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Stamm in ungefährer landschaft

drei anläufe brauchte es, bis das talent von Peter Stamm mit dem debüt-roman „Agnes“ (Arche, 1998) gewürdigt wurde. wir befassten uns mit seinem zweiten roman „Ungefähre Landschaft“ (Arche, 2001) und fanden dort bestätigt, was Hellmuth Karasek1 über den autor meinte: er sei ein erzähler, der sehr viel könne, weil er auszulassen, zu konzentrieren verstehe.

dadurch erhält der roman einen schlichten erzählstil, der die leser/-innen mitfühlend in seinen sog zieht. ständig denkt man, warum macht die Kathrine nun dies so und nicht anders, warum denkt sie so, was will sie überhaupt …

Kathrine ist die protagonistin, die in ihrem namenlosen „dorf“ im norden Norwegens den beruf der zöllnerin ausübt, auf den im hafen anlegenden fischereischiffen nach illegal eingeführtem Wodka suchend. im dorf befindet sich eine fischfabrik.

im laufe der story werden eine reihe von männern eingeführt, zu denen Kathrine sehr unterschiedliche, eher oberflächliche beziehungen unterhält:

mit Alexander, dem kapitän der Verchneuralsk, unterhält sie sich gern nach den durchsuchungen des schiffes. er stellt die schlüsselfrage des romans, warum sie nicht endlich weggehe von hier. Aber sie lachte nur. (15) Alexander macht auch die entscheidende bemerkung: Du erwartest zu viel von den Menschen. Du bist selbst für dein Leben verantwortlich. (19) im laufe des romans verschwindet er spurlos in der polarnacht. wir leser/-inen bleiben ratlos zurück.

an dieser selbstverantwortung von Kathrine hapert es aber gewaltig, denn aus einer oberflächlichen begegnung mit Helge, der ein Trinker und ein Schläger (17) ist, wird eine ehe mit einem kind, das erst im späteren verlauf des romans beim namen genannt wird: Randy. man zweifelt bis dahin ernsthaft an der mutterliebe zu diesem kind. die ehe mit Helge hat keinen bestand und wird geschieden.

und schon verheddert sich Kathrine in die nächste fruchtlose beziehung: Thomas wird ihr zweiter ehemann. war Helge arbeiter in der fischfabrik, so bedeutet Thomas den sozialen aufstieg, denn er ist der produktionsleiter und sohn des fabrikanten Nils Nielsen. Vielleicht träumte sie … von einer Familie, von einem großen Haus, von einem sorglosen Leben. … Alles, was danach geschah, war ein Irrtum gewesen. (30) denn: Thomas und sein Leben war ein Strich durch die ungefähre Landschaft ihres Lebens. (31)

einen strich durchmachen ist ein metaphorische redewendung und bedeutet: etwas löschen. die anmaßende dominanz von Thomas war ein auslöser: Thomas hatte, nachdem er bei ihr eingezogen war, langsam von ihrem Leben Besitz ergriffen und von ihrer Wohnung. (38) ein auslöser der ablösung von diesem leben.

nun versteht man auch, warum der autor die story in den hohen norden verlegt hat, in eine ewig trübe winterlandschaft mit langen nächten, kurzen tagen und diffuser weitsicht in eis und schnee. er will die allmähliche entwicklung seiner protagonistin Kathrine aus einer inneren unentschlossenheit in dieser großen metapher illustieren.

denn erst die flucht in den süden (nach Paris) und den damit zusammenhängenden gesprächen und erlebnissen auf hin und rückfahrt, verändert das wesen von Kathrine. sie ist unsicher und brauchte lange dafür, denn vor einem neuen Leben hatte sie noch mehr Angst als vor ihrem alten. (133) aber dann platzt der knoten und sie wollte endlich wieder nach Hause in ihr Dorf. Sie wollte ihre Ruhe. Sie wollte aufhören zu denken. (135) die normalität soll eintreten.

in situationen des umbruchs braucht man gute freunde. Morton war ihr ältester Freund, ihr einziger wirklicher Freund. (46) schon mit sechzehn jahren saßen sie zusammen auf der kaimauer und sprachen vom weggehen. Morton, der lichtblick in der trübnis ihres daseins und auch eine hoffnung für die leser/-innen.

aber noch ist es nicht so weit. ihr ehemann Thomas hat eine schwere macke, er lügt sich seine vita vom himmel herunter und Kathrine kommt ihm auf die schliche und resümiert: Thomas. So hieß er. Ihr Mann. Mein Mann, dachte sie. Seine Familie war seine Familie. Alles andere war gelogen. (32) die trennung ist nicht mehr aufzuhalten.

Kathrine lernt Christian kennen. er fragte, warum sie weggegangen, warum sie hierherge­kommen sei. Und sie erzählte ihm von Thomas‘ Lügen und von ihrer Flucht. (95) für diesen Christian, monteur aus Dänemark, interessiert sich Kathrine so sehr, dass sie ihm nachreist und somit einen ausbruch aus der routine in ihrem dorf wagt. aber aller aufwand geht fehl, aus der liaison wird, außer einem one-night-stand, nichts.

doch die flucht, die Kathrine bis nach Paris führt, und auf der sie mit verschiedenen leuten in kontakt kommt, bewirkt eine entwicklung des wesens der protagonistin, daher ist auch die klassifizierung „entwicklungsroman“ gerechtferrtigt. die leser/-innen atmen auf. nach einer reihe von umwegen gelangt Kathrine dann endlich wieder in die arme von Morton.

in lakonisch-lapidarem schreibstil, der sich durch den ganzen roman zieht, erfahren wir auf der letzten seite, dass beide gemeinsam ihre zukunft planen, wegziehen und eine tochter Solveig geboren wird. wir leser/-innen atmen auf: noch einmal glück gehabt - familienglück.

alle personen im roman haben ein ungefähres lebensgefühl. Morton, radiojournalist, drückt das so aus: Manchmal, …, wenn ich meine Sendungen mache, denke ich, vielleicht hört niemand zu. Und meine Stimme fliegt an den Häusern vorbei und aus dem Dorf hinaus, soweit der Sender eben reicht. Es ist eine seltsames Gefühl. (171) das könnte man auch gut und gerne als ein auktoriales statement ansehen, denn wenn man „senden“ durch „schreiben“ ersetzt, dann ist die situation eines autors gut beschrieben.

dazu passt auch der schreibstil. beispiel 1 (20): Es wurde Herbst und Winter. Das Jahr ging zu Ende, ein neues begann. Es war Frühling. und beispiel 2 (189): Es wurde Herbst und Winter. Es wurde Sommer. Es wurde dunkel, und es wurde hell. welcher deutschlehrer ließe das durchgehen?

bei Peter Stamm ist dieser stil ein markenzeichen, der auch einen wichtigen vorteil bedeutet. Tim Parks2 bringt es aufs papier, in dem er meint, Stamms genialität bestehe darin, seine knappe prosa der psychologie von menschen anzugleichen, die fülle und dichte fürchteten; auf diese weise schaffe er einen stil, der sowohl >literarisch< als auch absolut übersetzbar ist. die leichte übersetzbarkeit aus durch lokale metaphern und redeweisen nicht regional gefärbten sprachräumen für die globale literaturgemeinde, wie von Ernest Hemingway vorgelebt.

Peter Stamm als spiegel unserer zeit.

© 11.01.2017 brmu
1 Das Literarisches Quartett, Directmedia 2006, s. 346-349, sendung v. Dez. 1999
2 Tim Parks, Worüber wir sprechen …, Kunstmann, 2016, s. 195-196

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Anne von Canal hat einen Grund

wenn einem gutes widerfährt,
das ist dann einen schnappes wert.
wenn das schicksal aber launisch ist,
wird öfter mal das glück vermisst.

 

Anne von Canal langt mit ihrem debüt romanhaft in diese kiste. ihr protagonist Laurits, junger hoffnungsvoller pianist (er verstand die Sprache der Musik, 39), der durch intrigen seines vaters scheitert und stattdessen arzt wird, weil das gesellschaftlich dem vater besser passt. von stund an rührt er weder klavier noch flügel an.

Laurits stellt sich müßige fragen, deren antworten nicht weiterbringen. Wann habe ich die falsche Abzweigung genommen? Wann? Wann hat sich entschieden, dass alles so kommen musste? Ich habe doch immer nur versucht, aus allem irgendwie das Beste zu machen. Ist es denn wirklich meine Schuld? (21) die welt dreht sich gnadenlos weiter und eine wiederholung der entscheidungschancen ist ein reines gedankenspiel.

an diesen fragen merken wir schon, dass Laurits ein selbstzweifelnder typ ist, der sich den vorstellungen des patriarchischen vaters unterordnet. Sein Vater kam gleich nach dem lieben Gott. … Gott. Oder Vater. Wer konnte das schon unterscheiden. (46)

da der roman im nachgang der 68-er jahre spielt, ist es verwunderlich, dass überhaupt keine rebellion des sohnes stattfindet, obwohl der jugendfreund Pelle den vater Magnus mit der schielgeschichte demaskiert: Ach, und was ist mit dieser dummen Schielgeschichte? Die ist doch auch gelogen! (51) Doch diese Erkenntnis hatte ihn in den Jahren danach noch lange nicht zu einem Rebellen gemacht. (53) aber eine ahnung blieb ihm noch: Tatsächlich hing Laurits an Pelle wie an der Nabelschnur zu einer anderen Welt. (55)

wen wundert es, dass diese unaufgearbeitete geschichte der gescheiterten aufnahmeprüfung am musikkonservatorium zu einem dramatischen höhepunkt kulminiert, der nur durch das finish des romans überstiegen wird.

Laurits hatte Silja geheiratet und eine zehnjährige tochter namens Liis, kurz: er war angekommen und glücklich. (128) Er hatte seine Bestimmung gefunden. Dank Liis. (149) man feiert das zehnjährige ehejubiläum, da verplappert sich der patenonkel Jon, von dem sich das kind Laurits fragte, warum Onkel Jon nicht sein Vater sein konnte (48), weil, wenn Onkel Jon da war, wurde es wärmer im Haus seiner eltern. (47) dieser Jon offenbart Laurits, dass sein vater Magnus die juroren bei der aufnahmeprüfung bestochen hatte, ihn durchfallen zu lassen, damit er sagen konnte: Da haben wir wohl einen zukünftigen Medizinstudenten. (85)

alles verdrängte bricht sich bahn und Laurits sank auf die Knie. Eine kaputte Marionette – alle Fäden abgeschnitten. (173) er schlittert in eine existenziellen krise: Aber inzwischen ist mein ganzes Leben voller Löcher, es ist löchrig wie ein Schweizer Käse. (176) am ende konstatiert er: Und ich bin kein Arzt mehr. Ich bin Pianist. (176)

es beginnt der exodus von Stockholm nach Tallin, weit weg vom elternhaus, das er nicht mehr besuchen wird. als Laurits mutter Amy sechzig jahre alt wird, will Liis sie auf jeden fall besuchen und setzt eine reise mit der fähre namens Estonia durch. das ist am 28.9.1994. sie kommt ums leben. die ehe zerbricht, Laurits tingelt auf schiffen als pianist, um seinem schicksal zu entfliehen. aber selbst in dieser situation ist er nicht fähig, dauerhafte beziehungen aufrecht zu erhalten. in Venedig lebt er mit einer Rosa zusammen, die bald schwanger wird. und schon geht er wieder stiften. den einzigen lichtblick in dem entwicklungsroman finden wir ganz am ende. ihm dämmert: Du kannst es nicht wiedergutmachen. Nein. das würde bedeuten, sich in der falle einzurichten.

und dann erfolgt der auktoriale eingriff, der hoffnung auf einen lernprozess des protagonisten erlaubt, wenn es denn dessen gedanke wäre: Aber er kann Rosa einen Brief schreiben! Morgen. (269) das wäre eine pragmatische antwort auf seine bigotten fragen: Wie oft kann eine Mensch von vorne beginnen? Wie viele Chancen hat man? Und wie oft kann ich mich häuten, bis nichts mehr von mir übrig ist? (95) man kann nur handeln oder unterlassen, das in einer komplexen welt, die nur retrospektiv die illusion einer kontinuität erzeugt.

hätte Lauritz Camus gelesen, so wäre in ihm vielleicht etwas mehr revolte entstanden, die ihn befähigt hätte, aus dem joch des elternhauses zu entweichen. hätte, hätte, hätte - die junge autorin Anne von Canal liefert einen roman, der die leser/-innen ob seiner volten mitreißt und ob der verhaltensweisen der protagonisten des öfteren kofpschüttelnd zurücklässt. wie kann man nur …

© 12.12.2016 brmu
1 Anne von Canal, Der Grund, rororo tb26882, 2016, seitenzahl in klammern

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Ortheil als Mozart-DJ

machen wir es kurz: wer die musik von Wolfgang Amadeus Mozart weniger wertschätzt, der wird sich mit „das glück der musik1“ des hoch mozartaffinen autors Hanns-Josef Ortheil nicht recht anfreunden. der autor leitet die leser/-innen nämlich mittels eines beispiellosen hörtagebuches, er nennt es auch Hör-Projekt (196), ein jahr lang durch sein dynamisches leben und dabei begleitend durch das werk Mozarts, und zwar zielgenau auf dessen 250. geburtstag (27.1.2006) hin. am ende meint er begeistert: … jetzt komme ich mir vor wie ein erfahrener … Mozart-DJ. (220) und uns rauscht der kopf.

wir leser/-innen können durch die vermittelte begeisterung des ex-pianisten Ortheil eine menge über Mozart, seinen werdegang und die dies spiegelnde musik erfahren - wenn wir wollen. dabei bedauern wir ein gravierendes handicap. der verlag hat es versäumt, dem buch eine cd beizulegen, die die mit verve angesprochenen passagen der musikwerke Mozarts lesebegleitend hörbar machen könnte. was nützt da ein auszug aus dem Köchel-Verzeichnis (626 werke von Mozart) am ende der DJ-strecke (221)?

lässt man sich trotzdem auf den professionellen hörer Ortheil ein, so erfahren wir: während des Hörens wird man zum Kind, man lauscht nur noch und man fragt sich: Wie macht die Musik das? Warum habe ich immer wieder den Eindruck, daß sie sich unnachahmlich leicht einen Zugang zu den tiefsten Erlebniszentren verschafft? (15) denn bei Mozart handelt es sich um eine Musik, die alles andere absorbiert und unbedingte Versenkung fordert. (14)

und dann verrät uns Ortheil sein hör-konzept (43-44):
1) Studium (arbeitsweise des komponisten, angesprochene orte, werkstattverfahren der komposition), 2) Funktionen (interpretation, kommentierung und theatralisierung von intendierten bildern und atmosphären) als ausdruck der rationalen erfassung.

aber auch die emotionalen aspekte spielen eine wichtige rolle: 3) Biographie (bezugnahme auf szenen oder stationen des eigenen lebens im sinne einer erinnernden resonanz zu dem gehörten) und 4) Zitate (anrührende stellen, überraschungen, freude, schreckmomente).

diese vier aspekte der aufnahme und verarbeitung eines musikstücks führen dazu, dass Ortheil bekennt, Stücke … kann ich nur allein hören, und das am besten in einem geschlossenen Raum ..., nur dann erschließen sie sich … dem genauen Hinhören … (18)

das hör-konzept lässt sich auch analog als lese-rezept denken, die brücke zur lesepraxis mag der vom autor geprägte begriff der Lesekapsel2 sein, der das oben gemeinte sinngleich beinhaltet. auch beim lesen ziehen sich leser/-innen zurück, schalten störungen aus und versinken in anheimelnder atmosphäre.  Das Lesen … nahm immer mehr Atmosphären auf, es wurde zu einem »Schweben im Raum«3.

„das glück der musik“, eine kombination aus tagebuch, erzählung, essay, rezension, will uns also „vom vergnügen, mozart zu hören“ erzählen und das in einer individuellen hörkapsel, denn: Lasse ich mich auf ein solches Hören ein, wird das Stück zu einer Erinnerungssequenz, in der Wahrnehmungs- und Empfindungsweisen meiner Kindheit gespeichert sind. (27) und Ortheil folgert: Was ich in Mozarts Musik wie in keiner anderen finde, ist, schlicht gesagt, das Glück der Musik (78), eine Erhellung der Psyche (79).

folgerichtig verdichtet sich diese empfindung: All diese Monate mit Mozarts Musik haben mir eine zweite Welt aufgetan 150). das ist eine sehr individuelle erfahrung, die wir leser/-innen vielleicht nicht nachvollziehen können. aber abstrahieren wir vom konkreten komponisten und überhöhen Ortheils hörtagebuch als ein angebotenes muster, dann kann sich jede/r leser/-in „ihre/seine“ lieblingsmusik auf ähnliche art erschließen. das macht den mitreißenden effekt dieses anspruchsvollen buches aus. Hanns-Josef Ortheil hat seine musik, wir die unsrige.

© 22.11.2016 brmu
1 Hans-Josef Ortheil, das glück der musik, Sammlung Luchterhand 2006
2 aus: Hanns-Josef Ortheil, Lesehunger, Sammlung Luchterhand 2009,
3 dort, seite 10

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de Moor in grauweißblau

keine leichte lektüre, der roman von Margriet de Moor - „Erst grau dann weiß dann blau“ - aus dem jahre 1991, zwei jahre später bei Hanser erschienen. das war unsere gemeinsame einschätzung. viel aufmerksamkeit wird uns abverlangt. am besten ist es, den roman in einem zuge zu lesen. dann behält man die dinge des plots und die springende story am besten im gedächtnis, denn der erzählstrang mit seinen erinnerungsinseln spielt salto mortale.

der plot ist schnell zusammengefasst: Robert Noort baggert ein honigblondes Mädchen (119), die Magda Rezková, an. sie heiraten, der anfängliche kinderwunsch erfüllt sich mehrfach nicht, die ehe nimmt eine färbung gegenseitiger kühle und distanz an. Robert will letztlich über Magda macht ausüben: Ich habe dir das System meiner Liebe auferlegt. Jetzt gehört sie mir. (84) er ist dabei aber nicht erfolgreich, denn Magda entzieht sich ihm geschickt durch völliges übergehen seiner attitüden, was in Robert gehörigen frust erzeugt.

ganz anders das ehepaar Erik und Nelli. sie lassen sich raum und wollen nicht alles voneinander wissen. beide ziehen ihren autistischen sohn Gabriel groß. zwischen Gabriel und Magda entwickelt sich auf der basis astronomischer beobachtungen eine unverbindliche beziehung des gegenseitigen respekts. sie übersetzt ihm fachzeitschriften, er lässt sie an seinen beobachtungen am fernrohr teilhaben. Erik reflektiert dies mit den worten: Magda ist die Frau, die seinem Sohn die Welt und in gewisser Weise auch das Firmament zugänglich gemacht hat. (20)

dann, von heute auf morgen, verschwindet Magda aus dem dorf für gut zwei jahre. Ich wußte nicht, ob ich ihn verlassen hatte. … Ich wußte nur, daß ich morgens mit dem festen Vorsatz wach geworden war, meine Sachen zu packen. (144). sie reflektiert in beinahe buddhistischer weise: Du hast dich dazu entschlossen zu verreisen. … Du siehst, wie alles kleiner wird, aber die Aussicht wird weiter. (149) später auf dem ozean: Die Weite. Das Bewußtsein der Weite. (179)

niemand, außer uns leser/-innen, weiß warum und wohin. Nachdem ich nun seit bald zwei Jahren über den Erdball geschwirrt war, kannte ich zwar sehr wohl meine Route, aber keineswegs meinen Platz. (202) und bald dämmert ihr: Ich muß mit dem Suchen aufhören. die katharsis setzt ein: Deine Zukunft liegt vor dir, nicht hinter dir, merk dir das. (203)

wir sind also mitwisser, eine auktoriale spiegelung. die sichtweisen der anderen, Erik, Robert, Nelli, Gabriel, sind deren individuelle vermutungen und interpretationen der langen abwesenheit Magdas. und auch im hintergrund des dorfes wird ihr hinterher geredet: Zwei Jahre wie vom Erdboden verschwunden. Ohne auch nur ein Zeichen von sich zu geben. Und dann, bei der Rückkehr, es einfach dabei belassen und uns nicht die geringste Erklärung geben … (21) wir wissen es besser. Magda war auf der suche nach ihrer sie traumatisierenden vergangenheit, um innere klärung zu erlangen.  

es wird offensichtlich, dass Robert, der von sich wider Camus sagt: Ich bin kein glücklicher Mensch. (104), es nicht lange aushält, wie die dörfler nichts zu wissen über Magdas abwesenheit. schon vorher bekennt er: Und zum ersten Mal war ich eifersüchtig. Ihre Schweigsamkeit machte mich verrückt. Ich schlief nicht mehr. Wie sollten wir unser Leben aneinander binden, wenn sie alles für sich behielt. … Ich hatte schon bemerkt, daß ich es nur noch mit mir aushalten konnte, wenn sie da war. (30) hier braut sich etwas zusammen, … wenn ich es nur schaffen könnte, das Rätsel in seinem Inneren einfach ein Rätsel sein zu lassen …(138) alles kulminiert auf die vier klaren, präzise abgegrenzten Wörter … „Wo bist du gewesen?“ (140) hin, die unbeantwortet bleiben.

in dieser situation geschieht der kontrollverlust: Robert ersticht Magda, seine frau. ein dilettantischer selbstmordversuch misslingt. ob totschlag im affekt oder mord, das wird nicht ohne kriminalistisches gespür in den texten zu beantworten sein. die fünf protagonisten kommen unabhängig voneinander wie in einem ausführlichen verhör zu den verschiedenen handlungen zu worte. doch es erstaunt nicht: Je länger man nachforscht, desto ungenauer wird der Fall. (46). wirkt anfangs Robert als der tätliche bösewicht, verändert sich das bild des opfers Magda zusehends in richtung provokation durch ihre gezielte verweigerung des Kommunikationsbedürfnisses von Robert, die ihr als mitschuld an dem persönlichen desaster angerechnet werden kann.

das buch von Margriet de Moor berührt mehrere genres: psycho-krimi, beziehungsdrama, entwicklungsnovelle - und fand und findet daher ein breites publikum. zum schluss die weise erkenntnis: Vielleicht muß man einfach versuchen, jemanden nicht unbedingt immer ergründen zu wollen, dachte sie in dieser Zeit häufig. Menschen sind Rätsel, akzeptier das doch einfach. (257) das denkt Magda im umgang mit Gabriel, eine maxime von genereller bedeutung.

und es gibt noch eine wichtige, kommunikative botschaft im roman: Sprechen. Sprechen ist nicht enthüllen, was man weiß, sondern was man bedeuten möchte. (226) das lässt sich auch auf das schreiben ausdehnen.

© 11.10.2016 brmu
Margriet de Moor, Erst grau dann weiß dann blau, Hanser Sonderausgabe "Ein Buch für die Stadt", 2016

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Böll's engel schweigt immer noch

Der Engel schwieg“, roman aus dem nachlass von Heinrich Böll, wurde erst 1992 publiziert, weil der verlag anno 1950 eine zu geringe leserschaft prognostiziert hatte. wir heutigen lesen den bis 1949 geschriebenen roman einerseits erinnernd aus eigenem kindheitserleben und andererseits, vor allem die jüngeren, aus historischer perspektive.

und dabei wiederum kann man das gewicht auf verschiedene ebenen legen. die individuelle traumatische situationen des hungerns. die beziehungsfrage der gegenseitigen stützung im elend, aus der sich dann eine aufkeimende liebesbeziehung ergibt. die emanzipation von traditionen, hier der kirchlichen eheschließung. die ernüchternde unbelehrbarkeit der geschäftemacher. und die gesellschaftlichen auswirkungen, die Böll zeitlebens als mahner in besonderer weise am herzen lagen.

der roman startet mit einem unbekannten, der aus dem krieg, als feldwebel drappiert, in seine heimatstadt zurückkehrt. zu allererst begegnet er einer verstaubt-verschmutzen engelfigur, wobei „die Freude, die ihm beim Anblick des lächelnden steinernen Gesichtes erfüllt hatte, erlöscht, je mehr die grellen Farben sichtbar wurden, der grausame Lack der Frömmigkeitsindustrie“.(6) das grundthema des romans ist hier bereits auf den ersten seiten fixiert, der grausame Lack der Frömmigkeitsindustrie steht für die (katholische) amtskirche, bei Böll ein virulentes thema.

allmählich wird uns klar, dass es sich um den deserteur Hans Schnitzler handelt, der seiner erschießung durch den eingriff des feldwebels Willi Gompertz entgeht. Hans trägt dessen waffenrock, den er der schwester des feldwebels, Elisabeth Gompertz, übergeben soll. im mantelfutter befindet sich ein testament. Hans ist auf der suche nach dieser person, findet sie und klagt über ihren mann: „Ich sollte leben, ich wollte sogar leben - - und er wollte mir das Leben schenken, aber ich begreife jetzt, dass man jemand das Leben schenken kann, indem man ihm den Tod stiehlt.“ (47/48)

Hans wollte vor sich selbst den heldentod des verweigerers und als deserteur sterben. der feldwebel hat diesen plan zerstört. erst drei wochen später hat Hans „etwas Unwiderrufliches getan, was nicht rückgängig zu machen war: er hatte das Leben angenommen.“ (136) er verliebt sich allmählich in Regina Unger, bei der er unterschlupf gefunden hatte, denn „er liebte sie, und er wußte, daß sie ihn liebte, aber von ihren Gedanken wußte er nichts, und er würde nie etwas davon wissen“ (145), ein signal der traumatisierung der überlebenden des krieges. wie überhaupt die dürre diktion des romans die seelische ausgelaugtheit der protagonisten spiegelt. heute haben wir ein fachwort dafür: traumatisches syndrom.

auch ist der frieden für Hans weiter gefasst. als er angesprochen wird, es sei frieden, der krieg sei aus, antwortet er sybillisch: „Ich weiß, …, aus war er schon lange, aber Frieden?“ (53) frieden ist für ihn eine viel weiter reichende kategorie, die nicht nur die abwesenheit von krieg bedeutet. sie symbolisiert für ihn (und Böll) eine geläuterte gesellschaft, die aus dem desaster der selbst verschuldeten unmenschlichkeit (I. Kant freut sich jetzt) der nazizeit wesentliches gelernt hat.

auch hier wieder der hinweis auf die gesellschaftliche ebene der sich neu etablierenden damaligen BRD. solche sätze lassen Böll auktorial durchschimmern. wie kritisch er den neubeginn sieht, mag an dem satz ermessen werden: „Und er feierte den Beginn des Friedens auf einem Mülleimer sitzend.“ (54) der mülleimer als metapher für die skepsis über die aktuellen entwicklungen.

die menschlichkeit in gestalt der kranken Elisabeth Gompertz, die das familienvermögen wohltätig verschenkt, verliert letztlich. sie stirbt an magenkrebs und auf ihrer beerdigung stehen ihr schwager Dr. Dr. Fischer und ihr vater auf einem marmorengel in der kaputten kirche, das testament, in dessen besitz sie sich gebracht hatten, zerreißend. „Der Engel schwieg; er ließ sich vom Gewicht der beiden Männer nach unten drücken; seine prachtvollen Locken wurden vom gurgelnden Dreck umschlossen (188/189). raffgier, egoismus, opprtunismus behalten die oberhand, ohne scheu vor dem, was der engel eigentlich ausdrückt.

dieser doppeldoktor Fischer ist ein „Geldfischer“ (103), der sich gerne mit schönen dingen umgibt, dies aus „Langeweile, Ekel und ein bißchen Wollust“ (119), aber „immer war die Langeweile der überwiegende Mischungspartner“ (119) solche leute schwimmen oben auf, sichern sich ab und geben sich den anschein von intellektualität. „Fischer verstand etwas von Büchern, war Philologe, Jurist, Herausgeber einer Zeitschrift, hatte eine tiefe und nicht ganz unproduktive Neigung zur Goethologie und galt damals als der inoffizielle Berater seiner Eminenz des Kardinals in kulturellen Fragen“. (93/94) bildungsbürgertum und amtskirche, die unschlagbare mischung, wobei jedoch J.W. Goethe und christenkirche nicht recht passen wollen.

die engel-metapher ist für den roman wie ein rahmen angelegt und wird dadurch besonders betont, will uns etwas mitteilen: wird der engel lediglich als objekt betrachtet, wie Fischer es tut, so verfehlt er seine zweck. wird er gar in den dreck getreten, so verliert er jegliche wirkung.

auf uns verfehlte der roman als teil der trümmerliteratur seine wirkung nicht und zeigt auf, was literatur eigentlich ist: ein resonanzkörper für unser eigenes erleben, woraus denken und handeln wird. Heinrich Böll hat es nach wie vor verdient, in der öffentlichen rezeption besser präsent zu sein, denn er hat uns immer noch aktuelles zu sagen, auch wenn die trümmer zurzeit in anderen ländern rauchen. das muster des versagens ist universell.

© 06.09.2016 brmu
zitate aus Heinrich Böll, Der Engel schwieg, dtv tb12450, 2014, 9. auflage, seitenzahlen in klammern

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liste gelesener bücher

diese werke haben wir im „Brockmann Lesekreis in Brühl“ bis zum August 2016 gelesen, diskutiert und für wert befunden:

monat jahr autor titel
Okt 2013 Schertenleib Das Regenorchester
Nov 2013 Nadolny Weitlings Sommerfrische
Dez 2013 Erpenbeck Heimsuchung
Jan 2014 Werner Am Hang
Feb 2014 Kehlmann Mahlers Zeit
Mär 2014 Thériault Siebzehn Silben Ewigkeit
Apr 2014 Thome Grenzgang
Mai 2014 Franck Lagerfeuer
Jun 2014 Orths Das Zimmermädchen
Sep 2014 Sulzer Aus den Fugen
Okt 2014 Seethaler Der Trafikant
Nov 2014 Schmidt Schneckenmühle
Dez 2014 Modiano Die kleine Bijou
Jan 2015 Ortheil Das Kind, das nicht fragte
Feb 2015 Ogawa Das Geheimnis der Eulerschen Formel
Mär 2015 Kaiser Blasmusikpop
Apr 2015 Barnes Vom Ende einer Geschichte
Mai 2015 Williams Stoner
Jun 2015 Modick Sunset
Aug 2015 Poschenrieder Die Welt ist im Kopf
Sep 2015 Meyerhoff Wann wird es endlich wieder so, wie es war
Okt 2015 Rosenfeld Adams Ende
Nov 2015 von Düffel Goethe ruft an
Dez 2015 Wellershoff Der Himmel ist kein Ort
Jan 2016 Poschmann Die Sonnenposition
Feb 2016 Hein Von allem Anfang an
Mär 2016 de Luca Montedidio
Apr 2016 Eggers Ein Hologramm für den König
Mai 2016 Fritsch Winters Garten
Jun 2016 Köhlmeier Zwei Herren am Strand
Jul 2016 Zeh Nullzeit

der moderator bedankt sich bei allen teilnehmenden personen für ihr interesse und die erfrischende diskussionsbereitschaft über die verschiedenen aspekte von literatur.

© 01.08.2016 brmu

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auftakttreffen

Brockmann

liebe teilnehmer/innen des Brühler Lesekreises bei Brockmann, vielen dank für ihr engagement in eigener sache. wir haben nach dem auftakt am 26.9.13 in der buchhandlung Brockmann in Brühl uns eine aufgabe für den 14.10.13 gestellt, die ich in den folgenden knittelversen noch einmal in erinnerung bringen will:

zwanzig frauen und zwei männer
outen sich als bücherkenner
wollen auch darüber reden
treffen sich bei Brockmann eben
zu ’nem klugen bücherschnack
spaß und freude, nichts geht ab

wollen also mal ergründen
ob wir in dem regen finden
was sich da orchester nennt
und wohin die handlung rennt:

was da denn an sachen stehn
wie appelle an uns gehn
wie beziehung zu uns ragt
was der autor von sich sagt
4 mal antwort = 1 rezeption
finde jeder seinen ton

© 27.09.2013 brmu
wer kommentieren möchte soll das gerne tun: jede stimme zählt!

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Brühler Lesekreis bei Brockmann

Martin Mosebach beschreibt in einem interview (KSTA 13./14.7.2013) wie er zum autor wurde: indem ihn sein vater zum „enthusiastischen, verehrungsbereiten Leser“ gemacht habe, habe er ihn „zum Schreiber“ gemacht, was bedeute, dass für ihn das schreiben vor allem ein weg sei, „auf das Gelesene zu antworten“.

die richtige einleitung zu unserem >Brühler Lesekreis bei Brockmann<. genau das wollen wir auch: uns gegenseitig zu enthusiastischen lesern/innen zu fördern, um dann vielleicht auch das schreiben zu wagen.

werfen sie einen blick auf die homepage der buchhandlung Brockmann in Brühl, die diesen lesekreis ausrichtet:

BLbB handzettel-130715-bu

© 15.07.2013 brmu

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