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Winter's Garten

Winters Garten macht ganz schön betroffen1, so könnte man den abend voller diskussion um den roman der jungen österreichischen autorin Valerie Fritsch zusammenfassen. es war nicht leicht, das werk zwischen klischee und klasse zu verorten, weil man eine solche, schon ausgestorben geglaubte blumigkeit der sprache von einer so jungen autorin (geb. 1989) nicht erwartet. was steckt dahinter?

der protagonist Anton wohnt mit 42 jahren in einer nicht näher definierten stadt, im penthaus, auf einem hochhaus wie im glaskasten – allein mit seinen von ihm gezüchteten vögeln. die stadt wird beschrieben als inbegriff todkranken gesellschaftlichen lebens. alles geht den bach ’runter, verfall, zerfal, tod allüberall. das wird lakonisch, fast teilnahmslos beschrieben.

seine großeltern, zu denen Anton ein enges verhältnis hatte, und seine eltern, die er eher distanziert wahrgenommen hatte, wohnten in einer idyllisch beschriebenen gartenkolonie am meer, in der auch Anton seine kindheit verbracht hatte, unerschrocken vor den zeichen des todes in der freien natur und im umfeld der menschen. erschauern lässt die leser/-innen eine szene, in der Anton die fehlgeburten seiner großmutter, in einweckgläsern konserviert, interessiert betrachtet. tod und teufel können ihm offenbar schon als kind nichts anhaben, weil ihn eine gewissen, Camus’sche gleichgültigkeit in der absurdität der untergehenden welt anhaftet. sie ist seine wappnung. schließlich kehrt er in das elternhaus zurück, bevor die stadt als symbol der zivilisation in einer feurersbrunst zusammenbricht.

zwischen diesen extremen handlungspolen nähert sich Anton als einsamer nur sehr wenigen menschen. im hafen der stadt trifft er auf Frederike. durch sie findet er den sinn seines lebens. beide verlieben sich ineinander und bilden in dem allgemeinen chaos ein um sich kreisendes gestirn der humanität. als ehemalige marineoffizierin aus einem nicht näher benannten krieg arbeitet sie nun im „gebärhaus“ (hier ahnt man die österreichischen sprachwurzeln) und hilft angesichts der allgegenwärtigen auflösungserscheinungen den schwangeren bei der geburt. Anton kümmert sich um die, die es nicht geschafft haben, arrangiert die verbrennung der leichen.

das gebärhaus aus metapher ist auch der ort der wiederbelebung der beziehung zu seinem bruder, den er völlig aus den augen verloren hatte. eines tages taucht er mit seine frau Marta dort auf. Marta wird mit Frederikes hilfe von einem gesunden kind entbunden.

alle fünf verlassen zu fuß die marode stadt richtung gartenkolonie, in der ihr elternhaus noch gerade so bewohnbar steht. sie richten sich dort recht und schlecht ein und leben ein einfaches leben aus der erinnerung. alle kümmern sich rührend um das kind. die aus verlassenen, einsamen einzelwesen gezimmerte familie beobachtet aus der ferne den untergang der welt. eines tages kommen Leander und Marta von einem spaziergang nicht mehr zurück. haben sie den selbstmord gewählt angesichts des direkt bevorstehenden untergangs, der absurdität der situation? oder sind sie einem verbrechen zum opfer gefallen? kein hinweis aus dem auktorialen off. zum schluss, nach dem crash, bleibt uns leser/-innen ein traum von Anton mit einem funken irrationaler hoffnung.

wenn man sich durch diese sprachfülle der 154 seiten durchgearbeitet hat, und zwischendurch ob der story nicht voller schaudern das buch weggelegt hat, dann muss man am ende zwangsläufig durch pathos und poesie an die aktuelle weltsituation denken, die sich immer weiter in die selbstverschuldete unmündigkeit hineinfrisst. wie die lemmige scheint die tumbe menschheit sich vor dem abgrund zu drängeln.

der roman ist eindeutig endzeitlich ausgerichtet (dystopie) mit dem anspruch der spiegelung extrapolierter, heutiger verhältnisse: wenn ihr so weitermacht, dann rettet euch eine gartenkolonie auch nicht mehr! das ist die botschaft an alle.

es steckt offenbar ein kritisches lebensgefühl der jungen dahinter mit der generellen frage: in welche welt bin ich geboren worden? es wird die aufgabe von uns allen sein, immer wieder ermutigende antworten auf diese frage zu geben und durch vernunftbasierte handlungen zu verifizieren. möge nicht nur uns leserinnen und lesern der anblick der brennenden stadt erspart bleiben.

© 18.05.2016 brmu
[1] in abwandlung eines zitates aus der rezension zum obigen roman von Anja Kümmel, Im Todesrausch, Zeit-online, 9.6.2015: „Winters Garten macht ganz schön besoffen.“

 

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