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Wellershoff: himmel ≠ ort

keine leichte kost, die uns Dieter Wellershoff, existenzialist und grandseigneur der deutsch­sprachigen literatur, mit seinem roman „Der Himmel ist keine Ort“ wieder einmal vorlegt. er hält offenbar viel von der kraft seiner leserschaft, wenn er uns immer wieder seine nach­denk­lich stimmenden romane zumutet. kein happy end, nirgends. wir hatten den mut, uns zum jahresabschluss in unserem 25. treffen im Brühler Lesekreis bei Brockmann (BLbB) damit auseinander zu setzen.

zunächst fiel uns auf, dass die gebundene und die taschenbuchausgabe nicht textidentisch sind, was auch immer das bedeutet. zitiert wird nach der tb-ausgabe1. auf seite 92 fehlt folgender satzteil (schrägdruck): „…zu den Haustüren führten, die meistens ein flaches Vordach hatten und eine Stufe höher lagen als der Plattenweg. Vorne, …“ und auf seite 98: …flüstert er immer noch mit gesenktem Blick. Jemand, der seine Fassung suchte. wer hat hier eingriffe in den text vorgenommen, der autor oder das lektorat und warum? zumindest die fehlende, auktoriale anmerkung zum verhalten Karbes (s. 98) erscheint manipulativ.

der roman öffnet sich uns zunächst als krimi, in dem überraschend der hauptprotagonist Henrichsen, ein junger „Einzelgänger“ (59), in seiner gemeinde noch nicht sattelfester landpfarrer, kriminolo­gische qualitäten entwickelt. seine überlegungen und fragen an Karbes, den von seiner gemeinde schnell verdächtigten, zielen auf aufklärung des geschehens an dem baggersee ab, dem Karbes frau und sohn zum opfer fallen durch ertrinken in dem untergehenden auto.

indem sich Henrichsen gegen die vorverurteilung Karbes stemmt und immer wieder die „Unschuldsvermutung“ (179) anführt, befallen ihn zweifel an der sache und schlimmer noch: zweifel an seinem glauben an gott, denn er hat sich noch nicht aus der „Wörtlichkeitsfalle“ (203) befreit. das wird in den kapitel 7 und 8 diskutiert, die eine theologische betrachtung der stellung des gottesbgeriffs in heutiger zeit enthalten und die erläuterungen zu den zweifeln Henrichsens liefern. sie sind so essayistisch geschrieben, als bildeten sie einen eigenen corpus in dem roman.

schnell kommt man dahinter, dass der autor beide topoi gegeneinander spiegelt. Karbes ist beziehungsunfähig, Henrichsen ebenso. Karbes misstraut seiner frau, Henrichsens seiner kirche und ihren ritualen. rezensenten, die meinen, am „Ende wirkt dieses Buch leider wie zwei sehr unterschiedliche Romane2“, haben das konzept des romans unterschätzt. dieses buch ist weit mehr als ein pfarrer-krimi oder ein essay über theologie, es ist die existenzialistische darstellung dessen, was das absurde leben tatsächlich ausmacht. denn soziale rollen sind lediglich zugebilligte erwartungsmuster an bestimmte menschen. ein täter sei nie opfer, ein pfarrer zweifele nie – beides falsch, sagt uns Wellershoff.

Stelle wirkliche Menschen dar. Menschen, die du kennst, keine psychoanalytischen oder sozialen Modellfälle, keine Konstruktionen. Erfindung ist nur erlaubt als Verschärfung des Realismus.3“ so sein credo des schreibens. in diesem sinne lese man dies werk, dann fallen einem die schuppen der vorurteile von den augen. es kann aber auch geschehen, dass man den roman als bedrohlich empfindet, weil glaubenssachen touchiert werden. ja es kann, wie eine lese­kreis­teilnehmerin formulierte „zerstörerisch wirken“.

die aufforderung des existenzialisten Wellershoff, finde den sinn deines lebens selber, anderen gibt es nicht in der absurdität des seins, kann an den grundfesten rütteln, auch wach rütteln. seine protagonisten sind scheinbar alle looser, die über diese zentrale botschaft stolpern, dass wir aufwachen sollen, unser leben skeptisch betrachten und prüfen, ob wir einen selbst definierten sinn darin erkennen können, zu unserem wohle und dem der anderen. souveränität im absurden. wenn das nicht eine botschaft im geiste von Albert Camus ist, dann weiß ich nicht …

© 05.12.2015 brmu

1 Dieter Wellershoff, Der Himmel ist kein Ort, btb 74116, 2012, 3. auflage
2 Süddeutsche Zeitung v. 19.01.2010, Peter Kunisch, Im Labyrinth der Unschuldsvermutung, Rezension
3 Kölner Stadt-Anzeiger v. 04.11.2015, Martin Oehlen, Das Prinzip Verunsicherung

 

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