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de Moor in grauweißblau

keine leichte lektüre, der roman von Margriet de Moor - „Erst grau dann weiß dann blau“ - aus dem jahre 1991, zwei jahre später bei Hanser erschienen. das war unsere gemeinsame einschätzung. viel aufmerksamkeit wird uns abverlangt. am besten ist es, den roman in einem zuge zu lesen. dann behält man die dinge des plots und die springende story am besten im gedächtnis, denn der erzählstrang mit seinen erinnerungsinseln spielt salto mortale.

der plot ist schnell zusammengefasst: Robert Noort baggert ein honigblondes Mädchen (119), die Magda Rezková, an. sie heiraten, der anfängliche kinderwunsch erfüllt sich mehrfach nicht, die ehe nimmt eine färbung gegenseitiger kühle und distanz an. Robert will letztlich über Magda macht ausüben: Ich habe dir das System meiner Liebe auferlegt. Jetzt gehört sie mir. (84) er ist dabei aber nicht erfolgreich, denn Magda entzieht sich ihm geschickt durch völliges übergehen seiner attitüden, was in Robert gehörigen frust erzeugt.

ganz anders das ehepaar Erik und Nelli. sie lassen sich raum und wollen nicht alles voneinander wissen. beide ziehen ihren autistischen sohn Gabriel groß. zwischen Gabriel und Magda entwickelt sich auf der basis astronomischer beobachtungen eine unverbindliche beziehung des gegenseitigen respekts. sie übersetzt ihm fachzeitschriften, er lässt sie an seinen beobachtungen am fernrohr teilhaben. Erik reflektiert dies mit den worten: Magda ist die Frau, die seinem Sohn die Welt und in gewisser Weise auch das Firmament zugänglich gemacht hat. (20)

dann, von heute auf morgen, verschwindet Magda aus dem dorf für gut zwei jahre. Ich wußte nicht, ob ich ihn verlassen hatte. … Ich wußte nur, daß ich morgens mit dem festen Vorsatz wach geworden war, meine Sachen zu packen. (144). sie reflektiert in beinahe buddhistischer weise: Du hast dich dazu entschlossen zu verreisen. … Du siehst, wie alles kleiner wird, aber die Aussicht wird weiter. (149) später auf dem ozean: Die Weite. Das Bewußtsein der Weite. (179)

niemand, außer uns leser/-innen, weiß warum und wohin. Nachdem ich nun seit bald zwei Jahren über den Erdball geschwirrt war, kannte ich zwar sehr wohl meine Route, aber keineswegs meinen Platz. (202) und bald dämmert ihr: Ich muß mit dem Suchen aufhören. die katharsis setzt ein: Deine Zukunft liegt vor dir, nicht hinter dir, merk dir das. (203)

wir sind also mitwisser, eine auktoriale spiegelung. die sichtweisen der anderen, Erik, Robert, Nelli, Gabriel, sind deren individuelle vermutungen und interpretationen der langen abwesenheit Magdas. und auch im hintergrund des dorfes wird ihr hinterher geredet: Zwei Jahre wie vom Erdboden verschwunden. Ohne auch nur ein Zeichen von sich zu geben. Und dann, bei der Rückkehr, es einfach dabei belassen und uns nicht die geringste Erklärung geben … (21) wir wissen es besser. Magda war auf der suche nach ihrer sie traumatisierenden vergangenheit, um innere klärung zu erlangen.  

es wird offensichtlich, dass Robert, der von sich wider Camus sagt: Ich bin kein glücklicher Mensch. (104), es nicht lange aushält, wie die dörfler nichts zu wissen über Magdas abwesenheit. schon vorher bekennt er: Und zum ersten Mal war ich eifersüchtig. Ihre Schweigsamkeit machte mich verrückt. Ich schlief nicht mehr. Wie sollten wir unser Leben aneinander binden, wenn sie alles für sich behielt. … Ich hatte schon bemerkt, daß ich es nur noch mit mir aushalten konnte, wenn sie da war. (30) hier braut sich etwas zusammen, … wenn ich es nur schaffen könnte, das Rätsel in seinem Inneren einfach ein Rätsel sein zu lassen …(138) alles kulminiert auf die vier klaren, präzise abgegrenzten Wörter … „Wo bist du gewesen?“ (140) hin, die unbeantwortet bleiben.

in dieser situation geschieht der kontrollverlust: Robert ersticht Magda, seine frau. ein dilettantischer selbstmordversuch misslingt. ob totschlag im affekt oder mord, das wird nicht ohne kriminalistisches gespür in den texten zu beantworten sein. die fünf protagonisten kommen unabhängig voneinander wie in einem ausführlichen verhör zu den verschiedenen handlungen zu worte. doch es erstaunt nicht: Je länger man nachforscht, desto ungenauer wird der Fall. (46). wirkt anfangs Robert als der tätliche bösewicht, verändert sich das bild des opfers Magda zusehends in richtung provokation durch ihre gezielte verweigerung des Kommunikationsbedürfnisses von Robert, die ihr als mitschuld an dem persönlichen desaster angerechnet werden kann.

das buch von Margriet de Moor berührt mehrere genres: psycho-krimi, beziehungsdrama, entwicklungsnovelle - und fand und findet daher ein breites publikum. zum schluss die weise erkenntnis: Vielleicht muß man einfach versuchen, jemanden nicht unbedingt immer ergründen zu wollen, dachte sie in dieser Zeit häufig. Menschen sind Rätsel, akzeptier das doch einfach. (257) das denkt Magda im umgang mit Gabriel, eine maxime von genereller bedeutung.

und es gibt noch eine wichtige, kommunikative botschaft im roman: Sprechen. Sprechen ist nicht enthüllen, was man weiß, sondern was man bedeuten möchte. (226) das lässt sich auch auf das schreiben ausdehnen.

© 11.10.2016 brmu
Margriet de Moor, Erst grau dann weiß dann blau, Hanser Sonderausgabe "Ein Buch für die Stadt", 2016

 

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