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De Luca auf dem Montedidio

in Erri de Lucas roman "Montedidio" erlebt ein dreizehnjähriger einen entwicklungsschub der besonderen art. wir können das in stroboskopischer abfolge miterleben, weil der junge seine erlebnisse in kurzen notaten nach tageart auf einer restpapierrolle notiert, die er von Don Liborio, den begrapscher des jungen, erhalten hat. Don Liborio gönnt sich einmal Begrapschen, und damit sind wir quitt. Er hat mir auch die Rolle Papier vom Druckzylinder geschenkt, auf der ich gerade schreibe. (44)

beschrieben wird in Neapel das soziale beziehungsgeflecht in einem haus in den 50ger jahren des letzten jahrhunderts. die familie des jungen ich-erzählers ist tief in der sprache und dem wesen des neapolitanischen verhaftet, aber der vater will, dass es seinem sohn einmal besser gehen soll. Er ist nicht zur Schule gegangen, darum legt Papa sehr viel Wert auf eine Ausbildung, damit ich nicht von der Straße zu etwas gezwungen werden, damit ich nicht dort lande. (101) ergo hält er ihn an, zu lernen und vor allem das italienische. „Nur weil wir in aller Bequemlichkeit lernen durften, wissen wir zuletzt Gekommenen mehr als ein erwachsener Mann, der sich sein ganzes Leen lang mit der Kraft seiner Arme Anerkennung erworben hat und es uns nie am Nötigsten hat fehlen lassen und seine Frau immer mit Respekt behandelt hat.“ (202)

die mutter ist liebevoll dem jungen zugewandt, erkrankt jedoch an gelbsucht und stirb in dem halben jahr der romanhandlung. während dieser zeit nabelt sich der ich-erzähler ab und übernimmt das verhaltensmuster eines erwachsenen.

hilfreich ist ihm dabei wie ein katalysator die wenig ältere Maria, deren eltern an spielsucht leiden, notorisch pleite sind und das mädchen zu dem hausbesitzer schicken, um um aufschub der mietzahlung zu fragen. dieser nutzt die gelegenheiten und vergeht sich regelmäßig an dem mädchen. die bekanntschaft der Maria mit dem ich-erzähler führt zur lösung aus dieser falle und hinwendung zu dem jungen. durch sie erlebt er auf dem dach des hauses bewusst seine ersten sexuellen regungen. „Seit heute weiß ich etwas über mich, etwas Trauriges mitten in dem Glück, mit Maria zusammen zu sein. Es ist nicht alles gut daran, dass mein Körper erwachsen wird, dass ich Neues entdecke, was ich lernen kann. Zusammen mit mir wächst auch das Böse. Zusammen mit der Kraft des Arms, den Bumerang zu befreien, wächst auch eine bittere Kraft, die angreifen kann.“ (200)

die durchgängige metapher der entwicklung und erstarkung, sprich emanzipation des jungen, ist der vom vater geschenkte, immer am mann getragene bumerang. der junge übt täglich, ihn zu werfen und trainiert so seinen körper aus der kindheit heraus. „…der Bumerang, gibt Stromschläge ab, er reibt sich an meiner Handfläche, seine Kraft ist meine, …“ (213) Maria bewundert ihn und spornt ihn an. „Bevor sie einschläft, sagt sie mir ihren kostbaren Satz: „Du bedeutest mir was.““ (195)

parallel zu dem bumerang als symbol des flüggewerdens, verläuft ein erzählstrang über Don Rafaniello, einen begnadeten schuster [Er macht es mit den Gedanken wie mit den Schuhen, er legt sie umgedreht auf das Bänkchen und flickt sie. (155)], den es nach den kriegswirren nach Montedidio, den ort der erzählung, verschlagen hat und der seine schusterei nahe der werkstatt des arbeitgebers des ich-erzähers, Meister Errico, betreibt. beide verstehen sich gut und ergänzen sich in der positiven wirkung auf den jungen. Junge, wer hinterherredet, hinter jemandes Rücken, der kriegt eine Antwort vom Hintern. (98)

Don Rafaniello hat einen buckel, in dem ein flügelpaar heranwächst, das ihn schließlich in der sylversternacht nach Jerusalem tragen soll. dieses an sich unsinnige element wird in dem roman völlig normal behandelt und erfüllt damit ein kriterium des magischen realismusses.

die beiden positiven, parallelen handlungsstränge, aufladung des bumerang in den händen des jungen und ausformung der flügel zum abheben Don Rafaniellos gen Jerusalem, kulminieren in der sylversternacht auf dem dach des mietshauses. der eher verdeckt-indirekte, negative handlungsstrang, die ständigen übergriffe des hausbesitzers auf Maria, erlebt ebenfalls sein ende auf dem Hausdach, in dem der junge ihn bei einem letzten übergriff auf Maria über den dachrand wirft. erwachsen werden hat also auch ein „böses“ element an und in sich.

der roman bricht in dem trio der handlungshöhepunkte ab: der bumerang fliegt zu den sternen, Don Rafaniello fliegt richtung Jerusalem und der hausbesitzer fliegt vom dach. „ … Maria schreit, denn da ist ein Schatten über ihr, ich laufe zur Brüstung, packe den Schatten an den Schultern, die Arme brennen vor Kraft, reiße ihn von Maria und vom Boden los, werfe ihn fort, ich werfe ihn so heftig fort, dass er fliegt, er fliegt nach unten, er fliegt von der Dachterrasse …“ (217)

dieses drama [Unsere Liebe ist ein Bündnis, eine Kraft zum Kämpfen. (134) / „… niemand darf sich in unser Leben einmischen.“ (166)] wird in einer abgeklärten, unglaublich lyrischen sprache präsentiert, wie sie jemand zu papier bringen kann, der über den dingen steht, der ebenfalls am ende seiner entwicklung und abgeklärtheit steht.

somit lasen wir ein buch der subtilen lebensweisheit, prall voll schöner wortbilder in geradezu spiritueller montage. die schönheit des originals strahlt in der deutschen übersetzung hindurch: Ich nutze das Licht der Straßenlaterne, um zu schreiben, stütze mich auf das Fensterbrett, das Geräusch des Bleistifts auf dem Papier fasst den Lärm des Tages zusammen. (143). vor dieser sprache verblassen romantheoretische erwägungen.

© 19.03.2016 brmu
zitate nach Erri de Luca, Montedidio, List TB61187, 2014

 

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