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Kuppel-Emma geht ins netz

lesekreis bei Brockmann in Brühl am 19. Juni 2017:

mit dem roman von Jane Austen aus vor-viktorianischen zeiten in England mit dem knappen titel „Emma“ in der übersetzung von Angelika Beck nähern wir uns auf der basis heutiger zeit. der verlag meint, dass der roman auch nach 200 Jahren nach Erscheinen noch höchst modern sei. wir sind auf der suche nach diesen modernen impulsen für die leser/innen. hinweise ergeben sich aus der betrachtung des plots, nicht aus stil und ton.

 

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abb.1 brmu: Jane Austen: Emma - zentrale figuren im plot

Emma Woodhouse, hauptprotagonistin und verwöhnte tochter des zu reichtum gelangten, hypochondrischen vaters, Mr. Woodhouse, gefällt sich in der manipulation von menschlichen beziehungen, kurz: verkuppeln genannt.

als jüngster spross der angesehensten familie in Highbury leidet sie sehr an dem verlust ihrer gouvernante, Miss Taylor, die eine gute partie mit Mr. Westen aus der nachbarschaft macht. Emma stillt den entzug der geselligkeit durch Miss Taylor, in dem sie nun einer neuen leidenschaft fröhnt: sei bildet sich ein, die ehe von Miss Taylor und Mr. Weston gestiftet zu haben und will auf grund dieses „erfolges“ weiterhin ihr passend erscheinende paare verkuppeln – natürlich mit den mittel der damaligen zeit.

wahre einladungs- und plauderorgien nehmen ihren lauf, immer in der hoffnung, Emma könne die und jene mit dem und jenen zu deren nutzen und frommen sich annähern lassen. scheinbare erfolge kippen plötzlich ins gegenteil und es ist ein viele hundert seiten umfassendes hin und her von meinungen, beobachtungen und einschätzungen. das kostet lerserkraft, weil so offensichtlich durchsichtig auf eine überraschung sich hin entwickelnd. der roman Emma ist ja schließlich keine heiratsanleitung.

einer spielt die spielchen nicht mit: Mr. George Knithtley, der ritterliche, wenn man seinen namen übersetzt. er gefällt sich in unbeteiligter beobachtung und hin und wieder auch in harscher kritik an Emmas treiben ihr gegenüber. es entsteht eine streitkultur, die nicht ahnen lässt, dass sich dahinter mehr verstecken könnte. George ist in seinen analysen die figur mit dem überblick und bringt damit auch gesellschaftskritik in den raum.

Emmas spielchen versanden jedoch. sie schafft es nicht, ihre neue "freundin" Harriet als nachfolgerin von Miss Taylor, (Harriet Smith als allerweltsname für eine unklare herkunft) mit dem ortspfarrer zu verkuppeln, denn Mr. Eton hat seinerseits gefühle für Emma, die das jedoch indigniert stoppt. prompt verheiratet sich Philip Eton mit einer anderen, die Augusta genannt wird und Emma feinding par excelence.

Harriet hingegen kriegt ihren anfangs angehimmelten Mr. Martin, den Emma hochnäsig abgelehnte, weil er als armer pächter eines bauernhofes nicht ihrer gesellschaftlichen klasse angehört. eine befremdliche haltung, die Emma sympathiepunkte bei der leserschaft kostet.

ein fast kitschiges happy end versöhnt mit allem hadern und grübeln über die abwegigen bedürfnisse dieser sorglosen und verhätschelten lady, denn sie erwacht in ihrer liebe zu dem sie so lange kritisierenden und damit erziehen wollenden George Knigthley.

worin nun liegt die verheißene modernität des romans von 1815/1816? zur orientierung: in Deutschland waren zu der zeit gerade die ersten drei teile von J. W. Goethes „Dichtung und Wahrheit“ erschienen.

der allzeit gültige spruch: hast du was, dann bist du was, kommt hier zum tragen. der vater hat ein nicht näher beschriebenes vermögen im diamantengeschäft angesammelt und verhält sich wie ein hypochonder. in der sorgenlos und gelangweilt lebenden tochter reifen die reize der machtausübung über andere menschen. wenn das nicht zeitlos ist!

Emma mischt sich wider die usancen in das leben dritter ein, ohne das je ein wort über sex fallen würde. es geht immer um eine „gute partie“ und nützlichkeit im sinne der versorgung. lust bereiten die vorstellungen und nicht die körper.

die manipulationen fallen zum teil auf Emma zurück, zum teil gelingen sie einfach nicht, weil sich die manipulierten einen rest von souveränität erhalten, das am beispiel von Harriet und Mr. Martin. Jane Austen lässt diese junge beziehung außerhalb der 'middle class' gesellschaft bewusst gedeihen, als fingerzeig und botschaft wider die arroganz der vermögenden, des klassengebarens - ein anhauch moderner gesellschaft.

letztlich haben wir also ein zum teil gesellschaftskritisches sittengemälde vor uns, dass in einem übergeordneten dreiecksrahmen gezeichnet wird. in einer ecke spielt Emma als kupplerin (gesellschaftlich anrüchig), in der anderen George als beobachter und kritiker (gesellschaftlich korrekt) und in der dritten befinden sich die verschiedenen vertreter der besseren gesellschaft von Highbury, die sich in der aufmerksamkeit der Emma gefallen.

fazit für’s gemüt: wer andere in sachen liebe manipulieren will, der fällt ihr vielleicht selber zum opfer. anfangs wollte Emma keinesfalls heiraten, am ende ist sie es. ein happy end darf auch kitschig sein.

fazit für’s hirn:

misch‘ dich nicht ein - oh wehe-
heimlich stiftend eine ehe
landest selber dann darin
und plötzlich ist da neuer sinn

© 24.06.2017 brmu

 

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