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die sonnenposition

Marion Poschmann führt ein doppelleben: sie schreibt lyrik und prosa von gleich hohem rang. das macht neugierig. wir haben uns im ersten lesekreistreffen des jungen jahres 2016 in Brühl bei Brockmanns ihre prosa vorgenommen, den roman „Die Sonnenposition1“ diskutiert.

mit der üblichen leseerwartung einer flotten handlung (hier eine dreieckskonstellation) in einer flotten sprache erleidet man lesebruch, einige haben das buch wieder aus der hand gelegt. andere erneut gestartet und nun die sprache und ihr leuchten, ihre „lumineszens“ auf sich wirken lassen. licht und dunkel spielen in dem roman eine metaphorische rolle.

der protagonist Altfried Janich [montage aus ja + nicht(t)?] schleicht neurotisch durch die gänge der irrenanstalt, in der er als facharzt für psychiatrie und pyschotherapie den psychotischen patienten eine leuchte sein will, die „Sonnenposition“ einnehmen will. den ganzen roman hindurch zieht sich diese frage, ob er das schafft. dabei drängt sich die kernfrage auf, ob Altfried nicht am end’ eher patient ist, der sich das alles einbildet: Oft weiß ich selbst nicht, ob ich mich als Arzt oder als Patient hier aufhalte. (15)

zehn krankenakten als fallgeschichten mit ihrer nüchternen sprache kommen in zwei kapiteln vor, unverbunden mit dem rest, vielleicht die patienten von Altfried. die elfte, große und um­fassende, blumig redundant geschriebene, könnte der ganze roman sein. ein stetes schwanken zwischen gegensätzen, zwischen hell und dunkel, in lyrischen metaphern illuminiert.

die figur des Odilo Leonberger, angeblicher freund Altfrieds, der ihn aber ziemlich abweisend behandelt, fragt ihn: Fühlst du dich hier wirklich wohl? (324). als biologe, biolumineszenz­forscher und schlafwandler fährt er sich ohne licht mit dem auto zu tode. Odilo ist in dem beziehungsdreieck nur skizziert und erscheint als pendant zu dem neurotiker Altfried, vielleicht sogar lediglich als seine einbildung. beide auf der vertrackten suche nach dem erlkönig, fachausdruck für automobile prototypen in verkleidung. der metaphorische versuch, angestrengt hinter die dinge zu schauen, charakterisiert seine arbeit als arzt, aber auch seine obsession.

Meine Schwester. Sie nahm die Dinge nie fest in die Hand. Sie besaß … ein Gefühl für das richtige Maß. … Das macht ihre Anmut aus, ihre Körperintelligenz. (185) es ist von Mila Janich die rede, modeschöpferin und geliebte von Odilo. das muss Altfried im laufe des romans erkennen und schlucken.

die vier eingestreuten theorien über ort (135), schönheit (200), zeit (214), handlung (258) raffen die selbsterkenntnis Alfrieds zusammen: Der Ort ist für die denkenden Menschen die reine Provokation. (135) Der ort ist das schloss, die irrenanstalt, wie es sein vater ausdrückt. Odilo und Altfried hüllten sich in ihre Isolation zu zweit (201), darüber reflektierend, dass wir selbst diejenigen sind, die sich mit selbsterzeugten Illusionen täuschen. (200) mit der er­kennt­nis: Wir erfinden die Zeit, und dann läßt sie uns sterben. (215) und dann der donnerschlag: Aber es ist zu spät, an diesem Punkt ist man schon verrückt. (259) folgerichtig endet der roman der lichtmetaphern im licht. Ich spiegele mich …, alles glänzt zu sehr, blendet mich, immer gleißender, bis ich nichts mehr erkennen kann. (338) der zweimalige rat von Altfrieds chefin, frau dr. Z., kommt zu spät: Sie sollten ins Dorf ziehen. (336), raus aus der inneren isolation, rein in die äußere welt der anderen.

die frage, wie eine lyrikerin mit sprache umgeht, können wir in einem experiment ausloten:

herrschaft und herrlichkeit2

die sonne bröckelt
die falten in den gesichtern
gewinnen an tiefe
als sei die gegenwart bereits
die ewigkeit

und als gleite die zeit
der schwarze lack spiegelt
wir spielten glück eine
hintergründige weise zu sehen

schwarze sonnenscheibe
du ziel aller jagd
lass uns ins schwarze
treffen lass uns also ein

wir finden also im roman und im gedicht (man lese bei lyrikline das beispiel: Gnadenanstalt) gleichrangige sprache. identische sätze oder auch satzfragmente in von mir lediglich geändertem umbruch verwandeln das genre. in dem roman gibt es viele dieser stellen, die sich in lyrik konvertieren lassen. das hebt die sprachmächtig­keit bis hin zur sprachverliebtheit von Marion Poschmann über die norm. ein werk, das sicher gewinnt, je öfter es gelesen wird.

© 12.01.2016 brmu
1 zitate aus Marion Poschmann, Die Sonnenposition, Suhrkamp TB4546, 2014
2 gedicht aus ausschließlichen orginalzitaten von Marion Poschmann, s.o.

 

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