litbiss.de

Hein von anfang an

pupertät, politik, kirche – mit diesen drei begriffen lässt sich der stark autobiographische roman von Christoph Hein, Von allem Anfang an, umreißen.

pupertät als individuell-turbulente entwicklung des protagonisten Daniel. er steckt mitten in dieser nach orientierung gierenden phase, wobei er das weibliche wesen an sich in verschiedenen episoden erlebt.

politik als hintergrund der 50ger jahre in der DDR und deren einfluss auf die entwicklung der sozialisierung der menschen, insbesondere der restriktionen auf großvater, vater Victor und seinen bruder David. sie alle haben nachteile im realen sozialismus, weil sie sich nicht anpassen und zudem nicht der arbeiterklasse entspringen.

kirche als die behütete späre des elternhauses. der vater ist pfarrer und verlangt von der familie solidarität, sprich anwesenheit im gottesdienst. damit wird Daniel zum gehänselten und ausgegrenzten klassenkameraden in der schule. das behindert aber seine verblüffende beobachtungsgabe im pfarrhause seiner eltern nicht. er erkennt die spannungen zwischen seiner mutter und dem vater und die verschiedenen charaktere seiner familie.

seine nenntate Anna Magdalena hat eine weitere tragende rolle im roman. sie ist die verlässliche und verständige bezugsperson nicht nur bei der erledigung der hausaufgaben für die schule. sie hilft Daniel außerhalb der familiären sphäre, die augen offen zu halten und die dinge von anderer seite zu sehen. so sagt sie nicht ohne auktorialen anflug, in den Romanen werde das Leben im Allgemeinen viel zu dramatisch beschrieben, so dass sie für den eignen Alltag wenig Nutzen brächten und man sich hüten sollte, sie für bare Münze zu nehmen oder sich gar von ihnen leiten zu lassen. (132) das ist eine kokette volte des autors. gegen welche werke, gar gegen sein eigenes? das gebotene ist also nur erzählung und nicht erzieherischer impuls, wie es in der damaligen sozialistischen literatur der DDR gang und gäbe sein sollte. eine abrechnung?

Magdalena ist es auch, die ihm von ihrem verlobten, Bernhard, erzählt, der als matrose im letzten krieg zu tode gekommen ist. sie berichtet dessen mutter aus seinen briefen, dass sie stolz sein solle und dass ihr Sohn verboten habe, um ihn zu klagen, weil er für das Vaterland gestorben sei (192). sie wird dafür heftig geohrfeigt. die mutter sagte nur: >So, Anna Magdalena, so viel dazu. Und wenn Bernhard noch leben würde, bekäme er die doppelte Portion.< (192) Magdalena kommentiert: Wenn ich etwas vom Krieg höre und von heldenhaften Kampf, tut mir noch heute die Backe weh. (192) wenn das nicht drastisch klärt, was vom krieg zu halten ist und das bezogen auf den so genannten Kalten Krieg von damals. das schlagwort hat ja wieder in die zeitungen gefunden.

die figur der Magdalena wird nicht nur wegen ihrer botschaften herausragend positioniert, sondern auch ist sie titelbestimmend. einmal beschwerte sich Dorle, mutter und großmutter würden sich ständig miteinander streiten und alles sei nicht mehr so wie früher. Dem Leben muss man von allem Anfang an ins Gesicht sehen. Ihr seid jetzt alle zusammen … Ihr müsst euch nicht mehr trennen … Das ist einfach so schön, dass man sich manchmal streiten muss. (137) Magdalena trägt mit diesen einfachen, zu lebensweisheiten verdichteten erfahrungen alle sympathie der leserinnen und leser, nicht nur die von Daniel und Dorle, die bei ihr mit ihrer hilfe jeden tag ihre hausaufgaben erledigen.

im gespräch mit seiner schwester Dorle reflektiert Daniel, was denn eine partei sei. sie antwortet entwaffnend: Das sind die Bestimmer. … Wenn du Bestimmer bist, musst du das nicht erklären. Du bestimmst einfach und fertig. (80/81) ein zwar kindlich formulierter, aber glasklarer durchblick, was machtverhältnisse anbelangt.

Pille, ein mädchen, das er zusammen mit ihrem freund Am Russensee (82) beim ersten sex beobachtet hat, fragt er: Und warum gehst du in die Partei? ihre antwort ist wiederum glasklar: Warum nicht? Wer was ändern will, muss da eintreten. (97)

Lucie war nicht nur Klassenbeste und eine fromme Katholikin, sie war auch bei den Thälmannpionieren, … , und sie war dort so rührig und beliebt, dass die Klassenkameraden sie Jahr für Jahr zur Gruppenvorsitzenden wählten. … Keiner von uns kam auf den Gedanken, dass sie sich widersprüchlich verhielte oder sich den unterschiedlichen Anforderungen allzu willig anpasste. (187) diese auktorialen gedanken im kopfe Daniels zeigen Lucie als eine schillernde, vielleicht naive figur.

diese Lucie verpetzt Daniel in Unterricht bei der Klassenlehrerin. Sie erzählte der Lehrerin, dass ich am Sonntag in Westberlin gewesen sei und auf dem Schulhof die feindliche Propaganda verbreitet habe. (186) zur rede gestellt, meint Lucie, was sie sage, könne jeder hören, er hingegen müsse sich angewöhnen offen zu sprechen und keine Geheimnisse zu haben. Es gibt einen, der sowieso alles hört. (188). die übergeordnete instanz fordert wahrheit, egal welche instanz! das muster passt immer auf die braven bürger/-innen. Daniel ist sauer darüber: „Weil ich, bei Gott im Himmel, Ärger kriege, verflucht noch mal.“ (189) kirche „ev.“ meets kirche „kathol.“, die sowieso alles hört. systemkonformes verhalten als grundmuster, egal wo erlernt, kann schnell schaden herbeiführen, wenn die mithörende instanz die Stasi ist.

da halte man es doch lieber mit Albert Camus und denke an den mensch in der revolte.

Mareike im verführungsmodus: Ich spürte, das nun etwas geschehen musste, aber Mareike sah mich nur an. Vielleicht sollte ich sie küssen, vielleicht wäre das aber auch ganz falsch, und ich würde alles kaputtmachen, und sie wäre entsetzt über mich. So stand ich vor ihr und hoffte, sie würde sagen, was ich tun sollte. (148) wer das als suchender nicht selbst erlebt hat, männlein wie weiblein, der/die hat nicht gelebt. solche passagen haben uns innig mit dem text in resonanz gebracht und die diskussion mit persönlichen erinnerungen angereichert. hier wirkt das werk und nicht der autor – so soll es sein. in der kirche heißt das „sitz im leben“.

das revoltierende zwischen den zeilen beherrschte offenbar auch Christoph Hein im wahren leben, der in zeiten der DDR durchaus kritisches zu lesen gab. sein kleiner roman ist ein abgeklärter hinweis für uns west-ost-fusionierte, die wir diese art der sozialistischen sozialisierung nicht durchmachen mussten.

dieser roman eignet sich gut als kristallisationspunkt für eigene jugenderinnerungen aus dieser zeit, wenn man denn das alter hat.

© 25.02.2016 brmu
zitate nach Christoph Hein, Von allem Anfang an, Suhrkamp Verlag, st3634, 2015, 5. auflage

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Gäste
Samstag, 24. Juni 2017

Sicherheitscode (Captcha)