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superhero: sonnenblume im regen

Eine Sonnenblume im Regen (11), so poetisch wird der protagonist des romans Superhero von Anthony McCarten gleich zu beginn aus dem „off“ beschrieben. und wir standen beim lesen des buches auch oft im regen mit unseren vorstellungen von einem roman und unseren gefühlen, die die geschichte auslöste.

ist das überhaupt ein roman? eher doch ein mix aus jugendgeschichte, drehbuch, erzählung als eine zwischenstufe zur graphic novel. Donald Delpe ist die hauptperson, um die sich alles dreht. er schafft sich seine eigene grafische welt mit einem superhelden Miracleman und der ihn anhimmelnden Rachel. im pinpong zwischen romantext, regieanweisungen, comictext und unseren eigenen gedanken dazu müssen wir den ereignissen folgen. das fordert die leser/-innen.

das schriftbild mit seinen unterschiedlichen drucktypen lässt die augen anecken. die regiehinweise versetzen uns in einen lesefilm. die sprache ist weniger literarisch, eher „verjugendlicht“ und provoziert ab und an ein kopfschütteln. man sucht förmlich die passage, in der man sich in das buch hineinbohren kann. keine bequeme lektüre also.

aber die geschichte ist auch nicht bequem. Donald leidet an krebs und fürchtet, den kampf zu verlieren, ohne einmal im leben sex, inbegriff der reife und des erwachsenseins, gehabt zu haben. Don weiß, daß es keine Gewissheit gibt. Nichts ist selbstverständlich. Nichts was es nicht vielleicht am nächsten Tag nicht mehr gibt. (67) und dann verliebt er sich in der kirche in ein mädchen, überhöht sie in seiner fantasie und erstarrt in stummheit.

die rollen in dem buchfilm sind provokant besetzt: die mutter Renata flüchtet ins studium von fachliteratur über krebs, der vater Jim kommt an den sohn nicht heran, der psychotherapeut Dr. Adrian King verliert die distanz und therapiert sich eher selber. die looser-muster häufen sich, man wundert sich.

der durchbruch geschieht, wenn sich die protagonisten aus ihren denk- und verhaltensmustern lösen und die situation an sich heranlassen. und das ist das aha-erlebnis der leserschaft, auch aus vorgefasster meinung heraus zu finden. so befremdlich eine erkrankung mit krebs auftritt, so befremdlich kommt der roman daher. bis, ja, bis sich die vorstellungen vom gelingenden leben ändern.

der vater bewundert seinen kranken sohn beim basketballwurf und denkt: Das sind die Augenblicke des Lebens, wo man weiß, wozu man Söhne hat. Einfach großartig. Es gibt Momente, da sind sie das beste, was einem passieren kann. (131) der therapeut meint, wenn er dem Jungen hilft, hilft er sich selbst. Auch das ist gut. Gute Taten sind nie uneigennützig. (182) und die prostituierte Tanya, bei der Donald eine liebsnacht erfahren sollte, um sein manko auszugleichen, klärt ihn auf:  Nun, wenn du mit der richtigen zusammen bist …, das ist  … eine Art Wettbewerb. Ihr wollt beide, daß der andere gewinnt. (232)

da macht es klick in Donalds kopf, die perspektive ändert sich, und er sieht seine verliebtheit zu Shelly, dem mädchen aus der kirche, aus ganz anderer sicht, so dass er Miracleman sagen lassen kann: Heute Nacht habe ich ein ganzes Leben gesehen. Jetzt kann ich gehen. (294) wir werden nie erfahren, ob nun ein intimes treffen mit Shelly stattgefunden hat oder nicht.

was wir aber wissen ist, dass die mutter die größe entwickelt hat, ihren geliebten sohn gehen zu lassen. Es ist gut, Liebling. … Du kannst jetzt loslassen. Wir haben dich lieb. (255) und vieles kommt wieder ins lot. Jim dreht sich um und betrachtet seine Frau. Er hält den Atem an. Renatas Gesicht berührt das Gesicht ihres Sohnes, Wange an Wange, wie ein altes Tanzpaar. Sie führt, tanzt mit ihrem Sohn seinen Walzer aus dieser Welt hinaus. (255)

wer beim lesen des buches durchgehalten hat, der erntet tiefe momente von anrührender menschlichkeit in kritischer situation und erkennt den verzweifelten kampf der protagonisten gegen sich selbst, dieser beängstigenden situation auszuweichen.

wem der sinn nach philosophischen gedanken steht, der kommt beim therapeuten Adrian auf seine kosten, … ganz im Sinne … der Erkenntnis, daß das Wahrgenommene durch den Akt der Wahrnehmung verändert wird. (121) alles vom menschen wahrgenommene wird verfälscht durch vorurteile, meinungen, wissensbrocken, auch ängste und verunsicherungen, ist fiktion. die große kraftanstrengung der protagonisten ist es, diese vorstellung vom unbedingten leben ihres sohnes aufzugeben und die situation des todes eines mitmenschen liebevoll-gelassen hinzunehmen, ohne sich dabei verwerflich vorzukommen.

der roman könnte auch eine novelle sein, wenn man dieses prinzip der katharsis, der inneren revolte gegenüber dem tod hinaus als merkmal annehmen wollte.

© 17.10.2017 brmu
Anthony McCarten, Superhero, Diogenes 2007

 

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