweise, die dennoch den skeptischen, kritischen blick nicht vermissen lässt. das Irische Tagebuch also mag eine art therapeutische übung gewesen sein, sich von den erlebnissen des krieges und der damit etablierten trümmerliteratur zu erholen, den blick zu wenden und in die eigene republik zu schauen, die Böll dann auch harsch und fokussiert ins visier genommen hat. dazu benötigt man abstand, der in Irland gegeben war.

Als ich an Bord des Dampfers ging, sah ich, hörte und roch ich, daß ich eine Grenze überschritten hatte; (9) der in der literaturrezension so oft beschworene „Erste Satz“ entfaltet hier seine volle wirkung. wir leser/-innen wissen nun eingeladen zu werden, ebenfalls unsere grenzen zu überschreiten, die grenzen der wahrnehmung anderer leute in anderen landen. Die Grenzen aller mehr oder weniger exakten Wissenschaft liegen scharf übereinander im Zucken des epileptischen Bettlergesichts: eine zu schmale Basis, als daß ich mich ihr anvertrauen möchte. (25) keine gewissheiten, alles zuckt und ruckt, die typische haltung eines skeptikers, der auch in der vermeintlichen idylle von Achill Iland, einer insel an der insel Irland an der insel Großbritannien, um sich herum den Skeptizismus sah, der in harten und traurigen Augen blühte…Dornen um die Rose herum, Pfeile im Herzen der frommsten Stadt der Welt. (52)

also gingen auch wir skeptisch an die lektüre und wunderten uns, was in so einem „alten“ buch noch heutzutage zutreffend sei. wir lasen von der Zeit, die geduldig über alles hinträufelt: vierundzwanzig große Tropfen Zeit pro Tag: die Säure, die so unmerklich alles zerfrißt wie Resignation … so abstrakt ist also die Wirklichkeit. (37) wieder eine warnung, dass idylle nur eine art der wahrnehmung ist, wir heutigen wissen, eine sich wandelnde wahrnehmung, denn das Irland von 1954 und das von heute unterscheidet sich massiv. den zahn der gewissheit muss man sich ziehen lassen.

und ich bin nun mal dran gewöhnt, jeden Abend irgend jemand einen bestimmten Zahn zu ziehen: ich weiß schon genau, wo er sitzt; ich kenne mich allmählich aus in der politischen Dentologie, und ich mache es gründlich und ohne Betäubungsmittel. (45) was für eine herrliche metapher für das spätere wirken Bölls in seinen gesellschaftspolitischen romanen! hier deutet sich schon seine wille zur skeptischen mahnung an.

Böll, der starke raucher, hat auch die stärke zur selbstkritik: Wunderlich genug, daß noch keine Psychologe … den Nebenzweig der Kippologie  entdeckt hat,… und … da liegen sie also, die nur halb gerauchten, brutal geknickten Zigarettenstummel dessen, der nie Zeit hat und vergebens mit seinen Zigaretten gegen die Zeit um Zeit kämpft – (88) ehrlicher kann man sich Bölls literatenarbeit in Deutschland, von ihm beschrieben, kaum vorstellen. die lösung in dem irischen cottage winkt direkt: Wie gütig ist das Kaminfeuer, das alle Spuren verzehrt; (88) aber eben nur die spuren, der kampf um die zeit wird bleiben.

dann dürfen kompensationen nicht fehlen. Bei uns – so scheint mir – versagen, wenn etwas passiert, Humor und Phantasie; in Irland werden sie gerade dann in Bewegung gesetzt. (114) it could be worse, but I shouldn’t worry – das ist die irische parole, die uns mittelbar empfohlen wird. allerdings hat der damals in Köln lebende Böll das Kölsche Grundgesetz missachtet: §4 et hät noch immer jot jejange, §5 wat fott es, es fott. aber nach §6 können wir das heilen, denn jede jeck es anders! das gilt auch für ihn.

mit der zeit kann man das lernen, und die soll es in Irland zuhauf geben, denn ein irischer spruch besagt: Als Gott die Zeit machte, hat er genug davon gemacht und Böll fügt hinzu: es  …sind die Zeitverschwender die Sparkassen, in denen Gott seine Zeit verbirgt und in Reserve hält, für den Fall, daß plötzlich welche gebraucht wird, … (61) wieder ein kleiner seitenhieb auf die von ihm skeptisch betrachtete frömmelei.

aber auch die lebensphilosophischen blitzlichter kommen nicht zu kurz. Wer Poesie, anstatt sie zu machen, lebt, der zahlt zehntausend Prozent Zinsen. (56) meint wohl, bei der umsetzung von theorie in die praxis wird draufgezahlt. und von dort ist die frage nicht weit: Wie hoch ist der Fahrpreis für diese fünfzig, sechzig, siebzig Jahre vom Dock, das Geburt heißt, bis zu der Stelle im Ozean, wo der Schiffbruch erfolgt? (57) nun sind wir in voller resonanz, denn diese frage hat sich wohl jeder schon mindestens einmal gestellt: was soll das ganze, was ist es wert, was kostet es mich.

wenn wir also ein urteil über das Irische Tagebuch fällen wollten, so ergeben sich pros und kontras; es hängt  von der erwartung an die lektüre ab. halten wir es mit den beschriebenen ritualen: … denn die Bescher mussten ihren Tribut an Neuigkeiten entrichten; denn trotz Radio und Zeitung hat doch die Neuigkeit aus dem Munde dessen, dem man die Hand drückte, mit dem man Tee getrunken hat, sie hat das eigentliche Gewicht. (103) wir haben diskutiert und uns die gewichtung erarbeitet: Bölls lösung aus den trümmern, hin zum nachweis anrührender, poetischer schreibweise.

© 14.11.2017 brmu
Heinrich Böll, Irisches Tagebuch, dtv 2017, 63. Auflage, zitate im schrägdruck mit seitenangabe

 

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