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Rodoreda gärtnert

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© Foto 04.04.2017 Brockmann

Der Garten über dem Meer, so der buchtitel in der deutschen ausgabe des romans der katalanischen autorin Mercè Rodoreda. da kann nur beschaulichkeit heraus kommen, so dachten wir im lesekreis und staunten nicht schlecht. es war durchaus anders.

Rodoreda (selbst war sie begeisterte gärtnerin) hat in ihrem roman einen namenlosen protagonisten, den gärtner, erfunden, bei dem gewollt und ungewollt die erzählstränge der verwobenen geschichten aller anderen handlungsfiguren zusammen laufen. nur die leser/innen können aus den auktorialen passagen mehr wissen, könnten also für den gärtner eine gewisse sympathie hegen.

dieser gärtner erzählt aus der erinnerung, was ihm von der dienerschaft der haus- und gartenbesitzer zugetragen wurde, was er selbst erlauschte, was er aus allem kombinierte – dabei liebevoll seinen garten pflegend als die generalmetapher des behüteten daseins.

aber dieser garten liegt am meer, wieder eine große metapher des mächtigen erzeugens, die in ihr gegenteil verkehrt wird. alles leben soll ja aus dem meere stammen. aber der in seine jugendliebe Rosamaria sehr unglücklich verliebte Eugeni stirbt auf ungeklärte weise auf diesem meer. Am nächsten Tag fanden sie Eugeni. … Mit zerschlagenem Gesicht, weil die Wellen ihn die ganze Nacht lang gegen die Felsen gespült hatten. … sie sagten, er sei verunglückt. (172)

es werden hier zwei ehepaare vor einem wohlhabenden hintergrund gespiegelt, die im grunde nicht zusammen gehören. Eugeni heiratet Maribel, obwohl er in Rosamaria verliebt ist. sein schwiegervater hat dazu eine klare meinung: Eines Tages war ich so dumm, ihn zum Abendessen einzuladen, und Maribel hat sich vom Fleck weg in ihn verliebt. (153) Anfangs war ich ihm gegenüber noch nachsichtig. Aber später … unzählige Male hätte ich ihm die Visage poliert, wenn sie nicht gewesen wäre. (178) herzlichkeit liest sich anders.

Rosamaria heiratet opportunistisch Francesc, obwohl sie mit Eugeni eine intensive beziehung hat. die männer geraten aneinander … er solle Francesc loslassen. Schließlich zog ihn Eugeni aus dem Auto, die Rockaufschläge waren ganz zerrissen, und sie prügelten sich auf offener Straße. (98) als alles nichts hilft, reagiert Eugeni hysterisch. Er hat sie am Arm gepackt und sie wie ein Wahnsinniger angezischt, er erlaube ihr, Francesc zu heiraten, wenn das ihr Wille sei, aber nach fünf Jahren würde er wiederkommen und sie holen … (100) wozu, fragen sich die leser/-innen. erneuter heiratsantrag, abwerbung oder gar rache?

nicht nur an dieser stelle wird der subtile stil der autorin offenbar. sie bietet andeutungen, lässt in der schwebe wie der dunst über dem morgendlichen meer, gibt uns leser/-innen keine gewissheiten im sinne einer bevormundng, sondern verlangt von uns das mitdenken und mitfühlen beim lesen, das schöpfen aus eigener erfahrung und vergleichen: was würdest du an dieser stelle tun oder unterlassen.

nach fünf jahren also treffen nun diese beiden paare in der idylle von haus und garten direkt am meer aufeinander und das drama nimmt seinen lauf. als Senyor Bellow aus dem nähkästchen plaudert, kommt es noch einmal zum körperlichem kontakt. Bei diesem Satz wieherte Senyoret Francesc los und konnte sich gar nicht beruhigen, und Eugeni stand auf und verpasste ihm eine Ohrfeige. (154)

Eugeni und Rosamaria können nicht zueinander kommen. die autorin bietet ein berührendes bild an: Eugeni ruderte langsam, und nach und nach wurden das rote Boot und er eins, so wie Senyoreta Rosamaria und ihr Pferd. (152) es scheint, die beiden übertrügen ihre leidenschaft auf alles mögliche, nur nicht auf die eigentliche person. so stellt man sich unglückliche menschen vor.

der roman bietet noch eine reihe weiterer geschichten. Roger Willemsen benennt das in seiner nachbesprechung: … wirft [man] das Senkblei in den Subtext, beginnen die Details erst wirklich zu sprechen. (228) und er kommt zu dem schluss: Man kennt weder Ziel noch Pointe, weder die wahren Protagonisten noch ihre Opfer. (228) und er folgert: Insofern ist der Roman auch eine Kritik des Erinnerns. (230) denn: Dieser alte Gärtner hat das Drama in seiner Entfaltung nicht verhindern können, aber Teile der Deutungshoheit der Geschichte bleiben in seinen Händen, und er geht behutsam mit ihnen um. (233) wie zum beispiel die nachricht des todes ihres sohnes Eugeni an sein altes elternpaar, die in dem roman eine anrührende position mit viel direkter rede einnehmen.

es bleibt ein hauch von zweifel, was sich wirklich abgespielt hat. denn der gärtner räsoniert: Wissen Sie, was mir die ganze Zeit durch den Kopf gegangen ist? Eugenis zerschlagenes Gesicht. Das hat mich nicht schlafen lassen. (197) und später sagt er zu Senyor Bellom: Sie wissen alles, was passiert ist. (222) es gibt also augen und/oder ohrenzeugen über die hintergründe des todes von Eugeni. das hat uns eine weile beschäftigt und die kriminologische potenz des romans erörtern lassen, denn motive sind vorhanden.

was und wie auch immer! unsere meinung war, dass gute literatur die leser/-innen im kopfe arbeiten lässt – und das kann dieser roman leisten, wenn man sich eingelesen hat.

© 04.04.2017 brmu

 

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Montag, 21. August 2017

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