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Düffels Goethe-Rüffel

posse, schwank, farce, satire oder kritik – wir konnten uns nicht recht festlegen, wie der roman von John von Düffel mit dem schillernden titel „Goethe ruft an“ nun aufzufassen sei.

da wird ein ich-erzähler von seinem befreundeten kollegen „Goethe“ (spitzname) gefragt, ob er seinen anberaumten leichtschreibkurs übernehmen wolle, weil er nach China müsse. dieser „Goethe“ kann als bestseller-autor gelten, ist er doch international überaus erfolgreich und in den höchsten tönen rezensiert. schon am anfang wissen wir, dass es sich nicht um JWG handelt, aber die texte sind durch ihre diktion immer wieder geeignet, dieses wissen zu verwischen, denn seitenweise indirekte rede, konjunktive, schachtelsätze – all das scheint einen erzählstil vergangener zeiten – der goethezeit epigonenhaft zu kopieren.

der ich-erzähler erhält eine 300seitige kursmappe, in der „Goethe“ seine leichtschreib-erkenntnisse, oft auch als die roman-formel apostrophiert, niedergelegt hat. diese mappe verschwindet versehentlich und der ganze roman kreist nun um den Pawlow’schen effekt, dieser roman-formel habhaft zu werden. dabei wird über den ersten satz, den zweiten satz, wendepunkte, bruchpunkte, schmerzpunkte, autoren-diäten, blockaden, schreibstile wie leicht-, leucht-, flach-, tief-, entfernungsschreiben usw. schwadroniert, als wolle sich J. v. Düffel über sein eigenes handwerk als professor für kreatives schreiben lustig machen.

es ergeben sich humorvolle dialoge und szenen, die über die mühsamen passagen der goetheanisch anmutenden diktion hinwegtrösten. statt sich im kurs gegenseitig zu katalysieren, schliddern die teilnehmer/-innen von einer schreib-katastrophe in die andere. nur der sich selbst als unfähig empfindende und das nicht-vorhandensein der romanformel vernebelnde ich-erzähler (kursleiter) erlebt eine katharsis und überwindet seine schreibblockade, indem er sich von „Goethe“ (= JWG?) freischreibt:

Es hat keinen Sinn, ... weil wir mit unserer Begabung auf dem Holzweg sind, wir machen alle denselben Fehler, ... alle wollen wir etwas sein, das wir nicht sind, …, wir sind Teil einer gigantischen Begabungsverzerrung, Begabungsverbiegung, die Goethe vielleicht so nicht gewollt hat, die aber von ihm ausgeht und sich immer weiter potenziert zu einem regelrechten Kraftfeld der Talentverformung, einem Schwarzen Literatur-Loch, das jeden unabhängigen Schreibimpuls schluckt, sobald man ihm zu nahe kommt, und man kommt ihm zu nahe, …, weil er ja überall und immer schon da ist mit seiner universal-genialen Ausdehnung als der Dichterfürst, …weil wir ihn so wollen, weil wir uns nichts mehr wünschen, nichts mehr herbeisehnen als jemanden, der uns sagt, wie wir zu schreiben haben, wie man schreibt, dabei ist die Wahrheit, die nackte, ernüchternde Wahrheit, dass es keiner weiß, wissen kann, niemand außer uns, und wir wissen es auch nicht, wir ahnen es nicht einmal, die meiste Zeit, das Einzige, was wir haben, ist die Freiheit, es herauszufinden unter Millionen von Möglichkeiten des Schreibens … (246)

© 11.11.2015 11:11Uhr / brmu

 

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