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Doron's Kafka

Lizzie Doron hat einen roman in die welt geschrieben, dessen titel „Who the fuck is Kafka“ alles sagt. im rahmen eines friedenssymposiums in Rom lernen sich die „ich“-erzählerin (offenbar die autorin) als Jüdin und Nadim als Moslem, beide bürger des staates Israels, kennen und schätzen. sie wollen dem oft totgesagten friedensprozess zwischen den juden in Israel und den muslimen in Gaza durch persönliches engagement aufhelfen. sie will ein buch über Nadims lebensumstände schreiben. Ich erzählte ihm [Nadim], dass ich Geschichten über Menschen schriebe, die einen Krieg führten, über ihre Traumata . Über jene, die mit Albträumen kämpften und dennoch zu neuem Leben aufstünden. (29) und er will einen film drehen über dasselbe thema, denn: Ich mache ihnen klar, dass ein Film wesentlich effektiver sein kann als ein Sprengstoffgürtel. (39)

zu diesem zweck treffen sie sich sporadisch über eine längere zeit. der roman begleitet die entwicklung der beziehung beider vor dem immer wieder misstrauischen hintergrund der besonderen umstände in der israelischen gesellschaft, die die protagonisten als paranoid, traumatisiert bezeichnen. das eher durch nüchterne beschreibung und sarkastische dialoge. kein wunder, dass das buch in Israel nicht veröffentlicht wurde.

nun könnten wir uns selbstgefällig fragen, was soll’s? wir leben in Europa und nicht im Nahen Osten. wir haben eine säkulare demokratie in Deuschland und keine von Orthodoxen mitbestimmte wie in Israel. bei uns ist religion eine schlafpille, bei denen eine triebfeder. das ist deren problem. aber so einfach ist es nicht. liest man genauer, so schälen sich die muster der freund-feind konfrontationen, der kollaborateur-verdächtigungen, die offenen schuldzuweisungen, die vergeltungsfallen mit heraus. abstrahiert man diese muster, dann wird einem plötzlich klar, dass der roman uns allen einen gesellschaftlichen spiegel vorhält: so sieht es aus, wenn die dinge kafkaesk werden. daher der titel.

der roman kommt ganz ohne die beilagen von sex & crime aus. ihm unterliegt eine fast essayistische nüchternheit, ein diagnostischer unterton: Es dauert keine fünf Minuten, da hörst du das Echo der Worte Shoah, Krieg, Besatzung, Intifada. (33) Nadim meint: Du bist hier, um dein Gewissen zu polieren, ich hingegen kann morgen sterben. (137) dennoch beginnt man mit den beiden protagonisten, mal mit Nadim, mal mit der ich-erzählerin, zu sympatisieren und jeweils den anderen dann zu verdammen. ein dekuvrierendes ping-pong-spiel von gefühlen. was, wenn dies in der realität in der dummen menge oder verblendeten masse zu taten führen könnte?  es mündet in krieg und verdammnis. die religionen nicht als hort von respekt und toleranz, besänftigend und mäßigend einwirkend, sondern eher im gegenteil fundamentalistisch die spannungen noch verstärkend.

in summe hat Lizzi Doron mit ihrem roman einen brennenden busch gezündet, der den religiösen wahn auf beiden seiten der grenzen in unseren tagen grell beleuchtet. die ich-erzählerin meint gleich zu beginn: Der Staat Israel ist im Grunde eine psychiatrische Anstalt für posttraumatisierte Juden. (19) und: So ist es in Jerusalem nun mal, in dieser Stadt versammeln sich alle Irren. (23) möge das buch auch in Israel zu finden sein und eine heilsame diskussion entfachen, auf dass sich die meinung der ich-erzählerin als falsch erweise, auf dass der wunsch ihres sohns wirklichkeit werde: Ach, Mama, …, ich wünsche mir ein anderes Land. (56)

© 09.02.2017 brmu

 

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