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Philip Roth und der makel

Der menschliche Makel, dritter band aus der amerikanischen trilogie von Philip Roth, zeigt uns die komplexität menschlichen seins wie denken, handeln, nicht-handeln auf, dies anhand der von ihm gut gekannten und beschriebenen us-amerikanischen gesellschaft.

die verhaltensmuster der protagonisten und ihrer mitwelt sind in leicht abstrahierter weise universell zu nennen. daher trifft der roman auch auf große resonanz bei den leser/innen, die sich für diese dinge eine sensibilität erhalten haben.

drei protagonisten geraten in einem beziehungsdreieck aneinander. sie transportieren die botschaften des autors unisono: teile der eigenen lebensgeschichte würden von der bornierten mitwelt als makel empfunden werden, würde man sie offenbaren. ergo rasten mechanismen der verdrängung und verleugnung ein. das kann viele jahre erfolgreich sein wie bei Coleman Silk, den uniprofessor, bis er über eine unbedachte äußerung über zwei seiner studenten in den vorwurf des rassismus fällt und letztlich seine ganze lebenslüge, der weißen sub-gesellschaft anzugehören, zusammenbricht.

in den turbulenten ereignissen dieser phase der gesellschaftlichen stigmatisierung finden Coleman und Faunia Farley, putzfrau in der uni, zueinander. Faunia schleppt ebenfalls eine lebenslüge als angebliche analphabetin als schutz gegen sexuelle übergriffserlebnisse mit sich herum. beide stützen sich in der bewältigung gesellschaftlicher ausgrenzung.

der dritte im unglücksbunde ist ihr ex-ehemann, Lester Farey, der als traumatisierter Vietnamveteran auszurasten pflegt und seine phsychischen krisen an Faunia auslässt. auch eine trennung hilft nicht, weil er sie stalkt und in einer konfrontativen verkehrssituation für den tod von Faunia und Coleman ursächlich ist. ob mord oder unfall mit todesfolge bleibt offen.  

der roman verlangt der leserschaft einiges ab. rein formal ist Roth ein Meister der endlosen, demonstrativ überladenen Sätze (98), wie er Coleman in den mund legt, weil er für die große leserschaft ein weites netz der resonanzmöglichkeiten anbietet. da muss man durch, wenn man gleich zu beginn kapiert hat, was sache ist.

dann wird der plot im ersten drittel des romans gut nachvollziehbar entwickelt. man versteht und fällt urteile und wundert sich, warum noch zwei drittel folgen. steigt man dort ein, so wandelt sich der blick, die perspektiven ändern sich und man stutzt. die gefasste meinung, das urteil reduziert sich auf einmal zum vorurteil und am ende steht man ohne da. keine gewissheiten, keine gut-böse-schemata, keine einfachen rezepte!

abstrahiert man nun von der verwickelten, konkreten handlung, so finden wir uns in einem raum der gesellschaftlichen stigmatisierung von teilen derselben gesellschaft durch andere teile derselben gesellschaft wieder.

das kennt man doch: in jeder gruppe wie etwa im verein gibt es schnell einen sündenbock, der stellvertretend die fehler pauschal zugeschrieben bekommt und dann in die wüste geschickt wird als rituelle reinigung. das spielt sich ab, im großen wie im kleinen. dieser große roman lässt sich letztlich auf dieses kleine prinzip zurückführen.

als opfer dieses prinzipes kann man nur bestehen, wenn man sich seinem angeblichen oder tatsächlichen makel stellt, modern: outet, ihn nicht verdrängt und schon gar nicht leugnet. denn alle menschen, zu allen zeiten und an allen orten, haben, hatten und werden immer irgendwelche andersartigkeiten haben.

der mensch ist in der welt ein evolutionärer generalist, er muss notgedrungen unfertig sein. diese unfertigkeit hat uns weit gebracht. nur der begriff „makel“ ist eine dumme attribution unfertiger.  

© 12.05.2017 brmu

 

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