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Rosenfelds geschichtsschreibung

kann eine junge autorin von 38 jahren adäquat geschichten aus dem damaligen Warschauer Ghetto schreiben, wenn sie keinerlei familiäre beziehungen zu diesem geschichtlichen desaster hat? Astrid Rosenfeld kann es, wenn wir der enkelgeneration den blick der distanz zubilligen. wir „älteren“ müssen uns umgewöhnen, wenn wir ihr debüt „Adams Erbe“ in den händen halten. dazu diese schlüsselszene (368-369):

„Professor, Sie sind doch ein gebildeter Mann“, sagte Frau Blemmer. „Was wird man in hundert Jahren über diese Zeit denken?“ - „Liebe Frau Blemmer, um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Aber ich hoffe, dass man nicht vergessen wird, dass es Menschen waren, die uns vertrieben haben, dass es Menschen waren, die da draußen schießen, dass es Menschen sind, die diese Züge in Bewegung setzen.“ - „Dass es Menschen sind? Verlangen Sie etwa Verständnis, Menden?“ - „Nein, das meine ich nicht. Es gibt höhere Gewalten, Orkane und Erdbeben. Aber was wir hier erleben, ist keine Naturkatastrophe, sondern das Werk von Menschen.“

wie auch immer die geschichtliche wertung der greuel des zweiten weltkrieges, stellvertretend am Warschauer Ghetto, im laufe der generationen ausfallen wird, sie soll also nicht speziell am versagen der deutschen, sondern am versagen des menschen an sich festgemacht werden. damit haben wir eine überhöhung in die generelle interpretation. das entlastet vom joch.

entsprechend wird eine familien-saga im eher leichtfüßigem ton erzählt. einmal die geschichte von Edward aus der gegenwart, der seinem großonkel Adam so unrühmlich ähnelt, sein opa Moses sagt zu ihm (10): Edward, lass uns zu dem einzigen Gott beten, dass du nur Adams Äußeres geerbt hast und nicht seinen Charakter.

und die geschichte von Adam aus der vergangenheit, der in der familie als verräter und dieb verdammt wird. erstere geschichte umarmt die größere, die als brief oder manuskript auf dem dachboden der gesamten familie jahrzehnte lang vor augen lag.

dieses manuskript klärt nun auf, dass Adam weder ein dieb noch ein verräter ist, sondern ein held aus liebe angesichts des stets drohenden todes durch die herrschenden verhältnisse. alles dreht sich um Anna, in die sich Adam völlig unvorbereitet verliebt hat. letztlich gibt er sein leben für ihres hin.

wie es dazu kommt, macht den sog des romans aus: eine mischung aus bauernschlauheit, naivität und mut lassen Adam sich in der höhle der nazi-löwen unter falscher identität als Anton unbeschadet bewegen, bis zur erreichung des zieles. dass er sein leben verliert, ist einem deal mit einem juden geschuldet, der, selbst außerhalb des ghettos, seine mutter darin, die frau Blemmer, von Adam beschützt wissen will und dafür Anna heraus schmuggelt. die räumung des ghettos bedeutet dann den tod von Adam. er kann sich durch die diamanten seiner großmutter Edda, die er zufällig in der jacke vom großvater findet nebst einem erklärenden brief, nur noch drei wochen zeit erkaufen, seine geschichte aufzuschreiben.

durch die recherchearbeit von Edward erreicht dieses manuskript Anna erst im alter von neunzig jahren. Hört man auf zu existieren, Anna, wenn niemand mehr weiß, wer man eigentlich ist? Verschwinden die Geschichten, wenn keiner sie mehr erzählt? Deshalb gibt es diese Seiten, Anna, der einzige  Ort, an dem mein Name neben deinem steht. (299) das stellt eine fulminate liebeserklärung dar und eine späte rehabilitation. nichts war wie es schien!

im abschluss des romans meldet sich die autorin aus dem munde von prof. Menden auktorial zu worte (364): Aber gleichgültig, worüber man schreibt, man gibt doch etwas von sich preis …“ wohl wahr! Astrid Rosenfeld gewährt uns im laufe der handlungen einblick in ihr ethisches wertesystem: Man kann eine ganze Menge kaputtmachen, indem man bestimmte Dinge nicht tut. (10) – Freiheit bedeutet nicht Unabhängigkeit. Man ist immer von irgendwem oder irgendwas abhängig. Freiheit bedeutet Furchtlosigkeit. Sich nicht zu fürchten ist die einzige Freiheit, die wir jemals erlangen können. (160) - Adam, manchmal muss man den Wahnsinn wagen, um normal zu bleiben. (364) – sie meint wohl die unverbrüchlichkeit wahren menschlichen handelns angesichts der absurdität des lebens.

aus dem munde der klavierlehrerin Nöff lesen wir schon zu beginn des romans das generalmotto: Eduard, hör niemals auf zu zweifeln. … Zweifle, wenn dich alle verdammen, und zweifle genauso, wenn dir alle auf die Schulter klopfen. … Versuche nicht, deine Zweifel zu beseitigen, aber lass dich auch nicht  von ihnen auffressen. … Bring die Schäfchen nicht ins Trockene. Lass sie draußen, und hol ihnen einen Schirm. Oder halt den verfluchten Regen einfach aus. Das geht vorbei. Denn drinnen, drinnen ist nichts zu holen. Eduard. Ich bin drinnen. Da ist nichts. (32-33)  und in einer szene mit dem ss-mann sagt Anton (alias Adam, 265): Spätestens in sechzig oder siebzig Jahren sind wir alle, alle wie wir hier stehen, tot. – Und das finden Sie komisch? – Irgendwie schon. Ich war betrunken, aber das machte den Gedanken nicht falsch. Albert Camus hätte sich auch über diesen roman gefreut.

manuskripte werden oftmals durch einen klemmbinder zusammen gehalten. dieses hier durch zwei reflexionen der autorin aus ihrer schreibwerkstatt zu beginn und am ende des romans (7, 385): Fängt man an zu schreiben, weil es jemanden gibt, dem man alles erzählen will? Fängt man an zu erzählen, weil der Gedanke, dass alles einfach verschwinden soll, unerträglich ist?  ja, sicherlich. diese fragen stellen sich alle autorinnen und autoren, ausgesprochen oder unausgesprochen, an ihren schreibtischen.

© 21.10.2015 brmu

 

Kommentare 1

Gäste - Ruth Welter am Mittwoch, 21. Oktober 2015 20:38

Hinweis auf den Roman von David Safier: 28 Tage lang.
Ich war erstaunt, wie sich ein 1966 geborener Mann in das Geschehen im Warschauer Ghetto einfühlen kann.
Sehr lohnenswertes Buch für am Thema Interessierte.

Hinweis auf den Roman von David Safier: 28 Tage lang. Ich war erstaunt, wie sich ein 1966 geborener Mann in das Geschehen im Warschauer Ghetto einfühlen kann. Sehr lohnenswertes Buch für am Thema Interessierte.
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