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Stamm in ungefährer landschaft

drei anläufe brauchte es, bis das talent von Peter Stamm mit dem debüt-roman „Agnes“ (Arche, 1998) gewürdigt wurde. wir befassten uns mit seinem zweiten roman „Ungefähre Landschaft“ (Arche, 2001) und fanden dort bestätigt, was Hellmuth Karasek1 über den autor meinte: er sei ein erzähler, der sehr viel könne, weil er auszulassen, zu konzentrieren verstehe.

dadurch erhält der roman einen schlichten erzählstil, der die leser/-innen mitfühlend in seinen sog zieht. ständig denkt man, warum macht die Kathrine nun dies so und nicht anders, warum denkt sie so, was will sie überhaupt …

Kathrine ist die protagonistin, die in ihrem namenlosen „dorf“ im norden Norwegens den beruf der zöllnerin ausübt, auf den im hafen anlegenden fischereischiffen nach illegal eingeführtem Wodka suchend. im dorf befindet sich eine fischfabrik.

im laufe der story werden eine reihe von männern eingeführt, zu denen Kathrine sehr unterschiedliche, eher oberflächliche beziehungen unterhält:

mit Alexander, dem kapitän der Verchneuralsk, unterhält sie sich gern nach den durchsuchungen des schiffes. er stellt die schlüsselfrage des romans, warum sie nicht endlich weggehe von hier. Aber sie lachte nur. (15) Alexander macht auch die entscheidende bemerkung: Du erwartest zu viel von den Menschen. Du bist selbst für dein Leben verantwortlich. (19) im laufe des romans verschwindet er spurlos in der polarnacht. wir leser/-inen bleiben ratlos zurück.

an dieser selbstverantwortung von Kathrine hapert es aber gewaltig, denn aus einer oberflächlichen begegnung mit Helge, der ein Trinker und ein Schläger (17) ist, wird eine ehe mit einem kind, das erst im späteren verlauf des romans beim namen genannt wird: Randy. man zweifelt bis dahin ernsthaft an der mutterliebe zu diesem kind. die ehe mit Helge hat keinen bestand und wird geschieden.

und schon verheddert sich Kathrine in die nächste fruchtlose beziehung: Thomas wird ihr zweiter ehemann. war Helge arbeiter in der fischfabrik, so bedeutet Thomas den sozialen aufstieg, denn er ist der produktionsleiter und sohn des fabrikanten Nils Nielsen. Vielleicht träumte sie … von einer Familie, von einem großen Haus, von einem sorglosen Leben. … Alles, was danach geschah, war ein Irrtum gewesen. (30) denn: Thomas und sein Leben war ein Strich durch die ungefähre Landschaft ihres Lebens. (31)

einen strich durchmachen ist ein metaphorische redewendung und bedeutet: etwas löschen. die anmaßende dominanz von Thomas war ein auslöser: Thomas hatte, nachdem er bei ihr eingezogen war, langsam von ihrem Leben Besitz ergriffen und von ihrer Wohnung. (38) ein auslöser der ablösung von diesem leben.

nun versteht man auch, warum der autor die story in den hohen norden verlegt hat, in eine ewig trübe winterlandschaft mit langen nächten, kurzen tagen und diffuser weitsicht in eis und schnee. er will die allmähliche entwicklung seiner protagonistin Kathrine aus einer inneren unentschlossenheit in dieser großen metapher illustieren.

denn erst die flucht in den süden (nach Paris) und den damit zusammenhängenden gesprächen und erlebnissen auf hin und rückfahrt, verändert das wesen von Kathrine. sie ist unsicher und brauchte lange dafür, denn vor einem neuen Leben hatte sie noch mehr Angst als vor ihrem alten. (133) aber dann platzt der knoten und sie wollte endlich wieder nach Hause in ihr Dorf. Sie wollte ihre Ruhe. Sie wollte aufhören zu denken. (135) die normalität soll eintreten.

in situationen des umbruchs braucht man gute freunde. Morton war ihr ältester Freund, ihr einziger wirklicher Freund. (46) schon mit sechzehn jahren saßen sie zusammen auf der kaimauer und sprachen vom weggehen. Morton, der lichtblick in der trübnis ihres daseins und auch eine hoffnung für die leser/-innen.

aber noch ist es nicht so weit. ihr ehemann Thomas hat eine schwere macke, er lügt sich seine vita vom himmel herunter und Kathrine kommt ihm auf die schliche und resümiert: Thomas. So hieß er. Ihr Mann. Mein Mann, dachte sie. Seine Familie war seine Familie. Alles andere war gelogen. (32) die trennung ist nicht mehr aufzuhalten.

Kathrine lernt Christian kennen. er fragte, warum sie weggegangen, warum sie hierherge­kommen sei. Und sie erzählte ihm von Thomas‘ Lügen und von ihrer Flucht. (95) für diesen Christian, monteur aus Dänemark, interessiert sich Kathrine so sehr, dass sie ihm nachreist und somit einen ausbruch aus der routine in ihrem dorf wagt. aber aller aufwand geht fehl, aus der liaison wird, außer einem one-night-stand, nichts.

doch die flucht, die Kathrine bis nach Paris führt, und auf der sie mit verschiedenen leuten in kontakt kommt, bewirkt eine entwicklung des wesens der protagonistin, daher ist auch die klassifizierung „entwicklungsroman“ gerechtferrtigt. die leser/-innen atmen auf. nach einer reihe von umwegen gelangt Kathrine dann endlich wieder in die arme von Morton.

in lakonisch-lapidarem schreibstil, der sich durch den ganzen roman zieht, erfahren wir auf der letzten seite, dass beide gemeinsam ihre zukunft planen, wegziehen und eine tochter Solveig geboren wird. wir leser/-innen atmen auf: noch einmal glück gehabt - familienglück.

alle personen im roman haben ein ungefähres lebensgefühl. Morton, radiojournalist, drückt das so aus: Manchmal, …, wenn ich meine Sendungen mache, denke ich, vielleicht hört niemand zu. Und meine Stimme fliegt an den Häusern vorbei und aus dem Dorf hinaus, soweit der Sender eben reicht. Es ist eine seltsames Gefühl. (171) das könnte man auch gut und gerne als ein auktoriales statement ansehen, denn wenn man „senden“ durch „schreiben“ ersetzt, dann ist die situation eines autors gut beschrieben.

dazu passt auch der schreibstil. beispiel 1 (20): Es wurde Herbst und Winter. Das Jahr ging zu Ende, ein neues begann. Es war Frühling. und beispiel 2 (189): Es wurde Herbst und Winter. Es wurde Sommer. Es wurde dunkel, und es wurde hell. welcher deutschlehrer ließe das durchgehen?

bei Peter Stamm ist dieser stil ein markenzeichen, der auch einen wichtigen vorteil bedeutet. Tim Parks2 bringt es aufs papier, in dem er meint, Stamms genialität bestehe darin, seine knappe prosa der psychologie von menschen anzugleichen, die fülle und dichte fürchteten; auf diese weise schaffe er einen stil, der sowohl >literarisch< als auch absolut übersetzbar ist. die leichte übersetzbarkeit aus durch lokale metaphern und redeweisen nicht regional gefärbten sprachräumen für die globale literaturgemeinde, wie von Ernest Hemingway vorgelebt.

Peter Stamm als spiegel unserer zeit.

© 11.01.2017 brmu
1 Das Literarisches Quartett, Directmedia 2006, s. 346-349, sendung v. Dez. 1999
2 Tim Parks, Worüber wir sprechen …, Kunstmann, 2016, s. 195-196

 

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