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Eggers Hologramm

nicht häufig vertragen titel und gehalt eines romans sich so gut miteinander. Dave Eggers präsentiert uns „Ein Hologramm für den König“ als ein märchen aus der wirtschaftswelt, gespickt mit gnadenlosen sätzen.

einem könig, anachronismus pur, soll eine telefoanlage mit holographischer vermittlung des gesprächspartners vorgeführt werden, damit ein millionenschweres geschäft eingefädelt werden kann. Alan Clay als vertreter des OEC („old economy“-gedanke), der den übergang in die NEC („new economy“-gedanke) im globalen dorf nicht geschafft hat, erhält eine letzte chance. seine firma entsendet ihn mit drei wesentlich jüngeren fachleuten, um dem potenziellen, finanzstarken käufer, dem könig aus der wüste, zu beeindrucken.

doch dieser könig kommt lange zeit nicht - ein affront. praktisch der ganze roman handelt von der wartezeit Alans und seines teams, von zerfasernden und mürben reflektionen über sein tun und nicht-tun. „Er hatte keine Ahnung, ob das Ganze hier ein ausgeklügelter Scherz war, …“ (103) und wir als leser/-innen auch nicht.

in dieser hängepartie beginnt Alan das verhältnis zu seiner tochter zu überdenken und setzt zu mehreren briefen an, die aber offenbar nicht gelingen, entwürfe bleiben. darin finden wir markante sätze, die sich als harsche kritik an der NEC interpretieren lassen: „Die Erde ist ein Tier, das seine Flöhe abschüttelt, wenn sie sich zu tief einbohren, zu fest beißen.“ (113) „Die Natur sagt dem Menschen, dass sie ihn sowieso tötet.“ (276) will wohl heißen, dass die art und weise des aktuellen wirtschaftens des menschen, paradigma: wachstum, parisär und somit selbst-ruinös ist angesichts des geschlossenen systems erde. „Es gibt Veränderung aber nicht unbedingt Wachstum.“ (178) und die richtung der veränderung muss nicht ermutigend sein.

doch „Alan war nicht sicher, ob das, was er hatte, Weisheit war. Was er hatte, war das Gefühl, dass wenige Dinge wirklich wichtig waren.“ (134) zu dieser verunsicherung kommt noch jene enttäuschung: „Wie hätte er voraussagen können, dass die Welt das Interesse an Menschen wie ihm verlor?“ (149) der paradigmawechsel von OEC zu NEC hat viele existenzen wie die des protagonisten Alan Clay ins unbedeutende abgedrängt. „Das Zeitalter, in dem Maschinen über den Menschen herrschen, war angebrochen.“ (154) diese deprimierende erkenntnis kommt noch hinzu. wer mitdenkt beim lesen, erschaudert ob der nähe zur realität.

wer in der NEC nicht mithalten kann, wird übergangen, wird zur metapher des hologramms. „Es würde eine Zeit kommen, wo die Welt Leute hervorbrachte, die stärker waren als sie beide. Wo das alles überholt wäre. Aber bis dahin würde es Frauen und Männer wie Hanne und Alan geben, die unvollkommen waren und keinen Weg zur Vollkommenheit hatten.“(199)

die eingangs gelieferte erkenntnis wird in dem buch bestens illustriert: „Die Vermittlung von kulturellen Normen war wie die Durchsage von Verkehrsmeldungen. Wenn du sie bekannt gabst, waren sie schon nicht mehr relevant.“ (28) als schnelllebiger und unreflektierter kann man unsere epoche nicht bezeichnen. schon Johann Wolfgang Goethe schimpfte zu Pferde über die hetze der zeit, aber da war wohl noch eine steigerung möglich – wie weit noch?

plot und sprache sind nüchtern und ernüchternd, ein gnadenloser spiegel unserer zeit; es bleibt kein amüsement zurück, eher ein bitterer tinnitus im ohr und die erkenntnis, dass es stetes wachstum nur auf dem felde der erkenntnis gibt. das hat schon Immanuel Kant gewusst und uns gemahnt, den weg aus der selbst verschuldeten unmündigkeit zu gehen. dieser roman könnte eine wegmarke sein.

© 19.04.2016 / brmu
zitate nach Dave Eggers, Ein Hologramm für den König, KiWi TB1377, 2014, 2. Auflage

 

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