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Nullzeit bei Zeh

eine juristin schreibt: verständlich. eine autorin schreibt: eingängig.

beide in persona machen Juli Zeh aus: nüchtern im ton und pointiert in den dialogen. viele sätze in ihrem roman „Nullzeit“ haben aphoristischen sound. nullzeit meint jene zeit, die man ab- oder untertauchen kann, ohne nach dem auftauchen schaden zu erleiden. schon der titel weist auf den metaphorisch-para-rebellischen charakter des romans hin.

und was liegt uns da auf dem tisch? einstiegsliteratur für tauchanfänger? ein roman über beziehungskisten? ein gesellschaftskritischer aussteigerroman? gar ein psychothriller im tauchermilieu? etwa ein folkloristischer lanzarotekrimi? oder erbauungsliteratur für schwer geprüfte juristen? und nicht die germanisten zu vergessen: eine parabel über das leben in heutiger, überforderter zeit? wir waren der ansicht: von allem etwas und doch keinem dieser etiketten zuzurechnen, kein "null-acht-fufzehn" rezept der rezension möglich. genau das richtige für einen erfahrenen lesekreis.

der männliche protagonist Sven hatte eine traumatische juristische prüfung. er verlässt umgehend die „Urteilsfront“ (36) richtung Lanzarote, um dort eine tauchschule aufzumachen. unter wasser fühlt er sich wohl. „Dorthin, wo das Leben begann, im Wasser schwebend und stumm. Ohne Sprache keine Begriffe. Ohne Begriffe keine Begründungen, ohne Begründungen kein Krieg. Ohne Krieg keine Angst.“ (69) das ist aber eine scheinbare idylle, denn auch unter wasser gilt das räuber-beute-schema.

er wird von Antje hartnäckig nach Lanzarote begleitet, die ihn schon seit dem 16. lebensjahr erbeutet hat. er lässt es sich aus bequemlichkeit gefallen, denn sie managt klug alles über wasser und dolmetscht sein soziales leben auf der insel ins spanische und zurück. Antje ist bestens vernetzt.

dann passiert nach gut 14 jahren beschaulicher existenz auf der insel (= fluchtpunkt) etwas unprofessionelles. ein vermeintlich gutes geschäft über 14.000 Euro entpuppt sich als krise für die tauchschule. ein ehepaar aus Deutschland mietet Sven für zwei wochen rund um die uhr. Jola will die rolle der Lotte Hass in einem film übernehmen und sich dafür unter wasser rüsten. ihr begleiter Theo ist schriftsteller mit vermeintlicher schreibblockade nach seinem debüt. beide sind durch eine art hassliebe, eine art gegenseitiger sado-maso-beziehung, aufeinander eingeschworen. sie lieben und sie schlagen sich.

Sven verfällt dem perfekten körper der Lola, die zunehmend widersprüchliches über diese lockere beziehung in ihr tagebuch schreibt. dieses tagebuch findet sich nach dem crash unter ihrem bett und fungiert als dokument. Theo ist scheinbar aufgeklärt und daher mäßig eifersüchtig, gibt an Sven noch gute ratschläge weiter. er kann die situation für seine latente sadistische ader ausschlachten. dann kommt es zum eklat.

anlässlich einer einladung zu einem dinner zelebriert Theo den showdown wider Jola. coram publicum macht sich Theo über ihren vergeblichen wunsch, im film die Lotte Hass zu spielen, in vernichtender weise lustig, denn er weiß längst, dass diese rolle vergeben ist. an dieser stelle im plot reift offenbar in Jola der wunsch, Theo umzubringen. die gegenseitigen attacken steigern sich.

ein nächster tauchgang liefert die chance. Theo entgeht nur knapp dem ertrinken. Sven, selber nach einem tauchgang zu einem neu entdeckten wrack im allmählichen auftauchen begriffen, sieht Theo im wasser versinken, hat als nebenbuhler eine kurze phase der unwilligkeit, doch dann greift er ein und rettet Theo das leben, teilt mit ihm die atemluft aus der flasche, bis er endlich auftauchen kann. soweit so scheinbar gut.

längst jedoch hat sich die stimmung auf Lanzarote gegen Sven gerichtet, der mit seinem distanzlosen verhalten der kundin Jola gegenüber die taucher-branche gegen sich aufbringt. nun noch der beinahetod eines kunden. es reicht. seine freunde wenden sich ostentativ von ihm ab, Antje auch. sie hatte bereits seit einem jahr einen anderen freund, Ricardo, der sie auch schwängert, ein von ihr lang ersehnter zustand. am ende steht Sven mit leeren händen da, reflektiert seine situation und kehrt ins „Urteilsgebiet“ zurück.

wir im lesekreis waren uns nicht alle sicher, ob er auch etwas dazu gelernt hatte. zu wünschen wäre es ihm. wir haben allerdings verstanden, dass dies buch vielschichtig, unterhaltsam und lehrreich ist. neben juristischen hinweisen wird uns klar, dass es möglich sein sollte, aussteiger ohne vorverurteilung zum loser auch wieder einsteiger werden zu lassen.

wer von all dem nicht viel hält, der kann den roman von Juli Zeh als wortbruch für aphoristische sätze sprengen und wertvolle satzbrocken auflesen:

Die Welt wird nicht schöner, wenn du deine Poesie drüber kippst. Auch nicht größer, wichtiger oder besser. An der Welt prallst du einfach ab.“ (21) ob das als eine selbstoffenbarung der autorin zu verstehen ist? oder also lehrsatz: man prallt ab, wenn man nur kippt.

Erfolg braucht immer eine Mischung aus Glück, Fleiß und Talent.“ (26) wie wahr!

Auswandern, dachte er. Das ergäbe doch nur Sinn, wenn das Land, in das wir fliehen, nicht immer nur wir selbst wären.“ (27) die welt als wille und vorstellung – unter der eigenen hirnschale.

Alles ist Wille.“ (44, 91, 197, 247) das ist ein in Nullzeit vierfach notiertes motto, welches in dem jüngsten roman „Unterleuten“ ebenfalls sehr kritisch behandelt ist.

Ein Paradies war kein Paradies mehr, wenn die halbe Welt dorthin übersiedelte.“ (57) ein gesellschaftskritischer seitenhieb auf den massentourismus.

Literaturfeinde sind die besten Leser.“ (77) wer literarische ignoranten für sich gewinnt, der muss etwas drauf haben.

Wer nicht die Wahrheit sagte, log noch lange nicht.“ (81) inzwischen eine binsenweisheit der neurobiologen, denn unser gehirn baut sich seine welt als vorstellung. das formulierte Schopenhauer zu seiner philosophie.

Liebe hielt ich für eine Mischung aus sozialer Absprache und psychosomatischer Reaktion.“ (95) was liebe sei, das definieren nur die mutigen.

Deshalb tun sich Menschen in Paaren, Wohngemeinschaften, Vereinen, Parteien und Gesellschaften zusammen: damit immer ein anderer da ist, der an allem schuld sein kann.“ 149)

Der Tod ist eine Firma, die ständig Leute sucht.“ (158) das ist ein zynismus zum heutigen geschäftsleben, in dem menschen und ware verwechselt werden.

das ist nur eine kleine auswahl, die wir angesprochen haben. die fundgrube ist damit nicht entleert. es sind noch einige eingängige sätze zu finden. nochmal lesen macht klug.

© 11.07.2016 brmu
Juli Zeh, Nullzeit, btb 74569, 2014, 4. auflage, seitenzahlen der zitate in klammern

 

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