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Ortheil als Mozart-DJ

machen wir es kurz: wer die musik von Wolfgang Amadeus Mozart weniger wertschätzt, der wird sich mit „das glück der musik1“ des hoch mozartaffinen autors Hanns-Josef Ortheil nicht recht anfreunden. der autor leitet die leser/-innen nämlich mittels eines beispiellosen hörtagebuches, er nennt es auch Hör-Projekt (196), ein jahr lang durch sein dynamisches leben und dabei begleitend durch das werk Mozarts, und zwar zielgenau auf dessen 250. geburtstag (27.1.2006) hin. am ende meint er begeistert: … jetzt komme ich mir vor wie ein erfahrener … Mozart-DJ. (220) und uns rauscht der kopf.

wir leser/-innen können durch die vermittelte begeisterung des ex-pianisten Ortheil eine menge über Mozart, seinen werdegang und die dies spiegelnde musik erfahren - wenn wir wollen. dabei bedauern wir ein gravierendes handicap. der verlag hat es versäumt, dem buch eine cd beizulegen, die die mit verve angesprochenen passagen der musikwerke Mozarts lesebegleitend hörbar machen könnte. was nützt da ein auszug aus dem Köchel-Verzeichnis (626 werke von Mozart) am ende der DJ-strecke (221)?

lässt man sich trotzdem auf den professionellen hörer Ortheil ein, so erfahren wir: während des Hörens wird man zum Kind, man lauscht nur noch und man fragt sich: Wie macht die Musik das? Warum habe ich immer wieder den Eindruck, daß sie sich unnachahmlich leicht einen Zugang zu den tiefsten Erlebniszentren verschafft? (15) denn bei Mozart handelt es sich um eine Musik, die alles andere absorbiert und unbedingte Versenkung fordert. (14)

und dann verrät uns Ortheil sein hör-konzept (43-44):
1) Studium (arbeitsweise des komponisten, angesprochene orte, werkstattverfahren der komposition), 2) Funktionen (interpretation, kommentierung und theatralisierung von intendierten bildern und atmosphären) als ausdruck der rationalen erfassung.

aber auch die emotionalen aspekte spielen eine wichtige rolle: 3) Biographie (bezugnahme auf szenen oder stationen des eigenen lebens im sinne einer erinnernden resonanz zu dem gehörten) und 4) Zitate (anrührende stellen, überraschungen, freude, schreckmomente).

diese vier aspekte der aufnahme und verarbeitung eines musikstücks führen dazu, dass Ortheil bekennt, Stücke … kann ich nur allein hören, und das am besten in einem geschlossenen Raum ..., nur dann erschließen sie sich … dem genauen Hinhören … (18)

das hör-konzept lässt sich auch analog als lese-rezept denken, die brücke zur lesepraxis mag der vom autor geprägte begriff der Lesekapsel2 sein, der das oben gemeinte sinngleich beinhaltet. auch beim lesen ziehen sich leser/-innen zurück, schalten störungen aus und versinken in anheimelnder atmosphäre.  Das Lesen … nahm immer mehr Atmosphären auf, es wurde zu einem »Schweben im Raum«3.

„das glück der musik“, eine kombination aus tagebuch, erzählung, essay, rezension, will uns also „vom vergnügen, mozart zu hören“ erzählen und das in einer individuellen hörkapsel, denn: Lasse ich mich auf ein solches Hören ein, wird das Stück zu einer Erinnerungssequenz, in der Wahrnehmungs- und Empfindungsweisen meiner Kindheit gespeichert sind. (27) und Ortheil folgert: Was ich in Mozarts Musik wie in keiner anderen finde, ist, schlicht gesagt, das Glück der Musik (78), eine Erhellung der Psyche (79).

folgerichtig verdichtet sich diese empfindung: All diese Monate mit Mozarts Musik haben mir eine zweite Welt aufgetan 150). das ist eine sehr individuelle erfahrung, die wir leser/-innen vielleicht nicht nachvollziehen können. aber abstrahieren wir vom konkreten komponisten und überhöhen Ortheils hörtagebuch als ein angebotenes muster, dann kann sich jede/r leser/-in „ihre/seine“ lieblingsmusik auf ähnliche art erschließen. das macht den mitreißenden effekt dieses anspruchsvollen buches aus. Hanns-Josef Ortheil hat seine musik, wir die unsrige.

© 22.11.2016 brmu
1 Hans-Josef Ortheil, das glück der musik, Sammlung Luchterhand 2006
2 aus: Hanns-Josef Ortheil, Lesehunger, Sammlung Luchterhand 2009,
3 dort, seite 10

 

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