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hoffen mit Aitmatow

der kirgisische schriftsteller Tschingis Aitmatow hat in seinem gesamtwerk ein unscheinbar daher kommendes büchlein "Der Junge und das Meer" (ein vom Verlag formulierter titel) untergebracht, das uns im lesekreis bei Brockmann eine rege, tiefgehende diskussion beschert hat.  

unerbittlich läuft die uhr ab, auf dem Ochotkischen Meer. Wenn Väter und Söhne gemeinsam jagen, wüten die bösen Geister. Sie könnten den einen vernichten, um dem anderen Kraft und Willen zu rauben, … So sind sie, diese tückischen Geister, versäumen keine Gelegenheit, dem Menschen zu schaden. (13/14) wir ahnen schlimmes.

drei erfahrene robbenjäger waren im Niwchenkajak auf see unterwegs, um dem jungen Kirisik aus ihrer sippe das jagen beizubringen. die geschichte beginnt wie eine ethnologische erzählung mit brauchtum und dem mythos von Luwr, der weltente, Agukuk, der  richtungsweisenden eule und vor allem der lockenden meerfrau. es wird von Kirisik etwas ungeschickt die erste robbe erlegt. Man ist guter dinge und will weiter zum nächsten teil der robbeninsel.

aber da kippt die beschauliche geschichte ins lebensdrama. nebel und unwetter nehmen allen vieren jede orientierung, das mitgeführte trinkwasser schwindet dahin und es stellt sich die überlebensfrage. nun erweist sich der autor Tschingis Aitmatow als sensibler beobachter menschlicher tragik und größe.

das sagen im boot hat Organ, ältester und weiser des clans. während der kajakfahrt zur robbeninsel reflektiert er seine sehnsucht nach der fischfrau. Angesichts der unendlichen Weite ist der Mensch im Boot ein Nichts. Doch der Mensch denkt … Darum ist der Mensch, …, geistig so mächtig wie das Meer und so endlos wie der Himmel, denn seinem Denken sind keine Grenzen gesetzt. (33) und weiter: … welche Not, dass die Seele nicht altert! Daher diese Gedanken, …, denn nur … in Gedanken fühlt sich der Mensch unsterblich und frei. (47) Darin liegt ja auch seine Größe, dass er bis zu seiner Todesstunde über alles nachdenkt, was es gibt im Leben. (48) Organ entscheidet sich, als erster am vierten tag von bord zu gehen zugunsten der überlebenschancen der anderen.

es folgen am fünften tag nacheinander Mylgum, der als rebell noch vorher die götter beschimpft, dann Emraijin, der vater von Kirisk. er rebelliert nicht, sondern reflektiert wie Organ die situation. Wir sitzen alle in einem Boot, sollten alle auch das gleiche Schicksal teilen. (107) er meint die erwachsenen und auktorial wird nachgeschoben: Er begriff, dass nach Organ und Mylgum auch ihn beschieden war, das Boot  zu verlassen, dass dies die einzige Möglichkeit war, das Leben des Sohnes wenn nicht zu retten, so zumindest um so viel zu verlängern, als der Wasserrest auf dem Grunde des Fässchens zuließ. (128) die schlussfolgerung ist elementar: Er war geboren worden, und er starb, um alles zu tun, damit er im Sohn weiterlebte. (132) und …, dass er nichts Schöneres und Stärkeres empfunden hatte als sein Vaterliebe. (133)

so haben wir bislang drei motive vorliegen: Organ opfert sich aus übergeordneter sicht für den Clan, dem Kirisk als guter robbenjäger das überleben sichern soll. Mylgum geht in den tod aus rebellion gegen das schicksal und Emraijin opfert sich aus vaterliebe zum sohne.

und Kirisk seinereseits empfindet sohnesliebe. An den Vater geschmiegt, heimliche Tränen schluckend vor Mitleid mit ihm, erfuhr der Junge in dieser Nacht eine solch ursprüngliche Sohnesliebe, wie er sie bislang nie gekannt hatte. (130) was ihn zu einer tiefgreifenden, auch für den leser wichtigen erkenntnis bringt:   Der Vater, das war er selber – sein Ursprung, und er war die Fortsetzung des Vaters. (130) das ist das vierte Motiv und der kristallisationspunkt der parabel von Aitmatow über das leben und das prinzip des „generationsvertrages“.

am sechsten tag befindet sich der junge allein im boot, das am siebten tag dann endlich vor den klippen der heimatlichen gestade, dem Schickigen Hund, auftaucht. die andeutungen am schluss über das schicksal Kirisks sind im spekulativen konjunktiv notiert.

damit bleibt der ausgang des meeresdramas geschickt in der schwebe, um uns leser/innen aus der reflektion unsers eigenen lebens nicht vorzeitig zu entlassen. die beschreibung des kampfes zwischen meer und land als ein gewaltiges tosen an der küste umklammert wörtlich anfang und ende der erzählung.

Aitmatows buch „Der Junge und das Meer“  wird zurecht der erzähltheoretische begriff der „parabel“ zugeordnet im sinne einer lehrhaften erzählung.

© 11.03.2017 brmu
Tschingis Aitmatow, Der Junge und das Meer, Unionsverlag 2009

 

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