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Böll's engel schweigt immer noch

Der Engel schwieg“, roman aus dem nachlass von Heinrich Böll, wurde erst 1992 publiziert, weil der verlag anno 1950 eine zu geringe leserschaft prognostiziert hatte. wir heutigen lesen den bis 1949 geschriebenen roman einerseits erinnernd aus eigenem kindheitserleben und andererseits, vor allem die jüngeren, aus historischer perspektive.

und dabei wiederum kann man das gewicht auf verschiedene ebenen legen. die individuelle traumatische situationen des hungerns. die beziehungsfrage der gegenseitigen stützung im elend, aus der sich dann eine aufkeimende liebesbeziehung ergibt. die emanzipation von traditionen, hier der kirchlichen eheschließung. die ernüchternde unbelehrbarkeit der geschäftemacher. und die gesellschaftlichen auswirkungen, die Böll zeitlebens als mahner in besonderer weise am herzen lagen.

der roman startet mit einem unbekannten, der aus dem krieg, als feldwebel drappiert, in seine heimatstadt zurückkehrt. zu allererst begegnet er einer verstaubt-verschmutzen engelfigur, wobei „die Freude, die ihm beim Anblick des lächelnden steinernen Gesichtes erfüllt hatte, erlöscht, je mehr die grellen Farben sichtbar wurden, der grausame Lack der Frömmigkeitsindustrie“.(6) das grundthema des romans ist hier bereits auf den ersten seiten fixiert, der grausame Lack der Frömmigkeitsindustrie steht für die (katholische) amtskirche, bei Böll ein virulentes thema.

allmählich wird uns klar, dass es sich um den deserteur Hans Schnitzler handelt, der seiner erschießung durch den eingriff des feldwebels Willi Gompertz entgeht. Hans trägt dessen waffenrock, den er der schwester des feldwebels, Elisabeth Gompertz, übergeben soll. im mantelfutter befindet sich ein testament. Hans ist auf der suche nach dieser person, findet sie und klagt über ihren mann: „Ich sollte leben, ich wollte sogar leben - - und er wollte mir das Leben schenken, aber ich begreife jetzt, dass man jemand das Leben schenken kann, indem man ihm den Tod stiehlt.“ (47/48)

Hans wollte vor sich selbst den heldentod des verweigerers und als deserteur sterben. der feldwebel hat diesen plan zerstört. erst drei wochen später hat Hans „etwas Unwiderrufliches getan, was nicht rückgängig zu machen war: er hatte das Leben angenommen.“ (136) er verliebt sich allmählich in Regina Unger, bei der er unterschlupf gefunden hatte, denn „er liebte sie, und er wußte, daß sie ihn liebte, aber von ihren Gedanken wußte er nichts, und er würde nie etwas davon wissen“ (145), ein signal der traumatisierung der überlebenden des krieges. wie überhaupt die dürre diktion des romans die seelische ausgelaugtheit der protagonisten spiegelt. heute haben wir ein fachwort dafür: traumatisches syndrom.

auch ist der frieden für Hans weiter gefasst. als er angesprochen wird, es sei frieden, der krieg sei aus, antwortet er sybillisch: „Ich weiß, …, aus war er schon lange, aber Frieden?“ (53) frieden ist für ihn eine viel weiter reichende kategorie, die nicht nur die abwesenheit von krieg bedeutet. sie symbolisiert für ihn (und Böll) eine geläuterte gesellschaft, die aus dem desaster der selbst verschuldeten unmenschlichkeit (I. Kant freut sich jetzt) der nazizeit wesentliches gelernt hat.

auch hier wieder der hinweis auf die gesellschaftliche ebene der sich neu etablierenden damaligen BRD. solche sätze lassen Böll auktorial durchschimmern. wie kritisch er den neubeginn sieht, mag an dem satz ermessen werden: „Und er feierte den Beginn des Friedens auf einem Mülleimer sitzend.“ (54) der mülleimer als metapher für die skepsis über die aktuellen entwicklungen.

die menschlichkeit in gestalt der kranken Elisabeth Gompertz, die das familienvermögen wohltätig verschenkt, verliert letztlich. sie stirbt an magenkrebs und auf ihrer beerdigung stehen ihr schwager Dr. Dr. Fischer und ihr vater auf einem marmorengel in der kaputten kirche, das testament, in dessen besitz sie sich gebracht hatten, zerreißend. „Der Engel schwieg; er ließ sich vom Gewicht der beiden Männer nach unten drücken; seine prachtvollen Locken wurden vom gurgelnden Dreck umschlossen (188/189). raffgier, egoismus, opprtunismus behalten die oberhand, ohne scheu vor dem, was der engel eigentlich ausdrückt.

dieser doppeldoktor Fischer ist ein „Geldfischer“ (103), der sich gerne mit schönen dingen umgibt, dies aus „Langeweile, Ekel und ein bißchen Wollust“ (119), aber „immer war die Langeweile der überwiegende Mischungspartner“ (119) solche leute schwimmen oben auf, sichern sich ab und geben sich den anschein von intellektualität. „Fischer verstand etwas von Büchern, war Philologe, Jurist, Herausgeber einer Zeitschrift, hatte eine tiefe und nicht ganz unproduktive Neigung zur Goethologie und galt damals als der inoffizielle Berater seiner Eminenz des Kardinals in kulturellen Fragen“. (93/94) bildungsbürgertum und amtskirche, die unschlagbare mischung, wobei jedoch J.W. Goethe und christenkirche nicht recht passen wollen.

die engel-metapher ist für den roman wie ein rahmen angelegt und wird dadurch besonders betont, will uns etwas mitteilen: wird der engel lediglich als objekt betrachtet, wie Fischer es tut, so verfehlt er seine zweck. wird er gar in den dreck getreten, so verliert er jegliche wirkung.

auf uns verfehlte der roman als teil der trümmerliteratur seine wirkung nicht und zeigt auf, was literatur eigentlich ist: ein resonanzkörper für unser eigenes erleben, woraus denken und handeln wird. Heinrich Böll hat es nach wie vor verdient, in der öffentlichen rezeption besser präsent zu sein, denn er hat uns immer noch aktuelles zu sagen, auch wenn die trümmer zurzeit in anderen ländern rauchen. das muster des versagens ist universell.

© 06.09.2016 brmu
zitate aus Heinrich Böll, Der Engel schwieg, dtv tb12450, 2014, 9. auflage, seitenzahlen in klammern

 

Kommentare 1

Gäste - Hildegard Olnhoff-Luxem am Donnerstag, 08. Dezember 2016 08:04

Heinrich Böll, einer von den Besten, die wir in Deutschland lesen dürfen und er bleibt aktuell. Die "Gruppe47" befasste sich in ihrem Kreis mit aktuellen Themen. Viele sehr bekannt gewordene Autoren trafen sich regelmäßig, lasen sich vor, diskutierten und wollten etwas bewegen. Ich finde es ist wieder Zeit, dies zu tun. Ich bin Mitglied der "Gruppe48", eine Nachfolgegruppe der "Gruppe47", gegründet in Rösrath von Dr. Hannelore Furch. Der erste Preis dieser Gruppe soll im September 2017 in einem Schloss in Rösrath vergeben werden. Es können Autoren und neue Talente aus deutschsprachigen Ländern gewinnen. Da die Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kommen, sollen regional Lesungen. wie diese von Heinrich Böll usw. stattfinden, um den Zusammenhalt der "Gruppe48" zu fördern. Weitere Informationen gibt es über meine E-Mail Adresse. Ich wohne in Angelsdorf, schreibe an einem Roman, habe fast 200 Gedichte geschrieben, bin Aphoristikerin beim Groh Verlag, fotografiere und male. Mein Ehemann, Klaus Luxem, schreibt ebenfalls und ist als Künstler bereits recht bekannt. Siehe die hier angegebene Webseite. Dort gibt es auch weitere Informationen über unser Leben und entsprechende Adressen. Ich hoffe, dass zumindest ein kleiner Kreis an Interessierten zusammen kommt. Ich biete auch mein Heim als "Leseort" an. Die "Gruppe48" sucht dringend Juroren für die Auswahl der im ersten Quartal 2017 eingehenden Texte (Prosa, Lyrik, Romanausschnitte, aktuelle Themen betreffend), die entweder Literatur studiert haben oder bereits etablierte Autoren sind. Bisher besteht die Jury aus 3 Personen, es sollten 6 werden. Ausgewählt werden 8 Personen (4 aus den Mitgliedern, 4 aus der Öffentlichkeit), die dann im September in Rösrath vorlesen. Der Preis wird am gleichen Abend vergeben.

Heinrich Böll, einer von den Besten, die wir in Deutschland lesen dürfen und er bleibt aktuell. Die "Gruppe47" befasste sich in ihrem Kreis mit aktuellen Themen. Viele sehr bekannt gewordene Autoren trafen sich regelmäßig, lasen sich vor, diskutierten und wollten etwas bewegen. Ich finde es ist wieder Zeit, dies zu tun. Ich bin Mitglied der "Gruppe48", eine Nachfolgegruppe der "Gruppe47", gegründet in Rösrath von Dr. Hannelore Furch. Der erste Preis dieser Gruppe soll im September 2017 in einem Schloss in Rösrath vergeben werden. Es können Autoren und neue Talente aus deutschsprachigen Ländern gewinnen. Da die Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kommen, sollen regional Lesungen. wie diese von Heinrich Böll usw. stattfinden, um den Zusammenhalt der "Gruppe48" zu fördern. Weitere Informationen gibt es über meine E-Mail Adresse. Ich wohne in Angelsdorf, schreibe an einem Roman, habe fast 200 Gedichte geschrieben, bin Aphoristikerin beim Groh Verlag, fotografiere und male. Mein Ehemann, Klaus Luxem, schreibt ebenfalls und ist als Künstler bereits recht bekannt. Siehe die hier angegebene Webseite. Dort gibt es auch weitere Informationen über unser Leben und entsprechende Adressen. Ich hoffe, dass zumindest ein kleiner Kreis an Interessierten zusammen kommt. Ich biete auch mein Heim als "Leseort" an. Die "Gruppe48" sucht dringend Juroren für die Auswahl der im ersten Quartal 2017 eingehenden Texte (Prosa, Lyrik, Romanausschnitte, aktuelle Themen betreffend), die entweder Literatur studiert haben oder bereits etablierte Autoren sind. Bisher besteht die Jury aus 3 Personen, es sollten 6 werden. Ausgewählt werden 8 Personen (4 aus den Mitgliedern, 4 aus der Öffentlichkeit), die dann im September in Rösrath vorlesen. Der Preis wird am gleichen Abend vergeben.
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