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Gilead - nicht weit ab

Der Report der Magd1, unter diesem titel stellt man sich einen idyllischen, bäuerlichen plot vor, der etwas aus der zeit gefallen zu sein scheint. weit gefehlt! Margaret Atwood hat 1985 den roman „The Handmaid’s Tail“ veröffentlicht, der dann zwei jahre später auf Deutsch vorlag. wir haben es mit einer dystopie (gegenteil von utopie) zu tun, die wegen ihrer aktuellen muster des fanatismusses unter die haut geht.

dreißig jahre später, gestern im lesekreis diskutiert, stellen wir fest, dass dieses buch irritierend viel anklänge an heutige zustände in der welt aufweist. wollte die autorin prophetisch den finger heben und die welt warnen? nein! sie hat anfang der achtziger jahre lediglich öffentlich zugängliche presseberichte aus der welt gesammelt und diese effektvoll zu diesem erschreckenden plot literarischer fiktion verdichtet: eine christlich-fundamentalistisches gruppe okkupiert einen teil der USA und errichtet ein repressives regime mit kastenähnlichen gesellschaftsstrukturen. Jene Jahre waren, historisch gesehen, einfach eine Anomalie, sagt der Kommandant. Ein Zufall. Wir haben nichts anderes getan, als die Dinge wieder der Norm der Natur anzupassen. (228) was die norm der natur sei, das ist die fiktion der machthaber zu deren nutzen und frommen. denn fromm wollen sie alle scheinen.

was ist in diesem religiösen regime natürlich? frauen werden nach ihrer nützlichkeit in kasten eingeteilt, die ‘mägde‘ stehen den machthabern (nach 1. Moses 30, 1-3) zur zeugung zur verfügung. eine dieser mägde berichtet von den vorkommnissen. Ich würde gerne glauben, daß ich nur eine Geschichte erzähle. … Was ich erzähle, ist keine Geschichte. Aber wenn es eine Geschichte ist, und sei sie auch nur in meinem Kopf, muß ich sie jemandem erzählen. (58)

sie wird uns lesern/innen erzählt und wir sind betroffen. jede/r hat einen anderen punkt der unangenehmen resonanz zu passagen im roman erlebt bis hin zur heftigen ablehnung und weigerung des weiterlesens. zu brutal muten einige szenen an und zu brutal ist die heimliche erkenntnis, dass sich teile so und ähnlich verstreut in der welt tatsächlich abspielen.

Es war nach der Katastrophe, als der Präsident erschossen und der ganze Kongreß mit Maschinengewehren niedergemäht wurde und die Armee den Notstand erklärte. Die Schuld wurde damals den islamistischen Fanatikern zugeschoben. ...  Und dann wurde die Verfassung aufgehoben…. Und es gab noch nicht einmal Aufstände. … Die Zeitungen wurden zensiert, und einige mußten ihr Erscheinen einstellen, … Die ersten Straßensperren waren plötzlich da, und die Identipässe wurden eingeführt. Alle hielten das für sinnvoll, da es offenkundig war, daß man gar nicht vorsichtig genug sein konnte. (228) man liest und staunt.

irgendwie kennen wir das von irgendwo, so viel literarische fiktion ist da gar nicht versammelt. umso aufmerksamer verfolgen wir das verhalten der magd in diesen verhältnissen. was denkt sie, was tut sie, wie tief verliert sie sich im system, des überlebens wegen.

die mägde werden in speziellen lagern von Tanten umerzogen, nach den regeln von Gilead. Stellt euch vor, ihr wärt beim Militär, sagte Tante Lydia. (15) diese tanten genießen privilegien, für die sie das system des nachschubs von mägden aufrecht erhalten. frauen dienen einem system, das extrem frauenfeindlich auftritt. einer der schocker in diesem roman.

uns fallen aus der neueren geschichte spontan reale beispiele dazu ein. ein drastisches exempel körperlicher folter wird an Moira, freundin der magd aus besseren tagen, die fliehen wollte, praktiziert. nach ihrem verhör kann sie lange kaum gehen, ein anderes an Janine, die in jungen jahren von einer jungengruppe vergewaltigt wurde. Einen Moment lang verachteten wir sie, obwohl wir wußten, was ihr angetan wurde. Heulsuse. Heulsuse. Heulsuse. Wir meinten es wirklich, und das ist das Schlimme daran. Ich hatte früher eine gute Meinung von mir. In dieser Situation nicht mehr. (99) ein winziger aufblitzer von selbsterkenntnis und die damit verbundene wertung der ich-erzählerin. am ende der entmenschlichenden prozedur beteuert Janine: Ich habe sie verführt. Ich habe den Schmerz verdient. (99) das sind die aus schauprozessen bekannten selbstbezichtigungen.

nachdem die bislang namenlose ich-erzählerin in so einem umerziehungslager praktisch einer gehirnwäsche unterzogen worden war, erhält sie den kastenstatus „magd“ und wird einem kommandanten namens Fred zugeordnet. sie erhält den namen Desfred. der name macht sie zum ding, das Fred von staatswegen zugeordnet ist. ihr job ist es, dem kommandanten einmal im monat zur zeugung von nachkommen zu willen zu sein, quasi als gebärmaschine.

die kommandanten sind die mächtigen im staate. Fred ist einer von denen. Er hat etwas, was wir nicht haben, er hat das Wort. Wie wir es früher verschwendet haben! (120) trotz aller die persönlichkeit kappender ereignisse erhält sich Desfred die kraft einer inneren reflektion als revolte zum überleben und als analyse der verpassten chancen einer abwehr in vormals besseren zeiten. das sind dann hinweise für uns heutige.

sie hat ein ziel: Wenn ich hier herauskomme, falls ich je in der Lage sein werde, dies in irgendeiner Form festzuhalten, und sei es in der Form einer Stimme, dann wird es eine Rekonstruktion sein, noch um einen Grad ferner. (178) im roman werden alte tonbänder gefunden, nachdem Gilead längst untergegangen ist, auf denen eine stimme raportiert. im jahre 2195 sind sie gegenstand von wissenschaflichen untersuchungen.

alles in allem haben wir hier eine große metapher uns allen bekannter ereignisse in der welt: elend oder katastrophe als auslöser von umsturz, machtergreifung durch fanatiker, errichtung von zwangssystemen, entrechtung eines teiles der bevölkerung, ausbeutung der stigmatisierten bis hin zum tod, rechtfertigung durch bezug auf fundamentalistische „höhere“ quellen. und die dumme trägheit der bevölkerung, die die zeichen der zeit nicht erkennt.

dieses phänomen der aufblähung einer fiktion weniger leute, der magnetwirkung für viele andere, die dann wiederum in ihrer masse die realität zu beeinflussen suchen, hat Gert Scobel in seinem buch „Der fliegende Teppich“ aufgegriffen. dieses buch liefert uns den intellektuellen hintergrund zum verständnis des massiv irritierenden romans von Atwood. er schreibt: Aufklärung gelingt nur, wenn Fiktion und Realität immer wieder neu aufeinander abgestimmt und in ein kritisches Verhältnis zueinander gebracht werden. … Was bleibt, ist eine pragmatische Lösung der  fiktionale Realismus. (348) die dystopie von Atwood möge dazu beitragen, diese kritische abstimmung in passabler form immer wieder zu bewerkstelligen. das ist kultur aus eigenständigem denken!

© 12.09.2017 brmu
zitate in schrägdruck aus:
1 Margaret Atwood, Der Report der Magd, Fischer TB5987, 1987, auflage 1992, (seite)
2 Gert Scobel, Der fliegende Teppich – Eine Diagnose der Moderne, Fischer 2017, (seite)

 

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Sonntag, 17. Dezember 2017

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