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Saucier's walden-wg

unsere lektüre im Juli 2017, „Ein Leben mehr“, handelt von einer art alten-wg im tiefen wald abseits der zivilisation. im französischen titel (2011) von Jocelyne Saucier regnet es vögel. Es regnete Vögel, sagte sie. … Die Vögel fielen vom Himmel und stürzten uns tot vor die Füße. (86) so ein augenzeugenbericht des großen brandes in Kanada von 1916. für viele menschen kommt jede hilfe zu spät, sie ersticken oder verbrennen im flammenmeer. das war im Matheson Fire, einem außer kontrolle geratenen rodungsbrand damaliger zeit.

der roman, angelegt als recherche zu den überlebenden, ist voller dreiecksgeschichten. das feuerdrama ist der aufhänger für den plot um die geschichte alter herren, die tief in den kanadischen wäldern in selbst gebauten blockhütten ihr aussteigerleben zelebrieren: Ed, Charlie und Tom, das erste dreieck.

die alten männer sind vor zeiten in ihrer identität auf unterschiedliche art und weise von der bildfläche des normalen lebens in der gesellschaft verschwunden, nach dem motto: Im Wald stirbt man, still und leise wie ein Blatt, das vom Baum fällt. (176)

ge- und beschützt werden die drei von Bruno, der für falsche papiere sorgte und notwendige besorgungen aus der stadt tätigt, und von Steve, der die finanzen mittels einer hanfplantage im griff hat und neugierige leute von der waldlichtung ablenkt. das ist das zweite beziehungsdreieck.

aber das ablenkungsmanöver misslingt im falle der fotografin, der vordergründigen heldin ohne namen. ihre meinung: Ich mag solche Orte, die jeden Anspruch und jede Koketterie aufgegeben haben, Orte, die sich an eine fixe Idee klammern und darauf warten, dass die Zeit ihnen recht gibt.(14)

die fotografin hat sich als ein art lebensaufgabe vorgenommen, überlebende aus dem Matheson Fire zu finden, zu fotografieren und zu interviewen. es soll ein buch werden. ein gewisser Edward Boychuck fehlt ihr noch, insofern ist er „… eine offene Wunde“ (14). auf der suche nach ihm landet sie in dem von Steve als pächter geführten hotel.

trotz fehlinformation gelangt sie auf umwegen auf die lichtung mit den drei hütten und hat ersten kontakt mit Charlie. es entspinnt sich allmählich ein gespräch, zu dem Tom hinzu kommt, in dem die lebensphilosophie der drei umrissen wird. Die alten Männer würden aus allen Wolken fallen, wenn man sie fragen würde, ob sie glücklich sind. Sie müssen nicht glücklich sein, Hauptsache, sie sind frei. (27) diese freiheit wird von Charlie später so charakterisiert: Wenn man die Freiheit hat, zu gehen, wann man will, entscheidet man sich leichter für das Leben. (108) er nimmt damit bezug auf die tatsache, dass alle drei „… einen Todespackt geschlossen“ (37) hatten, d. h. eine dose mit Strychnin bevorraten für den fall der willentlichen selbsttötung. aber Edward Boychuck „… war tatsächlich eines natürlichen Todes gestorben“ (37) und von den beiden Charlie und Tom beerdigt worden.  

hier könnte die geschichte einfach in schicksalshafter weise zum ende kommen. aber die autorin schöpft das märchen der aussteiger aus: Edward Boychuck ist dieser Ed oder Ted, ein damals durch das Metheson Fire schwer traumatisiertes kind, das seine ganze familie verloren hatte. es stellt sich im laufe der geschichte heraus, dass dieser Boychuck seine ihn schwer belastenden optischen erlebnisse zu eindrücken in mehreren hundert gemälden aufarbeitet, die zunächst niemand so recht interpretieren kann.

hier wird die nächste protagonistin eingeführt. Gertrude ist die tante von Bruno, dessen beschützergeist hilft, sie nach sechs jahrzehnten aufenthalt in der psychiatrie daraus zu befreien, in dem er sie in die kleine gruppe der waldlichtung integrieren hilft. sie verschwindet wie die alten männer von der bildfläche der zivilisation. sie hat die psychiatrischen methoden am eigenen leibe erlebt und somit ein handwerkszeug erlernt. sie kann also die traumabilder von Boychuck interpretieren helfen. das nächste dreieck ist etabliert: Boychuck malt, die fotografin findet die bilder, Marie-Desneige (ihr aliasname) interpretiert und hilft, den wert der bilder zu begreifen. der fund wird der fotografin, die nun mit dem aliasnamen Agne-Aimée ebenfalls in der gruppe integriert, zu einer ausstellung in Toronto verhelfen.

die nächste dreiecksgeschichte entsteht, als Marie-Designe die position des verstorbenen Ed in der kleinen gruppe einnimmt und Charlie und sie sich emotional annähern. bald merkt Tom, dass er sich einem im hohen alter noch zärtlich verhaltenden liebespaares gegenüber sieht. er beschließt, das feld zu räumen und begeht eine selbstötung mittels Strychnin. das gewandelte, zentrale dreieck löst sich in ein duo auf, das märchengleich mittels flucht vor der polizei den weg in die zivilisation zurück findet. Marie-Desneige bekennt, sie habe „immer gewusst, dass ich irgendwann ein eigenes Leben haben würde.“ (174)

haben wir demnach ein märchen für alternde erwachsene gelesen, eine schöne geschichte, die das selige träumen vergangener zeiten auslösen könnte? die autorin bekennt via fotografin: Ich liebe Geschichten, ich liebe es, wenn man mir ein Leben von Anfang an erzählt, mit allen Umwegen und Schicksalsschlägen …“ (21) das ist das zentrale anliegen überhaupt von literatur: leben beschreiben und offen lassen, wie viel resonanz wir leser/innen dazu entwickeln können. je mehr, umso empathischer lesen wir im spiegel der geschichte.

am schluss des romans spricht ein alter mann spontan die fotografin an: Er wünschte sich fort, weit fort, er wolle mit all dem nichts mehr zu tun haben, er wolle sich einfach irgendwo verkriechen, wolle nichts mehr erklären müssen. Er sei erschöpft. (190) sicherlich hat man das in fortschreitendem alter schon einmal gespürt, diese sehnsucht nach dem einfachen, unkomplizierten, von zwängen freien restleben in ruhe und stille, wo auch immer. das wäre ein auftakt für die fortsetzung der geschichte auf der waldlichtung mit geänderter besetzung im wahren leben.

eine aufmerksame lektüre des romans von Saucier belehrt uns, dass dies nicht ohne vorherigen aderlass zu haben und letztlich eine konsequente trennung von der zivilisation nicht möglich ist. der roman ist also keine robinsonade, sondern eher eine große metapher über unsere hektische und hysterische art, in den städten, in der gesellschaft, in der zivilisation zu leben und zu leiden.

ein satz von poetischer qualität: Wir verloren uns in der Langsamkeit1, einem Gefühl, das ich sehr mag … (44) wie wahr! mir gefällt’s, aber dieses lebensgefühl kann auch die grenze zum kitsch touchieren. es fällt für jede/n anders aus.

© 29.07.2017 brmu
1hierzu: Manfred Osten, Alles veloziferisch oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit, Insel Verlag 2003

 

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