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Köhlmeiers Herren am Strand

kein geschichtswerk, kein essay über politik und filmkunst, keine therapieanweisung für depressive personen – nein, einfach ein roman, "Zwei Herren am Strand" von Michael Köhlmeier, der aber von diesen dreien etwas hat, somit seine breit gefächerte leserschaft in seinen bann zieht.

uns ging es auch so, des recherchierens war kein ende, man wollte von allem und jedem möglichst das wahre wissen, eine vom autor einkalkulierte sache, wie er im interview[1] gestand:

Dann sind Sie ein Teil meines Romans, weil der Leser, der im Internet recher­chieren will und wissen will,, was wahr ist und was nicht wahr ist, denke ich mir, der gehört vielleicht mit zum Teil des Romans, weil wir die schöne Freiheit haben, Wahrheit und Wirklichkeit durcheinander zu mischen.

das konnte dann aber schon lesehindernde ausmaße annehmen, bis man sich entschloss, ihm, dem autor, zu glauben und die geschichte nicht geschichtlich zu nehmen. Köhlmeier meinte im selben interview[2] dazu:

Ich meine, ein Autor hat’s gut. Er schreibt vorne d’rauf  ’Roman’ – und dann darf er eigentlich alles. Und wenn jemand sagt, du hast eine Quelle erfunden, und der Kollege des Autors, der Historiker, wär’ damit erledigt, dann zuckt der Autor mit den Schultern und sagt: wenn du meinst …

hat man sich von der recherchiersucht befreit, so stellt sich der kern der story leicht heraus. zwei sich bislang nicht bekannte herren treffen sich bei einer party, kommen ins gespräch, gehen am strand entlang und merken, dass sie an derselben problematik leiden: der depression, der sie den tarnnamen „Der schwarze Hund“ gaben. so lässt sich darüber reden und sie versprechen sich, in fällen, da der schwarze hund bellt, füreinander da zu sein. das gelingt mehr oder weniger gut. die beiden herren tragen illustre namen: Winston Churchill und Charlie Chaplin, beide in ihrer historischen rolle als widerpart von Adolf Hitler, jeder auf seine ihm eigene weise.

wer die braune pest bekämpft, den können schon mal depressionen über die selbstverschuldete dummheit der menschen anspringen. jeder hat dann seine therapeutische methode, den schwarzen hund wieder zum verstummen zu bringen. eine wird erklärt als die clown-methode. Die Methode des Clowns besteht darin, den Irrsinn mit Irrsinn zu heilen. (214) ob diese depressiven menschen in der wirklichkeit helfen kann, sei dahingestellt, jedoch ist das prinzip der empathischen zuwendung - da sein, wenn man gebraucht wird - mit sicherheit richtig.

im laufe der story erörtert der autor dann auch aspekte des lebens und der lebensumstände, die in einer aphorismensammlung ihren platz beanspruchen könnten:

Die Kunst ist allein dazu gut, dem Künstler etwas zum Prahlen zu geben. Weil er sonst nämlich nichts habe. (32) das fällt natürlich auf den autor als produzenten literarischer kunst zurück; eine schöne antwort auf unsere frage, was denn der autor im werk von sich offenbart.

Für Menschen, wie wir welche sind, …, ist kein Glück reserviert. (33), es sei denn, man arbeitet als künstler. denn: Was einer werden kann, das ist er schon. (34) die veranlagung zum schreiben von kindesbeinen an, die lust am fabulieren, am erzählen und texten. das glück ist dann die anerkennende resonanz des literaturbetriebs und der leserschaft.

Abraham Lincoln werden die worte in den mund gelegt: … man kann alle Leute einige Zeit und einige Leute alle Zeit, aber nicht alle Leute alle Zeit zum Narren halten. (69) zu diesen leuten aller zeiten dürfen wir uns als leser/-innen gerne hinzurechnen. gute literatur schält sich früher oder später heraus, werden immun gegen moden und trends und hitlisten.

Chaplin sagt in einem fingierten interview zu seinem ersten tonfilm: Der Philosoph sagt: Wer spricht, macht Schulden. … Aber man kann die Schulden nur tilgen, indem man weiterredet. Wer einmal redet, muss immer weiterreden. (104) ersetze ’reden’ durch ’schreiben’ – und schon sind wir wieder beim autor an sich und seinem schreibzwang. und dieser zwang erinnert uns wiederum an den Sisyphus und seinen ewig herabrollenden stein. Nur ein glücklicher Idiot kann Naivität ein Leben lang aufrechterhalten. Jeder andere legt sie irgendwann ab oder verliert sie. (111) das mutet ganz schön verrückt an. aber verrückte, zählen wir die idioten dazu, haben power, denn Verrückte können lässig Wasser und Feuer zu einem Kloß kneten, und Verrückte gab es bekanntlich viele in dieser Gegend der Welt. (193) gute schriftsteller/-innen müssen ver-rückt sein, sie müssen eine anders justierte sicht der dinge haben, um uns wie die künstler der malerei, der bildhauerei, der musik, die welt zur neuen interpretation anzubieten – in ihren werken. Unsere arbeit ist es, dieses angebot anzunehmen und vorbehaltlos in den modus der anschauung, wie es der weise Goethe forderte, zu schalten – daraus dann ergäbe sich ein anderes walten in der welt. wer es nicht glaubt und das komisch findet, dem sei versichert: Es gibt nur eine Beglaubigung für das Komische: das Lachen. (253) einer der letzten sätze des romans wie ein vermächtnis über den schwarzen hund.

also lasst uns lachen mit dem „Tramp“, das markenzeichen von Charlie Chaplin in seinen stummfilmen. Der Tramp war ihm immer rätselhaft gewesen, er wusste nicht, wer dieser Kerl eigentlich war; …; er war eines Tages da gewesen, fertig, unbekannt, rätselhaft. … Auch wenn er das Publikum zum Lachen bringt, wie er alles falsch macht, ahnen wir, dass er sehr wohl … weiß, dass an diesem Ort das Falsche das Richtige ist. (44/45). wir jedenfalls haben bei Brockmann am richtigen ort das richtige buch richtig diskutiert.

© 20.06.2016 brmu

[1] 3sat / BuchZeitextra vom 10.10.2014, interview von Ariane Binder mit Michael Köhlmeier zu seinem Roman „Zwei Herren am Strand“ anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2014

[2] S.o.

 

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